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Kunst verstehen: Das Münchner Pin-up-Girl von 1881

Kunst verstehen: Das Münchner Pin-up-Girl von 1881

Volker Barth
17.09.2016, 20:30 Uhr
Beitrag von Volker Barth

Zum Beginn des 183. Oktober- und dem 126. Bayerischen Zentral-Landwirtschaftsfestes stelle ich heute passend die „fesche“ Geschichte rund um die „Schützenliesl“ vor. Entworfen hat diese Friedrich August von Kaulbach, der ansonsten dekorative Damen-Porträts im französischen Stil des 19. Jahrhunderts malte und dafür sehr berühmt wurde.

Pünktlich um 12 Uhr begann heute, Samstag, die Wiesn 2016, es hieß „O‘zapft is!“ und nun feiert München mal wieder, sehr traditionell in Tracht, mit Blasmusik und viel guter Laune - und dann am Sonntag (18. September 2016) erfolgt der Einzug zum Festgelände mit den Wiesnwirten, den Trachtlern und den Musik- und Schützenvereinen.

Die Schützen interessierte damals das „Bayerische Reinheitsgebot“ von 1516 sehr wenig, das Getränk der Schützengilden-Mitglieder war eben der Wein, Bier tranken nur die ganz einfachen Leute. Erst die Erfindung der Kältemaschine durch Carl Linde vor 150 Jahren machte das Bier zum „Wiesn-Getränk“ - bis zum Ersten Weltkrieg wurde hauptsächlich Wein aus der Pfalz getrunken.

„Das Bier“ spielte dann aber bei den Bayerischen Sportschützen auf ihren großen Deutschen Bundesschießen 1881 und 1904 eine große Rolle. Für diese beiden Veranstaltungen baute man riesige Festzelte.

Festhalle auf der Theresienwiese

Für das VII. Deutsche Bundesschießen vom 24. bis 31. Juli 1881 (Sportschießen war Volkssport) wurde der Künstler Friedrich August von Kaulbach mit der Ausgestaltung beauftragt. Ein Gemälde aus dieser Zeit zeigt: Neben einem mächtigen Turm der Festhalle sitzen im Freien rechts und links Gäste und im Eingangstor steht die Bedienung. Über diesem Tor befindet sich als Motiv Kaulbachs „Schützenliesl“ und darunter der Text „Zur Schützenlisl - Münchner Kindl Bier“ (Lisl ohne „e“s). Das erste von inzwischen vier Münchner Bundesschießen wurde die Geburtsstunde und der Siegeszug des Münchner Bieres.

Als der 28jährige Maler Friedrich August von Kaulbach damals im Lokal Sternecker-Bräu zu München genüßlich Bier trinken wollte, bediente ihn das Biermadl Colette Möritz. Der Künstler war von dem 18 Jahre alten, bildhübschen und lustigen Mädchen einfach „hin und weg“. Spontan fertigte er mehrere Skizzen und machte daraus später in seinem Atelier in der Schwanthalerstraße ein Ölgemälde. Aber ins Atelier wollte Colette keinesfalls, es war ihr zu „gefährlich“, denn diese Künstler und ihr berüchtigtes Boheme-Leben.

Jetzt zum Motiv des „Pracht-Girls“

Ein bildhübsches Madl - die Schützenliesl - in Tracht balanciert auf einem schwebenden Bierfass im bayerischen Bier-Himmel. Und das alles mit neun vollen, schaumigen Maßkrügen. Ihre Zöpfe wehen engelhaft, den Radi hat sie im Schürzenlatz, die Schlüssel nebst Geldtasche am Band und zeigt dabei noch ein verschmitztes Lächeln. Ganz keck trägt sie statt einer Haube eine Schützenscheibe auf ihrem Kopf und strahlt dabei Lebensfreude, Temperament, Spaß, Dynamik aus und das Rot ihres Rockes assoziiert „Feurigkeit“. Eine blaue Schürze und das schwarze Schnürmieder mit einer wallenden Bluse „runden“ alles genußvoll ab.

Dieses ist also das 2,8 mal 5,2 Meter große, faszinierende Ölgemälde, das Friedrich August von Kaulbach im Juli 1881 schuf. Seine Signatur „F.A.K.“ befindet sich übrigens seitlich auf dem Fass.

Die Schützenliesl war ein Blick- und Angelpunkt der täglichen Bier-Wallfahrten und die Neuesten Münchner Nachrichten berichteten damals: „Greise, honorige Familienväter zog es hinaus auf die Wiesn.“ Allein am letzten Festtag sollen 16.300 Maß Bier getrunken worden sein.

Biografisches zum Modell

Geboren wurde die „Schützenliesl“ als Coletta Möritz am 19. September 1860 in Ebenried bei Pöttmes im Landkreis Aichach. Sie war ein „lediges“ Kind aus ärmlichen Verhältnissen. Ihre Mutter zog dann nach München und betrieb einen Trödelmarkt am Isartor. Bei den Armen Schulschwestern am Anger ging sie zur Schule und lernte dann Kellnerin. Coletta Möritz heiratete 1882 den Gastronom Franz Xaver Buchner und bewirtschaftete nun bekannte Gaststätten in München. Auf dem Oktoberfest 1897 war sie Festwirtin - siedelte dann aber nach Straßburg um, wo sie Großwirtschaften betrieb. Nach München zurückgekehrt, übernahm sie 1905 das Schwabinger Ausflugslokal „Die Rosenau“ für längere Zeit. Nach dem Tod ihres Mannes war sie dann in gastronomischen Betrieben ihrer Tochter Maria beschäftigt. Coletta Möritz schenkte zwölf Kindern das Leben, leider starben fünf im Kindesalter. 1913 heiratete sie abermals: den Postbeamten Joachim. Am 30. November 1953 starb sie und wurde auf dem Waldfriedhof beerdigt - ihr Grabplatz ist unbekannt.

Notizen zum Künstler

Sein voller Name lautete Friedrich August Christian Siegmund von Kaulbach, stammte aus der berühmten Malerfamilie und wurde am 2. Juni 1850 in München geboren. (Sein Vater war Friedrich und sein Großneffe Wilhelm von Kaulbach, beide bekannte Historienmaler). Auch er gehörte so wie Franz von Stuck und Franz von Lenbach zu den „Münchener Malerfürsten“. An der Münchner Künstlerszene nahm er rege teil, so karikierte er sogar Mitglieder der Künstlergesellschaft „Allotria“. Er studierte an der Kgl. Kunstgewerbeschule Nürnberg und anschließend zwei Jahre bei seinem Vater Friedrich in Hannover. Im Jahre 1871 erfolgte seine Übersiedlung nach München, hier erhielt er besondere Förderung durch Wilhelm von Diez und Franz von Lenbach. Es folgten Italien- und Parisreisen. Zum Direktor der Münchner Akademie wurde er 1886 ernannt.

Nach seinen und Gabriel von Seidls Ideen entstand 1888 in München, in der Nähe des Englischen Gartens, die „Kaulbach Villa“. Und 1893 baute der Maler ein Atelierhaus im oberbayerischen Ohlstadt, Nähe Murnau, das ihm bis zu seinem Tode am 26. Juli 1920 als Zweitwohnsitz, hauptsächlich im Sommer, diente.

Seit Juli 1997 ist dieses Atelierhaus ein Museum, in dem rund 30 Gemälde und 25 Zeichnungen von Kaulbach gezeigt werden.

Noch etwas Familiäres: Friedrich August von Kaulbachs Tochter Hedda heiratete den Bildhauer Toni Stadler jun. und Tochter Mathilde den Maler Max Beckmann (auch Quappi genannt).

... und dann noch ein Wiesn-Hit

Zum festen Repertoire der heutigen Oktoberfestkapellen gehört der Ohrwurm „Schützenliesel“ (so geschrieben) mit den charakteristischen drei Paukenschlägen. Er wurde im Jahre 1952 von Gerhard Winkler komponiert und von Fred Rauch und Fini Busch getextet.

Links:

(Friedrich August v. Kaulbach - Biografie)
http://www.lexikus.de/bibliothek/Kau...-(1850-1920)-deutscher-Maler

(„Schützenliesl“ 1908-2008)
http://schuetzenliesl-muenchen-neuha...enliesl.cfm

(Sternecker-Bräu)
https://de.wikipedia.org/wiki/Sterneckerbräu

(Theresienwiese)
https://de.wikipedia.org/wiki/Theresienwiese

(HSB München - Schießstätte)
https://de.wikipedia.org/wiki/Schieß...HSG_München

Map-Data:
Königlich Privilegierte Hauptschützengesellschaft, Zielstattstraße 6, 81379 München

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