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Begegnung mit echten Japanern! – すみませんが

29.05.2016, 22:49 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Erzählung aus dem Leben einer trans-kulturellen Arbeitswelt in Süddeutschland.

Was ist echt an diesen Japanern?

Diese Leute, denen ich begegnete, waren nicht beeinflusst von andere Kulturen, sie waren noch nie vorher im Ausland und konnten nur einige ‚Brocken‘ Englisch.

Beruflich hatte ich in der Vergangenheit meist nur mit Amerikanern, Indern und Europäern zu tun gehabt. Im vergangenen Jahr erweiterten wir unsere Produktpalette mit Anlagen ‚Made in Japan‘. Ich hatte die Ehre, die Entwickler, Ingenieure und Administratoren zu betreuen. Von Google erfuhr ich, wie man mit Japanern umzugehen hat. Etwa die Visitenkarte mit beiden Händen in Empfang zu nehmen, sie umgehend interessiert zu studieren und danach entweder auf dem Schreibtisch oder in seine Mappe zu legen. Gleiches gilt für die eigene Visitenkarte, die ebenfalls mit beiden Händen überreicht wird. Auch die Anrede folgt einem bestimmten Ritual: dem Namen sollte immer ein „San“ nachgestellt werden, also „Masahiro San“ und nicht Mr. Masahiro, oder „Fushigi San“ und nicht Mrs. Fushigi.

Als ich die Visitenkarten meines japanischen Geschäftspartners in beide Hände nahm und las, verstand ich kein Wort, sondern sah nur Hieroglyphen. Höflich half er mir auf die Sprünge, indem er die Visitenkarte umdrehte und auf der anderen Seite war alles in englisch aufgedruckt. Ich fragte ihn, wie ich ihn anreden solle. Er heiße ‚Tom Nahng‘, aber ich dürfe ihn Tom nennen, sagte er freundlich: „Thank you, Tom San“ sagte ich zu ihm. Seine Augenbrauen gingen kurz hoch und brachten seine Freude zum Ausdruck. „Danke Suresh San“, erwiderte er und neigte leicht den Kopf nach unten. Später erzählte er mir, dass ‚Danke‘ das einzige Wort sei, das er auf Deutsch könne.

Mit den drei japanischen Kollegen konnte man trotz der Sprachbarrieren gut zusammenarbeiten und im schwäbischen Restaurant lernten wir weitere kulturelle Unterschiede kennen. Besonders die Maultaschen hatten es ihnen angetan. Warum ich anstatt Maultaschen Salat esse, wollten sie wissen. Fleisch von vierbeinigen Tieren esse ich nicht, offenbarte ich ihnen. „Fleisch? Da ist Fleisch in den Teigtaschen drin? Die grünen Innereien sind Fleisch?“, fragte einer von ihnen entsetzt. Zugegeben, ich hätte sie vorher informieren sollen, das war mein Fehler. Schließlich kann man nicht davon ausgehen, dass alle Japaner Fleisch essen. Ich entschuldigte mich vielmals und sie nahmen meine Entschuldigung an.

Als Wiedergutmachung wollte ich sie gegen Spätnachmittag zum Kaffee einladen. Ich bewunderte ihre disziplinierte Konzentration und Ruhe während der Analyse und Installation und das, obwohl sie wegen des Jetlags ziemlich müde sein müssten. Also ging ich auf sie zu und fragte, ob sie zum Kaffee in die Kantine mit wollten. Als ob sie auf diese Einladung gewartet hatten, sagten sie sofort zu. Also drehte ich mich um und ging Richtung Kantine. Als ich bemerkte, dass keiner von ihnen mir folgte, ging ich zurück und wiederholte meine Frage: „Would you like to have a cup of coffee in the cafeteria?“ Abermals beantworteten sie die Frage mit „yes“. „Then we will go to the Canteen“, sagte ich wieder und bewegte mich in Richtung Tür. Sie starrten mich nur an und blieben wie angewurzelt stehen. Was mache ich nur falsch, fragte ich mich. Doch dann kam mir die Eingebung und sagte: „Please follow me, we will go to the cafeteria and have some coffee“. Und plötzlich folgten mir sofort alle auf Schritt und Tritt!

In den folgenden drei Wochen lernte ich noch Vieles mehr über diese faszinierenden Menschen und deren Arbeits- und Freizeitkultur kennen. So flogen sie jedes Wochenende nach Brüssel, um – wie ich vermutete – die Stadt anzuschauen, Freunde zu besuchen oder Sehenswürdigkeiten zu bewundern. Ich war neugierig und fragte sie nach dem Grund und konnte es kaum glauben, als sie es mir erklärten! Das war ein Paradebeispiel für Interkulturelle Diskrepanz.

Unsere Firma hatte die Gäste aus Japan in einem gutbürgerlichen Hotel mit Restaurant außerhalb von Stuttgart aber in der Nähe von unserem Kunden untergebracht. Der Service war okay, geräumiges Zimmer, gutes reichhaltiges Büffet und sonst was halt zu einem guten Hotel gehört, war vorhanden. Zwei große im Ort ansässige Firmen wurden von Gästen aus aller Welt frequentiert und von Fremdenfeindlichkeit keine Spur. Nur Abends hatte man den Eindruck, dass man die ‚Trottoirs‘ (Fußgängerwege) hochgeklappt hat, es waren kaum Menschen auf der Straße zu sehen. Dies alles hat unseren Gästen aus Japan gefallen bzw. nicht gestört. Es sind ein paar banale Kleinigkeiten, die fehlten bzw. die sie gerne hätten und nicht bekamen. Nein, es waren nicht die Essstäbchen, die sie vermissten.

Die Gäste wollten lediglich Dusche und Badewanne im Bad, zwei große Handtücher, schnelles Internet, ausländische Fernsehkanäle, stilles Wasser, also nichts was nicht machbar gewesen wäre. Diese Wünsche der Gäste aus Japan wurden nicht erfüllt, vermutlich wegen der Sprachbarrieren. Deshalb sahen sich veranlasst übers Wochenende nach Brüssel zu fliegen, weil sie während ihrer ersten Europareise dort alles bekamen was sie wollten. Eine Badewanne und eine Dusche, schnelles Internet usw.

Leute die mich kennen, wissen, dass ich Inder und ein Durchschnittsbürger bin. Meine Japanischen Kollegen fragten mich, wie ich und die Ausländer in Deutschland bzw. in diesem Ort behandelt werden. Gut sagte ich, keine Beanstandungen ergänzte ich.

Ich weiß nicht was die Rezeption ihnen gesagt hat oder was sie verstanden, auf jeden Fall fühlten sich die japanischen Gäste, nicht verstanden, nicht anerkannt, bloßgestellt, unfreundlich und respektlos behandelt. Die drei netten Angestellten an der Rezeption verstanden die Welt nicht, als ich sie mit den Aussagen der Gäste konfrontierte.

Die japanischen Kollegen fuhren am Freitag per Taxi zum Stuttgarter Flughafen, flogen nach Brüssel, fuhren zu ihrem Lieblingshotel und kamen am Montag per Taxi vom Flughafen wieder zurück. Alles was sie wollten hätte ich lokal mit einem Telefonat organisieren können, hätte ich es nur gewusst.

“You should have told me”, sagte ich ihnen. Das empfanden sie als Kritik und waren gekränkt. Ich verstehe das nicht. Hätte ich etwa mich dafür entschuldigen müssen? Also gut,

„Sumimasen ga“ すみませんが

sure.sh
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PS: Auf Hinweisen auf meine Sprachfehler bin ich dankbar, denn es ist ersichtlich und erleserlich, dass Deutsch nicht meine Muttersprache ist. Ich denke, auch in meinem Alter kann ich noch dazu lernen.
Danke im Voraus.
Herzliche Grüße
Suresh

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