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Kunst verstehen: Marc Chagall - ... nur Küssen ist schöner!

Kunst verstehen: Marc Chagall - ... nur Küssen ist schöner!

Volker Barth
06.07.2016, 00:01 Uhr
Beitrag von Volker Barth

Heute, am 6. Juli 2016, feiert man den „Internationalen Tag des Kusses“ - ein guter Grund einmal ein extrem ausgefallenes Gemälde-Motiv (und nicht Gustav Klimts weltberühmten „Kuss“) zu besprechen. Unser heutiges Bild trägt den Titel „Der Geburtstag“ und wurde von dem jüdisch-russischen „Malerpoeten“ Marc Chagall im Jahre 1915 gemalt, es hängt im Museum of Modern Art in New York.

Bemerkenswert: Heute vor 129 Jahren wurde, nach dem gregorianischen Kalender, der Maler Marc Chagall in Peskowatik einem Vorort von Witebsk/Weißrussland, geboren. Und dazu noch die Wikipedia-Information: „Das julianische Datum 24. Juni entsprach im 19. Jahrhundert dem gregorianischen Datum 6. Juli, ab 1900 aber dem 7. Juli. Häufig wird deshalb fälschlich das letzte Datum als Geburtsdatum Marc Chagalls angegeben.“

Marc Chagalls große Liebe

Es war das Jahr 1909 und Marc Chagall lernte in Witebsk die sehr junge Bella Rosenfeld kennen. Sechs Jahre später, am 6. Juli 1915 (es ist sein Geburtstag) brachte sie ihm einen Blumenstrauß vorbei - so „trocken“ erzählte es jedenfalls Marc Chagall. Aus dieser Aktion entstand ein inzwischen weltberühmtes Gemälde benannt „Der Geburtstag“. Das Motiv beinhaltet ein schwebendes und küssendes Liebespaar - es ist auch der Ausgangspunkt für häufig wiederkehrende „verschmelzende“ Gesichtskonturen von Mann und Frau. Dieser bildnerische Gruß und Kuss von 1915 geschah in dem Jahr als er Bella heiratete (er war 28 und sie 20 Jahre alt). Es wurde das Hochzeitsbild(!) und dieses Motiv - schwebend und küssend - brachte Marc Chagall dann doch noch mehrmals in Bildern unter.

In wirren Zeiten (1914 begann der Erste Weltkrieg) schweben die beiden im siebten Himmel. Marc Chagall hat präzise das Muster seines Diwan-Kissens abgemalt, auch für den Tischdecken-Dekor gibt er sich große Mühe und die Zimmer-Einrichtung wird exakt wiedergegeben. Die Liebe, die das Bild beschwört, hat eine konkrete Umgebung, sie existiert in Wirklichkeit. Auch wenn Marc Chagall schrieb: „Ich öffne nur mein Zimmerfenster und schon strömen Himmelblau, Liebe und Blumen mit ihr hinein. Ganz weiß gekleidet oder ganz in Schwarz geistert sie schon lange durch meine Bilder, als Leitbild meiner Kunst.“ Mit viel dichterlicher Hingabe gebraucht Chagall Wörter wie „strömen“ „geistern“ oder „schweben“, um sein Glück mit Bella sprachlich zu fassen. Die Beschwingtheit und die taumelnde Schwerelosigkeit zeichnen das Liebespaar aus. Das Etikett „Poesie“, mit dem Chagalls Werk immer wieder bedacht wird, hat in dieser gesprochenen und visuellen Sprache seine volle Berechtigung.

Im Jahre 1915 wurde geheiratet

Marc Chagalls Jugendliebe und spätere Ehefrau Bella Rosenfeld wurde am 15. Dezember 1895 als behütete Tochter einer wohlhabenden jüdischen Juweliersfamilie in Witebsk geboren. Sie absolvierte hier ein Mädchengymnasium und studierte dann an der Moskauer Universität. Im Jahre 1909 lernte sie Marc Chagall kennen. Am 25. Juli 1915 heiratete Marc Chagall seine lange Jahre von der Ferne geliebte Bella, sogar gegen den heftigen Widerstand seiner Schwiegereltern. Im selben Jahr zog das Ehepaar Chagall nach Sankt Petersburg und ziemlich genau neun Monate später, wurde Tochter Ida geboren. 1918 kehrte die Familie nach Witebsk zurück und reiste dann 1922 nach Paris. 1941 emigrierte die Familie Chagall in die Vereinigten Staaten. Am 2. September 1944 starb Bella Chagall in New York an einem viralen Infekt.

Bella Chagall saß oft für ihren Mann Modell. Sie begann 1935 mit dem Schreiben und wurde Autorin. So entstand (auch auf deutsch) das Buch „Brennende Lichter“. Der Band „Erste Begegnung“ erschien aber erstmals nach ihrem plötzlichen Tod, auch auf deutsch.

Jetzt folgen Auszüge aus ihrem Erinnerungs-Beitrag „Der Geburtstag“ aus dem Buch „Bella Chagall, Erste Begegnung“, geschrieben am 6. Juli 1944. Die deutsche Fassung erschien nach Bellas plötzlichem Tod 1971 mit 38 Illustrationen von Marc Chagall.

Ab Seite 51: Der Geburtstag - Für dich (Marc Chagall)

„Erinnerst du dich? Wir saßen an einem Sommerabend auf dem hohen Ufer des Flusses, nicht weit von der Brücke! Weißt du noch, wie ringsum alles blühte?" Die Bank steht oben auf dem steilen Ufer, unter uns liegt der Fluss, so still, als wolle er schlafen gehen. Rings um unsere Füße wächst hohes Gras, es wächst den glitschigen Hang hinab mit vielen Blumen und kleinen Sträuchern, die sich über das Gras hinaustrecken. Unsere Bank ist schmal. Wir neigen die Köpfe und schauen auf den Fluß hinab. Wir sitzen und schweigen. „Wozu reden?“

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„Sag. wie alt bist du?“ fragte ich unvermittelt. „Weißt du, wann du geboren bist?“ Du schaust mich an, als sei ich vom Himmel gefallen. „Möchtest du das wirklich wissen?" Ich habe mich oft gefragt. Mein Vater hat mir einmal gesagt, er habe mich, um meinen Bruder David so nicht vom Militärdienst frei zu bekommen, zwei Jahre älter einschreiben lassen. Gott könne man sowieso nicht täuschen, aber er verzeihe, wenn man einen Polizisten um Davids willen anlüge."

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„An welchem Tag bist du geboren? Weißt du das nicht?“ „Wozu willst du das wissen? Zuviel Wissen macht alt!“ „Nein. nicht alles! Nur, wann du geboren bist.“ „Das kann nur meine Mutter wissen, und sie hat inzwischen so viele Kinder geboren, dass sie es sicher vergessen hat. Ja, wenn die Schwestern mit mir streiten, dann werfen sie mir vor: Du bist sowieso verrückt, du bist ja im Hundemonat (Juli) geboren.“

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Aber ich habe doch noch ausgerechnet, wann dein Geburtstag ist, ich weiß nicht mehr wie, nur dies: ich habe es richtig getroffen.
An diesem Tag gehe ich in aller Frühe hinaus aus der Stadt und pflücke bunte Blumen, ganze Arme voll. Ich zerkratze mir die Glieder, weil ich hohe, blaue Blumen erreichen will, die hinter einem Zaun wachsen. Ein bellender Hund kommt gerannt. Mit knapper Not kann ich mich retten und muß die Blumen stehenlassen, die schönen Blumen. Ich laufe direkt ins Feld hinein, nehme, was blüht, rupfe es mit Gras und Wurzel aus, damit mein Strauß nach Erde riecht. Zu Hause sammle ich alle meine bunten Tücher zusammen, nehme meine buntscheckige Decke vom Bett, hole in der Küche süße Plätzchen und ein paar der gebratenen Fische, die du so gerne magst, ziehe rasch mein Festtagskleid an und eile dann, beladen wie ein Packesel, zu dir.

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In jenem Sommer hattest du ein Zimmer für dich allein, weißt du noch? Es lag etwas weiter unten als dein Elternhaus. Du wohntest bei einem Gendarm zur Miete. Sein Häuschen war weiß mit roten Fensterläden, wie die weiße Sommermütze des Gendarms mit den roten Bändern.

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Ich klopfte an deinen Fensterladen, den du so oft halb geschlossen hielst, auch am Tag, entweder wegen viel Licht, oder damit dich niemand von der Straße her sehe. Du öffnetest mir selbst die Tür, weil du nicht wolltest, dass deine Wirtin mich erblickte. Ich war ein allzu häufiger Gast, und überdies mit Päckchen beladen.

(& weiter)
Du läßt mich rasch ein, schaust mich an: „Woher kommst du denn angereist?“ „Meinst du, mit Paketen könne man nur vom Bahnhof kommen! Rate. was ist heute für ein Tag?“ „Frag mich etwas Leichteres! Ich weiß nie, welchen Tag wir haben.“ „Nein, nicht Wochentag! Heut ist doch dein Geburtstag!“ Verblüfft sehst du da. wenn ich dir mitgeteilt hätte, der Zar persönlich sei in unsere Stadt, wärst du nicht überraschter gewesen.“ „Woher weißt du das?“
Rasch falte ich meine Tücher auseinander, hänge sie an die Wände, lege eines über den Tisch, breite meine Decke über dein Bett. Du aber ergreifst blitzschnell eine Leinwand, stellst sie auf und sagst: “Rühr dich nicht. Bleib genau so, wie du jetzt dastehst!“ Die Blumen sind noch in meinen Händen, ich bin mitten in der Bewegung, möchte die Blumen rasch ins Wasser stellen, damit sie nicht welken. Aber dann vergesse ich sie. du bist über deine Leinwand hergefallen, dass sie unter deinen Händen erzittert, tauchst ein, drückst Farbe, rote, blaue, weiße, verschleppst mich mit einem Strom von Farben. Plötzlich fühle ich mich wie von der Erde weggehoben, du stößt dich mit einem Bein vom Boden ab, als sei es dir in deinem Zimmer zu eng geworden. Du schwingst dich empor, fliegst zur Decke hinauf. Dein Kopf dreht sich, du verdrehst auch den meinen, schmiegst dich hinter meine Ohren und flüsterst mir etwas zu -

(& weiter)
„Oh, es ist sehr gut, du bist so schön weggeflogen -“ „Wir wollen es „Der Geburtstag“ nennen.“ Jetzt ist dir leichter ums Herz. „Kommst du morgen wieder? Ich will noch ein Bild malen. Wir werden weiter fliegen - -“

Cranberry Lake. N.Y., 6. Juli 1944 br

... zu weiteren Motiven der Bilderleiste

Bild zwei: Die Gesamtansicht des Gemäldes „Der Geburtstag" von 1915. Weiter nun ein Familienfoto von 1917 „Die junge Familie mit Tochter Ida“. Jetzt folgt das Gemälde „Meine Braut mit schwarzen Handschuhen“ von 1915: hier hat Marc Chagall Bellas intensiven Blick „eingefangen und festgehalten“. Nun zu einem ganz besonderen Selbstbildnis Marc Chagalls von 1912/13: betitelt ... mit sieben Fingern! Ausgangspunkt ist eine jüdische Redenswendung: Etwas mit sieben Fingern tun, heißt, dass man es von ganzen Herzen tun möchte. Als sechstes Bild: Marc Chagall ganz eng mit seiner Frau (im siebten Himmel) „Über der Stadt“ (Witebsk), 1914-1918 (erster Weltkrieg). Zu unserem letzten Bild: „Paris aus dem Fenster gesehen“ von 1913. Von 1911 bis 1914 lebte Marc Chagall in Paris und fand zu seiner künstlerischen Sprache. Hier im Exil wurde sein Heimatort Witebsk zum magischen Sehnsuchtsort seiner Kunst - Paris nannte er „Mein zweites Witebsk“.

Links:

(Marc Chagall - Biografie)
https://de.wikipedia.org/wiki/Marc_Chagall

(Bella Rosenfeld)
https://de.wikipedia.org/wiki/Bella_Rosenfeld

(Stadt Witebsk)
https://de.wikipedia.org/wiki/Wizebsk

(MoMA - Artist: Marc Chagall))
http://www.moma.org/collection/works...1&on_view=1

(Musee National Marc Chagall)
http://de.nicetourisme.com/nice/183-...arc-chagall

Map-Data:
36 Avenue Dr. Menard, 06000 Nice, Frankreich

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