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Entscheidungen

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30.04.2017, 17:49 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

ENTSCHEIDUNG

Ganz wider Erwarten war es ein freundlicher, sonniger Morgen Ende April. Mark trank geniesserisch den ersten Capuccino in dem kleinen Strassen- Cafe unter einem riesigen Kastanienbaum und stöberte in seinen neuen Büchern, die er eben abgeholt hatte. Gurrend und nickend spazierten Tauben über das Kopfsteinpflaster und pickten die Krümel zwischen den Tischen und Stühlen auf. Eine ältere Dame in einem schicken, grauen Kostüm und grossem, schwarzen Hut setzte sich an den Nachbartisch und platzierte ein winziges, dürres Hündchen auf ihren Schoss. Scheusslich, dachte er, nickte freundlich und wollte sich wieder ganz seinem Buch widmen. Aber dieses zittrige, halbnackte Ungeheuer kläffte unentwegt den Tauben hinterher, die Dame mit Hut zeterte und schimpfte dazu in einer Tour- Mark seufzte. Er bezahlte und ging direkt nach Hause.

So hatte er sich das alles nicht vorgestellt.
Nach seinem Unfall musste er in Pension gehen und ohne seine Arbeit war er nur ein halber Mensch. Er hatte seinen Beruf geliebt, war viel unterwegs gewesen und hatte mit vielen Menschen zu tun gehabt. Aber jetzt war alles anders. Je mehr Leute um ihn herum waren, um so einsamer fühlte er sich. Ihm war klar geworden, wie oberflächlich seine Beziehungen waren, wie prestigegeprägt. Er hatte sein Anwesen schätzen und möbiliert verkaufen lassen, nur den Bentley hat er mitgenommen. Der stand abgedeckt in der Scheune, das fast antike Herrenrad war ihm im Moment viel lieber und angenehmer. Der Frühling war im vollen Gange und wenn er in seinem Landlord- Outfit durch's Stätdchen fuhr, fühlte er sich so leicht und unbeschwert, fast jugendlich. Seit 6 Monaten war Mark nun schon in seiner Eigentumswohnung und hatte ganz von vorne angefangen. Er suchte auf den Trödelmärkten, stand den ganzen Tag nur in seinem Schuppen und restaurierte.Hier ging er völlig auf und liebte den Geruch von Holz, Bienenwachs und Balsam. Nun war die Wohnung fertig eingerichtet und er suchte nach einem neuen Projekt. Eigentlich hatte er reisen wollen, aber wenn man es mit niemandem teilen und geniessen konnte, hatte er auch darauf keine Lust.

Etwas zögerlich baute er die neue Staffelei auf, suchte Pinsel, Tiegel, Öl- und Aquarellfarben zusammen. ' Naja, vielleicht nicht gleich', dachte er. Noch hatte er kein Thema, kein Bild vor Augen. Unter ihm, im Erdgeschoss, flog mit lautem Knall die Wohnungstür in's Schloss.

Sie war stinksauer. Mit einem lauten Knall flog die Wohnungstür hinter ihr zu und sie humpelte in's Badezimmer. Tränen der Enttäuschung rannen ihr die Wangen herunter und laut fluchend hielt sie ihren Fuss in die Wanne. Was bildete sich dieser Idiot eigentlich ein? Sie hatte sich die Schuhe in seinem Auto von den Füssen genommen und die schmerzenden Zehen gerieben, als Frederik plötzlich anfing ihr Vorwürfe zu machen. Und irgendwie hatte er völlig recht, diese Tatsache machte sie noch wütender. Als sie sich beide nur noch angeschrien hatten, war sie aus seinem Auto geflüchtet, barfuss in einen riesigen Hundehaufen getreten und schrie ihm hinterher: " Ich kündige, fristlos!" Sie hasste ihren Job; niemals hätte sie in den Begleitservice einsteigen sollen, alles in ihr hatte sich dagegen gesträubt und widersetzt damals. Aber sie hatte letztendlich keinen anderen Weg gesehen und wollte sich damit vorerst zufrieden geben, bis sich Besseres bieten wollte.
Sich in einen Kunden zu verlieben war sowieso eine sehr schlechte Option. Sie schleuderte die dunkle Perücke quer durch's Zimmer, warf sich auf ihr französisches Bett und schluchzte hemmungslos.

Durch das Fenster waren die Klänge der Peer- Gynt- Suite zu hören; ganz langsam beruhigte sie sich, nahm ein Kissen in den Arm und schloss die Augen. Ein, zwei Stündchen Schlaf konnten nicht schaden, alles Andere musste nun eben warten.

Unsanft riss sie das laute Knattern eines Rasenmähers aus ihren Träumen. Sie zog sich die Decke über den Kopf, stülpte noch ein Kissen darüber, aber es war einfach zu laut. Entnervt warf sie das Kissen zur Seite und wühlte sich aus den Decken. Die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, in kurzen Jeans und einem karierten Hemd lief sie zu der Verandatür. Es war wohl der Nachbar im blauen Anton und buntem Base-Cap. Empört trat sie hinaus und rief:
" Müssen Sie ausgerechnet jetzt den Rasen mähen? Wissen Sie, wieviel Uhr es ist?" Verblüfft war Mark stehengeblieben und stellte den Motor ab. Das war C. Anderson ? Die, die immer tagsüber schlief und am Abend mit schwarzem Pagenkopf und völlig überschminkt, hochnäsig und achtlos an allen vorbeistelzte? Mit blonder Pony- Frisur und wippendem Pferdeschwanz stand sie nun vor ihm, die türkisfarbenen Augen weit aufgerissen vor Empörung, die Hände in die Hüften gestemmt und erwartete eine Antwort.
" Was ist", bellte sie," was starren Sie denn so?"
Er unterdrückte ein Lächeln, sah auf seine Uhr und meinte:
"Was ist gegen 16.00 Uhr einzuwenden? Ich habe Sie wohl gestört, das tut mir sehr leid. "
Mit offenem Mund und hochgezogenen Augenbrauen machte sie kehrt, ging wieder hinein und schloss die Tür. Sie hatte völlig übersehen, wie spät es schon war und vor allen Dingen, sie hatte zum ersten mal mit ihrem Nachbarn gesprochen. Unter der bunten Base- Cap hatte sie symphatischer und attraktiver Mann angesehen und erst jetzt wurde ihr bewusst, das er sie selbst so auch noch nie gesehen hatte. Camilla hastete in's Bad und erstarrte bei ihrem Anblick vor dem Spiegel. Mit Panda-Augen, mit völlg verschmiertem Make-Up hatte sie ihn zur Rede gestellt! Und schon fing sie wieder an zu heulen, wischte sich die Schminke aus dem Gesicht und verwünschte diesen Tag bis an's Ende aller Tage. Höchstpersönlich wollte sie in der nächsten Woche ihre Kündigung übergeben. Wie weitgreifend diese Entscheidung war, das war ihr sehr bewusst. Wovon sollte sie denn die hohe Miete bezahlen, die Versicherungen ? Mit einer E- Mail meldete sie sich erst einmal krank.
Dann setzte sie sich vor den Fernseher, schnappte sich eine grosse Tüte Gummibärchen und verbrachte den Abend auf dem Sofa.

Noch immer amüsiert sass Mark vor seiner Staffelei. Mit leichter Hand skizzierte er das Portrait einer jungen, blonden Frau mit grossen türkisfarbenen Augen und fliegendem Pferdeschwanz. Den ganzen Abend pinselte er wie besessen. Den letzten Schliff wollte er dem Bildnis bei Tageslicht geben.
Mit dem festen Vorsatz nun endlich auch ein paar Pflanzen für die Wohnung zu besorgen, ging er zu Bett.

Verdrossen sass Camilla mit einer Tasse Tee auf ihrer Veranda; nicht einmal dieser edle Darjeeling konnte ihre Laune an diesem Morgen heben. Bald würde sie für solche Extras kein Geld mehr haben, wenn sich nicht ganz schnell etwas änderte.
Der letzte Abend sass ihr noch in den Knochen und dachte ständig darüber nach, wie sie es wieder gut machen konnte und sich entschuldigen. Entschlossen nahm sie ihre Zutaten hervor, wog ab, rührte, fettete Backformen ein und hoffte das Beste.

Zufrieden sah sich Mark in seinem Wohnzimmer um. Ein paar Farne und die grosse Zimmerlinde schmückten doch ungemein. Wenn die Orchideen sich auch noch wohl fühlen konnten, dann war es nun wirklich sehr wohnlich und einladend.
Im Malerkittel tupfte er die Lichtreflexe der Augen seines Portraits auf und es erwachte wie von Zauberhand zum Leben. Er ging ein paar Schritte zurück. So ungefähr müsste es doch hinkommen, das war sie, seine wohl hübsche Nachbarin. Als er auch dem Mund sich noch zuwenden wollte, klopfte es leise an der Tür. 'Vermutlich die Post, aber warum so zaghaft', wunderte er sich fuhr sich ganz in Gedanken über Mund und öffnete. Schon wollte Camilla etwas sagen, als sie amüsiert den falschen Milchbart über der Oberlippe bemerkte.
" Oh, ich wollte nicht stören! Sie renovieren wohl gerade?" Er zeigte auf den Kuchen. " Ist der für mich? Ich liebe Schwarzwälder Kirschtorte. Möchten Sie hereinkommen?" Fast hätte sie die Torte fallen lassen, als sie im Wohnzimmer stand. Auf der Staffelei unter Linde stand dieses Portrait und es war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Verlegen stand er nun da.
" Gefällt es Ihnen? Was halten Sie davon?"
"Das ist ja.... wundervoll", sagte sie verblüfft.
" Kommen sie, bringen wir das appetitliche Kunstwerk in die Küche."
Sie schmunzelte in sich hinein; merkte er überhaupt, wie er sich artikulierte?
Beim vierten Stück Torte erfuhr er von ihrer Lage und meinte:
" Wie fit bist du in Büroarbeiten?"
"Ich habe Journalistik studiert, allerdings nicht abgeschlossen", wunderte sich Camilla.
"Ich wüsste da was, gib mir zwei Tage",nickte er kauend.
'Und überhaupt', dachte er, 'diese Gesellschaft ist überaus angenehm'.
Den nächsten Nachmittag verbrachten sie plaudernd im Garten und am Sonntag hatte er ein Vorstellungsgespräch in einem renomierten Zeitungsvertrieb für sie.
'Dieser Mann ist meine Rettung', dachte sie dankbar und atmete auf.
Von da an lief alles wie am Schnürchen; sie bekam den Job, warf die dunkle Perücke in die Tonne und brachte ihre Kündigung durch. Ihre Wohnung konnte sie behalten, alle Sorgen und Befürchtungen waren wie weggeblasen und es war die beste Entscheidung seit langem gewesen, sich Mark anzuvertrauen.
Und wenn er sie in den Armen hielt, dann wollte sie sogar denken, dass sich die Zeit des Wartens gelohnt hatte. Danke, liebes Leben, danke für diese wundervolle Chance - und sie dachten es beide.

Copyright Susanne Hagan

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48 Kommentare

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Hallo Susanne,
ich habe die Geschichte genossen! Bitte, mehr davon!!!
Liebe Grüße Johanna
  • 06.07.2017, 10:46 Uhr
  • 1
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Eine sehr schöne Geschichte, liebe Susanne!
So einfühlsam ge- und liebevoll jedes Detail be-schrieben.
Das ist Stoff für einen Sonntag-Abend-Film: "Herzkino"...
  • 04.05.2017, 23:22 Uhr
  • 1
Oh, da bist du ja Sei gegrüsst und versichert, wie ich diesmal schwitzen und über Papier fliegen musste. Hab ganz lieben Dank! <3
  • 05.05.2017, 02:15 Uhr
  • 1
...und es hat sich sichtlich gelohnt!
  • 05.05.2017, 08:59 Uhr
  • 1
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Toll !!!!
  • 04.05.2017, 10:16 Uhr
  • 1
Dankeschön und liebe Grüsse
  • 04.05.2017, 14:54 Uhr
  • 0
  • 04.05.2017, 18:56 Uhr
  • 0
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Susanne, das ist eine gelungene Geschichte...Sogar mit Happy End...
  • 03.05.2017, 22:03 Uhr
  • 2
Es braucht ein Happy End, oder die Geschichte ist noch nicht zu Ende - wie denkst du darüber ? Hab vielen lieben Dank
  • 04.05.2017, 14:53 Uhr
  • 1
Stimmt... Susanne, ohne Happy End ist jede Geschichte traurig...
  • 04.05.2017, 15:35 Uhr
  • 1
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Eine schöne Geschichte ..Manchmal werden auch die Träume wahr..
  • 03.05.2017, 20:45 Uhr
  • 2
Ja, und wohl dem, der sich auch auf das Wünschen versteht! Hab ganz lieben Dank
  • 04.05.2017, 14:51 Uhr
  • 0
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Super geschrieben
  • 03.05.2017, 15:54 Uhr
  • 1
Ich danke herzlichst
  • 04.05.2017, 14:48 Uhr
  • 0
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Sehr schön. Liest sich wunderbar. Zu schön, um wahr zu sein. Aber träumen ist erlaubt.
  • 02.05.2017, 23:12 Uhr
  • 1
Vielen lieben Dank
  • 04.05.2017, 14:47 Uhr
  • 1
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Wunderschön geschrieben - wie im richtigen Leben .
  • 02.05.2017, 21:39 Uhr
  • 1
Dankeschön, Willi
  • 04.05.2017, 14:46 Uhr
  • 0
Ehre wem Ehre gebührt .
  • 04.05.2017, 17:49 Uhr
  • 1
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Sehr angenehm zu lesen...bisschen mit Widererkennungseffekt...
  • 02.05.2017, 20:19 Uhr
  • 1
Alles erfunden, und Dankeschön
  • 04.05.2017, 14:46 Uhr
  • 0
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sehr schön.....
  • 02.05.2017, 19:12 Uhr
  • 1
Danke herzlichst
  • 04.05.2017, 14:45 Uhr
  • 1
Gerne
  • 04.05.2017, 15:02 Uhr
  • 0
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