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Kunst verstehen: Elvira Bach & ihre vielen Ichs

Kunst verstehen: Elvira Bach & ihre vielen Ichs

Volker Barth
20.01.2018, 20:00 Uhr
Beitrag von Volker Barth

Elvira Bach bekam in die Karibik, nach Santo Domingo (Dominikanische Republik), folgenden Telegramm-Text „Lade Sie ein zur documenta 7. Wann sind Sie zurück? Gruß Rudi Fuchs“.

Dieses geschah im Jahre 1982, Elvira Bach war 31 Jahre alt und stand ganz am Anfang. Damals war es „die Zeit des Aufbruches in Berlin“, aber auch die für Deutschland. Eine „andere“ Kunstrichtung war populär, die minimalistisch und abstrakt war. Der niederländische documenta 7 Leiter Rudi Fuchs schätzte Elvira Bach wegen ihrer „naiven Ernsthaftigkeit“ und lud sie ein. Ihre Bilder zeigten einen lässig-schwungvollen Pinselstrich, eine auffallende deftige Farbigkeit und eine sinnliche, ausdrucksstarke Malweise. Elvira Bach sympatisierte mit den Berliner Mal- und Studienkollegen Rainer Fetting (*1949), Helmut Middendorf (*1949) und Salome (*1954), die man zu den „Neuen Jungen Wilden“ zählte. Sie sagt dazu „Ich kann diesen Begriff heute fast nicht mehr hören. (...) Die Leute brauchen immer eine Bezeichnung, um Kunst einzuordnen, das ist irgendwie schade. Figurative Malerei und der Ausdruck von Empfindungen, oft unterstützt durch Musik, das war damals die neue Malerei, auch ausgelöst durch uns.“ Dann feierte man Elvira Bach auf der documenta 7 als weibliche „Neue Junge Wilde“, als narzisstisches Idol und als ein neues „Markenzeichen“.

Ihre Hände - die Liebe

Im Katalog „Elvira Bach - von mir aus“ verfasste sie wie ein Vorwort Lesenswertes über „Die Hand in der Kunst“. Nun einige typische Auszüge: „Meine Hand ist mein Vater, meine Mutter und mein Werkzeug, ein Sinnesorgan und ein Medium. Sie ist ruhig und rastlos, ungestüm und feinfühlig zugleich. Sie ist rauh, rissig, voller Pigmente, und sie weiß, wie meine Farben angerührt werden müssen. Sie streicht sacht über einen schönen Stoff oder eine polierte Oberfläche. Mit meiner Hand halte ich die Zigarette und das Weinglas oder stelle Blumen ins Wasser. In ihr liegt die Möglichkeit, den Alltag zu meistern, genauso wie die Macht, meine Kinder zu beschützen.

Doch vor allem ist meine Hand das Instrument, das mich zur Malerin gemacht hat. Aus der Kraft des Handgelenks entstehen meine Bilder, der Pinsel ist die Verlängerung des Arms, und die Hand stellt die Verbindung her. Nur sie vermag die Brücke von der ersten Eingebung zum Werk zu schlagen. Ich kann keinen anderen Menschen meine Ideen ausführen lassen. Ich bin meiner Hand ausgeliefert und habe gelernt, ihr zu vertrauen.

Ich lackiere mir nicht die Fingernägel, und ich trage niemals Ringe. Meine Hand muß nicht schön sein; man soll in ihr ablesen können, woraus mein Leben besteht - nämlich vor allem aus „Handarbeit“.

Frauen auf meinen Bildern haben Hände, die anatomisch eigentlich nicht korrekt sind: Kraftvoll und stark, so wie meine Hände, sehen sie aus, und sie sind immer zu groß gemalt. Sie sind mir wichtiger als das Gesicht, das ich oft abstrahiere oder zur Maske stilisiere.

Man kann ein Lächeln aufsetzen, das nicht ehrlich gemeint ist, doch die Gesten der Hand lassen sich nicht einstudieren. Sie kommen von innen und wegen dieser unbedingten Ehrlichkeit kann ich nicht anders, als meine Hand zu lieben.“ - Elvira Bach

Biografisches

In Elvira Bachs Gemälden steckt recht viel „Biografie“. Folglich folgen jetzt aufschlussreiche Lebensdaten: Elvira Bach wurde am 22. Juni 1951 in Neuenhain/Taunus geboren. Mit ihrer Zwillingsschwester Ingrid verlebte sie eine schöne Jugend in diesem Obstbauerndorf, wo der Vater Apfelwein herstellte. „Wir waren ein gutes Gespann, Irene ist immer vorneweg gewesen, sie war frecher als ich“. Von 1967 bis 1970 besuchte sie die Staatliche Glasfachschule Hadamar und verreiste gemeinsam mit ihrer Zwillingschwester. Reiseziele waren Rom, Sizilien, Südspanien, Florenz, Pompeji, Madrid (Prado, Velaszques, El Greco) usw..

Danach zog sie nach Berlin und studierte von 1972 bis 1979 bei dem „informellen Maler“ Hann Trier an der Hochschule der Künste (zeitgleich studierten auch Rainer Fetting, Salome und Helmut Middendorf). Während der Studienzeit arbeitete Elvira Bach auch an der Berliner Schaubühne als Requisiteurin, Souffleuse und Foyerdame. Und dann führte ein Stipendium Elvira Bach nach Santo Domingo, in die Karibik, in die Dominikanische Republik.

Und dann, weiter ins „dunkle Herz Afrikas“, „da habe ich gefühlt: Hier habe ich etwas verloren. Ich habe mich da zu Hause gefühlt, als ob ein Teil von mir daher kommen würde“. Elvira Bach fand hier ihren Mann - Alioune, ein schwarzer Mann - er kommt aus dem Senegal und pendelt bis heute zwischen Berlin und dort, er handelt mit Stoffen. Mit ihm hat Elvira Bach zwei Söhne „Lamine“ und „Maodo“. „Ich habe durch meine Kinder eine neue Welt erfahren (...) die ich sonst nie erfahren hätte. So sind dann auch die Küchenbilder entstanden“. Heute lebt und arbeitet sie in Berlin.

Ihre neoexpressionistischen Frauenbildnisse spiegeln die Themen ihres eigenen Lebens wider. Die Ähnlichkeit der Bilder mit ihrer eigenen Person sind unverkennbar. Die Werke der frühen 1980er Jahre drehten sich größtenteils um das Thema „Ich“. „Es ist ein großes Privileg, dass ich malen, malen und malen kann. Es ist eine Freude, dass ich das machen darf. Keiner redet da rein. Und dauernd entsteht etwas auf der weißen Leinwand (...) Kein Ende in Sicht!“

Die Motive der Bildergalerie

Aufmacher und Bild 1: Die Künstlerin Elvira Bach vor ihrem Gemälde „3 Diven“ bei der Ausstellungs-Eröffnung im Jahre 2017 in Kronberg/Taunus.

Bild 2: Ausstellungsmotiv „Bin ich schön - Elvira Bach im Taunus“ vom 10. bis 26. Juni 2016 im Rathaus Kelkheim/Taunus.

Bild 3: Dieses Elvira Bach Bild „Anthurie“ erzielte bei einer Kunstauktion des Hauses VAN HAM die Versteigerungs-Summe von 10.500.- Euro.

Bild 4: Sicherlich eine „Satire“ auf Elvira Bachs "übertriebene" Tierliebe, speziell für Katzen.

Bild 5: Solch ein Tag im Alltag der Mutter, Hausfrau und Künstlerin Elvira Bach.

Bild 6: Hier eines von Elvira Bachs berühmten Küchenbildern - ein gemaltes „Selfie“ - unter dem Titel „Küchendiva de Luxe“ von 2007.

Bild 7: Zu Hause im Taunus, in Neuenhain, ein tägliches Motiv: die volle Abspüle - gemalt als ein „klassisches Stillleben“.

Bild 8: In dieser Puppenstube „Dollhouse“ geht es ganz „doll“ zur Sache: Man „liebt“ sich!

Links:

(Elvira Bach - Biografie)
http://www.elvira-bach.de/elvira_bio.php

(Staatliche Glasfachschule Hadamar)
http://www.glasfachschule-hadamar.de/

(Hann Trier)
https://de.wikipedia.org/wiki/Hann_Trier

(Neue Junge Wilde)
https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Wilde

(documenta 7)
https://de.wikipedia.org/wiki/Documenta_7

Map-Data:
ART at Berlin, Schönhauser Allee 125, 10437 Berlin - Elvira Bach - Zwei Jahre in violetten Gummistiefeln - 68projects - ab 19. Januar 2018

Schönhauser Allee 125, 10437 Berlin auf der Karte anzeigen:
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8 Kommentare

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Sehr interessant, Volker. Ich wußte nichts von Elvira Bach, die Bilder gefallen mir sehr gut!
  • 04.02.2018, 12:50 Uhr
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Eine starke Frau und eine starke Malerin mit Bildern voll kraeftiger Farben und Ausdruck, die sich trotz der Ueberzahl maennlicher Kuenstler durchsetzen konnte. Danke Volker fuer deinen ausfuehrlichen Bericht.
  • 21.01.2018, 11:45 Uhr
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Sehr informativ... Wollte mir vor vielen Jahren mal ein Bild von ihr kaufen... In einer Galerie in Berlin, Mitte, neben einem Cafe, das voll war mit Bildern von ihr... (Berliner Hängung)
  • 20.01.2018, 23:04 Uhr
Haettest du mal machen sollen ...
  • 21.01.2018, 11:46 Uhr
Du, kann ich immer mal machen... Habe weniger das Problem ein Bild zu kaufen... mehr wo es hin soll, alles voll
  • 21.01.2018, 11:53 Uhr
Axel - schön - hier einen Kunstinteressierten zu finden ...
  • 24.01.2018, 11:54 Uhr
Vielen Dank Heidrun
  • 24.01.2018, 11:55 Uhr
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Ihre Bilder sind so herzerfrischend, jugendlich.....
  • 20.01.2018, 20:24 Uhr
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