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Meine Horex Regina

18.03.2017, 17:36 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Horex Regina

Heute ist mein 21. Geburtstag, ich bin volljährig geworden. Meine Kumpels und ich haben gefeiert. Wir fahren um die Wette, zur nächsten Bar, wer zuletzt ankommt, zahlt. Ich düse mit meiner neuen Horex Regina 350 durch die Nacht. Weil ich heute so gut drauf bin, fange ich mit der Maschine zu tanzen an. Die gelben Markierungen in der Fahrbahnmitte bieten sich zum Slalomfahren an. In eleganten Schwüngen ziehe ich geschickt von einem Intervallstrich zum nächsten. In der Regel sind die Linien genauso lang, wie die Abstände zum nächsten Strich. Wunderbar, ich jauchze vor Spaß und werde immer frecher. Ich habe das Gefühl, dass ich immer schneller werde. Oder sind nur meine Schwünge zu weit? Immer ausgelassener reiße ich die Maschine herum, um das nächste Slalomtor zu erreichen. Es ist ein Rausch, ich schmeiß mich in die Kurve. Und noch einmal pendle ich zurück. Jawohl, schreie ich in die Nacht. Der Motor dröhnt in meinen Ohren, der Rausch des Schwingens hat mich voll gepackt. Was ist das? Die Straße macht hier eine scharfe Kurve, soviel konnte ich im Licht meines Scheinwerfers gerade noch erkennen. Dann der Knall.

Es ist stockfinster. Ich bilde mir ein, dass ich höre, wie ein Motor pluppert und kurz darauf wie erwürgt mit einem leisen Seufzen stirbt. Ich kann nichts sehen, habe keine Ahnung, wo ich bin. In meinem Gesicht brennt es. Beim Fühlen ertaste ich mit der Hand einen fingerdicken Ast. Wenn ich daran ziehe, tut es weh. Warum tut es weh, wenn ich an einem Ast ziehe? Ich will ihn ja nur aus dem Gesicht haben. Erst jetzt bemerke ich, dass ich an einer Böschung liege, denn wenn ich aufstehen will, rutsche ich nach unten. Die Erinnerung kommt zurück, wenigstens teilweise. Der Motor, den ich hörte, das muss mein Motorrad gewesen sein. Ich muss gestürzt sein. Ich glaube, mich erinnern zu können, dass plötzlich die Maschine stand, wie von einer Riesenhand gestoppt. Ja, so muss es gewesen sein. Mir wird schlecht, ich fürchte ohnmächtig zu werden. Dann die Sorge um meine Horex. Mir wird heiß. Ich muss die Maschine unbedingt von der Straße räumen, bevor ein weiteres Unglück passiert. Aber ich kann nichts sehen, mir tut alles weh. Der Kopf, das Gesicht. Mein Auge brennt. Und da ist dieser Ast. Ich vermute, dass er in meiner Haut steckt, irgendwo beim Auge. Links oder rechts? Keine Ahnung. Ich muss zur Straße, die Maschine wegräumen. Aber wo ist die Straße, oben oder unten? Muss ich hinauf klettern oder nach unten. Ich weiß jetzt, dass ich in einem Wald bin. Ich kann es riechen. Und es müssen Bäume in der Nähe sein, ich kann einen Baumstamm ergreifen. Raue Rinde, es ist Nadelholz, wahrscheinlich eine Fichte. Meine Hand riecht nach Harz. Ich versuche mich bequemer hinzusetzen und denke nach.
„Mein Gott“, sage ich laut, „wie blöd bist du eigentlich? Natürlich musst du nach oben steigen! Ist ja klar, du bist nach unten geflogen. Nach oben fliegen geht wohl nicht, oder?“
Wie besoffen bin ich eigentlich? Jetzt red´ ich schon mit mir selber. Ich krabble auf allen Vieren: Zwei Schritte vor, einer zurück. Ich weiß nicht, wie spät es ist und habe keine Ahnung, wie lange ich da gelegen habe. Es riecht nach Benzin. Ganz in der Nähe muss die Horex sein, das bedeutet, ich bin auf der Straße, oder? Nein, bin ich nicht. Wenn ich auf der Straße wäre, müsste ich den Himmel sehen, ob heute Vollmond ist, weiß ich nicht, aber die Sterne, die müsste ich sehen können. Ich bin froh, dass mir das eingefallen ist. Es zeigt mir, dass ich noch nicht komplett plemplem bin. Ich bin ernsthaft besorgt um meinen Verstand, mein Kopf tut höllisch weh und in meinem Gesicht steckt ein Ast und brennt. Die kleine Krabbelpause hat gut getan, aber ich muss weiter. Ich spüre hohes Gras in meinem Gesicht und schaue auf und höre einen Motor. Ein Auto. Von irgendwo kommt ein Auto. Noch bevor ich den Sternenhimmel sehen kann, blendet mich ein Scheinwerfer und ist wieder weg. Das Auto fährt vorbei. Ich lasse mich ins Gras fallen, ich bin müde. Ich brauche dringend eine Pause. Mit einer Hand beginne ich meine Jacke zu durchsuchen. Scheint ziemlich zerfetzt zu sein. Die Hose auch. Ich spüre ein blankes Knie, weiß aber, dass ich keine kurze Hose trage. Also auch kaputt. Meine Finger kleben. Wahrscheinlich Blut, aber ich lebe, immerhin.
Meine Finger betasten die Jackentasche. Ahh, super. Zigaretten! Wenn ich jetzt mein Feuerzeug finde, gibt es nicht nur Nikotin, sondern auch Licht. Alles wird gut, rede ich mir ein, aber ich kann nur einen Arm gebrauchen. Ist der zweite überhaupt noch da? Mein Gott, denke ich, auf was für Gedanken man kommt … Natürlich ist der Arm da, ich kann ihn nur nicht bewegen. Er tut weh, also ist er da. Blöd nur, dass mein Feuerzeug in der anderen Hosentasche steckt, da komme ich mit dem heilen Arm nur schwer hin. Ich verrenke mich, plage mich ab, irgendwie schaffe ich es. Ich schwitze wie ein Schwein. Das sagt man so, ich weiß nicht, ob Schweine schwitzen.
Es braucht noch einmal eine gefühlte Ewigkeit, bis ich die Zigarette anzünden kann. Dieser erste Lungenzug macht mich ein bisschen schwindelig, sonst scheint alles heil zu sein. Bis auf den Ast im Gesicht. Langsam taste ich meine Visage ab und komme zu dem Schluss, dass ich Glück gehabt habe. Der Ast ist seitlich vom Auge … von welchem Auge? Mir fällt auf, ich habe ein Problem mit den Richtungen. Oben und unten habe ich jetzt kapiert, aber links und rechts funktioniert nicht. Ich kann in der Tat nicht sicher sagen, ob der Ast am linken Auge oder am rechten Auge seitlich in die Haut eingedrungen ist. Ich greife den Ast, er ist ein paar Zentimeter weiter oben an der Stirn wieder ausgetreten. Das gibt ein Problem, ich werde denn Ast nicht selbst heraus ziehen können. Auch nicht, wenn ich gutes Licht hätte. Da muss ein Doktor her, fürchte ich.
Scheinwerfer nähern sich, ich muss dafür sorgen, dass mich der Fahrer sieht, ich muss ihn warnen, wegen des Motorrads. Nein, Blödsinn, das liegt im Wald, irgendwo hinter mir.
Plötzlich lauter Motorenlärm, das muss ein Lastwagen sein, er fährt auf mich zu. Abblendlicht sehe ich und höre einen klopfenden Dieselmotor. Das ist doch der Transporter von Alex und Günther, oder habe ich schon Haluzi ... dings oder wie das heißt.

„Hey Franz, wie schaust denn du aus? Wir haben dich schon überall gesucht. Was machst denn da?“, fragen mich die Freunde entsetzt.
„Mein Güte, könnt ihr blöd fragen. Schwammerl suchen vielleicht oder was? Aufgestellt hat es mich halt.“
„Du blutest ja am Kopf, was ist passiert. Wo ist die Horex?“
Ich deute nach hinten. „Irgendwo da hinten im Wald. Stell den Wagen so her, dass die Lichter den Waldrand ausleuchten.“
„Du warst so schnell weg, wir konnten dich nicht einholen. Kein Wunder dass wir an dir vorbeigefahren sind, hier ist es ja stockfinster.“
„Halte hier keine Volksreden. Mach lieber etwas mehr Licht. Ja, so ist's gut.“ Jetzt ist das Ausmaß des Aufpralls gut zu übersehen. Mein allererstes Motorrad, die stolze Horex Regina, ist nur mehr halb so lang wie normal. Das Vorderrad ist auf gleicher Höhe mit dem Hinterrad. Wie ein gut geschnürtes Paket. Na ja, das ist wohl das, was man einen Totalschaden nennt.
Jetzt ist auch meine Startrampe auszumachen. Ein kleiner Hügel und darauf ein alter Kilometerstein aus Granit hat die Geschwindigkeit bei meinem Slalom innerhalb kürzester Zeit von etwa vierzig Stundenkilometer auf Null reduziert.
„Wahnsinn, Franz! Da hast du eine ganze Kompanie an Schutzengeln gehabt. Schau dir das an. Die Bäume stehen alle in einem Abstand von maximal zwei Metern. Du bist mittig durchgeflogen. Wenn du einen von diesen Stämmen erwischt hättest, könnte man dich jetzt mit der Spachtel abkratzen.“
„Ist aber nicht passiert, wie du siehst. Komm, hilf mir die Maschine aufheben.“
Alex und Günther zerren den Haufen Metall und Gummi vom Waldrand zur Pritsche des Transporters und wuchten den traurigen Rest meines allerersten Motorrades auf den Laster.
„Wo sind eigentlich die anderen?“, frage ich die Beiden.
„Die sind schon in der Kuhstall-Bar. Ich habe sie dort abgeladen, bevor ich zurückfuhr, um dich zu suchen.“
„Kommt, fahren wir. Ich will weg von hier.“
„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Du willst jetzt noch in die Bar?“
„Reg´ dich nicht auf. So wie ich ausschau, lassen die mich sowieso nicht rein.“
Grinsend, mit schmerzverzogenem Gesicht steige ich bei Alex ein und lasse mich nach Hause fahren.
„Macht´s euch keine Sorgen. Nächste Woche, zur Jungbürgerfeier bin ich wieder fit!“

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