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Das Ende?

Das Ende?

06.11.2016, 17:31 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Das Ende ?

„Ich glaube wir haben ein Problem,“ Wolfgang zieht die Wohnmobiltür ins Schloss. Er kommt vom Waschhaus des Campingplatzes. Das Ehepaar Kunze, beide 73 Jahre alt hatten sich erst vor einer Stunde im Büro des Anwesens angemeldet. Es ist nicht das erste Mal, dass sie das Angebot zum erholen und pflegen in dem beliebten niederbayrischen Kurortes nutzen. Im Spätherbst genießen hauptsächlich ältere Rentner hier ihren Lebensabend. Inge hat Kaffee gekocht und den Tisch gedeckt. Alarmiert schaut sie mit fragenden Augen hoch: „Was gibt es denn?“
„Ich habe einen Bekannten getroffen. Erinnerst du dich an die Webers aus Hamburg?“ „Ja waren das nicht die sympathischen Leute, die in Hamburg eine Bäckerei hatten? Es ist schon zwei Jahre her, im vorigen Jahr waren sie nicht hier.“ „Genau, vor zwei Jahren hatten sie ihren Betrieb verkauft. Wenn ich mich recht erinnere, an junge Leute aus Leipzig. Der Nachfolger hatte gerade seine Meisterprüfung bestanden. Sie waren zufrieden und glücklich dass sie die Firma nicht aufgeben mussten. Ihr eigener Sohn hatte auch das Bäcker-Handwerk erlernt, wollte aber nicht die Bäckerei in dritter Generation weiter führen. Inge fragte: „wo ist das Problem mit den Beiden haben wir uns doch gut verstanden? Warte mal, wenn ich mich recht erinnere – Renate und Norbert Weber.“ „Ja richtig, also der Norbert kam mir eben entgegen. Er war betrunken, konnte nicht mehr gerade gehen, glasige Augen, hat mich natürlich nicht erkannt - und das am hellen Nachmittag. Früher hat er ja auch nicht ins Bier gespuckt. Ich habe jedenfalls keine Lust mir den Aufenthalt durch eine Schnapsdrossel vermiesen zu lassen.“ „Oh, die arme Renate, sie war eine wirklich nette Frau, zwei Jahre jünger als ihr Mann.“ Beide hatten noch so viel vor, wollten verreisen und endlich nicht mehr von früh morgens bis abends arbeiten“.
Am nächsten Morgen holt Inge aus dem kleinen Campingladen Brötchen. Renate kommt zur Tür herein. Sie hat sich sehr verändert. Wo ist die lebenslustige, agile, fröhliche Frau geblieben? Ein Schatten fällt über ihr Gesicht als sie Inge erkennt. „Oh, hallo seid ihr auch hier?“ sie streckt Inge die Hand entgegen. „Renate wie schön euch mal wieder zu treffen. Wir stehen auf unserem alten Platz oben an der Hecke. Kommt doch nachher mal vorbei. Wir haben uns bestimmt viel zu erzählen. Jetzt muss ich schnell los, Wolfgang wartet schon auf seine Zeitung.“ „Ja vielleicht,“ kommt die leise Antwort.
Inge wartet vergeblich auf den Besuch. Den Norbert sieht sie später auf einer Bank sitzen. Eine Flasche Bier steht zu seinen Füßen. Einige Tage später trifft sie Renate im Ort. Sofort geht sie zu ihr und lädt sie zu einer Tasse Kaffee ein. Renate will nicht mit ins Cafe Böhmer kommen: „Nein ich darf keinen Kuchen essen, habe schon zwanzig Pfund zu viel auf den Rippen,“ sagt sie mit einem verlegenen Lächeln. Inge antwortet: „Du sollst ja auch keinen Kuchen essen, wir trinken nur ein Kännchen Kaffee.“ Sie setzen sich in eine Nische. Die freundliche Bedienung bringt den Kaffee und lässt die beiden Frauen allein.
Nun erfährt Inge die bittere Wahrheit. Unter Tränen berichtet Renate: „Mein Mann hat mit der Bäckerei seinen Lebensinhalt verloren. Immer gab es für ihn nur die Arbeit. Für Hobbys und Geselligkeit war nie Zeit. Er war sehr angesehen in seiner Branche. Nun sollte er von einem Tag auf dem anderen gar nichts mehr tun. Wir wohnen noch über dem Betrieb. Als wir vor zwei Jahren aus dem Urlaub nach Hause kamen, wollte Norbert natürlich sofort in der Firma nach dem Rechten sehen. Um fünf Uhr morgens öffnete er die Verbindungstür zur Bäckerei und stand vor einer Wand. Sie hatten von der anderen Seite eine Mauer gebaut. In einem Brief teilten sie uns mit, dass sie auf seine Hilfe und seine Ratschläge gerne verzichten würden. Du kannst dir nicht vorstellen, was das für ihn bedeutete. Er wollte doch weiter der Senior Chef sein und helfen wenn er Zeit hatte. Diese Zurückweisung hat ihn so getroffen, dass er nur noch Trost im Alkohol findet. Wenn wir sofort die Wohnung verkauft hätten, wäre vielleicht noch Hoffnung gewesen. Jetzt ist er vollkommen am Ende.“
Etwas leiser sagte sie: „Ich verstehe die jungen Leute sogar. Sie hatten Norbert bei der Arbeit erlebt. Schon um drei Uhr war er hell wach und wehe einer der Gesellen kam nicht pünktlich. Alles musste so gemacht werden wie er es gelernt hatte. Brotmischungen, die jetzt in fast allen Bäckereien verarbeitet werden, hätte er nicht zugelassen. In dem kleinen Laden, der zur Bäckerei gehört, habe ich früher allein gestanden. Jetzt arbeiten dort drei Verkäuferinnen. Für mich ist das in Ordnung. Ich habe mit dem Teil meines Lebens abgeschlossen, aber Norbert --“ ein tiefer Seufzer verrät ihren Kummer. „Um ihn aus dieser Umgebung zu lösen habe ich ihn überredet noch einmal hierhin zu fahren. Er hat leider keinen Führerschein mehr. Aber ich traue mir das noch zu. Also sind wir vor zwei Wochen hier angekommen. Der Kurarzt hat ihn untersucht und gleich erkannt, dass Massagen und Wassergymnastik nicht helfen. Eindringlich wurde ihm in meiner Gegenwart erklärt wie gefährlich eine Leberzirrhose ist und ihm geraten eine Alkohol Entziehungskur zu beantragen. Später als Norbert gegangen war sagte Doktor Bloch zu mir: „Er muss es selbst wollen. Das geschieht aber erst wenn er ganz am Ende ist. Ich sage es ihnen nicht gerne, aber damit er so weit kommt müssen sie ihn verlassen. Aber wie kann ich das denn, ich habe doch gelobt in guten und in schlechten Tagen bei ihm zu bleiben.“
Inge legte ihren Arm um die verzweifelte Freundin. Vorsichtig fragte sie: „Bist du finanziell von ihm abhängig oder besitzt du eigenes Geld?“ „Doch das schon, wir haben uns schon vor zwanzig Jahren gemeinsam dazu entschlossen. Ich führte immer die Buchhaltung, dass habe ich früher drei Jahre gelernt. Jedes Jahr kam ein Drittel des Reingewinns auf mein Konto. Aber wir wollten es doch im Alter zusammen ausgeben.“

Gemeinsam gingen sie in gedrückter Stimmung zurück zum Campingplatz. Zwei Tage später kam Renate um sich zu verabschieden. Sie sagte: „Es hat keinen Zweck, wir fahren jetzt nach Hause. Die Frauen tauschten noch ihre Telefonnummern und die E-Mail Adressen. Inge steckte ihr noch einen Zettel zu auf dem stand die Adresse einer Gruppe der Anonymen Alkoholiker in Hamburg. Sie sagte: Ich kenne dort den Leiter des Vereins, er heißt Fritz Holm und ist sehr verständnisvoll. Vielleicht kontaktiert ihr ihn mal.“
Lange schauten sie dem Wohnmobil nach. Norbert legte seinen Arm um seine Frau und sagte: „Sie kann es nicht ertragen bemitleidet zu werden. Ich glaube sie meldet sich nicht wieder.“

Er hatte sich geirrt. Im Frühling erhielt Inge eine E-Mail von Renate.

Liebe Inge, schweren Herzens habe ich mich entschlossen Dr. Blochs Rat zu befolgen. Norbert allein zu lassen ist mir sehr schwer gefallen. Ich habe ihm die Adresse der A.A. gegeben und ihm an einem „nüchternen“ Tag erklärt, dass ich eine Auszeit brauche. Zufällig begegnete mir hier eine Leidensgefährtin. Ulrike kann das Mobil auch fahren. Gemeinsam stehen wir jetzt in Algeciras / Südspanien. Mit 10 weiteren Wohnmobilen setzen wir morgen mit der Fähre über nach Tanger.
Die Marokko Reise ist bestens organisiert und dauert 25 Tage.
Nun habe ich eine Bitte, würdest du die Verbindung zu deinem Bekannten Herrn Holm bei den Anonymen Alkoholikern wieder aufnehmen und mir einmal wöchentlich berichten wie es Norbert geht? Herr Holm ist wirklich ein netter Mann. Ich habe vor meiner Abreise noch mit ihm gesprochen. Er wohnt nur zwei Kilometer von uns entfernt und hat mir versprochen sich um Norbert zu kümmern. Nur wenn mein Mann es schafft dem Alkohol zu entsagen besteht für unsere Ehe noch Hoffnung. Herzliche Grüße Renate
PS: Jetzt bin ich gespannt auf all das Neue und Unbekannte was uns hier erwartet. Ich bin noch nicht am Ende.

Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig.
copyright: Marga Koch

12 Kommentare

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... wie lange Norbert schon auf diese Art hat leben müssen, ein " Such"tproblem... nur Arbeit und schuften sollen, von morgens bis nachts - das ist nicht alles im Leben ! Und unsere Gesellschaft tut das ihre dazu . Den Sinn des Lebens muss man sich eben auch erarbeiten und es macht genau so viel Sinn, wie man ihm zukommen lassen will. Diese Menschen sind auf einer spirituellen Suche und landen dann nur letztendlich in einer "Such"t nach Spirituosen - ja, seine Frau machte es richtig und ging, damit er fündig werden kann. Millionen geht es so ... ! Danke für deine Geschichte, sie wohnt überall grade gegenüber ! Hat mir gut gefallen und herzliche Grüsse !
  • 14.11.2016, 10:41 Uhr
  • 0
Danke Susanne, ja ich kenne auch einige Familien in denen die Frau nach außen den Anschein von Perfektion aufrecht erhalten muss. Ohne professionelle Hilfe kommen die wenigsten von ihrer Sucht los. Irgendwann streikt der Körper und alles ist zu Ende. Liebe Grüße
  • 14.11.2016, 10:48 Uhr
  • 1
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Nun dürfen auch meine kleinen Tränchen vversiegen. Wenigstens ist Renate zur Zeit wieder glücklich
Marga, danke. Das ist wieder eine Geschichte zum nachdenken. Hast Du ganz toll gemacht. :winken
  • 07.11.2016, 22:00 Uhr
  • 0
Danke Edith, dein Lob geht runter wie Oel.
  • 08.11.2016, 10:16 Uhr
  • 1
Das darf es auch
  • 09.11.2016, 20:50 Uhr
  • 0
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Also Marga,
Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen.
Nicht mehr gebraucht zu werden, zu erkennen, das die Fähigkeiten, die einem ein Leben lang ernährt haben und die man fast bis zur Perfektion ausgefeilt hat, niemanden interessieren, ist ein gewaltiger Schlag. Vor allem für Männer, die sich ja in erster Linie über ihre berufliche Erfolge identifizieren.
Tolle Geschichte!
Liebe Grüße, Inga
  • 07.11.2016, 11:42 Uhr
  • 1
Danke Inga, bei dem Wort "Ende" denkt man zuerst an den Tod. Darüber wollte ich nicht schreiben. Diese Geschichte ist dann dabei herausgekommen. Liebe Grüße
  • 07.11.2016, 17:49 Uhr
  • 2
Liebe Marga,
genau das ist Kreativität! Nicht schreiben, was "allgemein" ist, sondern eigene Gedanken und Assosazionen zu einem Begriff ausarbeiten!
  • 08.11.2016, 16:40 Uhr
  • 0
Oh, Danke, Danke
  • 08.11.2016, 17:32 Uhr
  • 1
  • 13.11.2016, 10:58 Uhr
  • 0
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Nur so kann es etwas werden !
  • 06.11.2016, 18:34 Uhr
  • 1
Hallo Rosemarie, ja so ist es, danke für`s Lessen
  • 07.11.2016, 09:36 Uhr
  • 0
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