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Heiligabend

25.11.2017, 15:12 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Benno stand am Fenster und schaute durch das Sprossengitter in die Dunkelheit. Aus dem Radio klangen glockenhelle Kinderstimmen, Posaunen, Violinen und Celli. Das Zimmer war angefüllt mit Feierlichkeit und er schluckte mehrfach, um die Atemnot loszuwerden.
Die Häuser auf der gegenüber liegenden Seite des Feldes waren weihnachtlich geschmückt. Zur linken Seite blinkten von bunten Glühbirnen eingerahmte Fenster. Die Beleuchtungen waren nicht nach seinem Geschmack. Benno glaubte nicht daran, dass es die Erinnerung an den Stern von Bethlehem war, der die Leute dazu brachte, vielfarbige Lichterketten anzustecken, sondern der durch die dunkle Jahreszeit angeregte Spaß am Licht. Vielleicht gab es auch einfach nur zu viele Steckdosen, Kabel und Glühbirnen.
Je länger Benno dem Farbspiel zusah, umso mehr verstärkte sich bei ihm das Geräusch von Münzen, die ratternd in ein Ausgabefach fielen. Zugleich wuchs seine Unruhe wieder und er wendete den Blick zu den Häusern auf der rechten Seite, wo leuchtende Pyramiden und Bögen in den Fenstern und endlose Lichtschläuche in den Bäumen Frieden und stilles Glück verhießen. Nachdem er einige Zeit unverwandt in diese Richtung geschaut hatte, wurde auch dieser Anblick für ihn unerträglich.
Links.
Rechts. Es war besser, nach rechts zu schauen und die Tränen laufen zu lassen und in Rührseligkeit zu ertrinken, dachte Benno. Als ob es nicht genug sei, begann es in diesem Augenblick zu schneien. Es hatte heute Mittag schon nach Schnee gerochen, aber er hatte nicht an Schneewetter glauben wollen, weil schon viele Jahre vorher Weihnachten mit fünf Grad und Nieselregen in feuchter Dunkelheit stattfand. Gewöhnlich sperrte er das Wetter einfach aus, in dem er ab fünf Uhr die Rollläden herunter ließ.
Den Schnee wollte er nicht aussperren. Der Schnee wusch die Natur rein, Schnee war jungfräulich, bis er zertrampelt und matschig wurde, und Schnee war vergänglich. Schnee brachte für ihn Unberührtheit und weiß in Verbindung.
Wie immer, wenn seine Überlegungen zu kompli-ziert gerieten, verschwanden sie in einer plötzlich entstehenden Leere des Kopfes, als gebe es dort ein schwarzes Loch, welches alle Gedanken aufsaugte. Übergangslos tauchte mit der Erinnerung an Marie Luises Brautkleid ein anderes Bild auf. Sogleich war er wieder gefangen von diesem besonderen Schnitt vom Dekolleté bis zur Taille. Die raffinierte Betonung der Unentschlossenheit zwischen Verhüllung und Enthüllung hatte ihn während der Trauung so beschäftigt, dass er eine Annullierung seiner Ehe für möglich gehalten hätte, wenn er in der Lage gewesen wäre, diese Art von Trance genau zu beschreiben. Natürlich kam ihm der Gedanke in dieser Klarheit erst später nach der Trennung. Da fand er ihn ebenso absurd wie das ihm vom Leben aufgezwungene Alleinsein. Diesen Zustand hatte er nicht gewollt und für seine Lebensplanung auch ausgeschlossen, schließlich liebte er Marie Luise, oder, um es genau auszudrücken, er war davon überzeugt, dass er sie liebte. Und für seine Überzeugungen war er immer eingestanden, das machte seine Gradlinigkeit aus.
Benno ging hinunter in den Keller. In der Waschküche lag der Weihnachtsbaum mit abgesägtem Fuß. Benno stieg mit einem großen Schritt über ihn hinweg und öffnete die Tür zum Abstellraum. In dem alten Kleiderschrank dort bewahrte er die Utensilien für die jahreszeitlichen Wechsel auf - Skischuhe, Bergschuhe, Osterschmuck, Adventskalender und zwei Kartons mit Weihnachtsschmuck, die heute schon oben im Wohnzimmer auf dem Esstisch standen. Benno nahm den Christbaumständer, stielte in der Waschküche den Baum ein und zog die Schrauben rundherum an. Aus der Hocke heraus versuchte er, mit den Augen ein Lot von der Spitze zum Christbaumständer zu fällen. Passt, dachte er. Oben im Wohnzimmer stand der Baum dann aber nur aus seinem Blickwinkel heraus gerade. Er lockerte die Schrauben, richtete den Baum noch einmal in der Senkrechten aus und zog die Schrauben wieder an, drehte den Baum im Kreise und war wieder nicht zufrieden. Eine Viertelstunde später stellte er den Baum so auf, dass er vom Sessel aus gesehen wie gut gewachsen aussah.
Benno verteilte einige Kugeln und Tannenzapfen aus geflochtenem Bast, rote Äpfelchen und Strohengel. Er achtete darauf, die schweren Kugeln an die dicken Zweige und die Strohengel an die Zweige dazwischen zu hängen. Die stärkeren Zweige mussten zudem noch das Gewicht der Kerzen tragen und gerade stehen, damit nicht zu viel Wachs auf die runde Brandschutzdecke mit Weihnachtsmotiven tropfte, die er auf den Boden gelegt hatte.
Welche absurde Idee! Würde er nach dem Baumschmücken das mit feinen Ornamenten verzierte Glasglöckchen klingeln? Mit einem solchen Glöckchen hatten schon seine Eltern die Ankunft des Christkindes angezeigt. Lange verweilte das Christkind nicht bei ihnen, denn sofort nach dem Klingeln durfte er das Wohnzimmer betreten, in dem die Geschenke auf dem Tisch wie durch Zauberhand geordnet lagen.
Benno wurde die Goldkugel in der Hand schwer und er legte sie zurück in die Schachtel. Er widerstand dem Impuls, den Baum zu packen, so wie er war, und ihn in den Garten zu den anderen Holzabfällen zu werfen, die er noch zur Abfallentsorgung bringen musste. Der Christbaumschmuck hinderte ihn. Von der Erinnerung an die festlich geschmückten Weihnachtsbäume konnte er sich ebenso wenig trennen wie von den Fotos.
Benno hängte die Kugeln wieder ab und trug den Baum in die Waschküche zurück. Auf dem Weg nach oben nahm er eine Flasche Brunello di Montalcino mit.
Durch das Küchenfenster sah er nach draußen. Das Feld auf der gegenüber liegenden Straßenseite war inzwischen weiß geworden und die Weihnachts-beleuchtungen in den Gärten der Häuser glitzerten durch die Schneekristalle. Der Blick hätte ein Post-kartenmotiv sein können, wenn er sich nicht genauso auf sein Gemüt gelegt hätte wie Nieselregen und 5 Grad, wenn nicht gar schlimmer.
In dulci jubilo, nun singet und seit froh ... Jubilohoho ... frohoho, klang es in Bennos Ohren, bis die Kinderstimmen im Radio von Glockengeläut abgelöst wurden. Sieben zeigte Bennos Armbanduhr, Zeit zum Abendessen. Als Marie Luise noch kochte, durfte er zwischen Fondue oder gefüllter Ente entscheiden, heute gab es kanadischen Wildlachs mit Sahnemeerrettich und eine Entenbrust mit Rotkohl. Die Entenbrust wurde nur in den Backofen geschoben, nach Anweisung auf der Verpackung.

Benno hörte die Türglocke erst beim zweiten Läuten. Als er die Haustür öffnete und Marie Luise sah, wie sie die Hände ineinander verschränkte und dann den Kopf hob und ihr die Schneeflocken in das Gesicht wehten, knickten ihm die Beine weg, ohne dass er sie nur einen Millimeter bewegt hatte.
»Komm herein«, sagte er tonlos und hielt sich an der Tür fest, während er sie schloss und Marie Luise sich den Schnee von Mantel und Mütze klopfte. »Fühl dich wie zu Hause.«
Der Stress, die Überraschung... Marie Luise schien ebenso zu denken, dachte er, sonst hätte sie den Mantel nicht an die Garderobe gehängt, sondern bei dieser Bemerkung auf der Stelle kehrt gemacht. Dass sie nicht wartete, bis er vorausging, fand er dann ihrerseits nicht in Ordnung, denn sie war hier wirklich nicht mehr zu Hause. Im Vorbeigehen warf sie einen Blick in die Küche und blieb dann im Wohnzimmer stehen.
»Du willst einen Weihnachtsbaum schmücken?«
Benno ging um Marie Luise herum und stand nun vor ihr. »Nun ja, eigentlich nicht, es war so – eine sentimentale Idee. Oder Gewohnheit.« Mit dem Ellenbogen schob er die Schachteln auf die entfernter liegende Hälfte des Tisches.
»Du bist nicht nach Apeln zu deinen Eltern gefahren? Ich hatte schon befürchtet, dich nicht anzutreffen.«
Benno machte ein unbestimmtes Gesicht. »Es ist mir nicht danach.« Die war die einfachste Art, unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen, insbesondere bei seiner Mutter. Aber das sagte er Marie Luise nicht.
»Möchtest du etwas zu essen? Ich habe Wildlachs an Meerrettich als Vorspeise. Aber nur eine Entenbrust.«
»Ich nehme eine Portion an Meerrettich«, sagte Marie Luise. »Oder esse ich dir etwas weg?«
Benno hob die Hände.
Wenige Minuten später saßen sie am Tisch, Marie Luise kostete und machte ein zufriedenes Gesicht. »Tut mir leid«, sagte sie und legte das Besteck auf den Teller, »aber ich kann dir kein Theater vorspielen, den unerwarteten lieben Gast am Heiligabend. Du fragst dich sicher, warum ich gekommen bin.«
Benno nickte.
»Aus Dummheit«, sagte Marie Luise. »Die Trennung war schwer genug und sollte nicht durch unnötiges Wiedersehen zu einer unendlichen Geschichte gemacht werden.«
»Einfach nur so?« fragte Benno und starrte auf ihren Hals. Er kannte weder die Ohrclips mit der Perle noch das Halsband, sah sich von den Schultern außen mit den Fingerspitzen langsam den Hals hoch bis unter das Kinn und den Nacken entlang streichen, ihren hochgereckten Kopf stützend, der sich vergeblich zu entwinden versuchte, aber doch nur Abwehr und Hingebung spielte.
»Ja, auch aus Dummheit«, bekräftigte Marie Luise. »Heute Abend ist Alleinsein wie eine Strafe. Niemand kann sich der Weihnachtsstimmung entziehen, sie würde dich sogar auf den Kanaren einholen.«
Aus Mitleid, dachte Benno, sie ist aus Mitleid ge-kommen.
»Möchtest du ein Glas Wein trinken?« fragte er.
»Gern, aber nicht mehr als ein halbes. Ich muss noch fahren.«
Jochen, vermutlich, hatte sie also nicht hierher gebracht und wartete nicht an der Straßenecke darauf, dass Marie Luise den Besuch schnell hinter sich bringen würde. Dieser Jemand verzichtete auf die beste Zeit des Heiligabends. Wie sicher musste er sich bei Marie Luise fühlen, wenn er sich diesen Verzicht leisten konnte! Auch Benno hatte sich sicher gefühlt, noch Stunden, nachdem die Haustür zugeschlagen war, sogar noch am Morgen nach ihrem Fortgehen.
Benno stellte zwei Rotweingläser auf den Tisch und entkorkte die Flasche.
»Montalcino«, sagte Marie Luise. »Ich habe deine Beständigkeit oft bewundert und manches Mal verflucht.
»Meine Art von Perfektionismus.«
»Deine Art, sich gegen jede Veränderung zu sträuben. Ich hatte nie genug starke Argumente, um dich von deinen absoluten Positionen losbringen zu können. Dass das Leben auf der perfekten Seite, ohne Herausforderung, langweiliger ist, das hast du nie verstanden.«
»Nein«, sagte Benno. Er hob das Glas. »Zum Wohle. Wenn ich etwas Gutes aufgebe, dann um des Besseren.«
»Besser ist relativ.« Marie Luise nahm einen Schluck Wein und schloss genussvoll die Augen. »In dieser Beziehung bin ich dir immer gern gefolgt.«
»Du bist doch nicht gekommen, um den Montalcino zu loben.«
»Ich wollte dir eine Einladung - persönlich überbringen.«
Einladung? Ohne Marie Luise waren sein Kontakte weniger geworden, er hatte sich aus dem Tennisverein zurückgezogen, um den mitleidigen Blicken zu entgehen und nicht zum dauerhaften Gesprächsthema hinter der Hand zu werden. Obwohl es wegen Claudia schade war. Mit ihr hatte er gerne im Mixed gespielt und ihre Fröhlichkeit genossen. Nach den Spielen war er immer guter Laune gewesen, locker, er war sozusagen angesteckt von ihrer direkten und unkomplizierten Art. Sie nahm die Dinge wie sie waren und versuchte, für sich das Beste herauszuholen. Neu kam ihm diese Einstellung nicht vor, nur wenn er sie mit seiner verglich, war sie ihm um Lichtjahre voraus. Er konnte Claudia nicht mehr einholen, selbst bei dem immer wieder fantasierten Wunsch, einmal mit ihr auf Nulldistanz zu gehen, ein einziges Mal, obwohl er bei ihr keine Chancen zu haben glaubte und verdrängte, was nach dem ersten Mal kommen würde. Eine Entscheidung?
»Eine Einladung? War das die Mühe deines Herkommens wert?«
Marie Luise antwortete nicht sofort. Schließlich unterbrach sie das Schweigen, das Benno überbrückte, indem er das Weinglas an die akkurat richtige Stelle neben seinen Teller schob. »Ich sagte dir doch schon – es ist eine Dummheit. - Wo ist eigentlich Ricki?«
»Bei Schellenbergs. Ich war die letzten Monate häufig dienstlich für mehrere Tage unterwegs, da konnte ich den Hund nicht allein lassen.«
»Gudrun mochte Ricki. Ist dir eigentlich aufgefallen, dass es ihr immer schwer gefallen ist, Ricki nach dem Urlaub an uns zurückzugeben?«
»Mein Gott, ja«, sagte Benno. »Wenn dir der Hund so wichtig ist – geh doch rüber… Und jetzt mach, dass du gehst.« Der Satz rutschte ihm heraus wie an der Tür die Begrüßung. Instinktiv vergrub er seine Stirn in den Händen, damit er Marie Luise nicht anschauen musste und sie in seinem Gesicht nicht die Verwirrung aus Erschrecken und Beschämung sah.
»Entschuldigung«, sagte Marie Luise.«
Er sah sie nicht aufstehen, sondern hörte nur das Schieben des Stuhles und die sich entfernenden Schritte, den Kleiderbügel an der Garderobe. Die Haustür fiel ins Schloss und Benno wusste, dass er Marie Luise nie wiedersehen würde.
Auf dem Tisch lagen zwei Konzertkarten.
Was er dann fühlte, wollte er erst gar nicht glauben – den Wunsch, den Christbaum aus der Waschküche hoch zu holen und aufzustellen und zu schmücken, die Kerzen anzuzünden und ihrem verhaltenen Flackern zuzuschauen und dabei die eigene Nähe zu spüren. Nichts war ungeschehen zu machen, das war ihm klar, aber er konnte ein Stück zurückgehen in den Emotionen, an einem sicheren Punkt zugreifen und festhalten.
Warum ihm dabei Claudia in den Sinn kam, irri-tierte ihn. Später, als er die Flasche Montalcino geleert hatte, öffnete er das Paket mit den Weihnachtsgeschenken für seine Eltern und fand, sie mit der Post zu schicken sei keine gute Idee. Dafür war es ohnehin zu spät.

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5 Kommentare

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Lieber Helmut, danke, dass Du den Dezember-Reigen eröffnet hast.
Deine Geschichte hat mich sehr mit genommen, d. h. du hast mich mitgenommen an diesen Weihnachtsabend in ein bestätigendes "So ist es". Ich bin sehr beeindruckt. Danke!
  • 25.11.2017, 20:08 Uhr
  • 0
Es freut mich, dass es Dir gefällt.
  • 26.11.2017, 00:19 Uhr
  • 0
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Klasse Geschichte von dir, lieber Helmut. Vielen Dank.
So wünsche ich mir für Benny, das er in all der Emotion, all der Vermarktung, all dem Drumherum sich selbst findet. Sich schier dem Kern der Sache wieder öffnen kann und sich der Besinnlichkeit widmen: Das Weihnachten die Aufmerksamkeit der LIEBE auf das göttliche Geschenk der Geburt Jesu in sich trägt.
  • 25.11.2017, 18:10 Uhr
  • 0
Die Geschichte ist Teil eines Geschichtenzyklus um Benno S. Eigentlich muss man alle kennen, um Benno zu verstehen. Hier liegt der Schwerpunkt auf Emotionen, wo sich Einsamkeit/Alleinsein nicht gut mit der verordneten Glückseligkeit verträgt.
  • 26.11.2017, 00:13 Uhr
  • 1
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Realistisch, gut nachvollziehbar!
  • 25.11.2017, 16:04 Uhr
  • 0
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