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Der Weihnachtsmarkt

Der Weihnachtsmarkt

29.11.2017, 19:14 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Der Weihnachtsmarkt.

Das Kinderkarussell dreht sich im Kreis. Kinderaugen strahlen und suchen die Eltern, die wartend im Nieselregen stehen. „Alle Jahre wieder“ klingt es aus der Musikbox. Bernhard freut sich, dass es seine 5 jährige Emelie so glücklich macht. Seitdem er sich von Rita scheiden ließ, sieht er die Kleine nur alle drei Wochen. Blind vor Liebe hatte er die schöne Rita angebetet und ihre Begeisterung für den Sport bewundert. Viel zu spät war Rita und ihm bewusst geworden, dass er nicht bereit war, sein Leben ihren Sportaktivitäten zu opfern. Sie passten einfach nicht zusammen. Am Anfang war er noch stolz auf seine sportliche Frau, aber als nach der Geburt Emelie`s , an jedem Sonntag irgendwo ein Leichtathletik Termin statt fand, wurde es ihm zu viel. Bald gab es auch kein Gesprächsthema mehr.
Nun muss die kleine Emelie es verkraften, dass es ihre Familie nicht mehr gibt. Heute, am dritten Advent-Sonntag mag Bernhard gar nicht an Weihnachten denken. Er hebt sein Mädchen vom Karussell – Pferd. Ein Kinderchor singt: „Oh du fröhliche“.

„Emelie möchtest du etwas essen?“ fragt er sie. „Heute darf ich Pommes“, kommt prompt die Antwort. „Es wird schon langsam dunkel, dann ist das unser Abendessen“, sagt Bernhard.
Nach einigen Schritten können sie das gegrillte Fleisch und die dampfenden Fritteusen schon riechen. Dicht gedrängt stehen die Menschen um den Bratwurststand und versuchen möglichst schnell bedient zu werden. Vielleicht war gerade ein Film zu Ende oder ein Bus hatte den überall bekannten Weihnachtsmarkt angefahren. „2 x Pommes rot/weiß; 3 Currywürste, 3 Bratwürste mit Brötchen.“ Von überall prasseln die Bestellungen auf die 3 Frauen und 2 Männer ein. Metzgermeister Knopf lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er zieht einen Plastikbeutel aus einen Karton und legt die nächsten 30 Würste auf den Grill. Seine Frau füllt immer neue Pommes in das heiße Fett. Die drei jungen Leute bedienen einen Kunden nach dem anderen. Lena Kopf arbeitet schon seit zwei Stunden in der Bratwurstbude. Ihr Blick bleibt an dem 1.90 m großen Mann hängen, der auf seinen Schultern ein süßes kleines Mädchen trägt. „Zwei mal Pommes Mayo und eine Currywurst“, bestellt Bernhard. Er schaut in zwei große blaue Augen, die allerdings sehr müde wirken. „Einen Augenblick noch, ich muss noch kurz kassieren“, sagt die junge Frau. Sie wendet sich einem Jungen von ca. 15 Jahren zu und sagt: „Von dir bekomme ich noch 6.20 bitte“. „Ich habe ihnen doch schon 20 Euro gegeben“, antwortet dieser. „Sie müssen mir noch das Wechselgeld zurück geben“. Lena ist unsicher, irrt sie sich dermaßen? Bei diesem Lärm kann man sich einfach nicht konzentrieren. Aus dem Lautsprecher ertönt, „Stille Nacht, heilige Nacht“.

Nun mischt Bernhard sich ein. Mit seiner strengsten Lehrer Stimme sagt er: „Uli Höfer, ich stehe jetzt 20 Minuten schräg hinter dir. Ich weiß, du bist ein Ass im Sportunterricht und der beste Fußballspieler der Schule. Ich unterrichte dich in Mathe und gebe dir nun eine guten Rat, schau mal in deine Geldbörse, dann wirst du feststellen, dass du noch nicht bezahlt hast.“ Entsetzt schaut der Junge sich um und dann, wie befohlen, in seine Geldtasche. Mit einem gemurmelten „Tschuldigung“, reicht er Lena 10 Euro.

Bernhard und Emelie sitzen auf einer kleinen Bank. Die Pappschälchen sind schon fast leer. An dem Glühweinstand neben ihnen, wird es immer lauter. Scheinbar kennen sich die jungen Leute alle. Sie begrüßen sich überaus herzlich mit Umarmungen und Küsschen auf die Wangen. Ist das herzlich, überlegt Bernhard, wenn man sich umarmt und dann über die Schulter des Freundes schaut, ob noch jemand zum flirten in der Nähe steht? Ein Händedruck und ein Blick in die Augen, so sollte eine Begrüßung sein. Das hektische Treiben nervt ihn, er erkennt, dass die Fröhlichkeit oft nicht echt, sondern aufgesetzt und künstlich wirkt. Vorhin beim Kinderkarussell konnte man echte Freude sehen. Nun reicht er seiner Tochter die Hand und will aufbrechen. Lena kommt mit einem Kaffeebecher aus dem Bratwurststand. Sie hockt sich vor Emelie und gibt ihr einen kleinen Holz -
Nikolaus. Dann sagt sie scherzhaft: „Madame hat es ihnen geschmeckt, war das Essen zu ihrer Zufriedenheit?“ Die Kleine reagiert sofort: „Danke es war sehr lecker, besonders die Mayonnaise“, sie kichert kindlich. Lena erobert im Nu ihr Vertrauen. Die schaut nun Bernhard an: „Ich möchte mich noch bei ihnen bedanken. Der Junge hätte ohne ihre Hilfe die Wurst umsonst bekommen. Dieser Weihnachtsmarkt macht mich jedes Jahr vollkommen fertig. Gut, dass es jetzt nur noch ein Wochenende ist.“ Bernhard, der Mathematiklehrer denkt natürlich in Zahlen und sagt: „Ich schätze ca. 500 Menschen essen und trinken hier und 50 arbeiten bis zu Erschöpfung.
Die Musikbox dudelt: „Kling Glöckchen, klingelingeling.“

Um nicht hochmütig zu gelten fragt er sie freundlich: „Arbeiten sie hauptberuflich in der Hotelbranche“? Lena lacht: „Nein ich bin Kindergärtnerin und in meiner Freizeit helfe ich hier meinen Eltern. Natürlich bekomme ich auch Geld dafür. Im Februar ist ein Skiurlaub gebucht, dafür kann ich das Geld gut gebrauchen.“
Er wünscht Lena noch einen schönen Feierabend und denkt: sieht ja umwerfend aus, dieser lange blonde Zopf, der über die Schulter hängt und die alberne Zipfelmütze. Sie ist beinahe so groß wie ich. Aber – NEIN – nicht schon wieder.

Lena geht zurück in die Bude. Keine Zeit zum träumen: „3 Bratwürste, 3 mal Pommes rot/weiß zum Mitnehmen“, bestellt der nächste Kunde.

Ein kleiner Engel mit Pfeil und Bogen schwebt davon: „Schade, es hätte sein können, vielleicht nächste Woche – dann versuche ich es noch einmal.“

Das alte Weihnachtslied von Bing Crosby, in einer neuen deutschen Version. klingt über den Platz:

„Süß singt der Engel Chor WEIHNACHT
Das Fest der Liebe ist nun da.
und eine einzger Wunsche stellt sich ein,
mög auf Erden Frieden immer sein.“

Fünfhundert Menschen hören nicht hin.

Rund um den Weihnachtsmarkt sind Barrieren aufgestellt gegen Terroristen.

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14 Kommentare

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In der Vergngenheit--gab es sogar Tote--auf Weihnachts Märkten--Traurig! In meinem umfeld: traut sich kaum eine Kleinstadt Weihnachtsmarkt zu schreiben!--Hie nennt man es dann : Knupermarkt oder nussknackermarkt und weitere undiffinierbare namen. Machte doch keine freude..dahin zu gehen! Nach der Wahl--in diesem Jahr, gibt es wieder viele Kleinstädte in meiner Umgebung--die weihnachtsmärkte ausrichten--..freue mich darauf.
  • 10.12.2017, 01:15 Uhr
  • 0
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Sehr treffend beschrieben , leider ist es oft so .
Statt Besinnlichkeit gibt es Hektik .
  • 01.12.2017, 18:05 Uhr
  • 1
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Eine gute Geschichte, die zeigt wie das Leben auch sein kann. Vielleicht gibt es für die Beiden noch ein Happyend.
  • 01.12.2017, 17:45 Uhr
  • 1
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Sehr gut geschrieben Marga. Genauso fühlt sich Weihnachtsmarkt heute an. Wir sind "umzingelt" von Gehetzten und Getriebenen und merken es nicht mal. Und wir merken auch nicht, daß wir oft gehetzt und getrieben sind
  • 01.12.2017, 07:37 Uhr
  • 1
Liebe Helga, genau so ist es. Es gibt Senioren, die fahren mit Omnibussen von einem Weihnachtsmarkt zum Nächsten, nur um Gllühwein zu trinken und um sagen zu können: "Ja dort war ich auch schon." Danke für deine freundliche Kritik.
Liebe Grüße Marga ]
  • 01.12.2017, 14:20 Uhr
  • 2
Es war mir eine Freude Marga
  • 01.12.2017, 17:30 Uhr
  • 0
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Die Atmosphäre gut eingefangen zwischen allen feinen Möglichkeiten und kurzen Begegnungen am bedrohten Markt der Liebe.
  • 29.11.2017, 22:08 Uhr
  • 0
Danke, Dorothea du hast es erfasst.
Liebe Grüße Marga
  • 30.11.2017, 12:02 Uhr
  • 0
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Sie beschreiben es treffend.. Weihnachten früher und heute.. überwiegend >verkommener Commerz mehr nicht !! Mir hat ihre Geschichte gefallen, sie spielt in der Realität..
denke gern an die Weihanchtszeit in den 50/66/70igern zurück, wir waren sparsam, hilfreich dem Anderen gegenüber, selbstlos und freundlich mit unseren Mitmenschen..ich bin in der Bahn für Senioren aufgestanden und hab ihnen meine Platz angeboten, und habe sie gegrüßt... lang , lang ist`s her- und doch so als wäre es erst gestern gewesen.
  • 29.11.2017, 19:41 Uhr
  • 3
Vielen Dank für die freundliche Kritik. Der Kommerz frisst uns auf. In Minden auf dem Weihnachtsmarkt steht jetzt ein begehbarer Weihnachtsbaum bestehend aus 300 ! Tannen.
Im Innern eine Schneekönigin. Wurde gestern im Fernsehen gezeigt.
  • 30.11.2017, 12:06 Uhr
  • 1
Liebe Frau Koch.. wir sind uns einig.. auf dem letzten Weihnachtsmarkt in Kassel wurde ich bestohlen, die Polizei schmunzelte,.. nahm ein Protokoll auf mit dem Hinweis die Suchaktionen verlaufen meistens im Sand. Schauen sie sich doch die Leute an wo die herkommen...
  • 30.11.2017, 17:33 Uhr
  • 1
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Danke für diesen zeitgemäßen und gleichzeitig doch auch zeitlosen Beitrag. Hat mir sehr gut gefallen!
  • 29.11.2017, 19:26 Uhr
  • 0
Danke fürs Lesen, Renate
Liebe Grüße Marga smile:
  • 30.11.2017, 12:09 Uhr
  • 1
LGZ
  • 30.11.2017, 13:13 Uhr
  • 0
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