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Lachen: Eine kleine Philosophie des Humors

Lachen: Eine kleine Philosophie des Humors

30.10.2016, 19:21 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Gelacht wird über vieles, aber nicht alles ist lustig. Primär ist Lachen ein Vergnügen, aber es kann auch verletzen und in manchen Situationen äußerst unangenehm für alle Beteiligten werden. Kann Humor verwerflich sein, sollte man ihn überhaupt moralisch beurteilen und wenn nicht, wie dann?
Lachen hat einen hohen Stellenwert in unserer Lebenswelt. Es ist Ausdruck von Freude und während man lacht fühlt man sich gut. Viel Geld wird dafür ausgegeben, sich zu amüsieren, sei es für eine lustige Bettlektüre, ein amüsantes Theaterstück oder Comedy-Filme im Kino. Gerade weil Lachen Wohlempfinden bedeutet, soll es auch gesund sein und sogar heilende Wirkung haben. Deswegen gibt es Krankenhaus-Clowns oder Lach-Seminare zum Stressabbau. Dennoch gibt es auch viele Situationen, in denen es unerwünscht ist zu lachen.

Humor funktioniert gerade durch eine gewisse Dramatik


Ernsthaftigkeit und ein sachlich-distanzierter Auftritt sind in unserer Gesellschaft ein Zeichen für Souveränität, Respekt und Wertschätzung des Gegenübers. Schaut man in die U-Bahn sieht man meist steinerne Gesichter, bei Vorträgen gesellt sich zu dieser Grundkühle noch eine gewisse Verschlossenheit, um den Eindruck von sachlicher Kompetenz zu wahren und bei Festlichkeiten zum Gedenken oder zur Verehrung gebührt es sich, die Schwere des Anlasses mit dem eigenen Schwermut zu unterstreichen. Ein plötzliches Lachen in diesen Momenten stellt eine Verletzung dieser sozialen Regeln dar.
Für denjenigen der lacht, mag diese Unangebrachtheit seine Erheiterung noch verstärken, denn es lässt eine Spannung entstehen und diese ist konstitutiv für Humor. Es gibt viele unterschiedliche Arten des Lachens und genauso viele Ursachen, die es auslösen. Oftmals sind diese anstößig und changieren mit Grenzen des Geschmacks. Humor funktioniert gerade durch eine gewisse Dramatik und diese entsteht oft im Spiel mit gesellschaftlichen Tabus. So bedient man sich in Witzen häufig an Vorurteilen, seien es Nationalität, Haarfarbe oder Körpergewicht. Da kommt natürlich die Frage auf, ob es ein akzeptables Verhalten darstellt sich über so etwas zu amüsieren oder ob man nicht dadurch Vorurteile festigt.

Hier hört der Spaß auf


Immer wieder kommt es zu Debatten, um die Grenzen dessen, was noch lustig ist oder sein darf. Besonders heikel wird dies im Bereich Religion oder Politik. Man denke an die Darstellungen von Bundeskanzlerin Merkel mit Hitlerbärtchen, die sich auf ihre Rolle in der Europakrise beziehen. Oder in Witzdarstellungen, in denen das Leid anderer, zu Markte getragen wird. Menschen die sich eines Rollators bedienen müssen, um noch ein paar Schritte laufen zu können, usw. Beispiele gibt es viele aufzuzeigen.
Drastisch zeigt sich Humor hier als Waffe zum Angriff gegen eine Person oder Gruppe. Man zielt absichtlich auf jemanden ab und tarnt diesen sexistischen, homophonen oder rassistischen Angriff mit dem Vorwand des Humors.
Hier werden die Grenzen mit denen man im Humor spielt definitiv überschritten, da absichtlich jemand angegriffen wird. Man macht sich über diese Person lustig, lacht sie aus, stellt sie an den Pranger. Das ist gemein und verwerflich. Wie ist es denn dann noch zu rechtfertigen, dass man bei schwächeren Tabubrüchen vielleicht doch lachen muss - beispielsweise bei einem Blondinenwitz?


Des einen Leids, ist des andern Freud?


Ebenfalls bedenklich ist das Phänomen der Schadenfreude. Hier enthält bereits der Begriff, dass der Schaden, den eine Person davonträgt, essentiell für das Amüsement genutzt wird. Wenn zum Beispiel jemand ganz vertieft in seinen gerade eben erhaltenen Kaufbeleg ist und dann mit Karacho gegen die Glastür des Einkaufshauses läuft. Oder wenn der Pfarrer bei der Trauerrede einen falschen Namen sagt, ein Professor während seiner Vorlesung aus Versehen rülpst oder eine Frau, die offensichtlich selten mit hohen Schuhen unterwegs ist, einen grazilen Auftritt plant, hingegen umknickt und umfällt, wie ein Baum. Alle Situationen, in denen der Protagonist einen Schaden davon trägt, sei es eine gebrochene Nase oder die öffentliche Pein. Aber alles Situationen in denen zumindest ich dazu tendiere laut zu lachen. Also drängt sich doch die Frage auf: Bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich mich über das Leid anderer amüsiere?
Es ist eine Gratwanderung, bei der spätestens, wenn man jemand anderem absichtlich Schaden zufügt, gute Gründe gefunden werden können, das Lachen als moralisch schlechte Handlung zu kategorisieren. Allerdings ist hierbei das Lachen Mittel zum Zweck, nämlich zum Attackieren des anderen. In den beschriebenen Situationen der Schadenfreude scheint dies nicht unbedingt der Fall zu sein. Ich gehöre in solchen Momenten zu den Menschen, bei denen der Fakt, dass das eigene Tun gerade unangebracht ist, die Absurdität der Situation steigert und das Lachen unhaltbar wird.
Ich kann nicht mehr aufhören, mir kommen die Tränen und es gibt meist keinen anderen Ausweg, als den Raum zu verlassen. Meist folgen dann Zurechtweisungen á la „Das ist nicht lustig, das kann jedem passieren, wie würdest du dich dabei fühlen, wenn die anderen dann lachen?“ Natürlich will ich nicht, dass sich jemand aufgrund meines Verhaltens schlecht fühlt, denn das ist schon nahe dran an einer intendierten Böswilligkeit. Aber dieser Zweifel kommt erst im Anschluss an das herzhafte Lachen. Dieses Lachen ist besonders: es ist der Ausdruck von spontanem und ehrlichem Vergnügen.

Herzhaftes Lachen als authentischer Affekt


Anders als bei dem freundlichen Lächeln zum Gruß oder dem gezielten Lachangriff, ist dieses Lachen reiner Selbstzweck. Ein ehrlicher Affekt, die unmittelbare Reaktion auf einen Reiz. Es geschieht in einem freien Spiel von Sachverhalten, in denen das Planen wegfällt, was für einen Angriff hingegen notwendig wäre. Juristisch gesprochen, kann man mich bezüglich meines Lachens in diesen Momenten, höchstens wegen Totschlag, jedoch nicht wegen Mordes anklagen. Aber reicht das aus, um mit meinem Humor noch als guter Mensch gelten zu können?
Bleiben wir bei dem Humor als Reaktion auf einen Reiz. Ähnlich wie Niesen kann man es unterdrücken, aber das ist anstrengend und in gewisser Weise unnatürlich und unehrlich. Legt man einer moralischen Beurteilung zugrunde, dass es oberste Prämisse sei, unter welchen Umständen auch immer ehrlich zu sein, dürfte man mir wegen meines Lachens keinen Vorwurf machen. Denn es ist eine ehrliche Reaktion.

Willkommen im persönlichen Lachtheater


Hinzukommt, in diesen Situationen lache ich über den Anderen nicht als Person, sondern ich habe ihn objektiviert. Der Pfarrer, der sich verspricht und die Frau, die umfällt, sind für mich in diesem Moment keine Individuen, sondern repräsentieren einen Typ. Ich bin in dieser Situation, wie ein Zuschauer im Theater. Das heißt ich beurteile den anderen nicht aufgrund seines Fehlverhaltens und bestrafe ihn mit meinem Gelächter. Nein, ich binde diese Personen in meine Wahrnehmung ein, in der sie eine Rolle erhalten und über diese Rolle, in der sich für mich die Absurdität des Seins spiegelt, mache ich mich lustig. Dieser Vorgang zeigt die abstrakte Ebene von Humor.
Man überschreitet im Lustigfinden die reale Situation. Geleitet von den eigenen Interpretationen transzendiert man in eine eigene Welt. Man befindet sich in einem konstruierten Spaßtheater. Ganz deutlich zeigt sich das daran, wenn man über sich selbst lachen kann. Menschen, die mich für mein Lachen tadeln, entgegne ich deswegen: „Wenn mir das passiert, kannst du dir sicher sein, dass ich am lautesten darüber lache.“ Egal wie peinlich und egal wie schmerzreich, mein Humor ermöglicht es mir, mich über mich selbst zu erheben und einfach von etwas weiter außen darüber zu lachen.

Die philosophische Seite des Humors
In diesem Vermögen des Humors klingt seine philosophische Dimension an. Ebenso wie Philosophie ist Humor in erster Linie ein sprachliches Phänomen - wie oben schon erwähnt, ein Ausdruck. Ein grundsätzliches Problem der menschlichen Kommunikation ist der Ausdruck als Medium für einen Gedanken. Als Bedeutungsträger eines Inneren ist er zum einen Möglichkeit des Austausches, zum anderen erhält das Innere dabei durch das Äußere seine Begrenzung.
Diese sprachliche Ausdrucksgrenze bezeichnet Wittgenstein treffend, wenn er im Tractatus schreibt, worüber man nicht reden könne, müsse man schweigen. Nun bleibt immer der Zweifel, ob diese Verstehenskluft durch die Sprache adäquat überwunden werden kann, oder ob wir nur meinen den anderen zu verstehen und uns dabei eigentlich nur jeweils selbst verstehen. Es gibt in unserer Kommunikation jeweils nur das Mittlere, das Wort zwischen dem Du und dem Ich, der Ausdruck zwischen dem Auszudrückendem und dem, was tatsächlich verstanden wird. Wittgenstein untersucht ganz in diesem Interesse, die Beziehung von Sprache und Welt.
Hierbei entwirft er einen Isomorphismus von Tatsachen, dem Urbild, und Sätzen, dem Abbild. Wichtig dabei ist, dass Gegenstände selbst nicht genannt werden können, sondern von Sätzen durch Namen oder Zeichen vertreten werden. Sofern Menschen von ihrer Welt reden, wird dabei eine Welt sprachlich konstruiert, es entsteht ein Weltbild. Und diese Möglichkeit räumt Wittgenstein auch dem Humor ein: „Humor ist keine Stimmung, sondern eine Weltanschauung.“ (Wittgenstein, MS 137,135a, 1948) Das was ich zuvor ein konstruiertes Spaßtheater genannt habe, ist ein Weltbild. Der eigene Humor kann damit also als Reflexionsmittel genutzt werden. Analysieren wir das, worüber wir lachen, erhalten wir einen Aufschluss über unseren Horizont, einen Aufschluss darüber, wie unser Selbst funktioniert. Humor ist damit ein Mittel zur Selbstreflexion.
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Wer gemeinsam lacht, versteht sich
Die Unmittelbarkeit des Lachens bringt dabei noch einen zusätzlichen Gewinn innerhalb des Austausches mit anderen. Lacht man in einer Situation nicht nur alleine, sondern gemeinsam, kann man sicher sein, dass man sich verstanden hat. Man kann zwar erklären, wie ein Witz funktioniert, wie er zu verstehen ist. Tatsächlich ist er allerdings erst verstanden, wenn man ehrlich lachen muss. Wenn zwei Personen in einem Moment gemeinsam über dasselbe lachen, ist das deswegen ein eindeutiger Konsens. Erstens nehmen beide Personen dasselbe im selben Moment wahr, zweitens verstehen sie beide dasselbe an der Situation und, dass sie sich hierbei einig sind äußert sich in der gemeinsamen Reaktion darauf: dem Lachen.
Die Horizonte sind in diesem Moment verschmolzen auf eine ehrliche, eindeutige und wohl die unmittelbarste Möglichkeit, die wir als sprachliche Wesen zur Verfügung haben. Zwar kann man dabei auch den Zweifel erheben, ob man denn wirklich über dasselbe lacht. Angenommen ich lache über die Frau, die wegen ihrer hohen Schuhe umfällt und mein Gegenüber lacht darüber, dass ich lache. Prinzipiell könnte man nun meinen, trotz des gemeinsamen Lachens liege hier ein Missverständnis vor. Dieser Zweifel ist angebracht, aber hinfällig. Denn auch wenn der Auslöser ein anderer war, die Reaktion ist dieselbe. Beide Lachpartner transzendieren in diesem Moment das Reale und das ist das verbindende Gemeinsame. Dabei ist das Lachen so unmittelbar, dass man in der Situation nie zweifeln würde, dass man eben dasselbe Weltbild hat. Man ist sich so verbunden, dass das Gefühl des Verstandenwerdens und Verstehens unfraglich sind. Und dieses Gefühl bestärkt uns letztlich in der Annahme, die Kluft zwischen Ich und Du sei prinzipiell zu überwinden. Damit wird dieses Gefühl zum Fundament eines jeden regelgeleiteten Austauschmodells.

Woher kommt die Heiligkeit des Lachens?
Wollen wir nun letztlich die Frage beantworten, ob Humor verwerflich ist, können wir festhalten, dass das reine und ehrliche Lachen moralisch nicht verwerflich ist, da es kein Mittel darstellt und keine Absicht verfolgt. Es ist natürlich und ehrlich, ein Selbstzweck. Nietzsche spricht es sogar heilig: „Ihr höheren Menschen, euer Schlimmstes ist: ihr lerntet alle nicht tanzen, wie man tanzen muß – über euch hinweg tanzen! Was liegt daran, daß ihr mißrietet! Wie vieles ist noch möglich! So lernt doch über euch hinweglachen! Erhebt eure Herzen, ihr guten Tänzer, hoch! höher! Und vergeßt mir auch das gute Lachen nicht! Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen Brüdern, werfe ich diese Krone zu! Das Lachen sprach ich heilig; ihr höheren Menschen, lernt mir – lachen!“
Woher kommt die Heiligkeit des Lachens? Es ist nicht nur nicht verwerflich, sondern es birgt die Möglichkeit sich selbst zu überschreiten. Dank dem Lachen kann man die eigene Situation verlassen, sich über sich hinaus erheben und den bitteren Geschmack der eigenen Endlichkeit in eine unmittelbare Heiterkeit verwandeln. Im gemeinsamen Lachen, können sich das Ich und das Du verstehen und zu einem Konsens gelangen. Darin liegt die Möglichkeit die Begrenzungen der Sprache innerhalb des Verstehens aufzubrechen. Humor gehört vielleicht zu den unmittelbarsten Mitteln der Verständigung zwischen Individuen. Moral wäre damit eine ihm untergeordnete Dimension, da diese erst innerhalb eines sprachlichen Systems erarbeitet wird, für das das gemeinsame Lachen eine Konstitution darstellt.

Autorin Sandra Müller

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2 Kommentare

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Lachen soll gesund sein.
Wichtig ist, dass man auch mal über sich selbst lachen kann!
  • 31.10.2016, 09:19 Uhr
  • 0
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