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Ein Schweizer Kaleidoskop der Kulturen: 4 große literarische Vertreter ihrer ...

Ein Schweizer Kaleidoskop der Kulturen: 4 große literarische Vertreter ihrer Zunft

Partner Tipp
18.07.2017, 13:30 Uhr
Beitrag von Partner Tipp

Schweiz - Ein Land der Dichter und Denker? Eher würde man die Attribute mit dem großen deutschen Nachbarn jenseits der Alpen assoziieren. Und doch: Abseits der gängigen Profan-Klischees von Uhren, mondänen Skiresorts und Käsefondues hat die Eidgenossenschaft weit mehr an Kultur von internationalem Rang zu bieten – bedeutende zeitgenössische Autoren etwa.

Ja es gibt sie, die Muschgs, Bichsels, Schweikerts, um nur einige zu nennen.
So unterschiedlich, wie mitunter ihre kulturellen und sprachlichen Wurzeln auch sein mögen, so haben sie doch eines alle gemeinsam: Das feinsinnige Gespür für die mitunter monströse Macht des Wortes.

Was ist das Schweizerische an Schweizer Literatur?

Die großen Frischs und Dürrenmatts des 20. Jahrhundert haben es literarisch vorgelebt und ein scheinbar übermächtiges kulturelles Erbe hinterlassen, das anzutreten großer intellektueller Herausforderung bedurfte.

Doch wer einst glaubte, ein Peter Bichsel oder Adolf Muschg wären dazu nicht in der Lage, in die schier übergroßen literarischen Fußstapfen zu treten, sah sich schnell eines Besseren belehrt. Sie alle haben erheblich zur weltweiten Anerkennung deutschsprachiger Literatur beitragen können und sind dabei doch nur Protagonisten einer literarischen Fraktion, deren Identifikation mit der Schweizer Literatur an sich die kulturelle Wirklichkeit einer Eidgenossenschaft nur fragmentarisch wiedergeben würde.

Denn „Die Schweizer Literatur“ gibt es genauso wenig, wie es eine einheitliche Schweizer Landessprache gibt. Das Land hat sich eine literarische Splitter-Tradition erschaffen, die sich in allen vier Nationalsprachen weiterentwickelt hat. Einigen kulturellen Vereinheitlichungstendenzen in der Nachkriegszeit zum Trotz hat sich der freie literarische Geist keinen nationalen Sprachdiktaten und räumlichen Grenzen unterwerfen lassen und sich der sprachlichen Diversifikation angeglichen. So steht die Literatur der Deutschschweiz in enger Wechselbeziehung zur Literatur des gesamten deutschen Sprachraums, und Entsprechendes gilt für die französisch- und italienischsprachige Literatur der Schweiz.
Zwar haben Der Besuch der alten Dame oder Homo Faber große monumentale Schatten geworfen, aber Werke wie Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen oder Die Jahreszeiten haben in der Nachkriegs-Schweiz wie auch im kulturbeflissenen Rest der Welt Zeichen gesetzt, die ihren Schöpfer, Peter Bichsel, zur ersten Riege der Schweizer Literaturschaffenden der Gegenwart und republikanischer Mahner in der Nachfolge von Max Frisch befördert haben.
Von vielen großen Schriftstellern wie Goethe, Twain oder Saint-Exupéry bleiben am Ende hauptsächlich wenige, aber starke Zitate in Erinnerung, in die nicht selten ihre gesamte komplexe Persönlichkeit hineininterpretiert wird. Oftmals zeichnen sich die begnadeten Schreiberlinge durch einen außergewöhnlichen Charakter oder andere Eigenwilligkeiten aus. Ein ungewöhnlicher Kleidungsstil, eine lockere Lebensweise oder auch erfolgreiche Aktivitäten auf anderen Gebieten – ein gewisses Maß an Andersartigkeit scheint zu den genialen Köpfen dazuzugehören.

Meister der kleinen Form – Peter Bichsel

Und gerade jener Peter Bichsel ist denn auch ein markantes Beispiel dafür, dass sich hinter berühmten Schriftstellern häufig mehr verbirgt als ein erfolgreicher Roman oder ein kluges Zitat. Denn eigentlich wollte der gebürtige Luzerner ursprünglich alles andere werden, nur nicht Schriftsteller: Viele Jahre als Lehrer tätig, träumte er von einem freien, ungezwungenen Dasein jenseits zivilisatorischer Normen: Abenteurer wollte er sein, Clochard gar, der von Ort zu Ort zieht und als notorischer Vieldenker und politisch Intellektueller seine Vorstellungen von Politik und Gesellschaft in die Welt hinausträgt, um dabei ebenso viele Fragen zu stellen.

Doch gekommen ist – dem Schicksal sei Dank – alles anders. Oder vielleicht doch nicht, denn als Berater seines Freundes und Schweizer Bundesrates Willy Ritschard konnte sich der selbstbekennende „Wenigschreiber“ vor allem auch Kolumnen und Essays widmen, die sich nicht selten mit politischen und gesellschaftskritischen Themen befassen.

Im literarischen Schweizer Gedächtnis verhaftet ist er heute jedoch schon als Könner darin, mit wenigen Worten viel zu sagen. So tummelt er sich bevorzugt in seinem Metier von Kurz- und Kürzestgeschichten, die meisten seiner Texte sind höchstens ein paar Seiten lang.
Einen großen und wichtigen Teil seines Werkes bilden aber auch die Kolumnen, die er zunächst in der Weltwoche und später in der Schweizer Illustrierten veröffentlicht, für die er heute noch schreibt.

Bichsel wäre eben nicht Bichsel, wenn er nicht stets versuchen würde, komplizierte Sachverhalte mit einer ihm ureigensten schnörkellosen Sachlichkeit und klaren Sprache darzustellen, ohne sich dabei in Erklärungsnöte zu verlieren.

Sprachengenie und mediale Meisterin - Anne Cuneo

Daran und an seinen vielseitigen Interessen lässt sich Bichsel ebenso direkt erkennen, wie auch die vor zwei Jahren verstorbene Anne Cuneo alles andere als ausschließlich schriftstellerisch tätig war - markante Spuren im französisch sprechenden Teil der Schweizer Literaturlandschaft hat die gebürtige Pariserin trotzdem hinterlassen.

Mehr noch: In der Tradition des großen Charles-Ferdinand Ramuz stehend, gehört die italienisch-stämmige Autorin neben Größen wie

• S. Corinna Bille
• Jeanne Hersch oder
• Yvette Z’Graggen

über die französischsprachige Romandie hinaus zu den wohl bekanntesten Schriftstellerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts.

Knapp 25 teils historische Romane, viele Essays und Artikel hat die passionierte Film- und Bühnenautorin in ihrem abwechslungsreichen Leben geschrieben, darunter Meilensteine wie

• Der Lauf des Flusses (Le Trajet d’une rivière) oder
• Eine Messerspitze Blau (Une cuillerée de bleu: chronique d'une ablation).

Und das, obwohl sie viele Jahre auch in der Werbung, als Sprachlehrerin – Cuneo hatte drei Muttersprachen – und Telefonistin arbeitete.

Auch konnte sie sich als Journalistin für das Téléjournal des Westschweizer Fernsehens in Genf und Zürich sowie als Regisseurin von Dokumentarfilmen über eine Reihe von schweizerischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts wie

• Friedrich Glauser (1995)
• Adrian Frutiger (1999)
• Anne-Marie Blanc (2001)
• Ettore Cella (2002)
• Ferdy Kübler (2003) und
• Max G. Bollag (2007)

einen Namen machen.

Wie Bichsels Jargon auch, nur in anderer Sprache, zeichnet sich die Sprache der meistgelesenen Autorin der Westschweiz durch eine direkte Ansprache und Sachlichkeit aus. Sie will jenseits von Pathetik und Erklärungsversuchen Sachverhalte beschreiben, befeuert von ihrem tiefen Interesse für Zeitgeschichte und psychologischer Tiefenanalyse gesellschaftlicher Randgruppen.

Lyrik und Humor - Anna Felder

Die gleiche Berufung und Passion des Lehrberufs verbindet denn Anne Cuneo wiederum mit eine der namhaftesten zeitgenössischen Vertreterinnen der neben italienischsprachigen Schweizer Literatur, Anna Felder.

Die 1937 in Lugano geborene studierte Romanistin gehört neben der drei Jahre jüngeren Zürcher Fleur Jaeggy und dem sieben Jahre jüngeren, ebenfalls in Lugano geborenen Gilberto Isella zur ersten Riege der italienischen Literatenzunft, die traditionell eher ihren italienischen Kollegen nahestehen und vielfach in Italien besser bekannt sind als in ihrer Heimat.
Umrahmt von Vertretern einer jüngeren Schriftsteller-Generation um

• Fabio Geda
• Fleur Jaeggy
• Fabio Pusterla

steht sie in der Tradition des wohl einflussreichsten und wichtigsten Lyrikers des 20. Jahrhunderts, Giorgio Orelli. Dieser hatte sich zeitlebens intensiv mit Goethe-Übersetzungen ins Italienische beschäftigt und war 1988 unter anderem auch dafür mit dem Großen Schillerpreis ausgezeichnet worden - nach vielen Ehrungen in der Schweiz und in Italien auch die damals wichtigste Schweizer Literaturauszeichnung.

Als Tochter eines Deutschschweizer Vaters und einer italienischen Mutter aus der Provinz Bergamo studierte Anna Felder neben Literatur (Zürich, Paris) auch Lyrik beim Schweizer Schriftsteller und Lehrer Pericle Patocchi und kann ähnlich wie Anne Cuneo auf ein umfangreiches Oeuvre zurückblicken - angefangen von Erzählungen, Hörspielen über Theaterstücke bis hin zum Roman.

Auch sie wurde gleich zweifach mit dem Schillerpreis ausgezeichnet, 1998 gar in der Kategorie „Gesamtwerk“.

Zu ihren bekanntesten Werken gehören

• Quasi Heimweh (Tra dove piove e non piove, 1972)
• Umzug durch die Katzentür (La disdetta, 1974)
• Die nächsten Verwandten (Gli stretti congiunti, 1980)
• Hohe Hochzeit (Nozze alte, 1981)
• No Grazie (Nati complici, 1999) und
• Die Adelaiden (Le Adelaidi, 2007)

Felders Sprache zeichnet sich durch ihre Vielschichtigkeit aus, mal poetisch stilvoll wie in Die Adelaiden, mal mit einer Prise Humor wie in No Grazie. Ihre Geschichten kreisen immer wieder um Beziehungen: Zwischen Menschen, die zusammenleben, zwischen Nachbarn oder zwischen Fremden, die sich zufällig begegnen und durch einen Blick, eine Geste, ein Detail zu Verbündeten werden.

Naturbursch und Philosoph - Leo Tuor

Als vierte offizielle Schweizer Landessprache verbinden die verschiedenen Dialekte und Idiomen das romanische Sprachgut von rund 35'000 Bündnerinnen und Bündner, die sich rätoromanische Kultur seit dem Mittelalter bewahrt haben und bis heute pflegen.

Dementsprechend hat sich als vierter Zweig auch eine rätoromanische, literarische Tradition herausgebildet. In ihrer Folge gehört vor allem der für die Surselver Trilogie (Giacumbert Nau (1988), Onna Maria Tumera (2002), Settembrini (2006)) bekanntgewordene Graubündener Leo Tuor neben

• Gian Fontana
• Theo Candinas

und den jungen

• Flurin Spescha
• Arno Camenisch

zu den bedeutendsten, modernen Vertretern.

1959 geboren, studierte Thuor Philosophie, Geschichte, Literatur in Zürich, Freiburg und Berlin und arbeitete von 1981 bis 85 als Redakteur der rätoromanischen Zeitschrift la Talina. 17 Sommer verbrachte er als Schafhirt auf der Greinahochebene, die urwüchsige Bergwelt ist überhaupt Hintergrund und Leitthema zahlreicher seiner Werke. So spielen die Berge nicht nur in seinen Romanen eine zentrale Rolle, mit dem Leben in den Bergen hat sich Leo Tuor immer auch essayistisch auseinandergesetzt.

Laut Deutschlandradio Kultur gehört Thuor zu den größten zeitgenössischen Vertretern einer rätoromanischen Autorengilde – und das nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass seine Romanwerke ein ihm eigenes, kraftvolles und unverwechselbares Gepräge tragen: Voller Hintersinn, leichtfüßig, aber auch witzig und gespickt mit literarischen Zitaten aus allen Epochen.

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