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Das Meininger Tympanon: Ansgar Haag und das politische Theater

Das Meininger Tympanon: Ansgar Haag und das politische Theater

Hans-Herbert Holzamer
23.04.2012, 11:54 Uhr
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

 Von der Straße aus ist es kaum zu lesen. „Dem Volke zur Freude und Erhebung.“ Wann ist je ein Herrscher angetreten, sein Volk zu erheben. Und wenn ja, wohin sollte es erhoben werden? Georg II, Herzog von Sachsen-Meiningen war einer. Deshalb hat er es in das Tympanon seines Theater-Tempels eingravieren lassen. Und es gibt in Meiningen nicht nur eine Spielstätte, es gibt so viele, dass man mit Fug und Recht behaupten kann, die ganze Stadt ist Theater.

Ansgar Haag macht einen ausgesprochen guten Job

Und Ansgar Haag ist ihr Intendant, genau genommen des Südthüringischen Staatstheaters. Und er mache einen ausgesprochen guten Job, meinte zuletzt eine Kritikerumfrage des Fachmagazins „Opernwelt“, das als „Regie des Jahres“ Philipp Kochheims Inszenierung von Rossinis Oper „Guglielmo Tell“ benannte.

Haag ist erfolgsverwöhnt. Zuletzt wurde 2007 seine Meininger-Inszenierung von Goethes „Faust I und II“ mit dem Land-der-Ideen-Preis ausgezeichnet. In Stuttgart geboren, studierte er Theaterwissenschaft, Psychologie und Amerikanistik in München und in Berkeley. Von 1989 bis 1994 war er Oberspielleiter am Salzburger Landestheater, dann Intendant in Ulm. Im August 2005 übernahm er die Intendanz des Meininger Theaters, seit 2008 auch die des Landestheaters Eisenach.

Abai: deutsche Erstaufführung am 21. September

Und er ist mutig. Ansgar Haag hat bisher über 100 Inszenierungen erarbeitet. Jetzt hat er sich an eine kasachische Oper herangetraut, an Abai, deren deutsche Erstaufführung für den 21. September geplant ist. Der Name Abai hat für Kasachen nahezu die gleiche Bedeutung wie der Name Johann Wolfgang von Goethe für die Deutschen. Er gilt als der Begründer der kasachischen schriftlich niedergelegten Dichtkunst. Wegen seiner intellektuellen Fähigkeiten bekam er den Beinamen "Abai" (der Kluge), unter welchem er später bekannt wurde. Die Biografie des Dichters "Der Weg von Abai" und die Oper "Abai" von Schubanow und Hamidi gehören zu den Schätzen kasachischer Kunst.

Da Meiningen etwa die 20 000 Einwohner hat, in der letzten Spielzeit 180 000 Besucher sich die Aufführungen ansahen, „haben wir die neunfache Zahl der Einwohner als Zuschauer gehabt.“ Und nimmt man Eisenach und die Tannhäuser-Aufführungen auf der Wartburg hinzu, sind es noch deutlich mehr. Das gehe natürlich nur mit Hilfe von Touristen. „Die Vernetzung von Kultur- und Sporttourismus, darin liegt die Zukunft Südthüringens.“ Zwischen einem Theater für Touristen und einem, das Preise einfährt, sieht Haag keinen Widerspruch. „Die Grundqualität des Theaters muss stimmen, wir bieten keine Butterfahrten für ältere Operettendamen.“ Dieser handwerkliche Anspruch ist die Säule seines Credos, der Fuß des Tympanons. Der eine Schenkel des Dreiecks ist das „politisch, ästhetische Theater“, das er anbietet. „Die Leute wollen keine Theaterzerstörung durch Autorentheater. Sie wollen ein Theater mit politischem Anspruch und keine Dekonstruktion.“

Der zweite Schenkel ist das „authentische Theater“, das Bezug zu Stadt und Region hat. „Wir hatten Richard Strauss` Elektra und Salome gleichzeitig im Spielplan, Strauss war ab 1885 hier Kapellmeister. Wir spielten Faust I und II, dafür haben wir den Preis gekriegt, nutzen natürlich Goethe und Schiller.“ Da habe der Zuschauer sogar zwei Tage bleiben müssen. Und bei der Oper sei es ähnlich. „Ich muss schon etwas anbieten, damit die Leute nach Thüringen fahren. Richard Wagner zum Beispiel, Bayreuth wurde von der Meininger Hofkapelle bespielt, oder Max von Schillings `Mona Lisa`, das ist etwas Typisches.“

Ob denn die Zuschauer die historischen Bezüge kennen würden, wollen wir von dem Intendanten wissen, denn sonst trage diese Strebe das Tympanon nicht und die Erhebung des Volkes sei zum Absturz verdammt. „Das Theater ist nicht in der Krise und sein Publikum auch nicht. Dass sich Wagner mit dem Herzog über den Parzival gestritten hat, das wissen unsere Zuschauer, und es fasziniert sie. Es kommen Intellektuelle und stellen Fragen, da kann es passieren, dass ich nicht zugeben darf, dass sie mehr wissen als ich. Es gibt für das politische, ästhetische Theater ein Publikum. Aber leider: Das Theater wird zwischen veröffentlichter Kritik und der Meinung derer, die für Geld ins Theater gehen, zerrissen. Heute kommen junge Leute, die eine gebildete Auseinandersetzung mit der Kultur und der Politik wollen. Warum diskutiert man nicht im Staatstheater Bürgerwillen und Demokratie?“

Wer erhoben sein will, muss zur Diskussion bereit sein. Daran hat sich seit den Zeiten von Georg II nichts geändert.

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1 Kommentar

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Marion Dr. Diwo M.A. -HP
wie interessant- mit Ansgar Haag habe ich seinerzeit in Bonn- als er noch Dramaturg dort war, als Regieassistentin zusammengearbeitet, das war Anfang der 80er Jahre- oh Gott....
  • 23.04.2012, 15:34 Uhr
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