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Die alte Tanne

Die alte Tanne
16.12.2017, 10:51 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Die alte Tanne

Missmutig schaut die alte Edeltanne über ihr 5 000 qm großes Areal. „November“, denkt sie;
so hässlich wie in diesem Jahr, sah es hier noch nie aus. Seit vierzig Jahren steht sie hier am östlichen Rand der Schonung.
Damals, als ich noch jung war, trug mein Land den Namen „Tannenschonung“ noch zu Recht. In langen Reihen wurden die kleinen Setzlinge im Boden versenkt. Sofort begann der Wettbewerb. Jedes Bäumchen wollte schöner und größer als sein Nachbar werden. Frühling, Sommer, Herbst und Winter – die Jahre zogen vorbei. Die Kinderzeit brachte jeden Tag etwas Neues. Eichhörnchen, Häschen und Familie Reh spielten zu unseren Füßen. Die Vögel tirilierten in den, nebenan wachsenden, Birken und Eschen.
Nach Jahren unbeschwerten Daseins, kamen die Menschen. Ich weiß noch, die kalte Jahreszeit stand uns bevor. Die schönsten Bäume bekamen ein buntes Bändchen. Wir freuten uns noch über den Schmuck. Nur, nach einigen Tagen wurden genau diese Brüder abgesägt und mitgenommen. Ein Wort hörte man immer wieder: „Weihnachten!“. Es wurde geflüstert und getuschelt: „es ist der Sinn unseres Dasein`s, wir werden Weihnachtsbäume. Die Menschen holen uns in ihre Häuser. Sie schmücken uns mit bunten Kugeln und Lametta. Der Clou sind brennende Kerzen, sie lassen die Kinderaugen strahlen.“ Jahr für Jahr wiederholte sich dieser Albtraum. Nach und nach verschwanden alle meine Freunde. Mich wollte niemand, wahrscheinlich weil ich hier hinten stehe. So weit bemühten sich die Menschen nicht. Sie fanden vorher schon, was sie suchten. Irgendwann war ich zu groß für ein Wohnzimmer.

Dann hoffte ich nicht mehr und betrachtete in jedem Winter, aus sicherer Entfernung das muntere Treiben. Auf den frei gewordenen Flächen setzte man im Frühling neue Bäumchen. Nach und nach löste sich die Ordnung auf.
Das Chaos brach aus nachdem Herr Sieveke, der dreimal jährlich mit einer Motorsense, Unkraut, wilde Triebe und Gras entfernte, krank wurde. Wild wuchernd eroberten Brombeeren und von den Vögeln gesäte Laubbäume, meine Schonung. Seit fünf Jahren umgibt mich ein Urwald. Sogar die Wildschwein-Rotte besucht mich nicht mehr. Kurz vor Weihnachten retten nur noch die Eigentümer des Grundstücks zwei oder drei Bäumchen vor dem Ersticken.

So war die Wirklichkeit bis vor drei Tagen. Zu meiner Verwunderung erschienen zwei Arbeiter mit riesigen Geräten und rissen breite Schneisen in das Gelände. Schöner wurde es davon leider auch nicht. Nun bekommen aber die noch lebenden Tannen wieder Luft und Raum zum Wachsen.

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Die 15 Meter hohe Blautanne überlebt die Herbststürme Xaver und Herwart, die über unser Land hinweg fegen. Dann geschieht ein, nicht mehr erwartetes Wunder, Jahre voller Hoffnung und Bangen gipfeln in diesem glücklichen Finale. Zwei Männer mit Regenjacken und Gummistiefeln stapfen durch Dreck und Matsch bis ans Ende der Fläche. Sie umrunden die Tanne. Bewundern den geraden Wuchs und die nach oben sich verjüngenden Äste. „Ja, die ist richtig“, sagt einer, „wir nehmen sie gerne. Der Küster will lieber eine Nordmann-Tanne, weil die leichter zu schmücken ist, soll er sich Handschuhe anziehen. Ich bedanke mich im Namen der Gemeinde.“ Er schüttelt die Hand seines Gegenüber. Am nächsten Tag kommen zehn Männer mit einem LKW. Die Tanne wird am Stamm abgesägt. Mit festen Stricken werden die Äste um den Stamm gewickelt. Vorsichtig hebt man sie auf den Lastwagen. „Wo bringt ihr mich hin?“ fragt der Baum. Niemand hört ihn, also erwartet er demütig sein Schicksal.

Nicht auf den Weihnachtsmarkt, nicht in das alte ehrwürdige Rathaus und nicht ins Foyer des Theaters, nein. Der Wagen hält vor der großen Kirche. Wieder müssen viele fleißige Hände helfen, den Baum aufzustellen. Geschmückt wird er mit verschieden großen Strohsternen. Es ist unwichtig, dass es elektrische Kerzen sind, die das Haus Gottes erhellen.
Am Heiligen Abend singt die Gemeinde:

„Oh du fröhliche, oh du selige, Gnaden bringende Weihnachtszeit“.

Kräftig schallen die Klänge der alten Orgel. Bei der zweiten Strophe fallen die Töne der Posaunen ein. Nur besondere Ohren hören, dass die Tanne, mit ihrem voll tönenden Bariton. den Gesang begleitet.

copyright: M.Koch

14 Kommentare

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Liebe Marga, das war für die Tanne sicher ein ganz besondere Freude, die ihr auf ihre alten Tage noch gemacht wurde....
Ich wünsche dir ein frohes Weihnachtsfest, im Kreise deiner Lieben und einen guten Rutsch ins neue Jahr, verbunden mit ganz viel Gesundheit
  • 22.12.2017, 00:35 Uhr
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Liebe Karin, danke für deinen lieben Kommentar. Ich wünsche dir auch ein besinnliches frohes Weihnachtsfest und ein gesundes neues Jahr.
  • 22.12.2017, 10:55 Uhr
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Nette Geschichte. Warum sollte die alte Tanne nicht auch noch glücklich werden-wollen die älteren Menschen ja auch
  • 21.12.2017, 20:35 Uhr
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Der Text gefällt mir sehr gut, prima, LG Friedrich
  • 20.12.2017, 20:52 Uhr
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Danke Friedrich, ich wünsche dir ein besinnliches Weihnachtsfest.
  • 21.12.2017, 11:20 Uhr
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Lieben Dank Marga, regt zum Nachdenken an. Dein Herz spricht vielen aus der Seele. Weihnachten bedarf des Schmuckes nicht- wie recht die Tanne hat. Allen ein besinnliches Weihnachten ohne dem Torturparcours..
  • 20.12.2017, 20:03 Uhr
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Danke Tina, auch von mir "Frohe Weihnachten!" und ein gesundes "Neues Jahr!"
  • 21.12.2017, 11:22 Uhr
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Danke Helga, ich wünsche dir ein frohes Weihnachtsfest.
  • 19.12.2017, 15:15 Uhr
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Wunderschön geschrieben und beobachtet mit so viel Herz Marga
  • 19.12.2017, 08:37 Uhr
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Oh ja...so geht jeder seinen Weg.
Danke, liebe Marga.
Ich wünsche Dir einen schönen 3. Advent
  • 17.12.2017, 10:44 Uhr
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Hallo Marga, du treue Erzählerin zum Erlebnis deiner Tanne würde gut das Gedicht von James Krüss passen.
http://www.lyrikwelt.de/gedichte/kruessg1.htm
  • 16.12.2017, 18:07 Uhr
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Danke Margarethe, ich habe es gerade gelesen.
wünsche dir einen schönen 3. Advent-Sonntag.
  • 17.12.2017, 10:55 Uhr
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Marga ,genau richtig für diese Jahreszeit ,danke
  • 16.12.2017, 15:51 Uhr
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Liebe Marga, schön, symbolisch und spannend, der Lebensweg der alten Tanne. Gefällt mir.
  • 16.12.2017, 11:33 Uhr
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