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Kunst verstehen: Paul Gauguin auf der Suche nach seinem „Irdischen Paradies“

Kunst verstehen: Paul Gauguin auf der Suche nach seinem „Irdischen Paradies“

Volker Barth
21.06.2016, 00:34 Uhr
Beitrag von Volker Barth

Ab dem 21. Juni, 00:34 Uhr, ist kalendarischer oder auch astronomischer Sommeranfang. Der Urlaub ist oder wird geplant und es wird von “Urlaubs-Paradiesen“ geträumt. Dazu „taucht“ in der Kunstgeschichte die spektakuläre Malerpersönlichkeit Paul Gauguin auf. Ob er ein Lebenskünstler oder ein „getriebener“ Maler war, davon nun mehr.

So, nun erst einmal Erklärungen zu den Begriffen „Paradies“ (Herkunft und Bedeutung stammt von „Paradeisos“, einer antiken Gartenanlage), „Garten von Eden“ (so nennt die Bibel das Paradies) und „Irdisches Paradies“ (auf die Erde lokalisiert, wird neben sinnlichen Genüssen und Kostbarkeiten das ewige Leben versprochen).

Als Ausgangspunkt dient die Bibel, Altes Testament, 1. Buch Mose (Genesis) 2,4-25 mit folgendem Inhalt:

Als Gott Erde und Himmel schuf, bildete er den Menschen aus Ackererde und hauchte ihm den Atem ein. Er pflanzte einen Garten in Eden, mit schönen Bäumen und guten Früchten. Zur Bewässerung ließ er einen Strom entspringen, der sich in vier Flüsse teilte. Gott setzte den Menschen in den Garten, damit er ihn bebaue und bewahre. ... Da versetzte Gott Adam in einen Tiefschlaf, nahm eine seiner Rippen, formte aus ihr eine Frau und führte sie ihm zu. ... Adam und Eva waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander. ...

(1. Buch Mose (Genesis) 2,16; 3,1-7): Mitten im Paradies hatte Gott zwei Bäume gepflanzt: den Baum des Lebens und der Erkenntnis. Von allen Bäumen sollten die Menschen essen dürfen, nur nicht von dem letzteren. Da legte die listige Schlange den Zweifel in Eva. Sie bekam Lust, trotz des Verbotes vom Baum der Erkenntnis zu essen, griff nach der Frucht und gab auch ihrem Mann Adam davon. Da gingen den beiden die Augen auf, und sie sahen, dass sie nackt waren. Sie machten sich aus Feigenblättern einen Schutz. ...

(1. Buch Mose (Genesis) 3,8-24): Am kühlen Abend erging sich Gott im Garten von Eden. Adam und Eva versteckten sich aus Furcht unter den Bäumen, aber Gott rief die beiden. Adam schob die Schuld auf Eva und Eva auf die Schlange. Zur Strafe machte Gott die Schlange zu einem Kriechtier; Eva strafte er, indem er ihr die Schmerzen beim Gebären auferlegte und sie der Herrschaft des Mannes unterwarf; und Adam sollte nur noch im Schweiße seines Angesichts
den Acker bebauen und mit seinen Nachkommen dem Tode verfallen sein. Gott fertigte dann den Menschen Kleider aus Fellen und trieb sie aus dem Paradies. Vor dieses stellte er Engel mit flammenden Schwertern, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen. Um sich zu nähren und zu kleiden, mußten Adam und Eva von nun an arbeiten.

Und wie hielt es Paul Gauguin mit der Religion?

Paul Gauguin wurde am 7. Juni 1848 in Paris als Sohn des französischen Journalisten Cloves Gauguin und der spanischen(!) Mutter Aline Tristan geboren und römisch-katholisch getauft und erzogen. Nach der Familien-Rückkehr (wegen Bürgerkrieg!) 1854 aus Peru nach Frankreich zog man in die Nähe von Orleans zu einem Onkel. Hier besuchte dann Paul Gauguin die Internatsschule „Petit Seminaire de la Chapelle-St-Mesmin“ und wurde von Bischof Felix Dupanloup in Philosophie und katholischer Liturgie intensiv unterrichtete. Als 25jähriger höherer Bankangestellte heiratete er die Dänin Mette-Sophie Gad und hatte mit ihr fünf Kinder (Emil (1874), Aline (1877), Clovis (1879), Jeane-Rene (1881) und Paul Rellon (Pola) (1883). Durch einen Börsenkrach 1882 verlor Paul Gauguin seinen Banker-Beruf und beschloss gegen stärkstem Widerstand seiner Frau nur noch zu malen. Sein weiteres Leben war nun geprägt von immerwährenden Geldsorgen. Immer wieder klingen in Gauguins Erinnerungen (Buch „Vorher-Nachher“ von 1903) Zorn und Trauer über seine zerrüttete Ehe und den Verlust seiner Kinder durch, die fern von ihm in Kopenhagen lebten.

Vor, während und nach Tahiti

In den Jahren von 1886 bis 1891 war Paul Gauguin mehrfach in der Bretagne, ein letztes Mal 1894 nach seiner Rückkehr von der ersten Tahitireise. Einer der Gründe für Gauguins Aufenthalt in der Bretagne war seine Suche nach einem einfachen, ursprünglichen Leben. Diese Aufenthalte waren prägend für seine Malerei. Fern der Kunstmetropole Paris, inspiriert von den kargen felsigen Landschaften und dem in ruhigen Bahnen verlaufenden Leben der Dorfbewohner, schuf Gauguin eine Reihe von Werken, in denen er für die Sehgewohnheiten seiner Zeit eine gänzlich neue Malweise präsentierte und mit inovativen Bildinhalten überraschte. Am eindruckvollsten kommen diese Neuerungen in den Gemälden christlicher Thematik zur Geltung. Die Bildmotive entlehnte Paul Gauguin den Traditionen der als tiefgläubig geltenden Bretonen und denen auf der Halbinsel allgegenwärtigen Zeugnissen christlicher Kunst.

Außer vom zähen Bilderverkauf lebte Paul Gauguin von Zuwendungen seiner Bekannten, von Hilfsarbeiten, vorübergehend auch von einer kleinen Erbschaft. Im Juli 1884 kehrte Gauguins Frau mit den Kindern zu ihrer Kopenhagener Familie zurück - Paul Gauguin folgte, aber es kam zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Familie seiner Frau - schließlich kehrte er nach Paris zurück. Trotz der Trennung blieb aber das Paar bis kurz vor seinem Tod in Briefkontakt.

Die in der Bretagne erzielten Mal-Ergebnisse stellten Paul Gauguin nicht zufrieden, er wollte seine Malerei weiterentwickeln und war auf der Suche nach neuen Themen. So entschied er sich für den Bruch mit dem „zivilisierten Europa“ und beschloß nach Tahiti auszuwandern. Diese Südsee-Insel stellte er sich als unverdorbenes exotisches Paradies vor, in dem er ein friedliches und echtes Leben führen und sich als Künstler "frei" entfallten konnte.

Dazu Paul Gauguin „Ich gehe fort, um ruhig zu werden, um mich frei zu machen vom Einfluss der Zivilisation. Ich will nichts anderes als einfache Kunst machen; dafür muss ich eintauchen in die jungfräuliche Natur, nichts anderes sehen als die Wilden, ihr Leben leben, ohne jegliche Befangenheit, so wie das ein Kind tun würde, nur den Gedanken nachgehen mithilfe allein der primitiven Mittel der Kunst, den einzig guten, den einzig wahren.“

Paul Gauguins Kurzbiografie

(Eugene Henri) Paul Gauguin wurde am 7. Juni 1848 in Paris geboren. Nach Jugendjahren in Lima und zur See, die Paul Gauguin u.a. nach Rio de Janeiro und in die Karibik führten, arbeitete er zunächst von 1871 bis 1883 im Bankhaus Bertin in Paris. Im Salon von 1876 stellte er erstmals eine Landschaft aus. Durch seinen Kontakt durch Camille Pissarro bald mit dem Impressionismus vertraut, folgte er eine Zeit lang diesem Stil. 1886 schloss er Freundschaft mit Vincent und Theo van Gogh und machte in Paris Bekanntschaft mit Edgar Degas. 1887 bereiste er Panama und Martinique. Anschließend hielt er sich häufig in Pont-Aven in der Bretagne auf, wo er u.a. mit Paul Serusier und Emile Bernard arbeitete; für kurze Zeit malte er mit van Gogh in Arles(!). Seit 1891 lebte Paul Gauguin in Tahiti, wo er seinen expressiv-exotischen Stil weiter entwickelte. 1901 übersiedelte er auf die Insel Hiva-Oa. Durch die programmatische Überzeugungskraft seiner Malerei wie seiner Skulptur wurde Paul Gauguin zum wichtigsten Vorläufer der französischen Fauves und des deutschen Expressionismus. Er starb am 8. Mai 1903 in Atuona auf der Marquesas-Insel Hiva-Oa (franz. Polynesien).

Zu der Seniorbook-Bildauswahl:

Das Eröffnungsbild ist ein Ölgemälde von 1893, stammt aus einer franz. Privatsammlung, hat den Titel „Otahi allein“ und das Format von 50 mal 73 Zentimeter. „Ich glaube, es ist ein außergewöhnliches Werk“ so Paul Gauguin. Dieser Akt scheint nach der „Natur“ gemalt zu sein und ist eine unakademische Pose. Sie dient der Entspannung und erfordert eine große Flexibilität von Knien und Knöcheln. Die aparteTahitianerin füllt fast das Bildformat, nur reine Farbstreifen in Gelb, Rosa und Blau mit Grün komplettieren den Hintergrund. Paul Gauguin erreichte hier eine für ihn seltene Einfachheit, eine formale Modernität ohne jegliches folkloristisches Detail. Dazu ein Paul Gauguin Zitat „Am schönsten sind die Frauen so, wie Gott sie erschaffen hat - die Schneider können sie nur verderben“.

Das zweite Gemälde: Nach dem Gauguin-Werkkatalog von Georges Wildenstein heisst das Ölgemälde „Idylle in Tahiti“ und entstand bei Paul Gauguins zweitem Tahiti-Aufenthalt (1901). Das Gemälde ist heute im Besitz der Foundation E. G. Bührle, Zürich. Das Motiv ist unbeschwert und vermittelt „typisch“ das Paradiesische, das Paul Gauguin ja in der Südsee suchte, aber nur bedingt fand. Sehr charakteristisch sind die schlangenartige (Paradies?) Baumstämme, die das Bild regelrecht „verstreben“. Die schlanken Stämme passen sich dem gewundenen roten mandelförmigen Weg an. Links im Bild, durch einen Baumstamm-Durchblick, die Küste mit einem stolzen Segelschiff (Gedanken an Rückkehr?). Aber zwei barbusige Mädchen möchten Besucher begrüßen (im Paradies?).

Das dritte Bild: Das Ölgemälde aus dem Jahre 1899 aus der National Galerie von Schottland, Edinburgh hat den Titel „Drei Tahitianer“ oder „Unterhaltung“ und ist 73 mal 93 Zentimeter groß. Dieses Motiv ist ein herausragendes Beispiel für das klassische Element in der Malerei Paul Gauguins. Es ist eine einfache und kraftvolle Komposition des antiken Themas „Die drei Grazien“ (auch wenn hier ein Jüngling die Mitte darstellt - ein „Paris“ zwischen zwei Schönheiten). Die Idee für dieses Bild kann sogar von dem damaligen tahitianischen Lied „Oviri“ (der Wilde) kommen. Der Refrain „Mein Herz schwankt zwischen zwei Frauen/die sich beide beklagen/während mein Herz und die Flöte singen“. Eine weitere Interpretation: Der Apfel, den die linke Frau präsentiert, steht für den Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies, während die Rechte Blumen als Symbol der Unschuld trägt. Ob die zwei ihren Begleiter oder sogar den Bild-Betrachter vor die moralische Wahl stellen, bleibt offen.

Das Bild an vierter Stelle: Die „Exotische Eva“ von 1890 aus einer französischen Privatsammlung, Öl auf Pappe in einer Größe von 43 mal 25 Zentimeter ist ein Gemälde, dass Paul Gauguin im Vorfeld seiner Tahiti-Reise schuf - so wie er sich sein „irdisches Paradies“ in der Südsee erträumte. Das Gemälde ist zusammengesetzt aus unterschiedlichen Assoziationen und Fantasien. Zum Beispiel ist Evas Kopf der seiner Mutter Aline Chazal. Evas Körper und sogar die Bäume übernahm er von einer Fotografie (im Besitz Gauguins): Detail eines Frieses des javanischen Tempels aus Borobudur. Und Paul Gauguin bemerkte „Meine Eva ist fast ein Tier; darum ist sie keusch, auch wenn sie nackt ist. Alle diese Venusdarstellungen im Salon sind unanständig, widerwärtig lüstern ...“br

Das fünfte Bild: Das berühmte Gauguin-Gemälde „Ia Orana Maria (Gegrüßest seist du, Maria)“ von 1881, in Öl auf Leinwand gemalt, hat die Maße 113,7 mal 87,7 Zentimeter und hängt heute im Metropolitan Museum of Art in New York. Es ist eines der geheimnisvollsten und monumentalsten Meisterwerke Paul Gauguins. Er schuf hier eine symbolische Komposition, in der er die Einheimischen mit christlicher Symbolik verband. Es sollten noch einige solcher Bilder mit polynesischen Glaubensvorstellungen entstehen. Hier, in seinem ersten großen Tahiti-Gemälde widmete er sich einem speziellen christlichen Thema. Dazu kommentierte Paul Gauguin „Ein Engel mit gelben Flügeln weist zwei Tahitianerinnen auf Maria und Jesus, Eingeborene wie sie, nackte Gestalten, nur mit dem „Pareo“ bekleidet (ein geblümten Baumwollstoff, den man nach Belieben um den Leib schlingen kann). Im Hintergrund sehr dunkle Berge und blühende Bäume. Ein violetter Weg und ein smaragdgrüner Vordergrund; links einige Bananen. Ich bin ziemlich zufrieden damit.“ Auch hier übernahm Paul Gauguin Fries-Motiv-Elemente vom javanesischen Tempel in Borobudur - Fotografien, die er während der Weltausstellung (1889) in Paris kaufte.

Das sechste Bild: Ein Paul Gauguin „Selbstbildnis mit Heiligenschein“ aus dem Jahre 1889. Es ist ein ganz erstaunliches und provozierendes Bildnis in starker Rot- und Gelbfarbigkeit, entstanden als Karikatur und „Auftragsarbeit“. Ein Gegenstück zu dem Porträt seines Freundes Meyer de Haan. Ursprünglich schmückten beide Bilder die Türen eines Wandschrankes im Esszimmer von Marie Henry in Le Pouldu. Das Selbstbildnis ist voller Anspielungen und so verweist der Heiligenschein auf den heiligen Helden der Kunst, den gefallenen Engel und die Äpfel symbolisieren das verlorene Paradies. (Es geht um die Bücher „Sartor Resartus von Carlyle“, dem Autor von „Über Helden und Heldenverehrung“ und „Das verlorene Paradies“ von Milton). Zwischen Gauguins Finger befindet sich eine schwarze Schlange und sie soll bezeugen, dass Paul Gauguin ein Wahrsager ist und das malerische Wissen eines „Meisters“ hat, auch in Bezug auf die eingeschworene Gruppe mit dem Niederländer Meyer de Haan in Le Pouldu, der Paul Gauguin in seiner Neigung zum Mystischen bestärkte. Heute ist das Ölgemälde auf Holz im Besitz der Washingtoner Nationalgallery of Art.

Kurz vor seinem Tod äußerte Gauguin den Wunsch, wieder nach Europa zurückzukehren. Aber sein Pariser Freund und Maler-Kollege Daniel de Monfreid winkte sofort ab: „Durch eine Rückkehr würdest Du den Brutvorgang stören, in dem sich die öffentliche Wertschätzung Deiner Person befindet. Im Augenblick bist Du ein einzigartiger und legendärer Künstler, der uns aus der fernen Südsee beunruhigende Werke schickt ...“

Links:

Paul Gauguin - Lebenslauf)
https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Gauguin

(Weltausstellung Paris 1889)
https://de.wikipedia.org/wiki/Weltau..._Paris_1889

(Synthetismus)
https://de.wikipedia.org/wiki/Synthetismus

(Polynesien)
https://de.wikipedia.org/wiki/Polynesien

(Sammlung Bührle/Gauguin)
http://www.buehrle.ch/

Map-Data:
Musee d‘Orsay, 1 Rue de la Légion d‘Honneur, 75007 Paris

1 Kommentar

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Volker Barth
Wie "Recht" Du hast ...
  • 22.06.2016, 10:32 Uhr
  • 0
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