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Kunst verstehen: ... von der "Physik" geküßt!

Kunst verstehen: ... von der "Physik" geküßt!

Volker Barth
07.10.2017, 20:02 Uhr
Beitrag von Volker Barth

Das Nobelkomitee an der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften in Stockholm teilte am Dienstag, dem 3. Oktober 2017 die Träger des diesjährigen Physiknobelpreises mit: Es sind die amerikanischen Forscher Rainer Weiss, Barry C. Barish und Kip S. Thorne vom LIGO-Experiment. Sie haben die Existenz von Gravitationswellen erstmals nachgewiesen und belegen damit Albert Einsteins letzte große Theorie. Weiss erhält die Hälfte der Auszeichnung, die andere Hälfte teilen sich seine Kollegen Barish und Thorne.

Der Nobelpreis für Physik wird seit 1901 jährlich vergeben und ist mit ca. 842.000 Euro dotiert. Der Stifter des Preises war der schwedische Chemiker Alfred Nobel, der Erfinder des Dynamits. Er verfügte 1895 in seinem Testament, der Nobelpreis für Physik solle demjenigen zuerkannt werden, „der auf dem Gebiete der Physik die wichtigste Entdeckung oder Erfindung gemacht hat“. Der Nobelpreis wird jedes Jahr am Todestag Alfred Nobels, dem 10. Dezember, mit großem Zeremoniell überreicht.

Der erste Physik-Nobelpreisträger

Meine ganz persönliche Schwäche hat nun einmal dieser heutige Themenkomplex, denn der erste Nobelpreisträger für Physik war der deutsche Physiker Wilhelm Conrad Röntgen im Jahre 1901. Die Begründung war: „als Anerkennung des außerordentlichen Verdienstes, den er sich durch die Entdeckung der X-Strahlen oder den nach ihm benannten Strahlen erworben hat“. Sein Geburtsort war das bergische Städtchen Lennep (heute Remscheid). Hier wurde auch ich geboren. Ein weiterer, bemerkens- und betonenswerter Punkt ist, dass W. C. Röntgens Entdeckung ganz viel mit der Optik, dem Licht und dem Sehen - so wie auch die Malerei und die Kunst - zu tun hat.

Die diesjährige Nobelpreis-Bekanntgabe nehme ich zum Anlaß, um ein „außergewöhnliches“ Gemälde „der Physik“ vorzustellen. Das Bild hat den Titel „Das Experiment mit dem Vogel in der Luftpumpe“ und wurde vom englischen Maler Joseph Wright of Derby im Jahre 1768 gemalt (gehört der Nationalgalerie London). Das Motiv zeigt den Versuchsaufbau eines physikalischen Experiments zum Thema Vakuum, in einem dunklen Raum (Laboratorium?), aber mit Publikum.

Das Vakuum

Eine der ältesten naturwissenschaftlichen Fragen ist nun einmal die Frage nach dem „leeren Raum“. Seit der Antike herrschte die Auffassung, dass es einen leeren Raum nicht geben könne. Der berühmte Aristoteles vertrat die Auffassung, dass die Natur eine Abscheu vor dem Leeren, einen „horror vacui“ habe. Dieser Lehrsatz galt bis ins Mittelalter.

Die ersten experimentellen Untersuchungen zum Luftdruck und zum Vakuum unternahm der Magdeburger Politiker, Physiker und Erfinder Otto von Guericke. Er versuchte mittels einer Pumpe die Luft aus einem Fass herauszupumpen. Durch zahlreiche Versuche gelang es ihm ein Vakuum herzustellen. Die Krönung dieser Versuchsreihe war der berühmte Test mit den Magdeburger Halbkugeln: Durch Herauspumpen der Luft wurden die Halbkugeln durch den äußeren Luftdruck so stark zusammengepresst, dass selbst 16 Pferde nicht imstande waren, die beiden Halbkugeln voneinander zu trennen (Abb.: Bildergalerie). Bis heute ist die Frage umstritten, ob es einen vollkommen leeren Raum gibt.

Der gemalte Versuchs-Aufbau

Man sieht eine Pumpe mit zwei Kolben, die mit einer Kurbel in Pumpbewegung gebracht wird. Von hier führt eine Leitung zur Glasbehälter-Basis auf einem sechseckigen Holzpfeiler. Mit der Kolbenpumpe soll jetzt ein Vakuum erzeugt werden. Um das zu dokumentieren läßt man anfangs einen Vogel (hier: einen weißen Haubenkakadu) in dem Behälter herumflattern und pumpt dann langsam die Luft ab bis der Vogel zu Boden sinkt. (In diesem Augenblick entstand ein Vakuum). Aber! jetzt dreht der Experimentator schnell an dem oberen Ventil des Glasbehälters, damit sofort die Luft wieder zurückströmt und der Vogel fidel weiterleben kann!

Nun zum eigentlichen „Physik“-Gemälde:

Zur dunklen abendlichen Stunde haben sich um einen runden Tisch zehn Personen versammelt, der Experimentator und sein Gehilfe sowie ein Publikum von acht Personen. Einzigste Lichtquellen sind eine Kerze und der Mond, der sehr schwach durchs Fenster scheint.

Alle im Bild überragt der Experimentator, der den Gemäldebetrachter direkt anschaut. Seinen linken Arm hat er erhoben und dreht an dem obigen Ventil eines Glasbehälters. Der leger getragene rote Umhang (Mantel) und das silbergraue, lockere Haar betonen ein markantes Gesicht, das man wohl einem Wissenschaftler, Weisen oder Magier (Zauberer) zuordnet.

Halblinks vorne beugt sich ein Junge neugierig vor, um alles genau zu beobachten. Auch der jüngere Mann hinter ihm ist fasziniert, während aber seine Begleiterin nur ihn „anhimmelt“. Das kleine Mädchen rechts vom Zentrum (durch den Lichtschein am stärksten ausgeleuchtet) ist neugierig, aber auch irritiert. Ihre ältere Schwester (naheliegend durch vertrauter Gestik und gleiche Kleidung) kann den Anblick des „vom Tode bedrohten“ Vogels nicht ertragen und hält sich die Augen zu. Der hinter den Kindern stehende Herr, voraussichtlich der Vater, hat dem älteren Mädchen tröstend seinen linken Arm um die Schultern gelegt. Er versucht zu erklären, indem er nach oben zum Glas zeigt, was geschieht ... (... der Vogel stirbt nicht!).

Und der Mond schaut zu

Zwei Männer sitzen links und rechts auch am Tisch, der linke im grünen Rock in einem mittleren Alter und der rechte doch älter und mit weißem Haar. Sein Kopf ist leicht gebeugt, er stützt sich auf seinen Stock und wirkt in-sich-versunken. Der Gehilfe rechts am Fenster, wo der Mond schwach hineinscheint, betreut den Vogelkäfig und will den Vogel schnellstens wieder hineinsetzen.

Unter den Gerätschaften auf dem Tisch rechts sind zwei kleine sogenannte „Magdeburger Halbkugeln“ zu entdecken. Sie sind sicherlich eine Huldigung an den Magdeburger Physiker Otto von Guericke und seinen gelungenes Experiment.

Kunsthistorisch hat das Werk von Joseph Wright of Derby seinen Ausgangspunkt bei den sogenannten Utrechter Caravaggisten aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Er wurde 1772 als berühmter lebender Maler von „Kerzenlichtbildern“ oder auch „Candlelight-Gemälden“ bezeichnet. Mit den Gemäldetiteln „Ein Philosoph hält einen Vortrag über das Planetarium“, „Das Experiment mit einem Vogel in der Luftpumpe“, „Der Alchemist“ und der „Der Philosoph“ schuf Joseph Wright of Derby beachtliche Gemälde zeitgenössischer Naturwissenschaften.

Die Kurzbiografie

Joseph Wright of Derby wurde am 3. September 1734 in Derby geboren und blieb seiner Heimatstadt eng verbunden. Mit 17 Jahren ging er bei dem prominenten Porträtmaler Thomas Hudson in die Lehre, übernahm dessen Stil und begann seine Laufbahn auch als Porträtmaler.

Aber schon sehr früh war er naturwissenschaftlich interessiert. Er schuf „naturphilosophische“ Themen, in denen er mit speziellen Lichteffekten experimentierte, die seinen Ruhm begründeten. Man war aufgeschlossen für Naturwissenschaften und die Industrielle Revolution. Im Jahre 1784 dann wurde er Vollmitglied der Royal Academy und zu seinen Freunden zählten Leute aus dem wissenschaftlichen Bereich, die er auch porträtierte. Joseph Wright of Derby litt an Rheumatismus, Asthma und Wassersucht und starb am 28. August 1797 in Derby.

Links:

(Joseph Wright of Derby - Biografie)
https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph...t_of_Derby‎

(Otto von Guericke - Biografie)
https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_von_Guericke

(Nobelpreis Physik)
https://de.wikipedia.org/wiki/Nobelp..._für_Physik

(Magdeburger Halbkugeln)
http://www.laurentianum.de/physikmus...gdeburg.htm

(Vakuum)
https://www.lernhelfer.de/schuelerle...ikel/vakuum


Map-Data:
Derby Museum & Art Gallery,
The Strand, Derby DE1 1BS
(Derby Museum - engl.) https://www.derbymuseums.org/spaces/...-study-room

6 Kommentare

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Wissen und Zweifeln gemalt. Die Neugierde und Mystik des menschliches Geistes in ewige Spannung und der Dynamik, des Hinschauens und Wegschauens, wissen wollen und nicht wissen können.
  • 19.10.2017, 20:27 Uhr
  • 1
Volker Barth
Einen "sagenhaften" Kommentar zu dem Physik-Beitrag -meinen aufrichtigen Dank, wize.life-Nutzer
  • gerade eben
  • 0
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Hallo Volker, das Bild macht in meinen Augen doch mehr den Eindruck einer "Spiritistischen Sitzung". Und ist weniger der kalten realen Tatsachenforschung, sondern mehr der Unheimlichkeit, der "Suche nach der Wahrheit " geschuldet, da ist-wenigestens meinem subjektiven Eindruck nach - der "horror vacui" mit Händen zu greifen. Aber sehr interessant, vielen Dank!
  • 12.10.2017, 19:46 Uhr
  • 1
Volker Barth
Vielen Dank für Deinen Kommentar & Deine Interpretation - interessant! -
  • 12.10.2017, 22:50 Uhr
  • 0
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Was für eine höchst interessante Kombination zwischen Kunst (Malerei) und Naturwissenschaft...ob sich der Maler nicht entscheiden konnte zwischen beiden ?
  • 07.10.2017, 21:51 Uhr
  • 1
Volker Barth
... das ist doch eine interessante Paarung - oder? und ich bin recht froh sie vorstellen zu können!
  • 07.10.2017, 22:17 Uhr
  • 0
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