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Entschleunigen  – nix für Feiglinge

Entschleunigen – nix für Feiglinge

19.07.2017, 14:40 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Am Rande eines Burnouts stehend, entschloss ich mich unlängst, zu entschleunigen.

Ernsthaft.

Doch die Suche nach Regeln oder Techniken zu diesem Ziel führten mich noch näher an meine Grenzen und zu der Einsicht: Entschleunigen ist nur was für starke Menschen und ansonsten ziemlich Kacke!

Den ersten Schritt meiner Suche machte ich bei Facebook. Meine dort dokumentierte Neugier führte jedoch nur zu Spott und Häme und mich selbst in eine Spirale aufwändigen Rechtfertigungsdrucks, die sich binnen kurzer zu einer regelrechten Lawine entwickelte.

Ratgeberseiten im Internet stimmten mich positiv in ihrer Vielfalt. Ich begann meine Ernährung umzustellen, und zu meiner ersten selbstgegrillten bioveganen Schweinshaxe konsumierte ich alkoholfreies Bier, was mich körperlich allerdings überproportional beanspruchte.

Der Arzt meine Vertrauens verschrieb mir Tabletten. Die schmeckten zwar nicht, machten aber müde und antriebslos. In der Selbsthilfegruppe schlief ich laufend ein. Das wieder führte zu Anfeindungen der Teilnehmer, die mich für unachtsam hielten.

Doch lernte ich hier eine Esotante kennen, die mir eine unkonventionelle Lösung versprach. Ihren Anregungen folgend putzte ich die Fenster und stellte mein Bett mitten in die Schlafzimmertür – wegen der Ströme, die unter meinem Schlafzimmer durchflossen. Nun musste ich täglich mehrfach übers Bett klettern, um an den Wäscheschrank zu kommen. Unterstützt wurde ich dabei lediglich von Weihrauchgeruch und irgendwelchen Klangstangen, die genau über dem Bett hängen mussten.

Ein Mönch bot sich mir als weitere Möglichkeit an. Seine Idee eines temporären Rückzuges im Kloster und dortiger „innerer Besinnung“ konnten jedoch nur einen Nachmittag meine Neugier wecken, an dessen Ende mir dann doch Flachbildschirm und Smartphone erheblich fehlten.

So schloss ich mich einer What’s-App-Gruppe an. Die bimmelte mich jedoch dauernd an – auch spätnachts – sodass meine Schlafdefizite stetig zunahmen.

Bücher! Ein Buch schien mir genau das richtige zu sein, mit Ruhe und mit Muße auf mein selbstgewähltes Ziel loszugehen. Es schien zunächst schwierig, aus 31.000 Werken das für mich richtige herauszusuchen. So verschob ich eine Entscheidung zunächst und bemühte mich um einen Therapeutentermin.

Der allerdings wirkte überaus entspannend auf mich. Schon nach zehn Minuten auf seiner Couch war ich eingeschlafen – Hypnose, nehme ich an. So entdeckte mein Therapeut als Erstes das Problem, mich wecken zu können.

Ähnlich verhielt es sich mit meinen Meditationsversuchen. Schon nach kurzer Zeit fiel ich aus der hockenden Stellung um. Um schwerere Verletzungen zu vermeiden als nur die Beule am Kopf gab ich auch diese Versuche schnell auf. Yoga als Alternative schien mir wenig sinnvoll.

Im letzten Versuch probierte ich’s mit Pilgern. Mit einem Hurra trat ich – zuversichtlich und positiv gestimmt – meine erste tiefengeplante Pilgerwanderung an. Doch als ich dann so im Regen und gegen den Wind gesenkten Hauptes vor mich hinstapfte, gelangte ich zu der Erkenntnis: Entschleunigen wäre wirklich nix nichts für mich.

Auf dem Rückweg besorgte ich mir ein Video und von der Tanke einen Sixpack und eine Tüte Würmer, und als ich dann zuhause saß, mit den Füßen auf dem Tisch, kam ich nicht umhin, mich selbst zu beglückwünschen für meine Bemühungen und froh und dankbar für die Erfahrung und die Einsicht sein, dass Entschleunigen nichts für mich wäre.

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17 Kommentare

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danke für die Einblicke Robert..
wenn ich das Bedürfnis zur Entschleunigung verspüre schnapp ich mir die Gittarre oder setz ich mich ans Keyboard...
dabei kommt dann Musik zum Einschlafen raus


ich hab für mich bemerkt, es entschleunigt schon, wenn ich mich nur auf EINE Sache gleichzeitig konzentriert..
Quasi Singletasking

aber, jeder, wie es für ihn passt..
In diesem Sinne wünsch ich Dir einen entspannten Tag
  • 20.07.2017, 08:42 Uhr
  • 1
Ich glaube, manchmal hilft's auch, wenn man sich auf [i]keine [/i]Sache konzentriert und einfach nur "ist". Mir geht das oft so, wenn ich am Meer sitze. Ich hab's ja zum Glück vor der Tür.
  • 20.07.2017, 08:57 Uhr
  • 0
auf keine Sache zu konzentrieren geht bei mir leider selten
Das Meer hab ich leider nicht vor der Tür aber Wald bis zum Abwinken und ein paar Talsperren, das ist zwar nicht das Selbe aber am Ufer zu sitzen hilft auch schon
  • 20.07.2017, 09:11 Uhr
  • 0
Ganz so wichtig ist das Meer ansich gar nicht. Den zentralen Punkt meines Gedankenflusses setze ich an den Horizont, denn der bildet eine Linie, an der die Welt noch nicht zuende ist
  • 20.07.2017, 09:16 Uhr
  • 1
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vielen dank für den Beitrag, ich konnte mir ein schmunzeln wirklich nicht verkneifen
  • 20.07.2017, 07:24 Uhr
  • 1
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lass mal fünfe gerade sein, Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.

dat löpt sich allens wedder torecht
  • 20.07.2017, 06:58 Uhr
  • 0
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  • 20.07.2017, 02:02 Uhr
  • 1
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Wie gut, dass Du Deine Erfahrungen mit der Entschleunigung hier veröffentlicht hast, denn so konnte ich feststellen, dass die für mich auch nix ist . Da lebe ich doch lieber weiter einfach froh in den Tag hinein .
  • 20.07.2017, 00:08 Uhr
  • 1
Ich glaube auch, dass es sich unbeschwert und ohne komplizierte Ziele viel leichter leben lässt
  • 20.07.2017, 00:23 Uhr
  • 1
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Ist Entschleunigung nicht immer auch
eine Mentalitätsfrage?
Nach meiner Wahrnehmung, gibt es Menschen
die kommen schon "entschleunigt" zur Welt.
Dann gibt es die, die strebend und hetzend ihr Leben
bestreiten. Und dann die Selbstausbeuter ...
ihnen täte etwas Entschleunigung gut >aber die merken
es leider oft zu spät.
Mein Fazit- Entschleunigung kann Lebensqualtität geben...
oder nehmen ... Zufriedenheit ist m. E. das Zauberwort.
  • 19.07.2017, 23:16 Uhr
  • 0
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für das "Humorvolle" in deinem Beitrag ...

Für das versteckte "Ernshafte" in deinem Beitrag (deine Suche nach "Entschleunigung") ... dafür haste mein LW ...
  • 19.07.2017, 22:47 Uhr
  • 2
Ich hab' Entschleunigung schon lange gefunden, erinnere mich aber noch an viele Momente, wo sie mir fehlte.
  • 19.07.2017, 22:59 Uhr
  • 1
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Robert, Glückwunsch zu soviel "Durchhaltevermögen" ! Alles Gute für Dich ! ist gesund !
  • 19.07.2017, 20:50 Uhr
  • 0
Danke, Klara. Ich hoffe, du hast mir da nicht Brühe angeboten
  • 19.07.2017, 22:06 Uhr
  • 0
Neee, grüner Tee !
  • 19.07.2017, 22:17 Uhr
  • 0
Passt ja prima zu meinem fengshuigesteuerten Meditationsversuch! Sehr aufmerksam von dir
  • 19.07.2017, 22:57 Uhr
  • 1
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  • 19.07.2017, 17:17 Uhr
  • 1
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