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BURLI 2

BURLI 2

22.08.2016, 23:54 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Beim Onkel Doktor

Meine Mama geht mit mir heute zum Onkel Doktor. Dr.Hilti ist Kinderarzt. Ich gehe gern zu ihm, denn er hat so schöne Bausteine. Hölzerne Bausteine in verschiedenen Formen, ich kann damit Häuser und Kirchen bauen. Ich habe zu Hause auch Bausteine, aber nur alte, abgewetzte Würfel. Früher waren sie mit Bildern verziert und ich konnte daraus mehrere Märchen zusammenstellen. Eines war ganz schwierig, ich glaube es war „Sternthaler“, das Mädchen, das Sterne auffängt. Dazu brauchte ich immer sehr lange und selbst dann war bestimmt ein Stein verkehrt gelegt. Da konnte Liesi, meine Schwester, es nicht mehr mit ansehen und setzte mir den Stein mit einem Triumpfschrei in die richtige Stellung. Das hätte sie besser nicht gemacht. So etwas konnte ich gar nicht vertragen. Wütend warf ich ihr sämtliche greifbaren Steine an den Kopf. Kichernd rannte sie davon, sie hat nie begriffen, dass man an der Kompetenz eines Baumeister niemals zweifeln darf.

Dr. Hilti bittet uns in sein Sprechzimmer. Ich muss mich von den schönen Steinen trennen, bleibe aber ruhig. Ich schreie auch nicht mehr so viel wie früher. Reden mag ich aber auch nicht.
„Na, wie heißt du denn, kleiner Mann?“
Ich stecke den Kopf nach unten und sage nichts.
„Ach Burli, sag dem Doktor schön wie du heißt!“
Ich sage nichts, außerdem hat sie mich eh schon Burli genannt.
„Sehen Sie Herr Doktor, genau deswegen sind wir bei Ihnen. Burli, äh Franzi ist schon 4 Jahre alt und spricht noch immer nicht, oder nur ganz wenige Worte wie: Ja und Nein. So was halt. Ich mache mir echte Sorgen, Herr Doktor.“

„Na, dann schauen wir mal was dem Burli-Franzi fehlt, gell?“
Ich denke: Der Doktor spinnt ja. Jetzt heiße ich schon Burli-Franzi.
„Komm, setz dich hier her zu mir, schau mich an. Mach bitte den Mund auf, ja, so ist es gut. Sag mal laut „Ah“
„Ahhh“
„Na, wunderbar! Geht doch! Sagst du mir jetzt wie du heißt, Franzi?“
Ich denke: Nein. Und sage nichts. Ich schüttle den Kopf und schau zu Boden.
Mama ist mein Verhalten peinlich, sie fragt den Doktor:
„Ist das was Schlimmes? Was können wir tun?“
„Nein, Frau Fink, das ist nichts Schlimmes, der Burli-Franzi ist nur schüchtern, vielleicht ein bisschen verschreckt. Gibt es etwas von dem er sich fürchtet? Vielleicht irgendwelche Onkel´s?
„Nein, Herr Doktor, gar nichts von dem. Wo denken sie hin?“
„Na dann ist ja alles in Ordnung. Das wird schon, warten sie´s ab, bald spricht er mehr als ihnen recht ist!“
„Danke Herr Doktor! Auf Wiedersehen. Sag schön: Auf Wiedersehen, Burli!“

Das ist ja fürchterlich mit meiner Mama, dieses Getue mit dem Doktor ist ja nicht auszuhalten. Außerdem hat sie gelogen. Sie weiß genau, dass ich mich vor meinem Vater fürchte. Und nicht nur ich, sie selbst fürchtet sich auch. Erstens ist er sowieso nie da, und wenn er mal da ist, dann ist er so komisch und laut. Außerdem stinkt er so grauslich aus dem Mund, genauso wie es in der Werkstatt manchmal stinkt, ich glaube das heißt Alkohol. Ich mag das nicht.

Zu Hause ist es jetzt ganz anders als sonst, es sind viel weniger Frauen da. Nur Frau Fiala und zwei andere Arbeiterinnen sind noch in der Werkstatt. Die anderen Frauen und der Fritz streiten mit Vater auf dem Hof. Ich bin auch da, aber niemand kann mich sehen, denn ich bin in meinem Versteck. Meine geheime Burg ist das Holzlager. Hier werden viele Holzbretter und Holzwolle gelagert. Mit den Brettern zimmert Fritz die Versandkisten zusammen und damit das Glas nicht zerbricht, wird Holzwolle hinein gestopft.
Fritz Schweiger ist das Mädchen für alles, so hat er es mir erklärt. Fritz ist mein großer, erwachsener Freund. Fritz hat ein Auto mit drei Rädern! Er hat mir erzählt, dass er das Auto aus vielen Teilen vom Schrotthändler selbst zusammengebaut hat. Fritz sagt, dass er nicht reich ist, nur weil er ein Auto besitzt. Das und noch viel andere Abenteuer hat er mir anvertraut, weil ich sein kleiner Freund bin, sagt Fritz. Im Krieg und danach haben alle Leute organisiert, das sei nichts Schlimmes. Er sagte auch, dass er nicht so gescheit sei wie mein Vater, aber vielleicht schlauer. Das sind Geheimnisse, alles was wir zwei miteinander tun, darf ich nicht weitersagen.

Fritz sagt, dass er die gescheiten Buberl mag, aber nur wenn sie lachen und lustig sind. Dann spielt er mit mir wieder Harmonika, entlockt mir quietschende Töne, wenn er an meinen Körper mit den Händen wie an einer Ziehharmonika spielt. Das kitzelt so und ist sehr lustig.

Das Auto von Fritz heißt Adler und hat vorne eines und hinten zwei Räder. Im Führerhaus können zwei Leute sitzen, dahinter ist eine Ladefläche, darauf transportiert er für meinen Vater die großen Glaskisten vom und zum Bahnhof. Einmal nahm mich Fritz mit auf eine Fahrt, das war das interessanteste bisher in meinem Leben. Wir haben uns während der Fahrt unterhalten, das heißt, eigentlich hat nur Fritz geredet und ich habe nur mit dem Kopf genickt. Fritz ist eben mein Freund, er versteht mich, auch wenn ich nicht so viel rede. Ich bin ganz verrückt nach diesem Dreirad-Auto. Vor allem riecht es so gut.

Der Sitz von Fritz, der hinter dem großen Lenkrad, ist aus Leder und stammt von einem abgestürzten Flugzeug, der Beifahrersitz, also der Sitz auf der Seite, wo kein Lenkrad ist, ist aus Segeltuch und schaut aus wie unsere Matratze, mit so Spiralen innen drinnen. Fritz schimpft auch mit mir, wenn ich zu arg darauf herum springe. Ich mag den Geruch von Benzin und Leder, richtig abenteuerlich ist der Duft von heißem Öl und Fett. Fritz erklärt mir ganz genau wie so ein Motor geschmiert wird. Er hat so ein witziges Fett, das ist rot und schaut aus wie Marmelade. Wenn ich nach so einem Autobesuch hinter dem Haus in die Wohnung zurück schleiche und meine Mama erwischt mich, dann gibt es schon mal Schimpfe. „Wie du wieder aussiehst, voller Schmiere! Wie soll ich das denn sauber bekommen? Bist schon ein rechter Lausbub geworden, Franzi!“
„Komm, wir ziehen Hemd und Hose aus und dann geht´s ab in den Waschtrog. Heute darfst du nicht mehr hinaus auf den Hof.“
Dann stutzt sie, überall an meinem kleinen Körper findet sie schmierige Stellen.
„Das sind ja Fingerabdrücke, ziemlich große Finger, auch an deinem Zipferl! Sag mal Franzi, warst du beim Fritz?
„Ja, spielen.“
„Da gehst du mir nie wieder hin, versprichst du mir das?“
„Warum?“ Frage ich und bekomme keine Antwort. a ist böse auf mich.
Wenn ich schlimm bin, nennt sie mich Franzi, wenn ich brav und lieb bin, dann bin ich der Burli. Naja, wenn ich es mir recht überlege, dann würde ich lieber der Franzi sein.

Ich luge noch immer aus meinem Versteck. Eingegraben in Holzwolle spähe und lausche ich durch die Holzlatten meiner Burg. Am Hof wird immer noch gestritten. Ich glaube es geht um Geld und dass kein Material mehr da ist. Vater ist wütend, Fritz und die Frauen auch. Sie halten Vater vor, dass er das ganze Geld versoffen hat. Ich weiß nicht was „versoffen“ heißt, aber ich ahne, dass es Vaters lautem Schreien und Mamas leisen Weinen zu tun hat.

Fritz und die Frauen steigen in und auf den „Adler“ und brüllen Vater noch zu, dass sie ihn anzeigen werden. Sie wollen ihren Lohn für geleistete Arbeit. Ich habe nicht alles verstanden, aber ich spüre, dass schlechte Zeiten kommen. Am traurigsten macht mich der Gedanke, dass ich Fritz und seinen Adler womöglich verloren habe.
Fritz ist doch mein Freund, warum kommt er nicht zu mir?

©Franz

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2 Kommentare

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Das lässt sich nicht mehr genau klären, damals ging alles drunter und drüber. Fritz ward nicht mehr gesehen …
  • 23.08.2016, 17:43 Uhr
  • 0
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Erwarte Klärung !!!!!! Was ist das mit dem Fritz????
  • 23.08.2016, 16:51 Uhr
  • 0
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