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Die Seele

Die Seele
12.02.2018, 10:22 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Seele.

Judith genießt den Feierabend. Nach einem anstrengenden Bürotag sitzt sie im Wohnzimmer und liest die Tageszeitung. Die 50-jährige Frau arbeitet in einer kleinen Firma als Buchhalterin. Sie ist froh, dass sie diese Stelle vor drei Jahren antreten konnte. Außer ihr ist nur noch eine junge Frau als Schreibkraft angestellt. Gut, dass sie die Weiterbildung während ihrer Hausfrauenzeit, nicht aus den Augen verloren hat. Es war nicht leicht ihr Wissen den neuen veränderten Bedingungen mit den EDV - Fortschritten anzupassen. Jetzt ist ihr Chef sehr zufrieden und schenkt ihr sein volles Vertrauen.
Ihr Mann Martin und sie heirateten sehr jung und haben es noch nie bedauert. Nacheinander wurden Thomas und Andreas geboren. Die Söhne sind jetzt 25 und 26 Jahre alt und studieren in Hamburg und Köln. Eigentlich war die Familienplanung schon abgeschlossen. Als sie wieder in ihrem Beruf arbeiten wollte, meldete sich noch ein Nachzügler an. Ihr Nesthäkchen ist jetzt 14 Jahre alt und sitzt ihr gegenüber. Sie hat die Beine über die Lehne des bequemsten Sessel platziert und liest ein Buch. Nie bereute es Judith, dass der Einstieg in den Beruf noch einmal verschoben werden musste.
Genau wie bei den Söhnen, blieb sie zu Hause. Die wichtigsten Lebensjahre ihrer Kinder wollte sie nicht versäumen und ihre Erziehung nicht in fremde Hände abgeben. Johanna, von allen Jo gerufen, wird von den Eltern und Brüdern geliebt und verwöhnt. Sie besucht das Gymnasium der Kleinstadt.
Ihre Lehrer loben die wache Intelligenz des Mädchens. Eine Lehrerin bemerkte kürzlich im Scherz: „Jo debattiert gerne. In einigen Jahren werden die Politiker von ihr begeistert sein und möchten sie wahrscheinlich gerne in ihre Kreise aufnehmen.“ „Nicht, wenn ich es verhindern kann, dachte ihre Mutter.

Judith blättert die Zeitung um und stutzt. „Ach, jetzt ist Frau Bergmann auch gestorben. Du weißt doch, die Mutter von Christoph. Er besuchte mit Andreas die Schule und war hier manchmal an Geburtstagen.“ Jo legt ihr Buch auf den kleinen Beistelltisch, steht auf und liest die Todesanzeige. „Sie wurde nur 60 Jahre alt und dort oben steht: Meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus. Wollte sie nicht mehr leben?“ Judith sagt nach-denklich: „Vor einem halben Jahr ist Christoph in Afghanistan mit einem Flugzeug abgestürzt. Er war ihr einziges Kind. Der arme Mann, jetzt ist er ganz allein.“ Jo antwortet: „Ich mochte Christoph sehr gern und fand ihn einfach super. Er war 10 Jahre älter, aber wenn er Andreas besuchte, spielte er manchmal mit mir. Warum ist er nur in die Bundeswehr eingetreten?“
„Andreas wollte es ihm ausreden. Es ist ihm nicht gelungen. Christoph wollte unbedingt fliegen lernen. Die Freundschaft ist dann eingeschlafen,“ erwidert Judith.
Jo`s Gedanken nehmen eine andere Richtung: „Mutti, kürzlich sagte unser Bio - Lehrer, dass kein Pathologe je eine Seele gefunden hätte. Es muss sie aber doch geben. Immer wieder wird sie in der Literatur und auch im Gottesdienst erwähnt.“ Judith setzt sich bequem hin und schiebt die Zeitung etwas zur Seite. Sie denkt: „aufpassen dies ist kein oberflächliches Gespräch“ und sagt: „Schatz man weiß es nicht genau, man kann eine Seele nicht sehen. Sie ist unsichtbar, ganz zart und empfindlich. Manchmal wird sie schon in der Kindheit eines Menschen schwer verletzt. Wenn dann niemand hilft, versteckt sie sich, sie stirbt nicht, also muss sie auch zäh sein.“ Nach einer kleinen Denkpause fährt sie fort: „Als ich den Spruch auf der Traueranzeige las, musste ich unwillkürlich an eine Libelle denken. Libellen sind wunderschön. Sie glänzen in allen Farben, die Flügel sind sehr zart und durchsichtig. Dieses kleine Raubinsekt kann sich mit 50 km in der Stunde fortbewegen, also ist es auch stark. Vor zwei Jahren, als du mit Oma und Opa in Spanien warst, reisten Papa und ich durch Schottland. Wir können uns die Fotos heute Abend gern noch mal anschauen. Wir rasteten am Caledonian Kanal. Die Sonne schien warm und sommerlich auf uns herab. Bei einem kleinen Spaziergang standen wir plötzlich auf einem Soldatenfriedhof. Die Inschriften auf den Holzkreuzen trübten unseren Ferientag. Ich habe sie nicht gezählt, mindestens 20 junge Männer lagen dort in ihrer Heimaterde und alle waren in Afghanistan gefallen. Libellen leben an Gewässern, also war es natürlich, dass eine Menge Libellen über den Gräbern hin- und herflogen. Seit der Zeit denke ich an Libellen, wenn ich Seele lese.“ Jo sagte leise: „Ich verstehe, Herr Bergmann denkt die Seelen seines Sohnes und seiner Frau treffen sich irgendwo und sind wieder vereint.“ Dann wird ihre Stimme wütend und laut: „Mutti kannst du mir erklären, warum die jungen Männer von Politikern zum Sterben in ein fremdes Land geschickt werden? Warum melden sich Jungen wie Christoph auch noch freiwillig und lassen sich dort hinschicken?“ Judith hebt bekümmert die Hände: „Bei den Jungen ist es Abenteuerlust. Christoph wollte unbedingt den Flugschein erwerben. Gut bezahlt wird der Auslandseinsatz auch. Bestimmt ist das bei einigen von ihnen auch ein Motiv. Keiner will jung sterben. Alle denken, mir passiert schon nichts. Wenn sie es überleben, dass sind Gott sei Dank noch die Meisten, müssen sie psychologisch betreut werden. Sie sind nicht alle robust und hart. Die Empfindlichen und Feinfühligen leiden mit den armen Menschen dort. Wirklich helfen können sie nach meiner Meinung nicht. Der Krieg dauert schon sehr lange. Mit harter Stimme fährt Judith fort: „Schuldig sind die geldgierigen Waffenfabrikanten. Sie lassen immer neue, gefährlichere Waffen bauen. Sie wollen an die Bodenschätze dieser Länder. Geld und Machtgier bestimmen ihr Handeln. Die Politiker der westlichen Welt sind nur Marionetten. Verteidigungsministerin- und Außenministerbesuche können keine Mutter trösten, die um ihr totes Kind weint.“
Jo geht zur Tür: „Bin ich froh, dass Thomas und Andreas andere Ziele haben. Es ist noch nicht dunkel, komm Bobby“, ruft sie den schwarzen Labrador, „wir drehen noch eine Runde.“

Judith denkt: „Wieder ein Samenkorn gelegt – vielleicht geht es auf. Nur kluge und liebende Mütter können diese Welt noch retten.

19 Kommentare

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Eine sehr schöne, nachdenkliche Geschicht.
  • 14.02.2018, 21:15 Uhr
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Toll geschrieben Marga. Ich liebe Deine Geschichten.
  • 14.02.2018, 09:40 Uhr
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Vielen Dank, liebe Helge :smile ich wünsche dir einen schönen Tag
  • 14.02.2018, 10:09 Uhr
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  • 16.02.2018, 07:34 Uhr
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Eine berührende Geschichte, schön geschrieben...
  • 14.02.2018, 08:26 Uhr
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Danke Ernst, dass du sie gelesen hast. Ich freue mich immer über positive Kritik.
Liebe Grüße
  • 14.02.2018, 10:10 Uhr
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  • 14.02.2018, 23:02 Uhr
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Eine Seele ist ein extrem subtiler Stern und alle Eigenschaften der Persönlichkeit sind darin enthalten. Es ist die Seele. die ihre Rolle durch den Körper spielt. Der Körper selbst ist leblos, wohingegen die Seele lebendig ist. Die Seele ist Licht und fliegt mit Lichtgeschwindigkeit...manchmal wird sie von Menschen wahr genommen, wenn sie gerade den Körper verlässt.
  • 12.02.2018, 20:17 Uhr
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Dankeschön liebe Marga,
deine Geschichte berührt mich und vereint Leben und Tod- im Kreis des Lebens.
Es gibt einen Volksglauben, das sich kürzlich verstorbene Seelen in Libellen verwandeln, um in den Himmel aufzusteigen und an den Ort der Wiedergeburt zu fliegen.
Sowie auch in deiner Geschichte, ähnlich zitiert:
"Meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus"- sanft und leise kam die Libelle...flog durch die Luft und tanzte mit den Wind.
  • 12.02.2018, 14:22 Uhr
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Liebe Tina, danke für deinen freundlichen Kommentar. Ich dachte es wäre meine Idee, diese Verbindung zwischen Libellen und Seele. es ist alles schon mal gedacht.
Liebe Grüße Marga
  • 12.02.2018, 16:59 Uhr
  • 2
Danke Tina für das schöne Video. Es gefällt mir sehr.
  • 15.02.2018, 18:28 Uhr
  • 1
Das erfreut mich sehr und passt so wunderbar zu deinem Beitrag liebe Marga.
  • 15.02.2018, 18:33 Uhr
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Marga, die Geschichte fing so berührend an und endete dann leider mit einem sehr naiven Kommentar: "Mit harter Stimme fährt Judith fort: „Schuldig sind die geldgierigen Waffenfabrikanten. Sie lassen immer neue, gefährlichere Waffen bauen. Sie wollen an die Bodenschätze dieser Länder. Geld und Machtgier bestimmen ihr Handeln. Die Politiker der westlichen Welt sind nur Marionetten".
Wenn es diese Waffen nicht gäbe, dann würden sich die Menschen mit Messern oder Keulen umbringen. Denn Krieg gab es schon seit Anbeginn der Zeiten.
Übrigens handeln nicht nur westliche Politiker so, sondern auch russische, chinesische, arabische, israelische etc.
  • 12.02.2018, 11:39 Uhr
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Hallo Digger, wahrscheinlich hast du recht wenn du schreibst es wäre naiv, den Waffenfabrikanten die Schuld zu geben.
Ich präsentiere das einfache Volk und das ist nun mal naiv.
  • 12.02.2018, 17:02 Uhr
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Nicht unbedingt.
  • 12.02.2018, 19:24 Uhr
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Liebe Marga,
mir gefällt deine Geschichte. Sie fällt aus dem Rahmen und spricht etwas Wesentliches an.
Es ist tragisch wenn junge Menschen ihre Sehnsucht von der Politik ausgenutzt wird und sie vor der Zeit sterben müssen oder einen seelischen Schaden zurückbehalten.
Wenn Digger das Ende als Bruch empfindet könnte er recht haben - ich empfinde es eher als Hilflosigkeit weil das Thema Kriege und Einsatz in Konflikten, die uns nichts angehen oft nur so klischehaft behandelt werden.
Marga, du hast eine Geschichte geschrieben, die Beachtung finden sollte, auch um darüber weiternachzudenken...
Das Bild von den Libellen ist wunderschön und tröstet ein wenig...
  • 14.02.2018, 14:53 Uhr
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Liebe Margarethe, danke für deinen freundlichen Kommentar.
Beim Schreiben wandern meine Gedanken manchmal in Richtungen, die mich selbst erstaunen. Es ist mir auch klar, dass ich die vielen Facetten im Afghanistankrieg nicht im Geringsten verstehe. Es soll auch nur eine Geschichte gegen Krieg und Gewalt sein, ähnlich wie die "Opa, weißt du?" Ich schrieb sie vor einigen Monaten.
Liebe Grüße
  • 14.02.2018, 17:46 Uhr
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Liebe Freundinnen, es ist schön, eure Gedanken über Krieg und Frieden zu lesen. Schade, dass die Menschen noch so barbarisch sind.
  • 14.02.2018, 19:34 Uhr
  • 1
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