wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?
Seemannsgarn

Seemannsgarn

05.02.2017, 17:33 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Sara und Jo radeln durch die Krummhörn, so nennt sich das flache Land zwischen der Hafenstadt Emden in Ostfriesland und der Nordsee. Anfang März ist eigentlich nicht die richtige Jahreszeit für eine Fahrradtour. Johann, so sein vollständiger Name, musste noch Ferientage vom vergangenen Jahr nehmen und da in Sara`s Firma auch eine Flaute herrschte, waren sie nach Greetsiel gefahren und hatten sich dort eine kleine Ferienwohnung für acht Tage gemietet.

Beide tragen praktische Jeans und warme Pullover. Sara ist mit einem roten und Jo mit einem blauen Troyer gegen den Wind geschützt. Die Mützen in den passenden Farben hat Sara selbst gestrickt. In den seitlichen Packtaschen stecken Handschuhe und zwei gelbe Regenjacken, die man hier Ostfriesennerz nennt. Natürlich auch zwei Wasserflaschen und eine Plastikbox mit Butterbroten. Sparsame Lipper freuen sich über ein Picknick am Deich. Flaches Land und ein sanfter Rückenwind machen die Tour zum Vergnügen.

Trotzdem sagt Sara am Nachmittag: „Jo es ist 16 Uhr, wir sollten jetzt umkehren, da der Wind uns jetzt entgegen bläst brauchen wir mehr Zeit für die Rückfahrt.“ „Erst habe ich noch eine Überraschung für dich“, antwortet ihr Mann. Ich habe von Enno einen Tipp bekommen, im nächsten Ort gibt es ein Lokal das heißt Kajüte, dort kehren wir ein und ruhen uns aus. Sara denkt, Überraschung, das hat es ja schon lange nicht mehr gegeben.

In ihrem gemeinsamen Leben, immerhin haben sie im nächsten Jahr Silberhochzeit, hat sich der Alltagstrott breit gemacht. Man kann es auch Langeweile nennen. Jeder weiß was der andere denkt und als Nächstes sagt. Sogar in unserem Auftreten und Aussehen ähneln wir uns. Es wäre schön, wenn diese Woche frischen Wind in unser eintöniges Leben bringen würde. Jo steuert ein Gasthaus an. Wie üblich, hier an der Küste, ist es mit roten Klinkern gebaut und das großzügige Walmdach ist mit Reet gedeckt. Die Fahrräder werden in den Fahrradständer gestellt und abgeschlossen.


Jo öffnet die Haustür und sie betreten eine vergangene Welt. Hier hat sich seit 50 Jahren nichts verändert. Alte Eichentische, Eckbänke mit roten Polstern, ein Fischernetz unter der Decke und der Clou, auf den Fensterbänken und über der riesigen Theke stehen Miniaturen von Segelschiffen.

Gäste sind keine da, es ist eben März und keine Saison. „Oh“, sagt Sara, „hier gibt es aber viel zu schauen.“ Am schönsten ist der Blick aus dem Fenster. Das Haus steht auf einem Hügel und vor ihnen scheint die Frühlingssonne auf das weite Meer. Wasser bis zum Horizont. Da gerade Flut ist, ist die Nordsee auch ganz nah.
Eine junge Frau kommt zum Tisch und fragt nach ihren Wünschen. Jo bestellt zwei Kännchen Ostfriesentee und zwei Stück Rosinen-Kuchen. Er braucht Sara nicht zu fragen, weil er weiß was ihr schmeckt.

Hinter der Theke öffnet sich eine Tür und ein alter Mann in Hausschuhen kommt herein. „Moin, Moin“ sagt er freundlich zu den Gästen. „Tine bringst du mir bitte ein Amsterdam“, dann setzt er sich an den Nebentisch und schaut auch aus dem Fenster. Lange sagt niemand etwas. Der Tee ist ausgetrunken, aber Beide haben keine Lust den gemütlichen Raum zu verlassen. „Wollen wir noch eine Cola trinken?“ fragt Jo und schaut zu dem Glas seines Nachbarn. Natürlich hat der die Frage gehört und nachdem Sara nickt, ruft er: „Tina die Herrschaften möchten auch zwei Amsterdam.“ Sara und Jo schauen sich an und grinsen. Schon stellt die Wirtin ihnen zwei große Gläser mit Cola und Eis auf den Tisch. Sogar eine Scheibe Zitrone ist an den Rand des Glases gesteckt. Jetzt wendet Jo sich an den alten Herrn und fragt: „Warum nennen sie Cola mit Eis – Amsterdam?“

Der setzt sich in Positur und Jo weiß – jetzt geht es los.

„Vor Jahren, als ich noch zur See fuhr, löschten wir unsere Ladung in Amsterdam. Ich hatte Landgang und bestellte mir in einer Hafenkneipe Cola mit Rum. Cola ist braun, Rum ist braun – aber das Eis war auch braun. Nanu, dachte ich und fragte nach. Der Kellner flüsterte mir ins Ohr: „Das Eis ist verzaubert, du wirst es merken.“ Kaum hatte ich das Glas ausgetrunken, da änderte sich das Wetter dramatisch. Vorher war keine Wolke am Himmel. Plötzlich stürzten Wassermassen von oben und es wurde mir unmöglich mein Schiff pünktlich zu erreichen. Ihr müsst wissen, ich war der Smutje an Bord und der ist genau so schwer zu ersetzen wie der Kapitän. Stellt euch mal vor, sie sind auf der Rückreise alle verhungert. Nur der Jüngste, man nennt ihn Moses, hat diese Reise überlebt. Ich stelle mir das so vor - der Kapitän hat alle 12 Mann antreten lassen und gefragt: "Wer kann kochen?" Keiner hat sich gemeldet. "Nun dann brauchen wir die Kombüse nicht mehr betreten, geht alle an eure Arbeit."

Zehn Tage empfing die Radarstation morgens einen SOS Ruf von der Amalia. Dort wurde nichts unternommen. Ist ja auch verständlich. "SOS, wir verhungern, unser Koch hat ausgemustert." Wer nimmt denn die Meldung ernst. Der kleine Jan hatte sich in der Küche versteckt. Ich mochte ihn gern, zumal er den gleichen Vornamen wie ich hat. Also zeigte ich ihm einige meiner Tricks. Alles was hier an Vorräten lagert, kannst du entweder kochen oder braten, Salz und Pfeffer dran - fertig. Na das nur nebenbei, wo war ich denn? ach ja.

Natürlich habe ich dem Kellner nicht geglaubt. Zauber, alles Quatsch, habe ich gedacht; das kannst du den Landratten erzählen. Aber, ihr könnt es mir glauben oder nicht, ich habe es noch oft ausprobiert. Immer wenn ich Cola mit 80%-igen Rum trinke regnet es. Einmal setzte sogar eine Springflut ein. Das ganze Hafenviertel versank unter den Wassermassen. Seit dem Tag heißt eine Cola/Rum für mich "Amsterdam". Der Rum hext das Wasser herbei“, sagte er mit ernstem Gesicht und blinzelte kaum merkbar mit dem linken Auge.
„Nun seid mal ehrlich, habe ich gelogen oder nicht? Jetzt schaut mal aus dem Fenster, es regnet – nein es gießt.“ Jo und Sara haben schon lange nicht mehr so laut gelacht.
Enno, du Schlawiner denkt Jo und bestellt bei der Wirtin: „Drei Amsterdam bitte.“ Sara steht auf und geht an der Theke vorbei zur Toilette. „Für mich bitte keinen Rum mehr“ sagt sie zu der Wirtin.
Als diese die Getränke an den Tisch bringt fragt Sara: „Vermieten sie auch Zimmer?“
„Ja wir haben zwei Doppelzimmer für Gäste“ ist die Antwort. „Schön wir bleiben, hier ist es ja so gemütlich, Tagesschau und Tatort fallen heute aus.
Der Senior-Chef bietet ihnen das Du an. „Ich heiße Jan und jetzt müssen wir auch zusammen einen Shanty singen.

„Rolling home, Rolling home!“

Copyright: M.K.

Mehr zum Thema

9 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Ganz lieben Dank für die schöne Geschichte
  • 04.04.2017, 20:06 Uhr
  • 0
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Jetzt hast Du mich doch tatsächlich um die Tagesschau gebracht.
War spannender. Danke!
  • 07.02.2017, 17:54 Uhr
  • 0
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Danke für eine schöne Geschichte, liebe Marga !
  • 07.02.2017, 13:56 Uhr
  • 0
Gerne Susanne, es macht mir immer wieder Spaß danke fürs Lesen.
  • 07.02.2017, 17:25 Uhr
  • 1
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Marga, das ist eine schöne Geschichte...Jedoch kannst du mir erklären was "Lipper" ist oder sind?
  • 07.02.2017, 10:33 Uhr
  • 0
Liebe Karin, schön dass es dir gefallen hat. Lippe war früher ein eigenständiges Fürstentum. Das Schloß steht in Detmold. Die Lipper legten Wert darauf nicht zu Preußen zu gehören. Das ist natürlich längst Vergangenheit. Außerdem waren und sind sie noch bekannt für ihre Sparsamkeit - so ähnlich wie die Schotten.
  • 07.02.2017, 17:30 Uhr
  • 1
Danke liebe Marga, für deine ausführliche Auskunft.....Als typische Rheinländerin, habe ich das nicht gewußt, obwohl ich schon in Greetsiel so wie in Emden gewesen bin...
  • 07.02.2017, 21:41 Uhr
  • 0
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Hat mir gefallen - die Geschichte hinter dem Deich.
  • 05.02.2017, 21:09 Uhr
  • 0
Danke sehr
  • 05.02.2017, 21:55 Uhr
  • 0
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren
Weitere Beiträge von diesem Nutzer