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Der Altglascontainer

Der Altglascontainer

19.09.2017, 16:23 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Altglascontainer


Zwölf Uhr – endlich Feierabend. Cord Hanning arbeitet bei der lokalen Zeitung. Acht Stunden am Computer sitzen schadet den Augen und dem Rücken. Er reckt und streckt sich, sagt den Kollegen: "Tschüss bis Morgen" und verlässt das Verlagsgebäude.
Auf dem Weg zum Auto klingelt das Handy. Seine Frau Ines – er ahnt schon was jetzt kommt. Aus dem Gerät klingt es ihm entgegen: „Cord ich schaffe es nicht rechtzeitig, holst du bitte Sophie von der Schule ab?“ „Ja, ich bin schon unterwegs.“ Ihre 6jährige Tochter wurde erst vor drei Monaten eingeschult. Er ist jetzt schon gespannt darauf, was sie gleich alles erzählen wird. Jeder Tag ist ein Abenteuer für das aufgeweckte quirlige Mädchen. Ines hat noch nicht aufgelegt und meldet sich erneut: „Schatz, in deinem Kofferraum steht noch der Kasten mit dem Altglas. Entsorge es doch bitte, du kommst doch sowieso bei den Recycling - Containern vorbei.“ „OK“, Arbeitsverteilung – dein Name ist Ines, denkt der junge Mann. Kurz danach fährt er langsam auf den Parkplatz der Schule. Strahlend kommt Sophie auf ihn zugelaufen. Mit Schwung fliegt die neue Schultasche auf den Rücksitz. Während Cord sie sorgfältig auf dem Kindersitz anschnallt, erzählt sie von der letzten Lektion. '“Ich durfte heute eine ganze Seite vorlesen.“ „Das ist fein, dann kannst du mir heute Abend auch vorlesen.“ „Ach nein Papa, aus unserem Buch kann ich das noch nicht, lies du mir bitte unsere Geschichte weiter vor.
Warum bleibst du jetzt schon wieder stehen, was wollen wir hier“ Cord steigt aus und schaut zu den drei Glascontainern hinüber. „Wir müssen noch die alten Flaschen, Gurken- und Marmeladen - Gläser entsorgen. Willst du mir helfen?“ Er öffnet den Kofferraum. „Oh das ist eine ganze Menge“. Zu Sophie sagt er: „Hier werden alte Flaschen und Gläser gesammelt und dann wird alles wieder verwendet. Nichts davon kommt in den Müll. Dieser Container ist für braunes Glas, der Nächste für grüne Flaschen. Ach der Dritte, in dem das klare Glas gesammelt wird, ist schon voll. Reich mir erst nur die Braunen an, so und jetzt die Grünen, danke schön." Nachdenkend schaut er sich um: „Was machen wir nun? Morgen wird es bestimmt abgeholt?“ „“Papa sieh mal, hier steht ein großer Karton. Er ist nur halb voll. Hier legen wir unsere Flaschen noch oben drauf.“ Sophie wühlt in dem Karton. „Vorsichtig, schneid dich nicht“, ruft Cord. Sie zieht eine schön geschwungene Flasche heraus: „Eine Vase Papa, darf ich die mitnehmen? Oh hier sind noch mehr, die sind doch viel zu schade zum Wegwerfen.“ Cord denkt, das hat mir gerade noch gefehlt, wenn ich sie jetzt nicht zurückpfeife nehmen wir mehr mit nach Hause als wir hier lassen. „Sophie, eine Flasche – mehr nicht. In dieser war früher mal Eierlikör, sie eignet sich gut für eine einzelne Rose. Die bringen wir Mama mit.
Meine Oma, du hast sie nicht mehr kennen gelernt, sammelte früher auch schöne leere Flaschen. Zur Zierde standen sie früher auf den Fensterbänken. Man kann nicht alles behalten. Wahrscheinlich wurde irgendwo gründlich aufgeräumt.“ „Papa“, Sophie schreit laut: „ein Engel“. Vorsichtig zieht sie etwas aus dem Karton. Sprachlos schaut Cord auf den ca. 10 cm hohen „Swarovski'“ Engel in Sophies Hand. Er ist angeschmutzt, trotzdem spiegelt sich in einigen Facetten des geschliffenen Kristallglases das Sonnenlicht. Die Handflächen des Engels sind dem Himmel zugewandt. Vorsichtig streicht er über den Arm und fühlt dort, wo die Hand anfängt, einen kleinen Absatz. Geklebt! Der Engel ist zu ihm zurück gekehrt.
Vor 20 Jahren, damals war er 10 Jahre alt und ein richtiger Lausbub, nahm er genau diesen Engel heimlich aus Oma's Vitrine. Eine unvorsichtige Bewegung, ein leises Knacken – die kleine wohlgeformte Hand lag auf dem Tisch. Oma überraschte ihn als er den Engel zurück stellen wollte. Traurig schaute sie auf ihren Enkel: „Ach Cord, den schenkte Opa mir zu meinem 70. Geburtstag, darum ist er mir so wertvoll. Nun wein nicht, mein Junge, wir kleben die Hand wieder an und erzählen es niemandem.“
Cord schließt kurz die Augen und kehrt dann in die Gegenwart zurück. Liebevoll schaut er seine Tochter an. „Ja Sophie, der ist nun wirklich kein Altglas, wir nehmen ihn mit nach Hause.“ Dort wurde er vorsichtig in Seifenlauge gelegt und anschließend trocken getupft. Gemeinsam mit Ines bewundern sie ihn. Er erhält einen Ehrenplatz in Sophie`s Zimmer. Die Nachmittagssonne bringt jede einzelne der kleinen Facetten zum Strahlen.

Am Abend sitzt das Ehepaar im Garten. Ines erfährt von Omas Swarovski Sammlung, dessen Glanzstück dieser Engel war. Sie sagt: „Ich habe eine Idee, dies ist doch ein Grund, deine Vettern und Cousinen mal wieder zu treffen. Ich lernte sie bei diversen Familienfeiern alle kennen, was meinst du?“ Cord antwortet: " Nun wohnen sie in verschiedenen Städten Deutschlands. Leider ist die Verbindung abgebrochen. Ich werde sofort meine Eltern fragen, ob sie ihnen noch schreiben. Dieser Engel ist der beste Anlass, die Verbindungen wieder aufzunehmen. Ich bin gespannt, wer ihn entsorgt hat.“
Schon am nächsten Tag schreibt Cord fünf E-Mails mit Einladungen. Es ist nicht einfach, einen Termin zu finden, an dem alle Zeit haben. Der Sommer ist noch nicht vorbei, als eines Abends das Unmögliche wahr wird. Gemeinsam sitzen alle zusammen und freuen sich über das Wiedersehen. Nach dem Essen fragt Gerd, der Älteste: „Jetzt sind wir alle neugierig zu erfahren, was es bei euch Neues gibt. Einen Grund wird diese Zusammenkunft doch haben.“ Cord räuspert sich: „Ja ein Grund besteht, aber es ist nichts Neues sondern etwas Altes, ihr werdet staunen und euch erinnern.“ Er schaut seine Tochter an, die schon vor Ungeduld herum zappelt. „Sophie, jetzt darfst du deinen Schatz holen.“

In einem Schmuckkästchen liegt auf rotem Organza Omas Engel. Seine Hände weisen nach oben. Das Kästchen wird von Hand zu Hand weitergereicht. Die Aufregung ist groß. Alle sprechen durcheinander:
„Ist das wirklich Omas Engel?“ „Den durften wir doch nie anfassen.“ „Weihnachten sagte sie – dieser Engel ruft – ich verkündige euch große Freude.“ „Und Ostern“, weiß der Nächste, „Fürchtet euch nicht.“
„In ihrer Vitrine glänzten doch noch mehr Swarovski Figuren, eine Sammlung Vögel und die Spieldosen. Wer hat die eigentlich geerbt?“ „Wo ist denn jetzt der Engel aufgetaucht – in einem Antiquitätenladen oder auf einem Flohmarkt?“
Die Fragen nehmen kein Ende.

Eine Kinderstimme sagt: „Er lag vor dem Altglascontainer, ich habe ihn gerettet. Jetzt gehört er mir, ihr dürft ihn immer besuchen.“ Cord fügt hinzu: "Wo er in den vergangenen Jahren war, kann er uns leider nicht erzählen. Ich habe mich sehr gefreut, dass er zu uns zurück gefunden hat."

Wer zu Hause gründlich aufräumte wurde nie bekannt. Cord hatte allerdings eine Vermutung. Die Frau seines Vetter Andreas war beim Anblick des Engels rot geworden und hatte dies hinter ihrer wilden Lockenmähne versteckt. Bei Andreas und Nele standen keine unnötigen Nippes Sachen herum. Die Atmosphäre in ihrer Wohnung war kühl und sachlich.

Beim Abschied wurde dann aber beschlossen, dass in Zukunft jedes Jahr ein gemeinsames Treffen stattfinden würde.

Copyright: Marga Koch

8 Kommentare

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sehr sehr schön....
  • 21.11.2017, 20:45 Uhr
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Danke Ruth, ich freue mich, dass dir meine Geschichte gefällt. Liebe Grüße Marga
  • gerade eben
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Eine sehr schöner Einfall Marga!
  • 19.09.2017, 18:34 Uhr
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Danke Ursula, Liebe Grüße Marga
  • 20.09.2017, 09:33 Uhr
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Gefällt mir wirklich sehr. Gratulation!
  • 19.09.2017, 18:04 Uhr
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Danke Dorothea, liebe Grüße Marga
  • 20.09.2017, 09:32 Uhr
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Hallo Marga und wieder hast du eine gute Geschichte zu Wege gebracht... Alle Achtung....LG Karin...
  • 25.09.2017, 21:58 Uhr
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Danke Karin - dein Zwillings Gedicht gefällt mir auch sehr.
  • 26.09.2017, 13:57 Uhr
  • 1
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