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Kunst verstehen: Der „Urschrei“ der Malerei

Kunst verstehen: Der „Urschrei“ der Malerei

Volker Barth
04.11.2017, 20:02 Uhr
Beitrag von Volker Barth

Tristess, Nebel, Melancholie, Einsamkeit und der Totenkult bis hin zu Helloween sind Merkmale des herbstlichen Monats November. Passend zu dieser Stimmung malte der norwegische Maler Edvard Munch das erschreckende und angstauslösende Gemälde „Der Schrei“ - sein berühmtestes Werk in vier fast identischen Versionen und mehreren grafischen Arbeiten. Dieses entstand in den Jahren 1893 bis 1910. Die Hauptversion des Bildes entstand im Jahr 1893 und wurde von einem Kunstsammler der norwegischen Nationalgalerie (1910) gespendet. Auf der Rückseite befindet sich eine unvollständige Skizze des Motives.

Nicht nur Hören?

Ein Schrei? Und der in einem Gemälde? Eigentlich paradox, denn kann ein akustisches Ereignis (hervorgerufen durch Farben) wie ein Schrei, visuell realisiert werden? Dieses gelang eindringlich um die Jahrhundertwende dem norwegischen Maler Edvard Munch. Mit seinem „Schrei“ schaffte er ein Schlüsselbild der Kunstgeschichte, einen Meilenstein des Expressionismuses.

Dazu Edvard Munchs Freund August Strindberg: „Es ist der „Schrei des Entsetzens vor der Natur, die vor Zorn errötet und sich anschickt, durch Sturm und Donner zu den törichten kleinen Wesen zu sprechen, die sich einbilden, Götter zu sein, ohne ihnen zu gleichen.“ ... „Verwundert es angesichts eines solchen Sinneseindrucks noch, dass Munchs Gesicht vom Schrecken gezeichnet ist und den Mund zum Urschrei aufreißt? Die Farben, die Komposition, der Duktus machen die Synästhesie möglich: Vertieft in die erbarmungslosen Ereignisse des Bildes wird der Schrei für den Betrachter hörbar.“

Eine spezielle Tagebuch-Eintragung

Bei vielen von Edvard Munchs bedeutenden Werken stand am Anfang ein literarischer Entwurf, so auch bei dem Gemälde „Der Schrei“. In seinem „Violetten Tagebuch“ steht geschrieben: „Ich ging den Weg entlang mit zwei Freunden – die Sonne ging unter – der Himmel wurde plötzlich blutig rot – Ich fühlte einen Hauch von Wehmut – Ich stand, lehnte mich an den Zaun Todmüde – Ich sah hinüber (…) die flammenden Wolken wie Blut und Schwert – den blauschwarzen Fjord und die Stadt – Meine Freunde gingen weiter – ich stand da zitternd vor Angst – und ich fühlte etwas wie einen großen, unendlichen Schrei durch die Natur“.

Edvard Munch kämpfte um diese Text-Formulierung, denn in seinem Nachlass findet man zehn weitere unterschiedliche Fassungen dieses „Prosagedichtes“. An anderer Stelle schreibt Edvard Munch „Ich fühlte einen lauten Schrei – und ich hörte wirklich einen lauten Schrei… Die Luftschwingungen brachten nicht nur mein Auge in Schwingungen, sondern auch mein Ohr – denn ich hörte wirklich einen Schrei. Da malte ich das Bild Der Schrei.“

Das Optische am „Schrei“

Eine männliche Person schreitet frontal dem Bildbetrachter entgegen und seine Hände sind fest an seinen Kopf gepresst - ein extremer Schockzustand wird hier abgebildet. Der Künstlerbiograf Matthias Arnold spricht von einem „geschlechtsloses, gespensterhaftes, fötusartiges Menschenwesen“ mit „Totenkopfgesicht“. Im Hintergrund befinden sich zwei Personen, die aber Ruhe ausstrahlen. Einen gewissen Kontrast dazu bilden die rhythmischen, wellenförmigen Linien der Landschaft mit Schiffen. Nach oben schließt ein blutroter Himmel, der mit gelben und fahlblauen Linien durchsetzt ist, ab. Ein roter kräftiger Streifen ist an der äußeren rechten Seite des Gemäldes (auf Gesamthöhe) von 1893 gemalt , der laut Kunsthistoriker Hans Dieter Huber „die Tiefenwirkung des Bildes“ noch verstärken soll.

Zum Gemälde-Titel:

Obwohl Edvard Munch das Motiv mehrfach in deutscher Sprache als "Geschrei" bezeichnete hatte, hat sich „Der Schrei“ als Bildtitel durchgesetzt. Er wird darauf zurückgeführt, dass die deutsche Übersetzung die einsilbige Kürze des norwegischen Titels „Skrik“ nachahmt. Außerdem lässt „Der Schrei“ eine Interpretation zu, in der die Hauptfigur ihre existenziellen Ängste hinausschreit, die auch dem heutigen Zeitgeist entspricht.

Ort des Geschehen

Der Astronom Donald W. Olson ortete am Ekeberg-Hügel in Oslo den genauen Standpunkt (siehe Bildergalerie) des Gemäldes. Den Wechsel einer Hintergrundfarbe von Hell-Orange zu Dunkel-Rot-Orange führte Olsons Untersuchung auf den Ausbruch des Vulkans Krakatau (1883) und die damit weltweit veränderte Himmelsfärbung zurück. Während aber eine Forschergruppe der Universität Oslo im April 2017 die These „bei der ungewöhnlichen Himmelsgestaltung handelt es sich um die Darstellung von so genannten Perlmuttwolken“ vertrat.

Etwas Biografisches

Am 12. Dezember 1863 wurde Edvard Munch in Loten (Hedmark) Norwegen als zweites Kind in die strengreligiöse Familie Munch geboren und wuchs aber in Oslo auf. (Man „beeilte sich, mich notzutaufen, weil man glaubte, ich würde sterben. (...) Krankheit, Wahnsinn und Tod hielten wie schwarze Engel Wache an meiner Wiege. Sie haben mich mein ganzes Leben lang begleitet.“ - Entgegen der Erwartungen überlebte der Kleine...)

Sein Vater war Arzt - und als Sohn Edvard fünf Jahre alt war starb seine Mutter und als er 14 war seine ältere Schwester Sophie, beide an Tuberkulose. Diese Krankheit und dazu den Schwestertod verarbeitete er in seinen Bildern, so entstand von 1885/86 z.B.: das Gemälde-Motiv „Das kranke Kind“ (siehe Bildergalerie). Wie auch von anderen Werken malte Edvard Munch verschiedene Varianten. Er schockierte das Publikum mit seiner Ausdruckskraft. Die Menschen jener Zeit wünschten sich wohl eher “schöne, naturalistische Bilder” und empfanden Edvard Munchs Werke als “unfertig”.

Edvard Munch wurde in Norwegen anfangs nicht anerkannt, folglich lebte und arbeitete er in Frankreich und Deutschland, aber von Aufenthalten in Norwegen unterbrochen. Ab dem Jahre 1909 kehrte er aber in seine Heimat zurück und lebte spartanisch-zurückgezogen auf seinem Hof in Ekely/Oslo, wo er bis zu seiner Augenkrankheit produktiv war - hier starb er am 23. Januar 1944.

In seinem Testament vermachte Edvard Munch seine Arbeiten der Stadt Oslo, die sogar im Jahre 1963 dann ein Munch Museum eröffnete. Über 1700 Gemälde und zahlreiche Grafiken und Zeichnungen schuf er und war somit ein entscheidender Bahnbrecher für die expressionistische Richtung in der Malerei der Moderne.

Edvard Munch in Berlin

Der damals noch unbekannte Edvard Munch erhielt zum 5. November 1892 die Einladung zu einer Ausstellung im Berliner Kunstverein. Sie endete aber mit einem Skandal am 12. November - das Publikum und die Mitglieder empfanden die Bilder als anarchistische Provokation. Aber im Dezember 1893 wurden dann in Berlin Unter den Linden sechs Gemälden unter dem Titel "Studie zu der Serie Die Liebe“ ausgestellt, eigentlich war es der Zyklus „Lebensfries“ (dieser Begriff stammt seit 1918 von Edvard Munch) ausgestellt. Es handelte sich um die Bilder „Die Stimme“, „Der Kuss“, „Vampir“, „Madonna“, „Melancholie“ und „Der Schrei“.

Geschehenes um den "Der Schrei" herum

Kunstraub: Im Sommer 2004 wurden die Gemälde „Der Schrei“ und „Madonna“ aus dem Munch Museum in Oslo gestohlen. Am 31. August 2006 wurden dann die beiden aus den Rahmen gerissenen Bilder von der norwegischen Polizei sichergestellt. Man restaurierte die Gemälde und stellte sie wieder am 23. Mai 2008 zusammen mit einem komplett neuem Werkverzeichnis der Öffentlichkeit vor - übrigens wurde die Entstehungszeit des Schreis auf das Jahr 1910 korrigiert.

Top-Auktion: Am 2. Mai 2012 wurde das letzte der vier Schrei-Gemälde (aus Privatbesitz) bei Sotheby’s in New York für 120 Millionen Dollar vergesteigert.

Links:

(Edvard Munch - Biografie)
https://www.dhm.de/lemo/biografie/edvard-munch

(Perlmuttwolken)
https://www.wetter.de/cms/perlmuttwo...111799.html

(Lebensfries)
https://de.wikipedia.org/wiki/Lebensfries

(Expressionismus)
https://www.kunst-zeiten.de/Expressi...s-Allgemein

(Symbolismus)
http://lars-thielemann.de/heidi/haus...ferat03.htm


Map-Data: Munch Museum, Toyengata 53, 0578 Oslo, Norwegen

4 Kommentare

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Interessante Beschreibung eines weltbekannten Bildes. Heute immer noch gueltig, zeigt es doch in seiner Einfachheit das ganze Elend der Welt....danke Volker fuer deine vielen Zusatz- Informationen
  • 05.11.2017, 10:31 Uhr
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Ein interessanter Bericht von Dir !!!!
.... in der Schule.... weiß nicht mehr welche Klasse, hatten wir mal eine Bildbeschreibung zu machen. exakt dieses Bild..... ich fand es zum Fürchten..... hatte tagelang Alpträume..... Leben, Liebe, Tod...... Munch ist bis heute ein suspekter Künstler für mich.....
  • 05.11.2017, 00:28 Uhr
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..sehr interessanter Bericht wieder von Dir Volker.Danke dafür!
  • 04.11.2017, 22:02 Uhr
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Volker Barth
... es freut mich, trotz des sehr ernsten Motivs ...
  • 04.11.2017, 23:45 Uhr
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