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Kunst verstehen: John Everett Millias ein britischer „Raffael“?

Kunst verstehen: John Everett Millias ein britischer „Raffael“?

Volker Barth
19.08.2017, 22:01 Uhr
Beitrag von Volker Barth

Die Weltliteratur eines William Shakespeare und die geniale Maltechnik des Präraffaeliten John Everett Millias schenkten im 19. Jahrhundert der Kulturgeschichte ein besonders sinnliches Bild. Es ist ein Ölgemälde mit dem poetischen Titel „Ophelia“, gehört zur Tate Britain in London, wurde 1851 bis 1852 gemalt und besitzt ein Format von 76 mal 112 Zentimeter.

Ist John Everett Millias nun ein britischer „Raffael“? Nicht ganz - dafür war er aber ein Wunderkind der englischen Malerei, so wie es ein Wolfgang Amadeus Mozart in der Musikgeschichte war.

Schon mit drei Jahren begann John Everett Millias zu zeichnen, mit elf erreichte er die Aufnahme in die Kunstschule der Royal Academy, mit vierzehn gewann er erste Preise. Im Alter von neunzehn Jahren gründete er „The Pre-Raphaelite Brotherhood, PRB“ mit seinen Mitstudenten William Holman Hunt und Dante Gabriel Rossetti. Es war eine Reaktion auf die starre akademische Tradition der englische Malerei während der Regentschaft von Königin Viktoria und geschah 1848 im Wohnhaus von Millais’ Eltern. Als Erkennungszeichen sollten alle Gemälde mit „PRB“ signiert werden, ohne dass man die Bedeutung dieser Abkürzung der Öffentlichkeit preisgab.

Die präraffaelitische Bruderschaft

Die drei Royal Academy Künstler strebten nun nach einer völlig neuen Malerei, der nicht mehr die Renaissance sondern die freie Kunst des Mittelalters (vor Raffael !) als Vorbild diente und ließen sich von dem einflussreichen Kunsthistoriker John Ruskin leiten.

Die Gemälde der Präraffaeliten waren farbenfroh, naturnah, gesellschaftskritisch und enthielten eine deutliche Symbolsprache sowie literarische Bezüge. Die Bruderschaft löste sich aber bald wieder auf - aber ihre Ideen wurden von den englischen Avantgarden übernommen.

Der Name „Präraffaeliten“ bezog sich sogar auf eine anfänglich kritische Ablehnung von Raffaels „klassischer“ Malerei. Es wurde vielmehr die Kunst des späten Mittelalters als vorbildlich erklärt und die Forderung erhoben die Natur müsse „über“naturalistisch dargestellt (eine Kampfansage an die damals noch „junge“ Fotografie) werden. Hinzu ergab sich die glückliche Fügung, dass in den 1840er Jahren ganz wichtige Werke der altniederländischen und italienischen Malerei, den Weg in die National Gallery London fanden, so z.B.: im Jahre 1842 die Arnolfini-Hochzeit von Jan van Eyck (Bildbesprechung in wize.life.de vom 15. Oktober 2016).

Die Präraffaeliten nahmen sich auch die Werkstatt-Praxis der Frührenaissance-Maler zum Vorbild, so wie es früher auch die „Nazarener“ taten. Übrigens: als nazarenische Kunst wird eine romantisch-religiöse Kunstrichtung bezeichnet, die deutsche Künstler zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Wien und Rom gründeten. Es waren unter anderem Franz Pforr, Friedrich Overbeck (anfänglich „Lucasbrüder“ nach dem Schutzpatron der Maler genannt), Schnorr von Carolsfeld, Carl Philipp Fohr und weitere). Man stand dem Katholizismus überwiegend nahe, aber auch einige konvertierten - Hintergründe waren gesellschaftspolitische Umbrüche der napoleonischen Ära.

Eine außergewöhnliche Freundschaft

Der englische Schriftsteller John Ruskin schrieb um 1860 eine mehrbändige „Geschichte der modernen Malerei“ und nahm somit eine bedeutende Stellung im englischen Gesellschaftsleben ein. Weiter war er ein großer Förderer und Sammler des Malers William Turner. John Ruskins Verteidigung änderte 1851 sogar die öffentliche Meinung im „Bildskandal“ um die Präraffaeliten. Es entstanden Freundschaften zu Dante Gabriel Rossetti und eine „schwierige“ zu John Everett Millias. Schließlich heiratete er die Frau von John Ruskin (Effie Gray), aber das Verhältnis zum Kunstkritiker war weiterhin sehr positiv.

Zu den Bildern der Galerie

Nach all diesen biografischen Ausführungen muss nun John Everett Millias grandioses Meisterwerk „Ophelia“ vorgestellt und besprochen werden. Das Motiv stellt die gleichnamige Figur aus William Shakespeares Tragödie „Hamlet“ dar, wie sie in einem Fluss treibt, kurz bevor sie ertrinkt. Im Stück wird dieses in der Rede (4. Aufzug, 7. Szene) von Hamlets Mutter Gertrude beschrieben.

John Everett Millias Gemälde der ertrinkenden Ophelia galt als eine der detailtreuesten Naturstudien, die je geschaffen wurden. Den Hintergrund von „Ophelia“, Halm für Halm, Blüte für Blüte malte John Everett Millias am Ufer des Hogsmill River in Rwell, Surrey in mühsamer, wochenlanger Arbeit. Während des Malens in der Natur hatte er einige Schwierigkeiten. In einem Brief berichtete er von der Belästigung durch Mücken, einer Vorladung vor den Magistrat für unbefugtes Betreten eines Feldes sowie von dem Risiko, von einem Windstoß ins Wasser geweht zu werden. Als es im November 1851 stark zu stürmen und zu schneien begann, ließ er sich eine Strohhütte bauen.

Das Gemälde wurde in zwei Schritten angefertigt: Zuerst malte er vor Ort die Landschaft und dann im Studio die Figur der Ophelia. Im Winter 1851/52 malte dann John Everett Millais die Gestalt der „Ophelia“ in seinem Studio (Gower Street 7, London). Als Modell wählte er die Künstlerin Elizabeth Eleanor Siddal aus. Laut damaliger "Yellow-Press" posierte sie für das Bild voll bekleidet in einer Badewanne, zog sich aber infolgedessen eine schwere Erkältung zu: John Everett Millais war wieder einmal stark mit seinem Werk beschäftigt, als er vergaß, die Kerzen auszutauschen, die unter der Wanne standen und das Wasser erwärmten. Ihr Vater drohte dem Maler mit rechtlichen Schritten, bis dieser zustimmte und die Arztrechnung beglich.

Natur als Vision

Die Blumen des Gemäldes wurden nach Shakespeare-Angaben gemalt, spiegeln aber auch das victorianische stark verbreitete Interesse an der "Blumensprache" wider. Auch Ophelias Pose, die Arme geöffnet gen Himmel zu strecken, erinnert an Heilige und Märtyrer - muss aber auch erotisch(!) interpretiert werden.

"Ophelia" ist ein poetischer weiblicher Vorname, der aus dem Griechischen stammt und opheleia = „Hilfe, Beistand“ bedeutet. Und bei Hamlets zweitem Nebenerzählstrang handelt es sich um das Liebespaar "Hamlet & Ophelia". Als Polonius seiner Tochter den Umgang mit Hamlet verbietet und Ophelia zum Ausspionieren Hamlets missbraucht, erzwingt dieser die Trennung von der Geliebten. Als Hamlet Polonius versehentlich tötet und von Claudius nach England verbannt wird, verzweifelt Ophelia und kommt zu Tode (Selbstmord oder Unfall ist endgültig nicht geklärt!).

Jesus im Hause seiner Eltern

John Everett Millais „Jesus im Haus seiner Eltern“ (1849/50) löste bei seiner Ausstellung im Frühjahr 1850 einen der größten Skandale der Royal Academy aus und schockerte das zeitgenössische Publikum. Als zu realistisch in seiner Malerei, aber auch zu konträr in seiner theologischen Aussage wurde es vom Publikum verurteilt. Einer der schärfsten Gegner war der Schriftsteller Charles Dickens. Er „giftete“: „Ein abscheulicher, schiefhalsiger, flennender Rotschopf im Nachthemd“. Und zur Maria: sie sei „so abstoßend in ihrer Häßlichkeit, daß sie noch im ordinärsten französischen Tingeltangel und der heruntergekommensten englischen Kaschemme als Monstrum herausragen“ würde.

Die Gemälde-Szene spielt in der Tischlerei des Josef von Nazaret. Er als älterer Herr beugt sich zum Jesusknaben. Der linke Junge, der so unbeholfen das Wasser bringt, soll "Johannes der Täufer" sein.

John Everett Millais kreierte eine Phantasieszene aus Jesus Kindheit, die in vielerlei auf dessen Lebensweg und die Passion hinweist. Durch die Tischlerwerkstatt werden einige „religiöse“ Sinnzusammenhänge von John Everett Millais geschickt kombiniert. So fällt ein Tropfen Blut von Jesus Hand auf seinen Fuß und ersetzt die Stigmata; ebenso verweist die Leiter im Hintergrund sowie die zwei präsenten Nägel auf der Holzplatte an „Arma Christi“. Das Dreieck über Christus Kopf deutet die Dreieinigkeit an - auch die Taube, die auf einer Sprosse der Leiter sitzt, passt dazu.

Die inzenierte Szene zeigt Jesus in einem weißen Gewand mit rötlichen Haaren (irisch?). Während die Personen im Hintergrund weiterhin ihrer Arbeit nachgehen, hat die auf die Knie gefallene Mutter Maria bereits eine „Beweinungsgeste“ eingenommen und weist auf Jesus zukünftiges Schicksal hin.

„Isabella“ inspiriert von einem Gedicht John Keats wurde 1849 von John Everett Millias als erstes präraffaelitisches Bild in der Royal Academy ausgestellt.

In der Bildergalerie folgt dann noch ein John Everett Millias Schwarzweißfoto von ca. 1830

Kurzbiografie des John Everett Millias

Am 8. Juni 1829 wurde John Everett Millias in Southampton geboren. Als jüngster Student in der Geschichte der Royal Academy begann er 1840 sein Kunststudium. Drei Jahre später gewann er eine Silbermedaille für sein zeichnerisches Talent und 1847 eine Auszeichnung in Gold. Und 1848 wurde in seiner Wohnung „Gower Street“ die „Pre-Raphaelite Brotherhood“ gegründet. Der Schriftsteller, Maler und Kunsthistoriker John Ruskin wurde auf ihn aufmerksam. Im Jahr 1853 besuchte John Everett Millias dann Schottland auf Einladung John Ruskins, den er porträtierte und dessen Frau „Effi“ Gray. Millias und Effie verliebten sich und heirateten am 3. Juli 1855. Um dem Skandal in der Londoner Gesellschaft zu entgehen, lebten beide weiter bis 1861 in Schottland. Das Paar bekam acht Kinder. Hier entstanden Illustrationen für Magazine und Bücher, die bis heute in Großbritannien geschätzt werden. Das Ehepaar kehrte dann nach London zurück, fertigte Prominenten-Porträts und fand damit große gesellschaftliche Anerkennung. Im Spätherbst aber ging es mit der Familie jährlich wieder nach Schottland. Im Jahre 1896 wurde John Everett Millias Präsident der Royal Academy - verstarb aber schon am 13. August des gleichen Jahres. Seine letzte Ruhestätte fand er in der St. Pauls Kathedrale zu London.

Links:

(Sir John Everett Millias - Biografie - engl.)
https://en.wikipedia.org/wiki/John_Everett_Millais

(Pre-Raphaelite Brotherhood - engl.)
https://en.wikipedia.org/wiki/Pre-Ra...Brotherhood

(Nazarener (Kunst))
https://de.wikipedia.org/wiki/Nazarener_(Kunst)

(John Ruskin - Biografie)
https://de.wikipedia.org/wiki/John_Ruskin

(Tate Gallery)
https://de.wikipedia.org/wiki/Tate_Britain

Map-Data: Tate Britain, Millbank, London SW1P 4RG

7 Kommentare

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Danke für diesen ausführlichen Beitrag, der uns viel wissenswertes vermittelt. Die Bilder kann man auch im Museum bewundern, aber mich interessiert der Mensch, der hinter der Kunst steht.
  • 29.10.2017, 11:48 Uhr
  • 1
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Warum fasziniert dieses Bild so sehr das man die Schwere, der Tragik, der selbst Auslöschung des jungen Lebens gar nicht wahr nehmen kann?
Weil es so lebendig, so perfekt inszeniert und gemalt ist oder weil wir uns ein schöne Tod wüschen?
  • 22.08.2017, 08:56 Uhr
  • 1
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Wenn ich Deine Kunst-Betrachtungen lese, lieber Volker, empfinde ich immer, dass Du die Leser vielleicht ein wenig mit zu vielen Informationen überforderst.
Natürlich möchtest Du die 'Zuschauer' mit allen notwendigen Details versorgen, der Biographie des Malers, seinen Vorstellungen von verschiedenen Kunstrichtungen, seinem Erfolg.

Mir genügt zuerst das Bild allein, das Motiv, das Thema, die Technik.
Ich finde diese Ophelia außerordentlich ausdrucksvoll, das Gesicht, die halb geöfneten Augen, die rührend anmutende Handhaltung und besonders auch das Muster des Kleids.

Leider steht die Malerei in der Hierarchie der Künste bei mir hinter der Musik und der Literatur, und eigentlich kenne ich nur Turner und William Blake, von dem ich als Studentin in der Tate Gallery ein paar B ilder gesehen habe.
  • 21.08.2017, 19:38 Uhr
  • 1
Volker Barth
Es ist ganz lieb einen solch reichhaltigen Kommentar zu schreiben. Der Tipp "vielleicht zu viel Information" ist auch bei mir in gedanklicher Arbeit, aber das "Fleisch" ist schwach. Es ist schon etwas "Wahres" dabei - wie gesagt, danke und ich bin beim "Beherzen"! Liebe Grüße von wize.life-Nutzer
  • 21.08.2017, 21:19 Uhr
  • 0
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Interessante Bildbeschreibung! Ein wunderbares Bild, das nicht nur mit einer unglaublichen Präzision der Malkunst angefertigt wurde sondern auch dazu noch eine dramatische Geschichte beeinhaltet. Bravo !
  • 21.08.2017, 11:13 Uhr
  • 1
Volker Barth
Danke für Deinen präzisen Kommentar von wize.life-Nutzer
  • 21.08.2017, 20:16 Uhr
  • 0
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vielen Dank Volker
  • 20.08.2017, 11:16 Uhr
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