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Spieglein, Spieglein an der Wand

Spieglein, Spieglein an der Wand

25.06.2016, 11:36 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Was für ein merkwürdiger Morgen. Ich lag im Bett, die Augen offen, aber es war alles dunkel. Erst letzte Woche war ich beim Augenarzt und dann dieses. Auf die Schnelle einfach so zu erblinden, das war doch unwahrscheinlich. Irgendetwas kitzelte auf meiner Nase. Er war wohl die Sonne, die durch den Vorhang lugte und mich aus dem Schlaf gerissen hatte. Ich stand auf und tastete mich vor. Der Kleiderschrank, der Spiegel. Ich spürte ihn mit meinen Händen. Und plötzlich konnte ich wieder sehen. Ein Glück. Allerdings erschrak ich vor dieser mageren Gestalt, die mich entsetzt anstarrte. Die Nase war so schmal, dass jede Brille heruntergerutscht wäre. Unglaublich, aber genauso hatte ich damals in meiner Jugend ausgesehen, als ich ein ein mehrwöchiges veganes Experiment unternahm, nur um ein Mädchen zu gefallen, die auf Waschbrettbäuche stand. Der Blick in den Spiegel entpuppte sich zu einer Vision in meine Vergangenheit. Wahnsinn! Aber es musste ein Trick sein oder ein Traum, aber dieser Traum war so wirklich, wie er wirklicher nicht sein konnte. Ich war überzeugt, ein Schritt nach vorn und ich habe meine Jugend wieder. Der Spiegel war eine Zeitmaschine, mit der ich meinem Alterungsprozess ein Schnippchen schlagen konnte. Die Präkognition meines Hausarztes, ich wäre auf dem Königspfad in den Diabetes mellitus Typ 2 erschien mir unter diesen Gesichtspunkten albern. Ich lächelte und mein gegenüber grinste mit frech blinkenden Zähnen zurück. Der macht sich über mich lustig, dachte ich. Ich trat einen Schritt nach vorne. Es klirrte entsetzlich. Mein Fuß war feucht. Blut spritze aus den Arterien. Es gab keinen Weg mehr zurück. Ein Riss im Spiegel teilte die widerliche Fratze. Meine verfluchte Jugend. Wie lächerlich sie zurückholen zu wollen. Die Frau mit der Liebe für Waschbrettbäuche entschied sich damals für einen anderen. Meine sklettierte Visage stehe mir überhaupt sich, sagte sie und ließ sich nie wieder blicken. Der Gedanke war nicht zu Ende gedacht, da schleuderte mein Schädel gegen das Spiegelglas und die magere Gestalt zerbarst in tausende Splitter.

Schwarz. Ich sah nichts mehr. Der Wecker klingelte.Ich öffnete die Augen. Sonnenstrahlen blendeten. Ich stand auf und ging am Spiegel vorbei, ohne einen Blick hineinzuwerfen. Es klingelte noch einmal. Die Haustür. Schnell schlüpfte ich in eine Jeans und öffnete die Tür. Frau Krause. Ihr war wohl wieder einmal die Milch ausgegangen. Sie sah mich an und schrie. Dann verschwand sie hinter ihrer Wohnungstür. Ich machte kehrt und ging zum Spiegel. Ich wollte herausfinden, was sie in Angst und Schrecken versetzt hatte.


©Martin Stauder

4 Kommentare

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Rätselhaft
  • 26.06.2016, 16:47 Uhr
  • 1
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Martin, hattest du noch deine Schlafmütze auf und dazu ein langes Nachthemd?
  • 25.06.2016, 14:46 Uhr
  • 0
eine Schlafmütze schon
  • 25.06.2016, 15:57 Uhr
  • 0
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sie schrie und verschwand
hinter ihrer Wohnungstür ?
Du hast mich neugierig gemacht
  • 25.06.2016, 13:42 Uhr
  • 0
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