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Kunst verstehen: „ ... aber bitte gut einpacken!“

Kunst verstehen: „ ... aber bitte gut einpacken!“

Volker Barth
16.12.2017, 20:00 Uhr
Beitrag von Volker Barth

Es ist Vorweihnachtszeit - und Weihnachten steht vor der Tür‘ - ein jeder ist auf der Suche nach Geschenken für seine Lieben. Diese müssen liebevoll eingepackt (verpackt) werden. Sind sie gefunden, sollten sie auch hübsch und kreativ verpackt sein.

Bei dem Wort „kreativ“ fällt mir natürlich sofort das Aktions- und Künstlerehepaar Christo ein. (Die Christos beschenkten „so“ die Kunstliebenden der Welt mit Landschaften, Denkmälern und Gegenständen mit der „neuen Schönheit“).

Verpackungskünstler wurden die beiden oft genannt, ihnen wäre allerdings der Begriff „Verhüllung“ lieber. Die Verhüllung hat eine lange, schillernde kunstgeschichtliche Tradition. Sie leitet sich einerseits aus dem Religiösen her: Verhüllt ist das Unantastbare, Geheimnisvolle und Unsichtbare.Für ihre Objekte bzw. Aktionen benutzen sie das englische Wort „wrapped“ - übersetzt: ‎eingewickelt, ‎eingehüllt, umwickelt.

So z.B.: die Aktion „Wrapped Reichstag“

Sie entstand vom 24. Juni bis zum 7. Juli 1995 und war die „Verhüllung des Berliner Reichtagsgebäude“ (siehe Bildergalerie), ein spektakuläres Sommer-Ereignis mit dem „13-Millionen-Dollar teurem Kunstwerk“ und rund fünf Millionen Besuchern und das in nur zwei Wochen.

Zu einer vergessenen Christo-Aktion

Diese fand unter dem Titel „Mon Schau“ im Jahre 1971 in dem Eifelstädtchen Monschau statt (und wird in Christos Monografien nicht erwähnt!) Die Aktion entstand in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Kunstkreis und vielen freiwilligen Helfen. In Monschau herrschte große Konfusion, viele Einwohner waren dagegen, aber auch einige dafür.

Als Christo Monschau erstmals in Augenschein nahm, bemerkte er: „Das ist fantastisch schön hier. Doch die Leute sehen das nicht mehr, weil sie nichts anderes kennen.“

Der Künstler Christo (Javacheff) packte die altehrwürdige Burg Monschau (13. Jahrhundert) und die Haller-Ruine ein. Zudem wollte er den schönsten Blick im Städtchen mit einem gigantischen Vorhang verhängen.

Die Verpackungsarbeiten wurden von Christo wohl ausgearbeitet, aber von Monschauer Handwerkern und ehrenamtlichen Helfern übernommen, denn Christo weilte im Sommer 1971 in Rifle (Colorado/USA), wo er ein Tal in einer Breite von etwa 700 Metern und einer Höhe von 150 Metern verhängte.

Übrigens: Die Seile dieser Verpackungs-Aktion wurden bei Einheimischen zu Abschlepp-Seilen und bei der Jugend zu Springseilen "recycelt".

Nun ein bisschen Biografie

Christos Sensibilität für das Material von Stoffbahnen entstand schon in seiner bulgarischen Jugendzeit, als er in seines Vaters Textilfabrik zwischen den Stoffballen laufen konnte und Zeichnungen davon anfertigte. Als Student musste er später im Auftrag der Kommunistischen Partei an der Kunstakademie in Sofia(!) entlang der Orient-Express-Eisenbahnstrecke verfallene Dörfer „verstecken“ oder als Idylle inszenieren. (So lernte er zwangsweise in großen Dimensionen zu denken).

Christo (Wladimirow Jawaschew) - seine anfängliche Signatur war „Javacheff“ - wurde am 13. Juni 1935 in Gabrowo/Bulgarien als Sohn einer Industriellenfamilie geboren. Von 1953 ab erfolgte Studium an der Akademie der Künste in Sofia, 1956 Reise nach Prag und ein Jahr später dann schließlich noch ein Semester an der Kunstakademie in Wien.

Und nun das wichtige Jahr 1958:

Christo kommt nach Paris, schuf hier „Pakete“ und „verhüllte Objekte“ - und lernte seine zukünftige Ehefrau kennen, die in Tunis Latein und Philosophie studierte und dann Stewardess bei der Air France war. Ihr Name Jeanne-Claude, eine geborene Denat de Guillebon aus einer franz. Militärfamilie. Sie wurde am 13. Juni 1935 in Casablanca/Marokko geboren (Genau wie Christo - am gleichen Tag und im gleichen Jahr). Am 11. Mai 1960 kam Christos und Jeanne-Claudes Sohn Cyril zur Welt, geheiratet wurde aber erst am 28. November 1962 in Paris und so wurde es ein Künstlerehepaar mit „angeschlossener“ Produktionsgemeinschaft. Ab 1961 entstand ihr erstes gemeinsame Projekt (Gestapelte Ölfässer und Verhüllungen im Kölner Hafen für zwei Wochen).

Christo und Jeanne-Claude fühlten sich immer als positiv denkende Menschen - ihre "Kunst" sollte eine Demonstration der poetischen Freiheit sein. Ihre großen öffentlichen Werken sollten die Besucher ablenken und sie von alltäglichen Sorgen befreien.

Trauer um Jeanne-Claude, sie starb 74jährig am 18. November 2009 in New York City an einer Hirnblutung.

Vieles begann in Paris

Es war März 1958 und Christo begann zu verhüllen. Anfangs waren es Dosen, Flaschen, Mobiliar und sogar ein Auto (VW-Käfer) – einfach alles, was er finden konnte - Alltagsgegenstände, die weder besonders schön noch interessant waren. Stillschweigend setzte er voraus, dass jedes, aber auch jedes Objekt, schließlich seinen Platz in der Kunst haben wird. Seine Objekte laufen unter dem Begriff „Inventory-Reihe“.

So einfache Gegenstände (in der Bildergalerie): wie z.B.: Spielzeug-Pferd, Einkaufswagen mit Inhalt.

Auch Bäume (in der Bildergalerie): Christo und seine Frau verhüllten 178 „Wrapped Trees“ im Jahre 1997/98 für die Dauer von 21 Tage bei der Fondation Beyeler und dem Berower Park in Riehen/Schweiz.

Sogar „Luft“ (in der Bildergalerie): Ein 5600-Kubikmeter-Paket für zweieinhalb Monate bei der Documenta IV. in Kassel 1967/68.

Später sogar Gebäude (in der Bildergalerie): z.B.: 1971 die Burg- und die Hallerruine (Mon Schau) und für vierzehn Tage der „Wrapped Reichstag“ 1995 in Berlin.

Und exklusiv: „Wrapped Christo“ (in der Bildergalerie): Er höchst persönlich mit schwarzer Brille (1981) im Cental Park von New York - konzipiert von der US-amerikanische Fotografin Annie Leibovitz, die zu den bekanntesten und bestbezahltesten Fotografen der Welt zählt.

In der zukünftigen Planung: Hier schließt sich der Kreis von 1961/1962 - denn erste Anfänge geschehen im Hafen von Köln (Gestapelte Ölfässer) und dann in der Rue Visconti, Paris („Eiserne Vorhang - Mauer aus Ölfässern“). Das nächste Werk von Christo soll in Abu Dhabi realisiert werden: Eine 150 Meter hohe Pyramide mit flachem Dach aus 400.000 Ölfässern. Das Projekt sei bereits seit 1979 in Arbeit so berichtet Christo und der Titel lautet „Mastaba“. (So genannt werden ägyptische Grabbauten, die wie eine Pyramide mit Flachdach aussehen). „Wann genau mit der Errichtung begonnen werden kann, ist allerdings noch offen“, so der Künstler.


Links:

(Christo und Jeanne-Claude)
https://de.wikipedia.org/wiki/Christ...anne-Claude

(Verhüllungen)
http://www.christoph-stender.de/proj...huellungen/

(Kulturgeschichte der Verhüllung)
http://www.sueddeutsche.de/kultur/ku...1.3234690-2

(Christo - mon Schau)
https://www.ksta.de/rueckblick-als-c...te-11966138

(Christo - Reichstag)
http://www.art-magazin.de/kunst/1525...glanzstueck

Map-Data:
Korff Stiftung GmbH, Hettenshausener Strasse 3, 85304 Ilmmünster/Bayern

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7 Kommentare

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Hallo Volker,
diesmal ist mir die Materie fremd, ich kann mit Aktionskunst wenig anfangen...Es gibt sicherlich einen denkerisch philosophischen Hintergrund wie Heidrun ihn formuliert, aber mir erschließt er sich nicht.
Ich wünsch Euch Allen Frohe Weihnachten und weiterhin usn Allern Freude am schauen und Staunen in der Kunst, in der der darstellenden Kultur (wie in schönen Texten, Filmen udn Gedichten) und vorallem in der Natur! Alles Gute!
  • 22.12.2017, 20:50 Uhr
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Dagmar trifft den Kern dieser Kunst, Vorhandenes (Gegenstände, Seen, Landschaften ) werden in eine andere Dimension befördert und zeigen sich vorübergehend neu und ungewöhnlich. Christo's verhüllten Reichstag habe ich leider versäumt, das bereue ich bis heute .......danke Volker für deine interessanten Kunst-Geschichten.
  • 18.12.2017, 09:18 Uhr
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Vielen Dank für Deinen "enthüllenden" Beitrag.
Den Reichstag in Berlin hatte ich mir damals angesehen. Ursprünglich, als ich davon hörte, konnte ich nichts damit anfangen. Als ich dann davor stand empfand ich es als eine Plastik, in einem Stück gegossen., mit Gänsehautfaktor. Es ist mir als ein Monument in Erinnerung. Sehr beeindruckend.
Ich war vorher und auch nachher immer wieder mal am Reichstagsbebäude. So recht gefällt er mir seit dieser Zeit nicht mehr, ich empfinde ihn als nackt und ein bisschen als Klotz....
  • 17.12.2017, 21:50 Uhr
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Vielen Dank für den großen Beitrag - durch die Verhüllungen bekommen die Sachen eine völlig andere Bedeutung, die Sichtweise verändert sich ( zumindest bei mir ) - und gibt sehr viel Raum zum Nachdenken.
  • 17.12.2017, 12:25 Uhr
Volker Barth
Danke für Deine "schönen" Worte ...
  • 17.12.2017, 13:15 Uhr
gerne
  • 17.12.2017, 19:34 Uhr
Kunst liegt im Auge des Betrachters !
  • 18.12.2017, 18:21 Uhr
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