wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?
Händel: Fremde ist, wo die Heimat aufhört

Händel: Fremde ist, wo die Heimat aufhört

Hans-Herbert Holzamer
04.03.2018, 12:08 Uhr
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Das letzte Mal, als ich in der Galgenbergschlucht war, es war während der Händelfestspiele 2017, hörte ich „Bridges to Classics“ mit Bernd Ruf und den GermanPops Band & Singers. Die Staatskapelle Halle war auch dabei, die Brücke zur Klassik stand und faszinierte nicht nur mich, sondern Tausende. Aber was ist es, das mich immer zur selben Jahreszeit in die Hauptstadt von Sachsen-Anhalt treibt? Das anschließende Feuerwerk, so eindrucksvoll es war, wurde nicht für mich gegeben, das Knallen und Blitzen weckt etwas in mir, das nicht geweckt werden will. Die Musik, ja, und die vielen Menschen, die ich nicht kannte, vielleicht bis auf den Dirigenten Bernd Ruf. Vor allem aber die Galgenbergschlucht selbst. Ja, dass hier die Gemeinde Giebichenstein ihre Galgen stehen hatte, gehört dazu. Dazu zu diesem Bild und zu dieser Atmosphäre, die dazu führen, dass ich mich dort heimisch fühle. Obwohl ich nicht hierher, nicht aus Halle, komme, aber – ich weiß nicht, was der neue Heimatminister dazu sagen würde – unter dem Schatten von Galgen, die außer Betrieb sind und im Klangschatten von Händel und seinen Epigonen - bis zu Bernd Ruf erkenne ich meine Heimat. Dazu brauche ich auch keinen Minister.

Fremde Welten

Original und Fälschung. So hieß das Motto 2017, damit war nicht eine gefälschte Heimat gemeint, die gibt es allenfalls in der Form der Selbsttäuschung. Es ging darum, dass die Künstler, auch Händel, gerne kopierten, am liebsten sich selbst. Es war eine Form der eigenen musikalischen Weiterentwicklung. In diesem Jahr heißt der Sinnspruch „Fremde Welten“, das passt in die Zeit. Die Fremde ist das Gegenteil der Heimat, aber Heimat ist auch ohne Fremde nicht denkbar, die Fremde fängt dort an, wo die Heimat aufhört und umgekehrt. Und die Welt ist überwiegend fremd, im Singular und auch im Plural. Bei der Feierstunde am Händel-Denkmal in Halle, zur Eröffnung des Festspiele, die vom 25. Mai bis zum 10. Juni 2018 stattfinden, ist Gelegenheit, darüber nachzudenken. Der große Barock-Komponist verließ seine Heimat, um nach London zu gehen. Wurde er dadurch zum Fremden? Oder bekam er eine Heimat dazu? Eröffnet werden die diesjährigen Festspiele mit Berenice, Regina d‘Egitto . Für die Königin von Ägypten stellte sich, da aus römischem Geblüt die Frage nach Heimat nicht, Rom beherrschte die Stadt und den Weltkreis, eher für Händel, dessen Stern trotz dreier Opern in einem Jahr in England zu sinken begann. Doch ein Künstler und die Kunst leben nicht in diesen Kategorien. Harmonie durch Musik – In Krieg und Frieden, so lautet das Thema eines Festkonzerts mit Joyce Didonato, in dem Musik des Meisters, aber auch von Henry Purcell, Niccolò Jommelli und anderen zum Vortrag kommt. Musik und Musiker aus der Fremde 1650–1750 heißt eine Wissenschaftliche Konferenz im International Academic Conference, mit der das Motto ausgelotet werden soll. Das Fremde erwecke bei den Menschen „zwei unterschiedliche, einander widerstrebende Emotionen“, sagt Clemens Birnbaum, der Intendant der Festspiele. „Es gibt grundsätzlich eine große Faszination gegenüber dem Fremden. Die Reisefreudigkeit des modernen Menschen in andere Länder und Kontinente spiegelt die Neugierde am Andersartigen ebenso wider.“ Andererseits könne „das Fremde aber auch eine Urangst auslösen, beispielsweise wenn Menschen gezwungen werden, in die Fremde zu ziehen, oder wenn sich Menschen in ihrem eigenen Land plötzlich fremd fühlen.“ Musik ist mit Sicherheit das Medium, mit diesen Emotionen, die heute eine solche gesellschaftsgestaltende Rolle spielen, umzugehen. Denn der Musik ist diese Ambivalenz fremd, und sie bietet allen Menschen die Möglichkeit, ihre „Urängste“ zu überwinden. Dies führt bis heute in der Kunst dazu, dass man sich von fremdländischen Stilen beeinflussen lässt und diese in das eigene Schaffen aufnimmt, ja, auch kopiert. Im privaten Leben kann man dies für sich nutzen und zu den Händel-Festspielen und zugleich in „fremde Welten“ reisen. „Nur wer sich auf den Weg macht“, sagt Intendant Birnbaum, „wird Neues entdecken.“ Oder wie Alexander von Humboldt gesagt hat, „die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben.“
Der Weg an die Saale ist nun wirklich nicht weit. Gerade auch für Leute, die in Bayern wohnen, lohnt es sich, auf Reisen zu gehen und Georg Gottfried Händel einen Besuch abzustatten. In München, wo die Bayerische Staatsoper sich große Verdienste bei der Renaissance der barocken Opern erworben hatte, als zur Jahrtausendwende Ivor Bolden Händels Werke wieder zur Aufführung brachte, hat man den Mann aus Halle fast völlig vergessen. Händel schrieb 46 Opern, 30 Oratorien, 26 Arien und Lieder, 130 Kantanten sowie unzählige Konzerte für Orgel und Orchester. Mit Berenice wurden nun alle in Halle aufgeführt. Seine geschaffene Welt ist komplett dargestellt.

Alternativer Programmzettel

Wem dies zu viel Händel ist, der kombiniere seine Halle-Tage mit anderen, etwa sportlichen Aktivitäten. Der Saale-Radweg, die Lunzberge, die Brachwitzer Alpen, die Dölauer Heide und die Weinbergwiesen locken. Wer seine Zeit damit verbringen will, einen Zugang zur deutscher Geschichte zu finden, der hat vielleicht die Moritzburg, den Dom und die neue Residenz, die Altstadt und die vielen Plätze und Kirchen, die Museen, das Händel- , das Bach- und das Christian-Wolf-Haus, das Salinen-, das Beatles - Museum und die Franckeschen Stiftungen auf seinem alternativen Programmzettel. Oder die Burg Giebichenstein, ja die mit den Galgen.
Damit ist er dann auch wieder dort, wo ich gerne hingehe und auch in diesem Jahr wieder zugegen sein werde, in der Galgenbergschlucht am 09. Juni 2018. Dort treffen wir auf Joy Lynn Turner. Er rockt die Bridges to Classics 2018. Er ist ein Fremder wie ich. Oder auch nicht, die Bühnen der USA und Europa sind seine Heimat. Und meine sind Momente wie diese, der Sound und die Atmosphäre der Galgenbergschlucht. Das Feuerwerk zum Finale werde ich mir wieder schenken.
Information: www.haendelfestspiele-halle.de/

1 Kommentar

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Ich liebe Händel, wie überhaupt klassische Musik und Opern. Halle werde ich erst kennenlernen durch einen Bekannten, der dort wohnt. Danke für den interessanten Beitrag.
  • 09.03.2018, 07:53 Uhr
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren