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Andrzej und sein Glücksbringer

Andrzej und sein Glücksbringer

04.09.2017, 23:30 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Barfuss lief Andrzej über den stoppeligen Acker und las die einzelnen Ähren und Körner auf, die nach dem Sicheln und Bündeln liegengeblieben waren.
Mit schwieligen, nackten Füssen maß er Meter für Meter und sammelte in ein großes , grobes Tuch, das er um die Hüften gebunden trug. Grollend schoben sich die dunklen Wolken immer dichter ineinander und er beeilte sich , so gut es ging. Alles Korn, das liegen blieb, würde nach dem Regen aufquellen, aufkeimen und höchstens noch zur nächsten Suppe taugen oder verderben.

Der untersetzte Junge sah prüfend in den drohend verhangenen Himmel und begriff, dass es nun schnell erledigt sein musste oder die Familie würde darunter leiden müssen.
Mit fliegenden, unbeholfen zu kurz geratenen Händen und schwerer Zunge, die ihm ständig etwas aus dem Mund hing, tat er sein Bestes und kämpfte gegen den starken Wind an, der die völlig ausgetrocknete Krume aufwirbelte, sodass der Staub in den Augen brannte und er ständig immer wieder ausspucken musste, weil ihm Zunge und Lippen völlig verklebten.

Tapfer kämpfte er gegen das aufkommende Unwetter an, als die ersten schweren Tropfen sein einfaches, gewobenes Hemd durchnässten und der Ackerboden dick, bis an die Knöchel, an den Füssen verklumpte. Er knotete sein Tuch fest zu und lief schwerfällig zurück an den Waldesrand, wo die arme Holzhütte seiner Grossmutter stand. Mit beiden Armen umschlang er das grobe Bündel, um die wertvolle Fracht zu schützen. Grelle Blitze zuckten vom violettfarbenen Himmel herunter und der Junge rannte wie um sein Leben, als die Wassermassen auf ihn nieder prasselten und der Himmel sich gebärdete, als sei es der Weltuntergang.

Mit einem Sprung rettete er sich unter das hölzerne Vordach der Veranda, zwei Stufen hinauf. Andrzej wusste zwar, dass es ihn nur vor Regen und nicht vor Blitzschlägen schützen konnte, aber er beobachtete mit Vergnügen das finstere, zuckende Gebaren, streckte die lehmverschmierten Füsse hinaus in den Regen und wackelte mit den Zehen; die schweren Donnerschläge, das laute Krachen und Rumpeln, das elektrisierte und zuckende Firmament lockten ein glucksendes Lachen in ihm hervor und lustig blitzten seine kleinen Äuglein mit dem Unwetter um die Wette. Was sollte ihm schon geschehen, dachte er, tastete nach seiner Hasenpfote und fühlte sich in völliger Sicherheit.

Vor flackernden Opferkerzen knieten die alte Anna, der Bauer und der kleine Hans im Inneren des Holzhäuschens.
" Gegrüsset seist du, Maria voll der Gnaden, der Herr ist mit dir ...", beteten sie mit monotonen Stimmen immer wieder, und hofften das Unwetter würde sie verschonen. In der verrusten Feuerstelle glimmten noch ein paar Holzscheite und ein wenig Wasser für den Kornbrei köchelte auf dem Rost vor sich hin. Der Sturm riss an den verschlossenen und ächzenden Fensterläden, heulte laut durch den Kamin und ängstlich drückte sich der kleine Junge an die Gossmutter, die Perle für Perle ihres Rosenkranzes durch die schmalen Finger gleiten lies.

Noch immer regnete es sintflutartig; das meiste Wasser sickerte sofort in den rissigen Boden und das Regenfass rann übervoll in das Rübenbeet.
Leise hörte Andrzej, wie sich die alte Frau und der Bauer zankten und dabei immer lauter wurden.
" Schweig !", brüllte der Bauer schließlich, " es wird so gemacht, wie ich es gesagt habe. Der Junge kommt in Lohn und Arbeit zum Schaible- Bauer. Zu mehr wird es nicht reichen mit seiner schwachsinnigen Art. Zum Teufel mit diesem Balg, nichts als Ärger mit ihm und er frisst einem die Haare vom Kopf !"

Entsetzt hörte er, was mit ihm geschehen sollte, rappelte sich auf und hastete durch den Regen, bis in den hintersten Stall, wo er zwischen den Gänsen in der Ecke am Boden kauerte. Immerzu schaukelte er vor sich hin, hielt sich die Ohren zu, die versilberte Hasenpfote in der Faust und wimmerte. Der Talisman hatte in seinem Körbchen gelegen, als der Säugling bei Nacht und Nebel vor der Haustür abgestellt worden war. Er sei ein Marienkind, hatte die Grossmutter ihm erzählt.
" Marienkind, Marienkind .., schluchzte er voller Leid und zitterte am ganzen Körper.

Als es schliesslich dunkel wurde und Andrzej noch immer nicht gekommen war, fand die Grossmutter das verknotete Bündel vor der Türe. Kummervoll sah sie hinaus und spähte über die Felder. Das Bündel an sich gedrückt ging sie wieder hinein, nahm traurig und erschöpft ihre Flickarbeit vor dem flackernden Feuer wieder auf und liess die Nadel sinken. Die alte Polin kannte ihren Andrzej sehr genau. Er konnte wohl gut für sich sorgen mit seinen vierzehn Jahren, aber der Gedanke an die umherstreunenden Wölfe liess ihr keine Ruhe. Nocheinmal bekreuzigte sie sich und legte sich neben ihren kleinen Enkel, bis sie nach Stunden eingeschlafen war.

Sorgenvoll saß der Bauer vor seiner Schüssel mit dampfendem Kornkaffee und brockte einen Kanten trockenes Brot hinein. Mit vorwurfsvollem Schweigen warf ihm Anna eine Seitenblick zu, als sie auf beiden Armen das letzte Feuerholz hereintrug, welches Andrzej gespalten hatte und legte nach.
Mit einem Löffel verschlang der Bauer hungrig sein Mahl und verliess wortlos das Haus.

Wie ungerecht er sich in dieser Notzeit ausgelassen hatte ...

- längst bereute er seine harten Worte und hoffte inständig, dass der Junge bald auftauchte. Das Findelkind war ihm längst wie ein eigener Sohn geworden. So oft die Klatschweiber im Dorf sich auch das Maul zerissen, wenn er auf dem Markt seine Ware feil bot, hatte er stets geschwiegen.

Nur einmal hatte er die scheinheilige Lisbet mit dem vekniffenen Mund, außer sich vor Zorn, angeherrscht und ihr den Mund verboten.
" Wenn sich hier jeder einmal gut um das kümmern wollte, was ihn etwas angeht, dann wäre dies eine bessere Welt!"
Entrüstet hatten sich die alten Marktweiber mit ihren dunklen, langen Röcken und schwarzen Kopftüchern hochmütig abgewandt und Anna legte einen Arm um ihren Andrzej, der stets gutmütig der Kundschaft die schweren Kisten mit der Ware nach Hause trug und half, wo er nur konnte.

Mit der Harke über der Schulter und dem zerschlissenen Hut machte er sich hinaus auf's Feld.

Schon früh war Andrzej auf seinem Strohlager von Gänsegeschnatter und zwickenden Schnäbeln aufgewacht. Mit knurrendem Magen klopfte er drei Eier vorsichtig an der Spitze auf und trank sie aus.. Zaghaft öffnete er die Stalltür, spähte hinaus und rannte in den Wald, bis an den Bach, wo er oft sass und den Wasser-Amseln zusah. Manchmal konnte er das Rotwild beobachten, das äsend die Köpfe hob und sah Kaninchen Haken schlagen, wenn er sich näherte. Er hatte ein paar Schlingen ausgelegt und hoffte eines der Kaninchen gefangen zu haben, das die Grossmutter zubereiten konnte und den Bauer besänftigte. Aber er fand nur eine blutige , leere Schlinge vor und ihm war klar, dass es die Füchse oder der Wolf geholt hatten. Enttäuscht und mit hängendem Kopf stapfte er zurück an den Waldesrand. Was sollte er nun nach Hause bringen um den Vater gnädig zu stimmen, nachdem er die Vase zerbrochen hatte ... traurig setzte er sich in's Gras unter einen Baum, als er ein Brummen und Surren über sich hörte.

In dem alten, knorrigen Baumstamm, der innen hohl war, hatte sich ein wildes Bienenvolk angesiedelt und grosse Waben zauberten ihm ein Lächeln in's Gesicht. Honig, riesige Stücke voller Honig ! Er küsste seine Hasenpfote, zog sein Hemd aus, kletterte hinauf und brach grosse Stücke heraus, die er in sein Hemd packte und mit der herrlich duftenden Beute, völlig zerstochen, nach Hause rannte.

Voller Freude und reumütig lief ihm der Vater entgegen und nahm ihm den kostbaren Fund ab. Noch am selben Tage hoben sie gemeinsam das riesige Bienennest aus, das ihnen reichlich Bares versprach. Stolz und mit völlig zerbeulten Gesichtern standen sie in der guten Stube und Anna lächelte, als sie die Beiden so versöhnt beieinander sah.

Am nächsten Markttag hielt eine vornehme Kutsche neben dem Marktstand, als der Bauer laut rufend seinen Honig anpriess. Eine sehr feine Dame mit verschleiertem Hut kaufte fast den ganzen Honig und der Bauer versprach die Ware noch am selben Tag abzuliefern.

Andrzej kannte das schöne, grosse Haus von seinen Streifzügen, stellte die schweren Töpfe in eine Schubkarre und fuhr das kostbare Gut bis vor die Haustür der feinen Herrschaft, wo er schon erwartet wurde. Er küsste seine Hasenpfote und machte eine Verbeugung, als das Dienstmädchen öffnete und erblickte die feine Dame, die das Dienstmädchen mit einem " Ist schon gut, das mache ich" wieder hineinschickte. Prüfend schätzte sie die Honigtöpfe, meinte " Formidable", - als sie die versilberte Hasenpfote an einem Lederband um Andrzej's Hals erblickte. Sie erblasste , als sie dem Jungen forschend in's Gesicht sah und hastig und mit rauer Stimme fragte :" Junge, woher hast du diesen Talisman? "
Mit schwerfälliger Zunge erzählte er in knappen Worten und es war der Dame anzusehen, wie sie um Fassung rang.

Hastig lief Anna aus der Hütte, als sie Pferdegetrappel und einen Kutscher rufen hörte. Schnell band sie die fleckige Schürze ab und begrüsste die Dame, die aus der Kutsche stieg und den Schleier hob. Anna erkannte sie sofort wieder und als auch Andrzej aus der Kutsche stieg, ahnte sie schon, dass nun alles gut werden würde. Der Talisman hatte das Rätsel seiner Herkunft gelüftet und in der elenden Hütte erfuhren der Bauer und seine Mutter, dass Andrzej ihr Enkelkind und des Bauern leibeigener Sohn war.

Beschämt starrte der Bauer vor sich hin. All die Jahre hatte er es nicht recht glauben wollen, obwohl er es immer geahnt hatte, daß der Junge der Sohn von Marie war, seiner nicht standesgemässen Jugendliebe. Marie war ihrer Lungenkrankheit nach der Geburt erlegen, ohne zu verraten, wer der Vater ihres Kindes war. Ihre Urgrossmutter hatte das Neugeborene einfach verschwinden lassen und ahnungsvoll vor die armselige Hütte gelegt.
Erschüttert versicherte die Dame, dass sie erst später davon erfahren hatte und keine Ahnung hatte, was genau geschehen war. Andrzej war also ihr Neffe, die Hasenpfote aus dem Nachlass ihres Bruders gewesen und so in des Jungen Besitz gekommen war.

Und als der Herbst in's Land zog, war neben der kleinen Hütte ein hübsches Haus gebaut worden und ein riesiger Garten mit einem weiss gestrichenen Zaun war des Bauern helle Freude. Stolz legte er einen Arm um seinen Sohn und meinte :
" Wenn es dich nicht schon gäbe - man hätte dich glatt erfinden müssen."
Andrzej strahlte über das ganze Gesicht, küsste seinen Talisman und sagte lispelnd:
" Ja, wie gut, dass es mich gibt,- Formidable !!" , spitzte den Mund und verdrehte die Augen.


Copyright Susanne Hagan

8 Kommentare

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Liebe Susanne,
erst mal Pipi aus den Augen wischen.
Welch wunderschöne Geschichte ist hier Deiner Feder endsprungen.
Danke, danke das ich sie lesen durfte.
Schnell war mir klar das der Junge ein Daunsyndrom hatte. Doch von Anfang bis Ende auf Spannung gehalten.
Herrlich zu lesen.
Mit ganz lieben Gruß
Theresia
  • 20.09.2017, 16:38 Uhr
  • 1
Wie schön, dass es dir gefallen hat.Ganz vielen Dank
  • 20.09.2017, 16:56 Uhr
  • 1
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Liebe Susanne, ich bin heute erst aus dem Urlaub zurück gekommen. Deine Geschichte gefällt mir sehr gut. Ich freue mich, dass hier doch noch jemand etwas veröffentlicht. Hatte in den letzten 2 Wochen eigentlich schon beschlossen mich hier abzumelden. Nun warte ich noch etwas, vielleicht können wir das Ruder noch herumreissen.
Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
  • 09.09.2017, 23:53 Uhr
  • 1
Vielen Dank, Marga Ich fände es auch sehr schade, wenn es nicht mehr weitergehen würde. Die Urlaubszeit geht auch hier in BW zu Ende, bleibt das Beste zu hoffen. Liebe Grüsse und eine gute Zeit
  • 10.09.2017, 11:00 Uhr
  • 0
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" Formidable" liebe Susanne!

- Wie ungerecht er sich in dieser Notzeit ausgelassen hatte ...

den obigen Satz würde ich extra stehen lassen, so zwei Absätze drunter setzen und wieder einen Absatz setzen..und mit diesen Satz erst fortführen..
-längst bereute er seine harten Worte und hoffte inständig, ....

Weil dort die Wende deiner Geschichte seinen Höhepunkt erreicht und Aufschluss zum Titel erfährt und man so den Übergang gut verpacken kann. Ich würde auch nach 10- 12 Sätzen immer einen Absatz machen, damit es nicht zu langatmig wird und als Leser selbst kleine Pausen zum Aufnehmen deiner Geschichte bekommt. Die kleinen Schreibteufel noch verbessern und herzlichen Glückwunsch zu deiner tollen Geschichte.
  • 05.09.2017, 09:46 Uhr
  • 2
Ja da kann ich mich nur anschließen...Eine wirklich schöne Geschichte, mit einem tollen Happy End...
  • 05.09.2017, 11:26 Uhr
  • 2
Habt vielen Dank für Lob und Hilfestellung !
  • 07.09.2017, 12:52 Uhr
  • 2
Ehre, wem Ehre gebührt....
  • 07.09.2017, 13:19 Uhr
  • 2
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