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Erfurt, mein Name ist Luther

Erfurt, mein Name ist Luther

Hans-Herbert Holzamer
26.05.2017, 10:17 Uhr
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Als wir auf die Straße traten, war er schon da. „Gott zum Gruße“, sagte er, „darf ich mich vorstellen: Martin Luther.“ Normalerweise beeindrucken mich Kostümierte oder Uniformierte nicht. Die Vorstellung überfällt mich mit dem ersten Blick, dass das Gegenüber in der Weihnachtszeit mit rotem Mantel und Zipfelmütze durch die Innenstadt huscht. Jetzt hatte es eine schwarze Kutte an, das Outfit eines Mönches, mit dem passenden Strick als Gürtel. Doch dieser Mönch, der sich alsbald als Reiner Bosecker vorstellte, hatte nichts Dschingelbelliges an sich. Er ist in seiner Stadt, in Erfurt, eine stadtbekannte Größe. Ich tat gut daran, auf seine Ausstrahlung spontan zu reagieren, und mir die Witzchen, zu verkneifen, die mir auf der Zunge lagen.

Eine Flut von Informationen

Er musste sich nur einmal in der Futterstraße, in der wir standen, umdrehen, auf den Kaisersaal zeigen, und schon rauschte eine Flut von Informationen auf uns nieder, wer dort alles aufgetreten war, Paganini, Clara Schumann, Clara Wieck und Franz Liszt, Friedrich Schiller zur Uraufführung der Prosa-Fassung seines Don Carlos. 1808 findet auf Einladung Napoleons ein europäischer Fürstenkongress statt. Und Reiner Bosecker weiß, wer besonders eng mit dem russischen Zaren Alexander tanzte. Leider verhinderte der Ball den kommenden Krieg nicht.
Aber „unser“ Luther sollte uns anderes erzählen. Er, der eigentlich Trompeter ist, studierte in Weimar, war tätig in Potsdam und in Erfurt, wo er auch mit 66 Jahren noch zahlreiche Engagements hat. Und so schleppte er die Teilnehmer der „1. Pressesternfahrt Mitteldeutschland – das Herz der Reformation“ zur Krämerbrücke, an der jüdischen Mikwe, dem unter der Erde, neben der Gera gelegenen Ritualbad, vorbei. Die Landeshauptstadt Thüringens birgt in ihren Mauern unglaubliche Erinnerungen und Schätze. Lange sind die Zeiten vorbei, dass Erfurt nur eine Furt an der erdfarbenen Gera war. Allerdings der transeuropäischen Via Regia. Mächtig war sie. Über der Altstadt erhebt sich heute noch die Citadelle Petersberg, mit der der Erzbischof von Mainz, der ab 755 über das Bistum Erfurt regierte, versuchte die stolze Stadt in Schach zu halten. Sie war ein Juwel in der Krone seiner katholischen Besitzer. Acht Bastionen, jede Menge Kanonen, acht Meter dicke Mauern beeindruckten auch den französischen Kaiser. Bosecker wusste das alles. "Den freien Domplatz haben wir den alliierten Truppen nach der Völkerschlacht von 1813 zu verdanken”, sagte er, „2000 Franzosen flohen nach der Niederlage von Leipzig in die Festung, verfolgt von Österreichern, Preußen, Russen und Schweden. Die Festung fiel nicht, dafür brannten vor dem Dom rund 170 Häuser ab.” Hier findet heute der Markt im Schatten von Dom und Severi-Kirche statt.

Luthers Erfurt

Unser Topos war indes Luthers Erfurt, wo er 1501 sein Jura-Studium an der Universität Erfurt begann und wo er nach dem Erlebnis eines schrecklichen Gewitters und dem Versprechen, bei Überleben Mönch zu werden, 1505 ins Augustinerkloster eintrat. Dieses Kloster war unser Ziel, denn der Wechsel vom Studenten zum Mönch markiert den Beginn eines der größten und folgenreichsten Wandlungsvorgänge der Kirchengeschichte. Luther hatte ein ambivalentes Verhältnis zur Erfurter Universität, erzählte uns Bosecker. „Die Erfurter Universität ist meine Mutter, der ich alles verdanke.“ Diese hatte einen „international guten Ruf“, andererseits zitierte er den Reformator, die 1392 gegründete Alma Mater sei „nichts besseres gewesen denn ein hurhauß und bierhauß“ und diese „zwo lectiones“ hätten die Studenten „allda am fleißigsten gehört“.
Das Hauptgebäude der Alten Universität in Erfurt – das "Collegium Maius" – ist inzwischen wieder aufgebaut und, so heißt es: „atmet heute von neuem den Geist Luthers“. Schwer nachzuempfinden, einen widersprüchlichen Geschmack von Reaktion und Anarchie nehmen wir wahr. Studenten-Ausdünstungen. Wenn Luthers Geist der des freiheitlichen und gerechtigkeitssuchenden Widerspruchs war, dann ist er noch nicht zurückgekehrt. Jedenfalls hat sich Luther hier vor mehr als 500 Jahren immatrikuliert und an der Fakultät der Künste 1505 seinen Magister erworben.
Von Unterbrechungen abgesehen, währte Martin Luthers Aufenthalt im Augustinerkloster vom Sommer 1505 bis zum Herbst 1511. Dass der Kapitelsaal im Ostflügel der Klausur die Jahrhunderte – trotz mannigfacher Beschädigungen – überlebt hatte, erschien uns ein Wunder. Wie der Fund der Mikwe und des Erfurter Schatzes. Diese Stadt verbirgt noch vieles, diese Erkenntnis drängte sich während der Ausführungen Boseckers auf. Katharinenkapelle, Kreuzgang, der ehemalige Schlafsaal der Mönche, die rekonstruierte Lutherzelle. Alles materialisierte Geschichte.

Fließende Grenze

Natürlich ist die Grenze zwischen touristischer Aufbereitung und historischer Wahrheit gelegentlich fließend. Aber warum sollte es nicht so gewesen sein, wie es der Luther-Darsteller erzählte? Am 17. Juli 1505 klopfte Luther an die Pforte des Konvents der Augustiner-Eremiten. Daran gibt es nichts zu zweifeln.
Die Georgenburse, hier hat Martin Luther als Student gewohnt, die Michaeliskirche, hier hat er gepredigt. Der Mariendom, in einer seiner Kapellen empfing er im April 1507 die Priesterweihe. In der Barfüßerkirche hat Luther gepredigt, ebenso in der Kaufmannskirche.
Reiner Bosecker kennt hier jeden Fleck, weiß Geschichten zu erzählen, die man noch nicht gehört hatte. Über die innerstädtische „Luthermeile“ kann man auch alleine auf Erkundigungen gehen. Aber vieles bleibt dann unerklärt, vieles ungesehen, so die Lutherrose und andere Symbole in der Kirche des Augustinerklosters.
Luther verlässt Erfurt im Sommer 1511 zugunsten von Wittenberg. Gelegentlich kehrt er zurück, so im April 1521 auf seinem Wege nach Worms, am 7. predigt er in der überfüllten Augustinerkirche. Letztmals hält er sich 1540 in der Stadt auf.
Unser Martin Luther, Reiner Bosecker, lieferte uns wieder am Kaisersaal in der Futterstraße ab. Dort wartete schon eine Mitarbeiterin des städtischen Tourismusbüros auf uns. Artig überreichte sie ihre Visitenkarte: Kristin Luther, nicht verwandt.
Information:
Unter www.lutherfinder.de finden sich Exkursionen zum Reformator und seiner Zeit. Die "Lutherfinder" nehmen Gäste an die Hand, um sie durch die Stätten der Reformation zu führen, nicht nur zur Wartburg und in Erfurt.
www.lutherweg.thueringen-entdecken.de; www.luther-inthueringen.com; www.thueringenentdecken.de; www.lutherland-thueringen.de; www.luther2017.de.
Prospektmaterial sowie den Wanderführer „Auf Luthers Spuren“, gibt es kostenlos bei der Tourist Information Thüringen unter der 0361/ 37420 oder unter service@thueringen-tourismus.de. Die Tourist Information Thüringen,
Willy-Brandt-Platz 1, 99084 Erfurt, Tel. 0361-37420, Fax. 0361-3742388, Email. service@thueringen-tourismus.de, hält zudem Übernachtungsangebote und Reisearrangements bereit.

1 Kommentar

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Vor ein paar Jahren war ich in Erfurt und ich muss schon sagen,
Erfurt ist eine Reise wert. Allerdings bin ich der Meinung, dass
Martin Luther sehr vermarktet wird. Sein größter Verdienst ist,
dass er die Bibel übersetzt hat.
  • 26.05.2017, 10:34 Uhr
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