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Berta, Gallo und Pavo / Das Rad

Berta, Gallo und Pavo / Das Rad

24.08.2016, 18:43 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Berta ist aufgeregt. Ach, was heißt da aufgeregt! Sie ist völlig runter mit den Nerven.
Hippelig pickt sie ständig neben die Weizenkörner, x-Mal pickt sie ins Leere und erhascht nur ab und zu ein Korn. Sie hat schon merklich abgenommen, was Gallo, dem Hahn, gar nicht gefällt.
Berta scharrt wie von Sinnen, spreizt ihre Federn und schielt immer in die Richtung, in der Pavo über den Hof stolziert. Pavo, der Pfau, raubt ihr den Verstand. Vor einer Woche war er hier auf dem Gutshof von Schönborn eingetroffen und seither kann Berta, das Huhn, nicht mehr schlafen.
Nachts rutscht sie auf der Stange hin und her und am Tag ist sie zu nichts mehr zu gebrauchen.
Nicht einmal mehr zum Eier legen. Kein einziges Ei in einer ganzen Woche!
Berta ist nicht bewusst, dass das für sie lebensgefährlich sein kann.
„Wer keine Eier legt, kommt in die Suppe“, ist die Devise der Gutsherrin.
Doch Berta denkt nicht mal daran.
Die anderen Hühner haben längst bemerkt, was mit Berta los ist und necken sie. Das auch noch! Berta hätte sich am liebsten irgendwo verkrochen um unbemerkt von Pavo träumen zu können. Pavo, der schöne Inder, hat es ihr angetan. Dieses blau schimmernde Gefieder und das wippende Krönchen auf dem hoch erhobenen Haupt! Berta träumt nur noch von Pavo.
Gallo, der Hahn auf dem Hühnerhof, hat es auch schon mitgekriegt, obwohl er sonst vor lauter Einbildung kaum was merkt.
Misstrauisch beäugt er Berta und lässt sie nicht mehr aus den Augen.
Nach wie vor stolziert er mit Stolz geschwellter Brust über den Hof und lässt seine schillernden Schwanzfedern wippen. Doch so sicher, wie er tut, fühlt er sich nicht mehr.
Berta, sein Lieblingshuhn, hat nur noch Augen für den Exoten!
Gegen diese Schönheit kommt Gallo nicht an, das weiß er. Trotzdem kräht er jeden Morgen kräftig sein „Kikeriki“ in die Welt. DAS kann dieser Pavo nicht!
Seine Stimme klingt eher klagend und Mitleid erregend, findet Gallo. Er bemüht sich seit Pavos Ankunft ganz besonders charmant um jedes einzelne Huhn seines Harems. Das freut sie alle. Alle, bis auf Berta. Berta bemerkt gar nichts mehr, sie sucht nur Pavos Nähe.
Noch ignoriert sie dieser, doch wer weiß? Diese Ausländer, denen ist doch alles zu zutrauen!
Gallo ist wütend, unsicher und sehr eifersüchtig. Aus Indien stammt er, der Pavo! Mehr weiß Gallo nicht von ihm.

Pavo schreitet majestätisch über den Hof und kümmert sich um niemanden.
Aristokratisch, elegant und absolut exotisch ist seine Erscheinung. Diese langen, wunderbaren Schwanzfedern! Berta kommt aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Sie hat mächtig Herzklopfen.
Offensichtlich ist Pavo alleine angekommen. Berta würde sich sehr gerne mit ihm unterhalten, weiß aber nicht, wie sie ihn auf sich aufmerksam machen soll, denn Gallo treibt sich ständig in ihrer Nähe herum und macht es ihr schwer. Und überhaupt, kann Pavo sie eigentlich verstehen? Schießt es ihr durch den Kopf. „Morgen, morgen werde ich es versuchen und ihn ansprechen“, denkt Berta, während sie nächtens unruhig auf der Stange hin- und her rutscht. Trudi faucht sie an: „Hör auf mit dem Herumrutschen, ich kann nicht schlafen!“ Also steckt Berta ihren Kopf ebenfalls unter ihre Schwinge und findet endlich Schlaf.
Natürlich träumt sie wilde Sachen von Pavo...

Am nächsten Morgen gibt es Unruhe auf dem Hof. Berta traut ihren Augen kaum: noch ein exotischer Vogel ist erschienen! Nicht ganz so groß und bei weitem nicht so schön wie Pavo, aber eindeutig aus seiner Rasse. Schmerzlich durchzuckt sie die Erkenntnis, dass es sich um Pavos Freundin handeln muss. Pavo, IHR Pavo, stolziert um die Neue herum und scheint Gefallen an ihr zu finden. Und dann, dann passiert etwas, das weder Berta noch die anderen hier auf dem Hof je gesehen haben: Pavo richtet sich zu seiner vollen Größe auf und hebt alle seine wunderschönen Schwanzfedern! Sie bilden ein prächtiges Rad, vollkommen, traumhaft.
Berta stockt der Atem. So etwas schönes hat sie noch nie gesehen!
Doch dieser Pavo, der stolze Pfau, schlägt das Rad nur wegen dieser unscheinbaren Neuen!
Das ist zuviel für Berta, sie fällt in Ohnmacht.
Das herrliche Rad von Pavo verschwimmt ihr vor den Augen und wird zu einem schwarzen Kreis.
Berta bemerkt nicht, dass dieser schwarze Kreis ein Habicht ist und dass seine Kreise ihr, Berta, gelten. Sie hört nicht mehr die Warnrufe ihrer Hühnerfreundinnen, spürt nur noch einen schrecklichen Schmerz in der Brust und das letzte, was sie denkt ist: „so fühlt es sich also an, wenn man meint, dass einem vor lauter unerfüllter Liebe das Herz aus der Brust gerissen wird...“
Dann schwinden ihr die Sinne vollens.

Inga S.R.

Über Kommentare und Kritik freu ich mich!

2 Kommentare

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Sehr schöne Idee, toll umgesetzt.
  • 24.08.2016, 20:46 Uhr
  • 1
Vielen Dank!
  • 24.08.2016, 21:02 Uhr
  • 0
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