wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?
Kunst verstehen: Ein „Graffito anno 1721“

Kunst verstehen: Ein „Graffito anno 1721“

Volker Barth
02.12.2017, 20:00 Uhr
Beitrag von Volker Barth

Die Adventszeit, die Vorweihnachtszeit, Lichterketten, Shoppingzonen und Umsatz, Umsatz - das ist jetzt Trumpf. Bummeln, staunen, Geschenke aussuchen und besorgen und das auf Märkten und in Einkaufs-Centern. Prachtvolle Schaufenster-Dekorationen, werbewirksame Leuchtreklame und verführerische Firmenzeichen werben um Käufer. Dieses ist die passende Gelegenheit ein ganz besonders spezielles und außergewöhnliches Gemälde vorzustellen. Es ist das von Antoine Watteau im Jahre 1721 in nur acht Tagen gemalte „Firmenschild des Kunsthändlers Gersaint“ - heute im Besitz des Schlosses Charlottenburg (Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg).

Ja, ja - die Kunst & das Geschäft sind ein sehr bizarres Thema, egal ob man da an den Kunstmarkt, Auktionen, Museen, Ausstellungen aber auch an Skandale und Fälschungen denkt.

Anmerkung:(Begriff aus meiner Kunstbeitrags-Überschrift) Graffiti (wenn einzeln: Graffito), italienisch, steht als Sammelbegriff für thematisch und gestalterisch unterschiedliche sichtbare Elemente wie Bilder, Schriftzüge oder Zeichen, die mit verschiedenen Techniken im privaten und öffentlichen Raum angebracht werden.

Wie kam es zu diesem Bild?

Mit meinem Kunstbeitrag geht es in das 18. Jahrhundert - auch da ging‘s ums Geschäft wie das Motiv eindeutig dokumentiert. Der galante französische Rokokomaler Antoine Watteau hatte 1721 die geniale Idee dem Kunsthändler Edme Gersaint ein Firmenschild zu malen. Die näheren Zusammenhänge stammen von dem Ladenbesitzer selbst: „Nach seiner Rückkehr nach Paris (...) kam er (Antoine Watteau) zu mir, um mich zu fragen, ob ich ihn bei mir aufnehmen und ihm erlauben wollte, ein Gemälde zu machen, das ich draußen aufhängen könnte, um seine Finger aufzuwärmen, das sind seine eigenen Worte; ich hatte Bedenken, ihm zuzusagen, da ich ihn viel lieber mit etwas Soliderem beschäftigen wollte; aber als ich sah, dass ihm das Freude machen würde, stimmte ich zu. Der Erfolg des Gemäldes ist bekannt; das Ganze war nach dem Leben gemacht; die Posen waren so wahrheitsgetreu und so natürlich ...“

Eigentlich bekommen Dekorationsmaler die Aufträge Firmenschilder zu „pinseln“ und keine Mitglieder der ehrwürdigen Pariser Akademie, (dieses passierte Antoine Watteau vor genau dreihundert Jahren).

Eines seiner Meisterwerke

Das Gemälde ist eines von Antoine Watteaus Hauptwerken, neben „Die Einschiffung nach Cythera um 1718 (entstanden zu seiner Akademie-Aufnahme) und dem „Pierrot, genannt Gilles“ um 1718. Wenige Monate vor seinem Tod am 18. Juli 1721 in Nogent-sur-Marne malte Antoine Watteau wohl sein in den Ausmaßen größtes Gemälde und das in nur acht Tagen. Das ursprüngliche Format des Gemäldes war 3,55 Meter breit, heute nur noch 3,06 Meter. Man ist sich sicher, dass Antoine Watteaus Meisterwerk auf zwei getrennte Leinwände gemalt wurde, wobei die Trennungslinie sich zwischen den Teilen der Flügeltür befindet.

Das Gemälde hatte eine oben abgerundete Form (im Gemälde auch heute noch zu erahnen). Der optische Beweis ist ein Gemälde von Hubert Robert, das den Häuser-Abriss 1786 auf der Notre-Dame-Brücke dokumentiert. Das ursprüngliche Gemälde müsste in einer starken Schrägstellung unter dem Vordach des Ladens und oberhalb des Schaufensters angebracht worden sein.

Was zeigt das Gemälde?

Die Situations-Szene von interessierter Kundschaft in dieser gutbesuchten Pariser Kunsthandlung. Es handelt sich um zwölf Personen, die in einer gut-komponierten Reihe angeordnet sind.

Von links nach rechts: Man sieht am Anfang eine Szene um das Bildnis Ludwig XIV., welches in eine mit Stroh ausgepolsterte Holzkiste gepackt wird. Ein Ladendiener legt das Bild in diese Kiste, während ein zweiter einen Spiegel vorbeiträgt. Der Lastträger (ganz außen links) wartet auf die „fertige“ Kiste, um sein Tragegestell zu laden. Alle drei schauen zum Königsporträt.

Neben dieser Szene rechts betritt ein Paar die Kunsthandlung. Eine rosa gekleidete Dame mit dem Rücken zum Bildbetrachter, wirft einen kurzen Blick beim Vorüberschreiten auf die „Verpackungs-Szene des Königs“. Ihr Begleiter führt sie in das Kunsthandlungs-Innere. Den Hintergrund des Paares bilden zwei schmale Gemälde-Hochformate und über diesen hängt die Darstellung der ovidischen Geschichte von Pan, der die Nymphe Syrinx verfolgt. Durch die halb geöffnet Flügeltür rechts neben dem Paar erblickt man ein weiterer Raum, der dem Gesamtbild Tiefe verleiht.

Daneben dann ein älteres (Ehe)paar, das ein großes ovales Bild mit badenden Frauen betrachtet. Der Mann kniet (um weibliche Akte besser studieren zu können), während die dunkel gekleidete Frau das Laub eines Baumes genauer betrachtet. Neben diesem Bild mit den Nymphen steht der Kunsthändler Edme Gersaint, der es mit seiner Rechten hält und mit seiner Linken in einer erklärenden Geste auf das Bild zeigt.

Dazu kommt noch eine Gruppe mit einer eleganten Frau, zwei Männern und einer Verkäuferin. Die sehr präsent dasitzende Dame in einem rosaglänzenden Seidenkleid mit schwarzem Umhang und einem seitlichen Gesichts-Profil ist der Kontrapunkt zu der Dame (rechts) mit rosa Rückenansicht . Alle Drei betrachten interessiert das von der Verkäuferin angepriesenen Objekt (Genaueres für den Gemälde-Betrachter leider ein Rätsel). - Und ganz rechts unten im Gemälde bildet, der auf den Pflastersteinen liegende schwarzweiße Hund den optischen Schlusspunkt.

So kam das Bild ins Schloss Charlottenburg

Nachdem das Bild über Kunsthändler Gersaints Ladentür nur zwei Wochen hing und viele Blicke auf sich zog, bewunderten es trotzdem viele Künstler und nicht nur Maler. Edeme Gersaint berichtet – Der Parlamentsrat Claude Glucq, so berichtete Gersaint, kaufte das Firmenschild und rettete es schließlich vor dem „wetterbedingten Untergang“. Die Umwandlung der Ladenreklame mit oberem runden Abschluss zu einem Normalgemälde geschah durch Veränderungen des Formates, mit Vergrößerungen und Verkleinerungen.

Später verkaufte Claude Glucq das Bild seinem Vetter Jean de Jullienne und dieser besaß es bis es von Pierre Aveline 1732 gestochen wurde. Um 1744 dann wurde das „Fimenschild“ vom König von Preußen Friedrich dem Großen, einem ehrgeizigen Antoine-Watteau-Fan, durch die Vermittlung von Friedrich Rudolph Graf von Rothenburg, erworben. Seinen Platz fand das Bild im Konzertzimmer hinter der Goldenen Galerie im Schloss Charlottenburg in Berlin.

Links:

(Antoine Watteau - Biografie)
https://de.wikipedia.org/wiki/Antoine_Watteau

(Rokoko)
https://de.wikipedia.org/wiki/Rokoko

(Schloss Charlottenburg)
https://www.spsg.de/aktuelles/ausste...lottenburg/

(Außenwerbung)
https://de.wikipedia.org/wiki/Aussenwerbung

(Graffiti)
https://de.wikipedia.org/wiki/Graffiti

Map-Data:
Schloss Charlottenburg, Spandauer Damm 10-22, 14059 Berlin

3 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Interessant, schon damals waren die Künstler seltsame Geschöpfe mit ausgefallenen Ideen.
Ich musste das Anfang noch einmal lesen um mich zu vergewissern das es sich damals tatsächlich um ein Firmenschild handelte.
  • 07.12.2017, 17:25 Uhr
  • 1
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Kunst geht manchmal seltsame Wege ...
  • 04.12.2017, 09:44 Uhr
  • 1
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Was für eine grossartige Überraschung, wenn aus einem einfachen "Ladenschild" so ein prächtiges Gemälde wird.
  • 04.12.2017, 09:42 Uhr
  • 1
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren