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Stau III

Stau III

11.10.2017, 17:45 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Der Stau III

Josef Weber sitzt am Steuer seines VW Bulli`s. Anne, seine Lebensgefährtin neben ihm, schweigt seit einer Stunde. Hinten liegt die große Dogge auf dem Boden und schläft. Die Tochter hört sich eine Kinder CD an. Pippi Langstrumpf lässt sie ihren Kummer vergessen. Sophie war sehr enttäuscht, als Anne beim Frühstück sagte: „Josef, wir können in einer halben Stunde fahren. Sophie mach bitte jetzt kein Theater. Deine neuen Freunde Maike und Max müssen morgen wieder zur Schule gehen.“ Natürlich gab es Protest Geschrei und Abschiedstränen bei den Kindern.

Anne`s Cousine Cordula war ebenfalls überrascht von diesem plötzlichen Aufbruch. Ihr Mann, Werner Busch, legte den Arm um seine Frau, lächelte bedauernd und sagte: „Ihr müsst mindestens
10 Stunden fahren, ohne Stau. Wir wünschen euch eine gute Fahrt. Verlorene Verwandte trifft man selten.“ Josef grübelt; irgendetwas stimmte bei diesen Abschied nicht. Anne`s Tante Margret kam erst im letzten Moment aus der Haustür, um sich zu verabschieden. Niemand sprach von einem baldigen Wiedersehen. Sind die Lipper wirklich so stur? Einen Satz von Frau Dr. Kronenberg kann er nicht vergessen. Sie schaute ihm sehr ernst in die Augen und sagte: „Seien sie aufmerksam.“
„Seien sie aufmerksam“, dass sagt man nicht, wenn man „Gute Fahrt“ meint.
So, Kassel liegt jetzt hinter ihnen. Auf den Autobahnschildern steht Fulda und dann Würzburg.
Er mag es nicht, wenn sie ununterbrochen redet. Ihr Schweigen gefällt ihm auch nicht. Genug ist genug, ein Blick in den Rückspiegel, Sophie schläft. Sepp schaltet das Radio aus und räuspert sich: „Anne, nun erzähl mir bitte, warum war diese Verwandtschaft nie ein Thema? Aus den Gesprächen erfuhr ich doch, dass du mehrere Jahre dort gewohnt hast. …. Sie weint: „Bitte nicht jetzt, ich werde es dir später erzählen. Lass mir Zeit.“
Seien sie aufmerksam, geistert es durch seinen Kopf. Das Misstrauen ist erwacht. Sind es echte Tränen? Der Verkehr erfordert seine volle Konzentration.

Zwei Mal halten sie an einer Raststätte, trinken Kaffee und suchen die Toiletten auf. Zeuss muss sich auch bewegen. Gut, dass er ein friedlicher Hund ist, der keine Probleme verursacht. Die letzten 200 Kilometer fährt Anne und Josef setzt sich zu Sophie und spielt mit ihr ein Hundequartett.

Am späten Abend erreichen sie das kleine Dorf südlich von München. Bis zum Starnberger See ist es nicht weit. Josef`s Eltern besitzen einen Restbauernhof. Die dazugehörenden Felder sind größtenteils verkauft, einige verpachtet. Der älteste Sohn Xaver studierte Jura. Er ist Richter in München. Josef arbeitet im Sägewerk seines Onkel`s, dass er wahrscheinlich später erben wird. Tante und Onkel sind kinderlos. Sein Patenonkel überwacht im Hintergrund den Betrieb. Bald wird er nur noch der „Senior“ - Chef sein. „Wie war es in Schweden? Hat Zeuss einen der ersten Plätze belegt? Alle freuen sich, dass die Jugend wieder zu Hause ist.

Sophie will von der Übernachtung in Bad Salzuflen erzählen. Etwas ungeschickt beginnt sie mit Zeuss, dem großen, schwarzen Kaninchen. Sofort erhebt sich Anne: „Es ist spät, alles andere erzählen wir Morgen. Sepp, wir räumen noch das Auto aus.“

Er hört Margarete`s Stimme: „Seien sie aufmerksam.“

Drei Tage später, der normale Alltag mit allen seinen Pflichten, bestimmt den Tagesablauf. Josef sitzt im Büro am Schreibtisch. Einer inneren Eingebung folgend, dreht er den Stuhl zum Computer und loggt sich im Forum der Hundefreunde ein. Ach, da ist es – vor 14 Monaten postete er dort ein Foto seiner Senta, mit ihren gerade geborenen zwei Welpen. Er liest - ich besitze ein großes Grundstück, dort können meine drei Doggen und auch die Kleinen, den ganzen Tag frei umher laufen. Wie glücklich wäre ich, wenn meine verstorbene Frau Gretel das noch erleben dürft.
Zwei Tage danach meldete sich Anne per E- Mail und fragte, ob sie die die Welpen ansehen dürfte.

Die 40-jährige schöne Frau verstand es, sich nicht nur bei ihm, sondern auch bei seinen Eltern und Tante und Onkel beliebt zu machen. Mit dem Bus kam sie zwei Mal in der Woche aus der nächsten Kleinstadt zu Besuch. Als Sophie eines Tages fragte: „Warum bleibt Anne nicht hier. Du freust dich auch immer, wenn sie kommt, zögerte er nicht länger und sagte: „Anne die Miete in der Stadt könntest du sparen, wenn du deine Sachen hier hin holst.“ Im Dorf regte sich Niemand darüber auf, dass sie ohne Trauschein zusammen wohnten.
Nur sein bester Freund, der Martin fragte, als sie beim Bier zusammen saßen: „Ging das nicht zu schnell, was weißt du eigentlich von Anne?“
Josef fasst einen Entschluss. Er schaltet den Computer aus und greift zum Telefon.

Am Abend sagt er zu Anne: „Ich habe Morgen in München beim Finanzamt etwas zu erledigen. Bei Xaver sage ich auch guten Tag. Kümmerst du dich bitte um Sophie und die Hunde. Am Abend bin ich wieder hier.“ Sie erwidert: „Ich mag den „Herrn Richter“ nicht, aber grüß ihn schön von mir.“ Sie legt ihre Arme um seinen Hals und küsst ihn, - ein letztes Mal.

Am Morgen schläft Anne noch. Schon im Auto schaut er noch einmal zum Haus zurück. War das ihr Schatten am Fenster.

Als Josef am Abend heim kommt, fragt er seine Eltern die vor ihrem Haus auf einer Bank sitzen:
„Wo ist Sophie?“ Die Mutter antwortet: „Sie ist bei Tante Maria, Brombeeren pflücken und Marmelade kochen.“ „Und Anne?“ „Anne ist fort. Ein großer, schwarzer Mercedes stand vor deinem Haus. Anne und der Fremde, es war bestimmt kein Taxifahrer, luden zwei Koffer und zwei prall gefüllte Reisetaschen ins Auto. Sie kam nicht zu uns herüber, sondern winkte nur kurz. Was ist denn passiert, habt ihr Streit miteinander?“ „Ich erzähle es euch später, wenn Sophie schläft.“

Josef betritt mit finsterer Miene sein Haus. Überall sieht er Spuren eines überstürzten Aufbruchs.
Offene Schubladen, einen leergeräumten Kleiderschrank. Der gute Anzug, den er hasst, wird ausgezogen und aufs Bett geworfen. Mit Lederhose, kariertem Hemd und festem Schuhwerk bekleidet, geht er zum Hundezwinger. Er leint Bella und Zeuss an und verschwindet im Wald. Senta ist wieder schwanger und will auch gar nicht mit laufen.

Nur die Hunde hören, wie er seine Wut und Enttäuschung in den Wald schreit. Sie drängen sich an ihn und versuchen, auf ihre Art, ihn zu trösten.
Nach zwei Stunden kehrt er beruhigt zurück. Sophie hat bei Tante Maria und Onkel Josef gegessen. Sie darf noch eine halbe Stunde Fernsehen schauen und dann sagt sie:
„Gute Nacht., ich soll dir von Anne einen schönen Gruß bestellen. Sie hat uns lieb, aber sie muss etwas dringendes erledigen.“ „Wann hat sie das gesagt?“ „Heute Morgen bevor ich zu Tante Maria gegangen bin.“

Die Eltern warten schon. Er schaut sie an:
„Wir erzählten euch von einem Stau auf der Autobahn und dem Zufall, eine Cousine Anne`s zu treffen. Im letzten Jahr erwähnte Anne nie, dass sie lebende Angehörige hat. Sie sprach von Kinderheimen, in denen sie heranwuchs. Dabei lebte sie neun Jahre in einem vornehmen Haus bei Tante und Onkel.
Den Rat ihrer Tante beim Abschied: „Seien sie aufmerksam“, konnte ich nicht ignorieren. Gestern Abend telefonierte ich mit Xaver. Als ich am Nachmittag bei ihm eintraf, erwartete er mich mit einem fast vollständigen Lebenslauf von Anne Gruber, geborene Petersen.
Im Alter von zwanzig Jahren heiratete sie Ole Gruber, Drei Jahre später wurden sie geschieden. Viele Male stand sie wegen Betrug und Diebstahl vor Gericht. Die Strafen wurden mit jedem Urteil härter. Im Alter von dreißig Jahren verurteilte man sie zu fünf Jahren Gefängnis, weil sie eine 85-jährige Dame um ihr gesamtes Vermögen betrogen hatte. Nach drei Jahren wurde sie auf Bewährung entlassen. Vorsichtig geworden, versuchte sie es danach mit Heiratsschwindel. Durch ihr schönes Äußeres gelang es ihr leicht, das Vertrauen älterer Herren zu gewinnen. Schaut mich an – ich gehöre auch dazu.“
Ruhiger geworden, erzählt er weiter: „Während unserer Rückreise weinte sie zwischen Kassel und Fulda bittere Tränen, ohne mir einen Grund zu sagen. In den vergangenen Stunden ist mir klar geworden, diese Tränen waren echt. Sie hatte erkannt, dass unser Traum vom Glück wie eine Luftblase geplatzt war. Bestimmt war sie ebenso wütend über ihre Dummheit, wie ich heute über meine. Sie belog mich länger als ein Jahr. Wie konnte sie ihre Vergangenheit ignorieren. Und ich? wie konnte ich so naiv und weltfremd sein und in ihre Eros Falle stolpern?
Ihr habt sie doch auch erlebt. Fröhlich und entspannt fuhr sie mit Sophie an den See zum Baden. Wie gerne spielte und tobte sie mit den Hunden auf der Wiese.
Zwischen uns stimmte die Chemie. Ich bin genau so alt wie sie und nicht 30 Jahre älter, wie die Männer, die sie vor mir enttäuschte. Zwei zeigten sie an. Xaver meint, dass es mehr waren. Bei Beiden blieb sie 3 Monate. Die Polizei fahndet nach ihr. Hier im hintersten Viertel der BRD fühlte sich sich gut versteckt. Wir erlebten viele glückliche Momente. Ein bitterer Zug legte sich um seinen Mund. Die Mutter sieht es, sie denkt – es wird sehr lange dauern, bis er wieder einer Frau vertrauen kann. Sanft streichelt sie seinen Arm.

„Von München aus telefonierte ich mit der hiesigen Raiffeisenbank. Mein Konto wurde heute leer geräumt. Der Vater fragt besorgt: „Beide Konten?“ „Nein, zum Glück nur das Girokonto. Ich selbst besorgte ihr eine Kreditkarte dafür.“

Am nächsten Tag ruft Xaver an: „Wir haben sie. Kurz vor der italienischen Grenze konnte die Polizei sie stellen. Gut dass Mutter das Kennzeichen des Mercedes aufgeschrieben hat. Sogar der wertvolle Trachten-Schmuck deiner Gretel befand sich in einer Tasche.

Fünf Monate später erhält Frau Dr. Kronenberg – Röhl einen Brief. Im Umschlag steckt ein Zeitungsbericht über eine Gerichtsverhandlung in München.

Auf dem Zeitungsrand steht: „Seien sie aufmerksam!“ Danke, Josef Weber

copyright: Marga Koch

13 Kommentare

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Hallo Conny, da hast du dich ja lange mit meiner "Stau" - Geschichte beschäftigt. Danke fürs Lesen und die aufmunternden Kommentare. Ich freue mich immer über eine Echo. Liebe Grüße Marga
  • 22.11.2017, 10:02 Uhr
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Alles in allem eine gute und unterhaltsame Geschichte.
  • 21.11.2017, 16:38 Uhr
  • 0
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Liebe Marga, wie immer hast du deine Geschichte spannend erzählt. Was mir besonders gefällt ist, dass du immer wieder die selben Personen in einer jeweils anderen Geschichte zum Thema Stau, handeln lässt...
  • 14.10.2017, 16:31 Uhr
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Liebe Karin, danke für den Kommentar. Es ist eine Geschichte, die ich immer weiter gesponnen habe. Ähnlich einem Fortsetzungs Roman in der Tageszeitung. Es soll allerdings eine Kurzgeschichte bleiben. Jetzt kommt nichts mehr dazu.
Liebe Grüße und einen schönen Sonntag wünscht dir Marga
  • 15.10.2017, 08:54 Uhr
  • 1
Hallo Marga, dir ein schönes Wochenende gehabt zu haben...Wenn die Sonne es mit euch auch so gut gemeint hat wie mit uns, dann war das vom Wetter her, ja weiter kein Problem...Weiter wünsche ich dir einen guten Wochenanfang und schade, das zu deiner Kurzgeschichte mit Fortsetzungen, keine weitere Folge mehr erscheint....Ich würde es sehr begrüßen, wenn es anders wäre...LG Karin...
  • 16.10.2017, 09:53 Uhr
  • 0
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Super Geschichte, spannend erzählt.
  • 12.10.2017, 20:30 Uhr
  • 0
Liebe Shakti (ist das ein Vorname? m. o. w.) Danke für den Kommentar, das macht Mut.
  • 13.10.2017, 11:50 Uhr
  • 1
Ja, das ist mein Vorname.
  • 13.10.2017, 17:40 Uhr
  • 1
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Schließe mich an, wunderbar geschrieben und ins Detail angesprochen. Was den Leser animiert, lebendig mitzulesen sowie Freiraum für eigene Gedanken ermöglicht. So bekommt deine Geschichte genau die Aufmerksamkeit, welche sie auch verdient.
Dankeschön liebe Marga- gefällt mir.
  • 12.10.2017, 19:11 Uhr
  • 1
Liebe Tina, ich freue mich sehr über dein Lob. Danke
  • 13.10.2017, 11:48 Uhr
  • 1
Immer wieder gerne, liebe Marga
  • 13.10.2017, 14:24 Uhr
  • 0
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Hallo Marga, ich habe mir heute mal die Zeit genommen um deine drei Staugeschichten zu lesen. Sehr ausführlich ins Detail gehend, aber trotzdem spannend und ich bin froh, dass es kein Happy End gab. Das Leben ist nun mal nicht so - leider. Was in der Protagonistin Anne letztlich vorgeht, darüber kann sich nun der Leser seine eigenen Gedanken machen, was ich gut finde.
Gute Geschichte!
Liebe Grüße von Ursula
  • 11.10.2017, 18:59 Uhr
  • 0
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Ja, auf das Warum im Leben gibt es oft keine Antwort. Vielen Dank, liebe Marga ! Liest sich gut und bleibt unterhaltsam. Herzliche Grüsse <3
  • 11.10.2017, 18:34 Uhr
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