wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?
Mein Lieblingsthema

Mein Lieblingsthema

22.05.2017, 19:42 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Mein Lieblingsthema,
ist das Leben mit all seinen Facetten. In jungen Jahren wurde es von der Sehnsucht nach Ferne und der Begegnung mit Schmetterlingen im Bauch oder was man dafür hielt bestimmt. Älterwerden hatte noch keine Bedeutung, zumal ich, als Doppelnachzügler in eine Familie hineingeboren wurde, wo alle Erwachsene im Durchschnitt über 40 Jahre alt waren. Kriege, Katastrophen, Wetter und Unwetter, Krankheiten, Abschiede, standen sie durch. Musik und Lust zum Feiern war die Grundstimmung. Politik brachte Unruhe in die Harmonie.
Das Thema Alter kam darin nicht vor.

All das prägte ihr Leben und damit auch meinen Weg. Vieles war mir ein Rätsel. Doch man dreht sich um, ist plötzlich dort wo man einst den anderen zugeschaut, sie pflegte wenn es Notwendig war, immer ein Lied auf den Lippen – bis es leiser wurde.
Und so glitt ich hinein in ein Thema, dass mich nicht loslassen will. Älterwerden mein Lieblingsthema? Warum nicht? Es gibt so viel zu entdecken, an sich selber, bei anderen, in Literatur und Verfilmung; Lieder, Gedichte, Biografien…

Noch immer ist mir das Unverständnis meines damaligen Umfeldes deutlich in Erinnerung. Ich hatte mich nach langjähriger Tätigkeit im Krankenhaus für die Arbeit mit älteren Menschen entschieden.
"Du entwickelst dich fachlich zurück", hieß es von Seiten der Ärzte und Mitschwestern. Ja selbst die ältere Generation meiner Familie, Nachbarn, war entsetzt, weil ich mich Ende 20 freiwillig für die „Alten“ entschied.
Sie riefen: „Was willst du denn bei den Alten?“ Dabei waren sie selber schon auf dem Weg dorthin.

Ich fand nichts dabei, denn die älteren Menschen machten mir keinesfalls Angst. Ich war jung, lebenslustig, von der Schwermut des Älterwerdens unberührt. Noch etwas kannte ich nicht Sätze, die ich voller Staunen, besonders von Quereinsteigern hörte:
„Die alten Leute sind so lieb, so dankbar, so hilfsbedürftig – so allein.“ Nichts von alledem hatte etwas mit dem Alter zu tun.
Diese Eigenschaften traf ich genauso häufig bei jüngeren Patienten im Krankenhaus an. Würden dort Weichen gestellt, gäbs vielleicht weniger Alte, die sich aus Müdigkeit vom Leben freiwillig ins Pflegeheim begeben oder in Verwirrtheit flüchten.
Ein Freund sagte einmal:“Die Flucht aus der Realität ist eine böse Krankheit.“ Hatte er Recht?

Mit 30 las ich „Das Alter“ von Simone de Bouvier.

Entsetzt stellte ich es in die hinterste Reihe meines Bücherregals, ein einziges Jammertal.
Inzwischen ist es nach vorne gerückt, ich bin älter geworden.

Meine Geschichten zeugen vom Wandel einer Gesellschaft, die dem Nutzwert eines Menschen immer mehr Raum gibt. Alter und Krankheit werden zum Experimentierfeld für Forschung, menschliche Ersatzteile bestimmen den Erhaltungswert.
Familienbande werden durch Entfernung legitim überdehnt, zerreißen. Doch auch zu viel Nähe zieht oft dem, der bei dem anderen sein will, den Glanz aus den Augen.

Wenn mir die Worte für das Geschehen um mein auferlegtes Lieblingsthema fehlen verdichte ich sie, schreibe Gedichte für mich. Nur für mich, weil viele sich erst dafür interessieren, wenn sie keine Wahl mehr haben. Dann schreiben sie hoffentlich auch Geschichten, Geschichten aus ihrem Leben, um sie an den Suchenden weiterzugeben. Wir brauchen die Geschichten der anderen, um selber Leben zu können.
Mir hilft es um Älterwerden zu verstehen, einzugreifen wenn den Schwachen und Abhängigen Unrecht geschieht - morgen könnte es uns treffen.

Und während ich schreibe denke ich: Ja es ist zu meinem Lieblingsthema geworden, dieses das Älterwerden und seine Möglichkeiten, selbst wenn man nicht mehr überall sein kann oder möchte.
Die Reise ins Innere lässt Weiten entdecken, die wie Inseln der Hoffnung auftauchen können.
© Margarete Noack 2017

12 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Danke für deinen Beitrag liebe Margarethe, gerade fürs Zeitalter des Millennium der Zukunft ist deine Betrachtungsweise unumgänglicher denn je. Die demografische Entwicklung ist wie Du bereits selbst erkannt hast, nicht nur als eine Herausforderung zu begreifen, sondern als Chance über die Hoffnung hinaus- eine Zeichensetzung für eine Zusammenführung aller Generationen. Denn ältere Menschen können viel in die Gesellschaft einbringen. Die Erfahrung, das Wissen, die Kenntnisse und Fertigkeiten- genau diese Schätze wieder hervorheben
und sie für aller Generationen nutzbar machen- die es älteren Menschen möglichst lange erlaubt, ein unabhängiges und eigenverantwortliches Leben zu führen.
  • 02.07.2017, 15:35 Uhr
  • 0
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Ich habe mich noch einmal
in Deinen Beitrag vertieft.
Du bist als Nachzügler auf die Welt gekommen,
das besagt vieles. Und du hast Dich
im Alter von etwa 30 Jahren entschieden,
in die Altenpflege zu gehen (vielleicht
war da die Illusion, die Welt retten zu wollen,
aber das bleibt Dein Geheimnis).

Stimmt, die Alten sind sehr oft mutterseelenallein
und in der Regel dankbar für jede Zuwendung.
Dein Umfeld hat Deine Entscheidung
damals nicht verstanden, denn alle waren
zu diesem Zeitpunkt bereits alt und
wußten was auf Dich zukommen würde.

Die meisten von uns werden in einem
Pflegeheim landen. Die Flucht in den
Suizid-Tourismus wird nur wenigen gelingen.

Reife bringt ein gewisses Gleichgewicht zwischen
Geist und Seele mit sich, aber nur -
wenn wir akzeptieren, dass wir älter werden.

Und auch hier kann ich Dir folgen -
und das sehe ich genau so, jeder von uns
ist verpflichtet einzugreifen, wenn
Alten oder Abhängigen Unrecht geschieht,
denn wenn es uns selbst geschieht,
IST DER MUT NICHT MEHR VORHANDEN.
  • 24.05.2017, 08:37 Uhr
  • 3
Bele,Bele,
ich fühle mich verstanden...und durchschaut
  • 24.05.2017, 11:41 Uhr
  • 2
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Ich habe den Beitrag mit Interesse gelesen. Was mir fehlt sind die Gründe, die zu der beruflichen Umorientierung geführt haben. Ich könnte mir vorstellen, dass Du in der Arbeit mit alten Menschen mehr Sinn gesehen hast.
An und für sich ist das Thema Älterwerden ein sehr vielschichtiges, was andeutungsweise bei Dir mit "Nutzwert" und "Ersatzteile" zum Ausdruck kommt. Bis auf die Feststellung, dass es zu wenig Pflegepersonal gibt, kommt das Thema in der gesellschaftlichen Diskussion kaum vor.
Buchtipp: Kuntze, Altern wie ein Gentleman
lg Helmut
  • 23.05.2017, 18:16 Uhr
  • 1
Danke Helmut,
ich dachte ich habe es begründet. Ich habe als Einstieg meine Familie erwähnt wo Älterwerden kein Thema war.
Mein Wechsel war zuerst darin begründet, dass ich als Krankenschwester vorwiegend mit jüngeren Menschen zu tun hatte und mal in einem Pflegeheim Erfahrungen machen wollte,
Doch dann habe ich die andere Seite vom Altwerden gesehen. Danach wollte ich es genauer wissen und habe alles in Bewegung gesetzt um mich weiterzubilden, nicht in einem 4 Wochen Demenzkurs, sondern ich bin tiefer in diese Thematik eingedrungen.
Dennoch, dein Kommentar gefällt mir weil er hinterfragt
  • 23.05.2017, 19:34 Uhr
  • 1
Hallo Margarete,
ich habe den Einstieg so nicht verstanden – ich bin ja auch nicht der Allesversteher. Aber wenn man nachrechnet: Als Du zwanzig warst, waren die „Erwachsenen“ in Deiner Familie schon um die sechzig, also schon alt, für seinerzeitige Verhältnisse.
Meine Einstellung zu den älter werdenden Menschen hat sich in den letzten Jahren ziemlich verändert, wobei ich Mühe habe, dies mit meiner christlichen Grundeinstellung zu vereinbaren. Da wäre noch Einiges an Aufklärungsarbeit zu erledigen. Zu einer Facette des Älterwerdens habe ich mal einen Vortrag gehalten: Alt und stur – muss das sein?, und dazu den gleichnamigen NDR-Fernsehbeitrag gezeigt. Leider kommt da 65+ nicht sehr gut weg.
lg
Helmut
  • 23.05.2017, 23:53 Uhr
  • 1
Hallo Helmut
ich habe mal recherchiert: "alt und stur" Jetzt verstehe ich woraus du dich nährst
https://www.welt.de/gesundheit/artic...werden.html
Wir haben zwar beide das Älterwerden in der Zielgerade, doch unser Ausgangspunkt ist unterschiedlich. Bei diesem Artikel von der Welt sträuben sich meine Nackenhaare: Sturheit und Bosheit als Vorzeichen für Demenz zu sehen...
Doch hier mache ich mal einen Strich. Wir können es gerne privat weiterführen - hier sprengt es die Schreibstube.
Es ist ein zu weites Feld. Deinen Vortrag würde ich gerne lesen - nein, es ist wirklich nicht mein Lieblingsthema. lg
  • 24.05.2017, 07:59 Uhr
  • 1
Du irrst, Margarete Ich habe ausschließlich den NDR-Beitrag vorgeführt und die Ergebnisse der darin erwähnten Studie in einer Power-Point-Präsentation vorgestellt bzw. zusammengefasst - alles wertfrei, damit eigene Verhaltensmuster dagegen gespiegelt werden können.
lg Helmut
  • 24.05.2017, 17:15 Uhr
  • 1
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Liebe Margarethe, ich habe deinen Bericht gerade gelesen und stimme dir in allem zu. Das Leben ist so vielfältig. Wenn man lange lebt ändert sich der Blickwinkel notgedrungen. Früher sorgten Oma und Opa sich um die Enkel, heute kommen sie in die Kita. Früher blieben die Alten in der Familie, heute ziehen sie ins Altersheim. Alles hat seine Vor und Nachteile. Ich weiß auch nicht welche Lösung besser ist. Gut dass es junge Menschen gibt, die schon früh reif werden und sich um ihre Mitmenschen kümmern. Ein sehr nachdenklicher Bericht für den ich Danke sage.
Liebe Grüße Marga
  • 23.05.2017, 09:50 Uhr
  • 2
Liebe Marga,
danke auch dir für deinen Kommentar. Er gibt mir neue Anreize für mein Thema.
Schreiben ist für mich mit Worten Menschen aufrütteln.
Ich habe deine Idee zum Thema bewundert. Ich denke schreiben ist auch Auftrag und jeder tut es mit seinen Worten.
Auch dir liebe Grüße Margarete
  • 23.05.2017, 20:15 Uhr
  • 2
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Liebe Margarethe,
Danke für Deinen Bericht, und
auch dafür, dass ich mir Gedanken
machen konnte.
Das Buch von Simone de Bouvier
hat mich sehr bewegt, erschreckt
darüber, was das Alter vor Jahren
bedeutete. Diese Grausamkeiten
kann man sich heute nicht mehr
vorstellen. Die Alten wurden erschlagen
oder mussten ihre Familien verlassen,
um in der Einöde zu sterben. Nur wer
Ehre, Ansehen oder Geld besaß,
wurde von der Familie geduldet.
Heute haben wir eine medizinische
Überversorgung und auch Alten- und
Pflegeheime. Allerdings steht Personal
kaum zur Verfügung, denn der Beruf
ist hart und wird nicht genügend
honoriert. Die Zeiten haben sich doch
sehr gewandelt, wir leben länger und
wollen alle bis ins hohe Alter gesund,
selbständig, aktiv und eben auch
attraktiv bleiben, wir wollen nicht nur
inhaltlich sondern auch optisch
mithalten können. Deshalb wird dieser
Trend "Bewegung und Wissen"
immer wieder neu ausgebaut und hat
uns alle längst erreicht. Ich glaube
wir haben Glück, in der heutigen Zeit
zu leben. LG Bele
  • 23.05.2017, 07:59 Uhr
  • 3
Liebe Bele,
es gab einmal den Versuch über die geschichtliche Entwicklung des Alters zu schreiben. Es sollte mehrere Bände umfassen. Es blieb nur bei einem. Ich glaube der Autor wurde von diesem Thema überwältigt. Bei meiner Anfrage wurde mir nur mitgeteilt, dass es keinen weiteren Band geben wird.
Ich denke bei diesem Thema kann man sich auch verlaufen.
Von Trude Unruh weiß ich, dass sie im Alter Dement wurde, gewordensein soll...
Mir gefällt wie du über das Thema nachdenkst. Ich bin sicher in jedem Jahrhundert gab es auch Menschen, die Freude an ihrem Leben hatten je nach dem in welchem Kontext sie lebten und leben müssen.
Danke für die Weite, die du mit deinem Kommentar eröffnet hast lg
  • 24.05.2017, 08:35 Uhr
  • 2
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.