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Rad fahren

Rad fahren

26.08.2016, 22:08 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Rad fahren

So, da stehe ich nun in der Umkleidekabine eines Fitneß-Studios.
Ich ziehe mich um und zweifle jetzt schon an der Sinnhaftigkeit meines geplanten Unterfangens.
Ja, ich weiß, ich muss abnehmen. Will ich ja auch! Und fit werden. Doch zwischen Wille und Umsetzung liegen Welten... Grässliche Geräusche wummern an meine Ohren: die Bässe der Rhytmen, nach denen nebenan eine Gruppe von Masochistinnen schmerzhafte Verrenkungen vollführen. Unterbrochen werden die Geräusche nur von den gebrüllten Befehlen der Trainerin in englischer Sprache. Sie klingen, als kämen sie von einem Kasernenhof. Ich gebe mir einen Ruck und betrete den Ort des Geschehens. Eine gertenschlanke, muskulöse Amazone in hautengem Outfit begrüßt mich freundlich und fragt nach meinem Namen. „Ah ja, Nora kommt gleich zu dir, du hast deinen Termin bei ihr. Magst du inzwischen was trinken?“

Gleich drauf kommt eine gut gelaunte Nora, deren Traumfigur in einer Art schimmernden, grellpinkfarbenen Strampler steckt und führt mich erst mal durch die heiligen Hallen der Fitness.
Sie erklärt mir die einzelnen Geräte, die wie Folterinstrumente anmuten. Mit halbem Ohr höre ich die Erklärungen und habe das Gefühl, Nora spricht in einer fremden Sprache mit mir.

In einer separaten Ecke quälen sich Muskel bepackte Männer stöhnend mit Hanteln und Gewichten ab.
Ich „darf“ als erstes aufs Rad. „20 Minuten mit 40 Watt, nicht mehr!“ Ermahnt mich Nora.
Während ich so vor mich hin radle ohne von der Stelle zu kommen, kreisen meine Gedanken um meine Pläne in Sachen Fitness. Warum um alles in der Welt zahle ich Geld für Aktivitäten, die ich kostenlos an frischer Luft und ohne Krach ausüben könnte? Ist das dekadent? Oder modern? Oder lächerlich? Immerhin trete ich in die Pedale eines Fahrrades, das keines ist. Nur ein Rad. Vor mir, an der gegenüber liegenden Wand hängen etliche Riesenbildschirme nebeneinander. Ein Musiksender ist eingeschaltet. Der Geräuschpegel schmerzt in meinen Ohren und die Musik gefällt mir ebenso wenig wie die Videoclips, die über die Bildschirme flimmern.

Die zwanzig Minuten sind um, Nora kommt und erlöst mich. Denke ich. Doch sie schleppt mich zu den Folterinstrumenten. Circle, Stretching oder Spinning?, fragt mich Nora. “FLÜCHTEN!“ möchte ich schreien.
Es gibt kein Entrinnen für mich. Ich muss Circle-Training machen. „Wie ein Hamsterrad“, denke ich, doch ich schweige und beginne mit dem Circle-Training. Das bedeutet, dass ich reihum alle im Kreis aufgestellten Geräte genau je sieben Minuten benutzen darf. Nach exakt dieser Zeit schaltet eine Ampel auf Rot und ich muss auf das nächste Gerät im Kreis. Während ich mich im Kreis bewege, stelle ich fest: das ist nichts für mich. Krach, Schweißgeruch, gebrüllte Befehle und Training im Minutentakt - das ist nicht das, was ich wollte!

Bevor ich selber am Rad zu drehen beginne, breche ich ab. Ich fahre nach hause, begebe mich in meinen Keller und hole mein lange verwaistes Fahrrad hervor. Spinnenweben verunzieren es und eine dicke Staubschicht lässt es grau und alt aussehen. Luft fehlt in den Reifen und insgesamt macht es einen traurigen Eindruck.
Zuerst säubere ich es gründlich, öle die Kette und pumpe Luft in die Reifen. Na also! Sieht doch schon ganz gut aus! Dann schwinge ich mich auf den Sattel und trete in die Pedale. Herrlich! Die frische Luft, die Bewegung und ein Gefühl von Freiheit heben meine Laune augenblicklich. Ja, das ist es! Ich drehe eine Runde im Dorf, fahre hinaus auf den Radweg und bin glücklich. Das werde ich mir jetzt so oft als möglich gönnen, nehme ich mir vor und entschuldige mich im Stillen bei meinem Rad dafür, dass ich es so lange derart stiefmütterlich behandelt und missachtet habe...

Inga S.-R.

Ich freue mich über Kritik und Kommentare!

3 Kommentare

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In meiner Jugend und Anfänge der Berufstätigkeit, war das Rad mein treuer Begleiter, danach nur noch Hobby.Leider musste ich mein geliebtes Rad in diesem Jahr verschenken, doch mein Hometrainer steht im Wohnzimmer und ich drehe auch meine " Runden"-Das Studio kenne ich nur von der Reha, also keine Folter
  • 06.10.2016, 11:28 Uhr
  • 1
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Sehr schön geschrieben. Danke dafür.
Ich war zum Glück noch nicht in so einem Studio, weil ich so ein ähnliches Bild vor Augen hatte und ich werde auch mein Rad wieder öfter benutzen. Der Vorsatz steht, einmal habe ich es schon geschafft....
Liebe Grüße vom Elberadweg
  • 30.08.2016, 10:37 Uhr
  • 1
Danke, liebe Mona!
Ja, ja, unser gutes, altes Fahrrad ist durch nichts zu ersetzen!
  • 30.08.2016, 10:56 Uhr
  • 0
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