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Freigang

04.10.2017, 03:03 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Ein Tag Freiheit!
Für einen Tag, das Gefühl frei zu sein, als Mensch bei Menschen, die sich frei fühlten.
„Paul, Justus, David, Jacob vortreten – alle anderen begeben sich umgehend an ihre Arbeitsplätze.“
„Für euch vier heißt es heute Freigang. Ihr wart gestern aufmerksam beim Gottesdienst, empfindet es als Belohnung des Herrn.“ verkündete Diakon Gunnar.

„Ich bleibe hier, Freigang in Anstaltskleidung, würde ich bei den Freien keinen Tag überleben.“ sagte Justus.
„Keinen ganzen Tag, ihr habt drei Stunden Freigang in Anstaltskleidung. Jeder einzelne kennt die Regeln, brecht ihr sie, werdet ihr bestraft.“ erwiderte Diakon Gunnar mit einem Lächeln auf den Lippen.

„Zu zweit oder in der Gruppe, wenn die Menschen dort draußen an unserer Kleidung erkennen, dass wir im Abseits leben, werden sie uns jagen wie einen tollwütigen Hund.“ sagte David.
David lebte seit mehr als vier Jahren im Heim, all seine Freigänge hatte er unbeschadet überlebt.
Für mich war David ein großer, beschützender Bruder.
„Zur Elbe, Jacob?“ fragte David.
„Schiffe gucken!“ erwiderte ich mit freudiger Stimme.
„Wir gehen die Abkürzung durch die Königstraße, es ist der direkte Weg zum Deich.“ sagte David.
An der Biegung bei der alten Ziegelei blieben wir stehen.

„Hörst du es auch, Jacob?“ fragte David.
„Menschen?“ erwiderte ich.
„Menschen und Kühe, viele grölende Menschen und viele schreiende Kühe. Verdammt, ich hätte es wissen müssen.“ sagte Jacob.
Plötzlich befanden wir uns inmitten der vielen grölenden Menschen. Inmitten der vielen schreienden Kühe. Ich hatte Angst, fühlte unbändige Gewalt.
„Heute ist Viehtrieb, verdammt, ich hätte es wissen müssen.“ wiederholte sich David, mit ängstlicher Stimme.
Immer wieder, schlugen Treiber den Tieren mit Knüppeln und Tampen gegen die Hinterläufe.
Direkt vor David, brach eine Kuh zusammen, schnaufend, stöhnend. Die schwarzen Augen weit geöffnet.
David streckte der leidenden Kuh eine Hand entgegen. Es schien mir, als wollten Mensch und Kuh sich gegenseitig trösten.

„Morgen gibt es sie als Salami, beim Schlachter Heins.“ sagte ich zu David.
David dreht sich zu mir, packte mich an den Schultern und drückte mich an die Steinwand der alten Ziegelei.
Seine braunen Augen waren voller Wut und Trauer.
„So lass doch los David, du tust mir weh.“ flehte ich.
David presste beide Hände auf seine Ohren, er rannte. Rannte so schnell er konnte.

Endlich kam auch ich am Deich an. David lag im Gras. Zwischen seinen Händen hielt er einen grünen Schilfhalm, presste den grünen Schilfhalm gegen seine Lippen. Ich hörte eine Melodie, die mir wohl vertraut war.

Regungslos stand ich auf der Deichkrone, beide Hände in meinen Hosentaschen verborgen.
Er muss wohl schon eine ganze Weile neben mir gestanden haben.
„Die Schiffe nach rechts, fahren in Richtung Nordsee. Die Schiffe nach links, fahren in Richtung Hamburg.“ sagte ich.
„David!“
„ja, Jacob!“
„ich habe verstanden, David!“
David legte einen Arm um meine Schultern.
„Die Sonne, sie steht schon tief, lass uns gehen Jacob, lass uns gehen.“


©Peter Böttcher

3 Kommentare

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Hallo Peter,
deine Geschichte klingt wie ein spannender Auszug aus einem Roman oder Autobiografie.
Die einzelnen Personen haben sich mir erst beim zweiten lesen geordnet.
Was mich neugierig macht ist der Diakon, sein Verhalten. Freigang ohne Kontrolle?
Ein Auszug ist nicht das Ganze - wo ist das Ganze zu finden - ich bin neugierig geworden.
Das Ende? gefällt mir - es teilt meine Sehnsucht. Bitte nicht aufhören
  • 05.10.2017, 10:45 Uhr
  • 1
Hallo Margarethe,
danke fürs lesen! Meine kleine Geschichte ist ein Auszug aus einem unlektorierten Manuskript. Du hast es gut erkannt, der Diakon spielt im weiteren Verlauf eine wichtige Rolle. Das Ganze wirst Du lesen, wenn mir der Verlag eine Freigabe erteilt. Sei lieb gegrüßt
  • 05.10.2017, 13:47 Uhr
  • 1
Siehste Peter, ich habs geahnt
Ich freue mich auf das Buch und bin sehr neugierig.
Viel Glück
  • 05.10.2017, 19:00 Uhr
  • 1
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