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Kunst verstehen: Um 1909 war Hans Thoma deutscher Lieblingsmaler

Kunst verstehen: Um 1909 war Hans Thoma deutscher Lieblingsmaler

Volker Barth
17.03.2018, 20:00 Uhr
Beitrag von Volker Barth

Sagt der Winter ade? - und kommt nun allmählich der Frühling? Viele hoffen und wünschen sich warme, windstille und sonnige Tage, auch schon vor Ostern. Dazu als Trost: der kalendarische Frühlingsanfang beginnt am 20. März 2018 um 17.15 MEZ.

Trotz aller Wetter-Spekulationen möchte ich „mein Frühlingsbild“ vorstellen, gemalt von Hans Thoma. Viele Quellen, ob Lexika, Kunstdruckverlage oder Wikipedia weisen dieses Bild von 1872 fälschlicherweise als Werk von 1884 aus, aber niemand kennt die genaue Ursache.

Dieses Aufmacherbild „Der Kinderreigen“: (Ausgangspunkte sind Kreistänze mit Gesang, die auch heute noch bei Volkstänzen vieler Nationen auftauchen). Der Maler Hans Thoma hat mit einer gewissen Genauigkeit dieses Ölgemälde gemalt: die barfüßigen Kinder, ihre tänzerisch etwas spärlichen Bewegungen und die blühende Wiese erinnern einen an heutige Spontan-Fotos - und dazu könnte auch „Ringel, Ringel, Rosen(kranz)“ (aus dem Dresdner Kinderliederarchiv von 1871) gesungen werden.

Hans Thoma in München

Hans Thoma zieht 1870 nach München und pflegt engen Kontakt mit dem Maler Victor Müller, dem Schwager seines Frankfurter Freundes und Maler Otto Scholderers - gleichfalls macht er die Bekanntschaft des Arztes Otto Eiser, der sein wichtigster Förderer wird. Weiter bewegt sich Hans Thoma im Umfeld von Wilhelm Leibl, Wilhelm Trübner und Carl Schuch - die Treffen mit dem Schweizer Arnold Böcklin inspirieren zu allegorisch-mythologische Themen. Besuche in der Alten Pinakothek, aber auch in den Sommermonaten im heimatlichen Schwarzwald, finden statt. Das Aufmacherbild „Der Kinderreigen“ deckt sich mit den Vorstellungen eines typischen „Hans-Thoma-Gemäldes“ und „dokumentiert“ das bekannte Kinderlied „Ringel, Ringel, (Rosen)kranz. Vielleicht hat der Maler keine so kindlich-freudige Stimmung damals miterlebt, denn er stellt den Kinderreigen recht „unterkühlt“ dar - dazu mein Hinweis: diese Frühlingslandschaft hat schneebedeckten Höhen.

Das Parallelbild (Bild 2) vom Aufmacherbild „Frühling im Gebirge/Kinderreigen“ (1872). Beispielhaftes privates Engagement: Im letzten Jahr gab der engagierte Kunstsammler Dr. Oetker bei der Suche nach Raubkunst in seiner Sammlung dieses Hans-Thoma-Bild zurück.

Es ist auch das Jahr 1875 und Hans Thoma lernte seine zukünftige Frau Bonicella „Cella“ Berteneder in München kennen. Sie, die anfänglich bei seinem Frankfurter Freund und Maler Victor Müller als Modell arbeitete, wurde dann Hans-Thoma-Schülerin und spezialisierte sich auf Blumen-Stillleben-Malerei.

Dazu das Bild 3: „Auf der Waldwiese von 1876“ aus der Hamburger Kunsthalle. Hier pflückt Hans Thoma‘s Braut „Cella“, die er im nächsten Sommer heiratet frische Wiesenblumen in einer malerischen „ideal“impressionistischen Stimmung. Das Ehepaar gründete einen gemeinsamen Haushalt mit der Thoma Mutter und Schwester - leider verstarb Frau "Cella" aber schon 1901.

Und nun zu Bild 4 „Die Hängematte“ von Gustave Courbet aus dem Jahre 1844 - ein Meisterwerk und ein „Traumbild“: Im Wald, auf einer Lichtung, halb im Sonnenschein, ist über einen Weg eine Hängematte gespannt. Darin ruht ein „sexy“ Mädchen und schläft. In ihrem offenen blonden Haar trägt sie einen Kranz und es ist ihr „hitzig“. Sie hat ihren blau-seidenen Schal abgelegt, ihr gelbes Mieder geöffnet und so sind die Brüste gut sichtbar. Ihre Beine baumeln aus der Hängematte, die Füße sind überkreuzt und geben den Blick auf Fußfesseln frei. Mit der rechten Hand hält sie sich am Hängemattenrand fest, ihre Linke liegt in typischer Schlafhaltung über ihrem Kopf. Ihr Gesichtsausdruck hat etwas Wollüstig-Unschuldiges und sicherlich träumt sie angenehm. Doch Eines: Im nächsten Augenblick kann unsere Holde aus der Hängematte fallen! Nun stellt sich die kunstgeschichtliche Frage, ob Gustave Courbets Motiv hier den Übergang von einer „idealisierten Welt“ zur „rauhen Wirklichkeit“ umsetzt!

In diesem Zusammenhang einige Courbet-Daten

Während eines 16-tägigen Paris-Aufenthalt 1868 mit Otto Schloderer lernte Hans Thoma Gustave Courbet persönlich kennen und ist nachhaltig von dessen Malerei stark beeindruckt. Sein Freund Victor Müller hatte zehn Jahre früher, 1858 in Frankfurt, schon mit Gustave Courbet das Atelier geteilt. Zu dieser Zeit verspottete man Hans Thoma als „Meister Klex“ und eine Zeitung verhöhnte ihn als „Begründer der sozialdemokratischen Malerei“. Trotz dieser Anfeindungen war der München-Aufenthalt für Thoma produktiv. Hier entstanden seine bis heute meistbesprochenen Arbeiten. Für seine künstlerische Entwicklung war das Zusammentreffen mit dem schon damals berühmten Schweizer Maler Arnold Böcklin von zentraler Bedeutung - bis zu Böcklins Tod 1901 bleibt Hans Thoma ihm eng verbunden.

... und jetzt zu Hans Thoma‘s „Hängematten-Motiv“br

In einem recht „grünen“ Garten schaukelt Hans Thoma‘s Verlobte „Cella“ mit einem aufrechtsitzenden blonden Mädchen ganz „brav“ in der Hängematte. Dieses Gemälde entstand ein Jahr vor der Hochzeit und der rechte Blumenwiesenteil (siehe Bildgalerie Nr. 3) läßt die „Münchner Zeit“ hochleben, in der sich der „Lehrer und die Blumenmalerin“ kennenlernten. Sicherlich ist dieses Bild eine ganz persönliche Huldigung an Gustave Courbets Hängematten-Motiv (siehe Bildgalerie Nr. 4).

Das Bild 6: Ein typisches Motiv für Hans Thoma‘s „Arnold-Böcklin-Zeit“. Es ist eine erotische, mystische und symbolische Miniatur aus dem Jahre 1886.

Bild 7 mit dem Bild-Titel „Der Krieg“ zeigt ein flammerndes Inferno. Selbst der Drache auf dem Helm der allegorischen Figur “Mars“ speit Feuer. Hans Thoma beschäftigte sich schon länger intensiv mit Richard Wagners „Ring der Nibelungen“ und fertigte sogar für Cosima Wagner Kostümentwürfe an. Das Frankfurter Museum Städel erwarb das Gemälde „Der Krieg“ sogar während des Zweiten Weltkrieges(!). Eine Darstellung des Motives befindet sich ebenfalls in der Thoma-Kapelle der Karlsruher Kunsthalle, denn hier war ja Hans Thoma Direktor.

Bild 8: Ein markantes selbstbewusstes Selbstbildnis zeigt den 60 Jahre alten Hans Thoma aus dem Jahre 1899 vor einem Birkenwald. In diesem Jahr erlebte er seinen persönlichen Höhepunkt und wurde als anerkannter Künstler zum Direktor der Großherzoglichen Kunsthalle und Professor der Kunstakademie nach Karlsruhe berufen.

Nach der bisherigen Bilderreise durch das Werk von Hans Thoma muss jetzt näher auf den kunstgeschichtlichen “Hans-Thoma-Kult“ eingegangen werden, gemischt mit etwas Biografischem.

Die(!) interessante Ausstellung vom 3. Juli bis 29. September 2013 im Städel Museum zu Frankfurt am Main, hatte ihren kunstgeschichlichen Ausgangspunkt in der damaligen Formulierung „Hans Thomas. Lieblingsmaler des deutschen Volkes“ aus dem Großen Meyerschen Konversations-Lexikon von 1909. Tatsächlich war damals Hans Thoma der unbestrittene Malerstar des wilhelminischen Deutschland, der alle Künstler seiner Epoche in Bezug auf Erfolg und Popularität weit überragte. Dabei war es ein weiter Weg, den der Künstler Hans Thoma aus der dörflichen Welt des Schwarzwaldes in den „Kunstolymp“ des Deutschen Reiches zurücklegte.

Am 2. Oktober 1839 in Oberlehen bei Bernau im Schwarzwald wurde Hans Thoma geboren, er wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf, seine Ausbildung verlief nicht geradlinig, eine Lehre als Lithograf brach er ab, ebenso ein Lehrverhältnis als Maler und Lackierer sowie als Uhrschildmacher. Als er 1859 ein Stipendium des Großherzogs von Baden erhielt, wollte Hans Thoma Künstler werden. Er studierte an der Karlsruher Kunstschule und der Kunstakademie Düsseldorf, lebte in München und reiste nach Paris, wo die Malerei Gustave Courbets ­ihn stark beeindruckte.

Der künstlerische und finanzielle Erfolg stellte sich für Hans Thoma nach 1877 ein, als er sich in Frankfurt niederließ. Hier fand er alles, was eben seine Künstler-Karriere förderte: ein kunstsinniges Großbürgertum, zahlungskräftige Förderer, eine ihm geneigte Kunstkritik und eben die einflussreiche Persönlichkeit des Kunsthistorikers und Direktors des Städelschen Kunstinstituts Henry Thode. Als Hans Thoma dann 1899 Frankfurt verließ, um als Direktor die Großherzogliche Gemäldesammlung in Karlsruhe zu leiten, war er in Frankfurt zum „Großmeister der bildenden Kunst in Deutschland“ aufgestiegen.

Enge Verbindung zur Familie Richard Wagners

Hans Thoma fühlte sich seinen Vorbildern der romantischen Malerei Ludwig Richter und Carl Spitzweg deutlich verpflichtet. Zum Weiteren setzte er sich intensiv mit der Götter- und Heldenwelt Richard Wagners auseinander, denn seine Verbindung zur Familie des Komponisten war eng (Städeldirektor Henry Thode war der Schwiegersohn Cosima Wagners - Hans Thoma besuchte mehrfach die Bayreuther Festspiele, lernte die einflussreiche Wagnerwitwe kennen und wurde vom Frankfurter Wagner-Verein mit Aufträgen wie z.B.: dem Gemäldezyklus zum Ring des Nibelungen 1876 bestückt - und 1896 entwarf Hans Thoma die Kostüme für eine Neuinszenierung des Rings. Sein Erfolg als Künstler wäre ohne die Unterstützung des Wagnerkreises undenkbar.

Eine kritische Neubewertung des Malers fehlt

Hans Thoma trifft den Nerv seiner Zeit, seine Kunst suggeriert dem Publikum eine heile Welt, die es längst nicht mehr gibt, eine Idylle ohne die Schattenseiten der Industrialisierung, der Massengesellschaft und der beginnenden Zerbröselung der Werte des christlichen Abendlandes. Seine Bildwelt scheint aus der Zeit gefallen, sie feiert die naive Einfachheit eines besseren, weil übersichtlicheren Daseins. Es überrascht nicht, dass Hans Thoma, der am 7. November 1924 in Karlsruhe starb, von den Nationalsozialisten zum künstlerischen Ahnherrn „einer neuen Zeit“ stilisiert wurde.

Die Frankfurter Ausstellung bleibt aber weiterhin die Antwort schuldig, warum Hans Thoma heute aus dem Kanon der Kunst des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts so total herausgefallen ist. Eine kritische Neubewertung des Malers findet einfach nicht statt.

Übrigens: Die wichtigsten Thoma-Sammlungen besitzen das Städelsche Kunstinstitut in Frankfurt, die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe und die Sammlumg Georg Schäfer, Schweinfurt.

Hans Thoma nahm wohl ästhetische Modeströmungen seiner Zeit auf und verarbeitete sie. Er war ein Nachahmer der Romantiker oder der Deutschrömer, vor allem von Arnold Böcklin und Hans von Marees, später auch von den Symbolisten - gerne imitierte er die französischen Realisten.

Naja, das Museum Städel

Das Städel Museum Frankfurt, das sollte man wissen(!), rüstete sich 1939 zur Hochburg „des deutschtümelnden Thoma-Kults“. In diesem Jahr kamen die meisten Werke in die Sammlung und man feierte den hundertsten Geburtstag des Künstlers (Hans Thoma‘s Ahnentafel wurde sogar veröffentlicht). Fünf Jahre zuvor, 1934, machte die NS-Kulturgemeinde des Städel Hans Thoma zum „letzten großen urdeutschen Künstler“.

Links:

(Hans Thoma - Biografie)
http://www.digiporta.net/pdf/GNM/Tho...3216816.pdf

(Hans-Thoma-Museum, Bernau)
https://www.bernau-schwarzwald.de/ei...dichter.php

(Hans Thoma - Lieblingsmaler des deutschen Volkes)
http://www.androgon.com/18952/kultur...chen-volkes

(Gustave Courbet)
http://www.musee-orsay.fr/de/kollekt...grafie.html

(Die Malerei des Realismuses)
http://www.michael-lausberg.de/index...i_realismus

Map-Data:
Neue Pinakothek Saal 16, Hans Thoma „Taunuslandschaft“ (1890),
80799 München, Barer Strasse 29

5 Kommentare

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Sehr interessant, Volker....Aber ich denke, dass selbst zu seiner Hoch-Zeit Thoma sehr zwiespältig gesehen wurde. Es waren real schlimme Zeiten, die Industrialisierung machte unglaubliche Umweltprobleme und die soziale Not des Proletariats war für uns Heutige unvorstellbar. Da wäre Hartz IV das wahre Paradies gewesen! Und da malt man den puren Eskaspismus, die totale Idylle oder schreibt sie auch. Wenn ich den frühen Hesse lese, den Camenzind, das ist gar nicht aus der realen Welt, das ist der pure Wunsch!
Aber handwerklich konnten diese Maler des 19. Jahrhundert was und Otto Scholderer, Trübner, Schuch, die Du erwähnst, gehörten auch zum "Leibl Kreis", lauter Virtuosen des Pinsels!
  • 21.03.2018, 16:42 Uhr
  • 1
Volker Barth
Lieber Valentin, ich habe bei dieser Geschichte einiges "dazugelernt", während mir aber der Wilhelm-Leibl-Kreis viel bekannter war - so lernt man eben immer wieder hinzu und das macht auch Spaß! In diesem Sinne schöne Grüsse der Kunst von Volker
  • 21.03.2018, 23:21 Uhr
  • 1
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Das sind wundervolle Bilder von Hans Thoma - ich mag sie sehr
Der Frühling zeigt sich hier leider noch nicht, dabei steht die Natur ( und ich ) in den Startlöchern. Alle meine Rosen haben Triebe angesetzt.
In Thomas Bildern steckt ein Wohlgefühl, die Kindheitserinnerungen kommen hoch, viel Unbekümmertheit und das Wohlfühlen in der Natur !

Danke dir Volker
  • 18.03.2018, 12:51 Uhr
  • 1
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Hier (noch) kein Frühling in Sicht, da taucht man gerne in die romantische, heile Welt im Frühling eines Hans Thoma ein ... danke Volker
  • 18.03.2018, 09:53 Uhr
  • 1
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Lieber Volker,es ist eine reine Wohltat Deinen Themenbeitrag zu lesen.Hab vielen Dank und alles Liebe zu Dir-Christiane
  • 18.03.2018, 00:59 Uhr
  • 1
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