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Bassd fei scho – philosophische Betrachtungen zur bayerischen Mundart

Bassd fei scho – philosophische Betrachtungen zur bayerischen Mundart

Christine Kammerer
19.09.2012, 11:54 Uhr
Beitrag von Christine Kammerer

Ich bin Nürnbergerin mit Migrationshintergrund. Meine Muttersprache ist oberpfälzisch. Nun denken Sie bestimmt, das zeichne einen per se erst einmal nicht für den akzentfreien Erwerb anderer Sprachen aus. Aber das ist ein böses Vorurteil. Ich beherrsche nämlich beinahe perfekt Fränkisch als Fremdsprache. Das ist manchmal überlebenswichtig. Zum Beispiel im Elektrohandwerk und in der Kfz-Werkstatt. Da wird Frau viel ernster genommen, wenn sie leutselig daher fränkelt.

Dreiviertel zwölf? Bassd scho

Es ist ja meistens sogar so, dass die Zugereisten von der Semantik einer Sprache viel mehr verstehen als die Einheimischen selbst. Und von der Grammatik sowieso. Die Nürnberger zerbrechen sich zum Beispiel eher selten den Kopf darüber, warum die Touristen schon um Dreiviertel zwölf vor der Frauenkirche auf das Männleinlaufen warten und nicht erst um Viertel vor zwölf. Dreiviertel zwölf? Bassd scho. Der sprachunkundige Tourist aus dem Norden dagegen verzweifelt mitunter an solchen einfachen Dingen. Dabei ist es fei total philosophisch, sich mal ausführlicher mit der tieferen Bedeutung einiger Begriffe zu befassen.

Wenn der Bayer „fei" sagt, dann meint er das wirklich

Das „fei" zum Beispiel. Das gibt es ja nun nicht nur in Franken sondern fei auch in der Oberpfalz und genau genommen in weiten Teilen Bayerns. Das „fei" gehört zu jenen Wendungen im Vokabular der Eingeborenen, das nur der wirklich fehlerfrei einzusetzen vermag, der es mit der Muttermilch aufgesogen hat. Man würde dem „fei" nämlich arg unrecht tun, wenn man es ‑ wie so oft fälschlicherweise behauptet ‑ einfach mir nichts dir nichts als „Füllsel" abtäte. Denn das „fei" ist eine überaus essentielle Komponente im süddeutschen Sprachgebrauch. Es verstärkt das Gesagte noch einmal nachdrücklich. Der Sprecher insistiert auf seinem Standpunkt, verleiht ihm nachhaltige Durchdringlichkeit bis hin zur aggressiven Behauptung einer Tatsache, deren Wesensgehalt das Gegenüber gefälligst unwidersprochen hinzunehmen hat.

Ein „fei" sollte den Gesprächspartner immer hellhörig machen. Es ist sozusagen ein dezenter Hinweis darauf, dass der Watschenbaum bei Nichtbeachtung schon mal umfallen kann. Weil es fei ein gewaltiger Unterschied ist, ob der Bayer sagt: „Das darf man nicht!" oder „Das darf man fei nicht!" Ersteres bedeutet, dass das zwar mal gesagt werden musste, aber es sich dabei keineswegs um ein ehernes Gesetz handelt. Also: Man darf das schon, es braucht nur keiner zu erfahren. Letzteres aber bedeutet: Das darf man überhaupt gar nicht. Auf gar keinen Fall. Streng verboten. Ansonsten Watschen.

Bassd scho - das Dao der Franken

Das fränkische „bassd scho" ist ein äußerst facettenreicher Begriff und es bedürfte da fei schon einer umfangreichen sprachwissenschaftlichen Abhandlung, um die Nuancen fein säuberlich herauszuarbeiten. „Bassd scho" ist erst einmal die in jeder Lebenslage korrekte Antwort auf die Frage: „Wie geht's?" „Bassd scho" hat dabei eine Bandbreite von „blendend" bis „hundsmiserabel". Im Geschäftsleben zum Beispiel kann die Antwort „bassd scho" gleichermaßen bedeuten, dass der Betreffende kurz vor dem Ruin steht wie dass er im laufenden Geschäftsjahr alle Umsatzrekorde bricht. Da lässt sich der Franke nicht so gerne in die Karten schauen. Auch wenn sich einer bei ihm entschuldigt macht der Franke nicht viel Aufhebens darum sondern quittiert dies mit einem kargen „bassd scho", dessen tiefere Bedeutung je nach dem non-verbalen Kontext von einem „nicht so schlimm" bis hin zu „verpiss dich" reichen kann.

Wird er nach seiner Meinung gefragt, zum Beispiel ein neues Kunstwerk in der Stadt betreffend, kann das „bassd scho" ein überaus großes Kompliment sein, aber auch eine alles vernichtende Kritik. Es ist schlicht ein Ausdruck des höchsten Enthusiasmus, zu dem der Mittelfranke fähig ist. Andererseits aber auch der Inbegriff absolut maximaler Verachtung.

Auch der Zugereiste entdeckt früher oder später die Weisheit, die einem kernigen „bassd scho" inne wohnt. Es hat so was unglaublich Gemittetes: Geht in Ordnung. Oder auch nicht. Yin und Yang eben. Das ist das Dao der Franken. Und alles ist gut.

Franken-Wiki: Fei

Nürnberg-Wiki: Bassd scho

3 Kommentare

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Allmächt na - das war ein schöner Einblick in die fränkische Lebenswelt. Besonders der Blick auf die Uhrzeiten. Das versteht kaum einer außerhalb Frankens. Viele Grüße vom Niederrhein.
  • 19.09.2012, 20:04 Uhr
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Die Steigerung davon, das "Fei bassd scho!" mit meinem österreichischen Akzent gesprochen, lässt nicht nur den Franken und den Oberpfälzer sondern besonders den bodenständigen Gesamtbayer unweigerlich zusammenzucken. Es hat schon Fälle gegeben, wo zitierte Herrschaften nach einem griffigen "Fei bassd scho!" vor lauter Schreck drei Tage astreines Hochdeutsch sprachen, obwohl sie das eigentlich gar nicht können dürfen ...
  • 19.09.2012, 14:37 Uhr
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Christine Kammerer
Ich bin beeindruckt. Danke für diesen bereichernden Beitrag zur Völkerverständigung.
  • 19.09.2012, 16:33 Uhr
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