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Die Lambretta

Die Lambretta

06.03.2017, 21:23 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Das Mädchen wurde in eine Familie hinein geboren, deren Männer sehr an Autos interessiert waren. Schon vor dem zweiten Weltkrieg betrieb ihr Vater eine Autowerkstatt und ein kleines Fuhrunternehmen. Es gab zwei Tanksäulen, von dem Mineralunternehmen Olex (später BP) aufgestellt. Die wenigen Kunden, wer hatte damals schon ein Auto, wurden auch von der Mutter zu allen Tag und Nachtzeiten bedient. Die drei älteren Brüder fuhren Motorräder. Marga hatte kein Interesse an Autos. Jedes Buch war ihr lieber, als eine Autofahrt. Sich selbst ans Steuer zu setzen kam ihr gar nicht in den Sinn. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag meldete ihr Vater sie bei einer Fahrschule an. Natürlich freundete sie sich schnell mit dem Gedanken an. Sie war ein schüchternes, bescheidenes Mädchen, dem sich jetzt neue Perspektiven boten. Einige theoretische Unterrichtsstunden und zwei Fahrstunden in dem alten Opel der Fahrschule – und schon besaß sie einen Führerschein. Zuerst bestimmte der Patriarch der Familie, dass sie anfangs nur in Begleitung fahren durfte. Nach einigen Monaten Fahrpraxis wurde ihr das zweite Angebot gemacht. „Ich kaufe dir einen Motorroller, du musst ihn aber in Raten abbezahlen.“ In der 50er Jahren war ein Roller der Traum vieler junger Menschen. Wenn man im zweiten Lehrjahr einer kaufmännischen Lehre ist und nur 54 DM im Monat verdient, ist es eigentlich ein unmöglicher Traum. Der Satz - „Weil ich es mir wert bin“, war noch nicht erfunden. Aber, was Papa bestimmte wurde sowieso gemacht. Kurze Zeit später stand eine hellblaue Lambretta von NSU auf dem Hof. Damit änderte sich alles. Plötzlich wurde das Mädchen wahrgenommen. Ihr Selbstbewußtsein erwachte. Die Träumerliese kaufte sich eine hellblaue Capri-Hose, einen Popeline-Mantel und eine blaue Schirmmütze. Motorradhelme waren damals kein Thema.
An einem Samstag Vormittag stand die gesamte Familie vor dem Haus um die erste Fahrt von Tochter und Schwester mit zu erleben. Zwei, drei vergebliche Startversuche, der 15jährige Bruder sagt: „Vorsichtig er versäuft“, kniet sich hin und macht etwas am Motor. Beim nächsten Startversuch läuft der problemlos. Beide Füße nebeneinander aufs Bodenblech gestellt fährt sie wenige Minuten später vom Hof. Die Zurückgebliebenen schauen ihr besorgt nach. Weit kommt sie nicht. Nach ca. 100 Metern bleibt der Motor stehen. Sie bremst und fährt an den Straßenrand. Ratlos überlegt sie, - zurück gehen und Hilfe holen - wie peinlich.
Ein zufällig vorüber fahrendes Polizeiauto hält an. Zwei junge Beamte steigen aus und erfassen die Situation mit einem Blick. Ein hilfloses, junges Mädchen mit einem Motorroller, der nur 10 Kilometer auf dem Tacho hat. Sie lassen sich den Führerschein und die Papiere zeigen. Die Druckerschwärze ist gerade erst getrocknet. Aufgeregt sagt sie: „Ich mache eine Probefahrt, bin gerade erst losgefahren.“ „Alles klar, schauen sie hier ist der Hebel für die Benzinzufuhr, der ist abgestellt. Betätigen sie jetzt den Anlasser – OK gute Fahrt.“ Grinsend schauen sie ihr nach als sie mit hochrotem Kopf davon fährt.

Diese Episode war bald vergessen. Zu der Zeit gab es wenig Autoverkehr auf den Straßen. Der Roller, auch wenn er nur eine Geschwindigkeit von nur ca. 60 Kilometer pro Stunde erreichte, war der Inbegriff von Freiheit. Besonders in den warmen Sommer Monaten gab es kein schöneres Vergnügen. Alleine oder mit einer Freundin auf dem Sozius erkundete sie die nahe und entferntere Umgebung.

Im Sommer 2016 besuchte uns unsere Enkelin. Sie war mit einem Roller unterwegs. Mit Lederjacke und Motorradhelm hätten wir sie beinahe nicht erkannt. Alte Erinnerungen wurden wach.

Copyright M.K.

12 Kommentare

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Liebe Marga,

wie schön, an Deinen guten Erinnerungen teilhaben zu dürfen!
Eine sehr schöne Geschichte, die Du gut und anschaulich geschrieben hast. Du wirst es nicht glauben, ich habe einen metallicblauen Motorroller, allerdings ein Peugeot, und ich fahre in der warmen Jahreszeit leidenschaftlich gerne damit herum.
Jetzt werde ich immer an Deine Geschichte denken, wenn ich starte!
  • 04.04.2017, 22:46 Uhr
  • 0
Liebe Inga, danke für deinen Kommentar. Ich würde mich jestzt nicht mehr mit einem Roller auf die Straße trauen. Früher war nicht so viel Verkehr und einen Helm musste man auch nicht aufsetzen.
Liebe Grüße Marga
  • 05.04.2017, 10:44 Uhr
  • 1
Stimmt, liebe Marga,

der Verkehr wird immer mehr und der Helm stört doch sehr. Ich meide, wenn es geht, viel befahrenen Straßen und fahre lieber über Land. Am liebsten von Ungarn nach Slowenien, schön gemütlich und dann zum Eis essen oder Kaffee trinken und leckere Torte essen im Theater-Café in Lendava.
In ein paar Tagen wieder!

Liebe Grüße, Inga
  • 05.04.2017, 19:23 Uhr
  • 0
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Herzlichen Dank liebe Marga für deine herzerfrischende Geschichte.
Sie hat mir sehr gefallen. . Alles Liebe und eine schöne Zeit. LISA!
  • 29.03.2017, 13:34 Uhr
  • 0
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Eine schöne Geschichte. Vielen Dank dafür
  • 22.03.2017, 08:01 Uhr
  • 0
Liebe Elke, schön dass dir meine Jugendgeschichte gefallen hat. Liebe Grüße und ein schönes Wochenende.
  • 23.03.2017, 18:37 Uhr
  • 0
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Vielen Dank für eine schöne Geschichte. So habe ich dich ein wenig kennenlernen können ! Leider muss es bei meiner Fahrradgeschichte bleiben - es war alles sehr unspekatulär . Ganz liebe Grüsse Susanne
  • 18.03.2017, 17:56 Uhr
  • 0
Liebe Susanne, danke für deinen freundlichen Kommentar. Ich antworte erst heute weil wir einige Tage verreist waren. Liebe Grüße und ein schönes Wochenende.
  • 23.03.2017, 18:35 Uhr
  • 1
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Hat Spaß gemacht, Deine Geschichte zu lesen, Marga.
  • 18.03.2017, 10:57 Uhr
  • 0
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Hallo Marga, zum Schluss deines Berichtes haben sich meine Vermutungen vom Anfang bestätigt...Du warst das Mädchen mit dem Motoroller... Du hast die Geschichte lebensnah erzählt.....Schön...
  • 06.03.2017, 21:56 Uhr
  • 2
Danke Karin.
  • 06.03.2017, 22:24 Uhr
  • 1
Ja, da kommen Erinnerungen hoch....., Marga. Mich hat nach dem Absteigen vom Motorrad mal ein Grüppchen weißhaariger Damen umringt, die gestanden, in ihrer Jugend "Motorradbräute" gewesen zu sein, hinter dem Liebsten am WE ins Grüne.....ein Stück Freiheit eben.
  • 19.03.2017, 16:01 Uhr
  • 1
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