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Kunst verstehen: ... auch eine elende Leidensgeschichte

Kunst verstehen: ... auch eine elende Leidensgeschichte

Volker Barth
31.03.2018, 20:00 Uhr
Beitrag von Volker Barth

Man befindet sich zur Zeit in der Vorosterzeit, der Fastenzeit oder Passionszeit. Diese Begriffe sind miteinander gleichzusetzen. Der Name Passion ist seit dem 9. Jahrhundert als Bezeichnung für die vorösterliche Fastenzeit in der westlichen Kirche üblich. Unter „Passion“ (vom griechischen (paschein) = leiden, durchstehen, erleben - sowie vom lateinisch (pati) = erdulden, erleiden; passio „das Leiden“ versteht man im Christentum den Leidensweg Jesu Christi (Sein Leiden, sein Sterben und die Kreuzigung durch die Römer in Jerusalem). Berichte darüber stehen in den Evangelien der Bibel und werden als „Passionsgeschichte“ bezeichnet. Diese dauert vierzig Tage und beginnt mit dem Aschermittwoch und endet mit dem Karsamstag. Es werden nur die Werktage (also keine Sonntage) gezählt.

Und es gibt Parallelen

So dramatisch wie sich der Leidensweg von Jesus Christus vollzog, so schicksalhaft erlebte der berühmte Schweizer Maler Ferdinand Hodler, der “Nationalmaler“, seine Spätschaffenszeit. Darüber möchte ich nun berichten.

Von klein auf wurde Ferdinand Hodler mit „dem Tod“ konfrontiert. Sein Vater starb, als er sieben war. Mit vierzehn wurde er Vollwaise, denn die überarbeitete Mutter brach inmitten ihrer Kinderschar tot auf dem Feld zusammen. Auch seine fünf Geschwister starben in jungen Jahren, sie hatten Tuberkulose „die Krankheit der Armen“. Ferdinand Hodler äußerte sich später dazu „In der Familie war es ein allgemeines Sterben. Mir war schließlich, als wäre immer ein Toter im Haus und als müsse es so sein“. Und so wurde eben „der Tod“ ein zentrales Motiv seiner Kunst.

Ferdinand Hodler (1853-1918) und Valentine Gode-Darel (1873-1915) lernten sich im Jahre 1908 kennen und zwar im Genfer Kursaal als sie für ihre Freundin in einer Operette einsprang.

Es trafen sich zwei ausgeprägte Charaktere: Er, ein aus einfachen Verhältnissen stammender „Dickschädel“ aus der Schweiz, 55 Jahre alt und verheiratet. Sein zielstrebiger Aufstieg vom verhöhnten, zum gefeierten und dann vermögenden Künstler gelang.

Sie, Valentine (Gode-Darel) war 20 Jahre jünger und geschieden, war Französin, kultiviert, launisch und sinnlich, aber dann finanziell von Ferdinand Hodler abhängig. Sie wurde zwar 1873 in der französischen Stadt Laon in einem gutbürgerlichen Haushalt geboren, war musisch begabt, machte eine Schauspielausbildung und beschäftigte sich mit der Porzellanmalerei. Ihre Ehe mit Abel Georges Darel, einem Professor an der Pariser Sorbonne, scheiterte 1907 wegen Kinderlosigkeit(!).

Frisch geschieden reiste sie mit ihrer Mutter 1908 in die Schweiz und wurde Ferdinand Hodlers Modell. Dieser war fasziniert von ihrem Körper und produzierte eine Serie von Zeichnungen und Gemälden als „Linienherrlichkeit“, wie er seine Werke nannte. Auch immer wieder inspirierte Valentine den Künstler zu bewunderungswerten Bildern. Sie ist das „Fröhliche Weib“, das tänzerisch agierte - sie ist die elegante „Pariserin“ - und sie „wird“ zu einer byzantinische Kaiserin (berühmtes Mosaik in Ravenna) - jedenfalls charakterisierte sie so Ferdinand Hodler. Und trotz weiterer engen, heftigen Bekanntschaften war Valentine die größte Liebe in seinem Leben.

Als Valentine Ferdinand Hodlers Lieblings Modell, aber auch seine Geliebte wurde, brachte sie im Alter von 40 Jahren am 13. Oktober 1913 in Lausanne eine uneheliche Tochter zur Welt - die Eltern nannten sie „Pauline (auch Paulette)“. (Man muss sich klarmachen, welche menschliche Leistung dieses von Berthe war, das Kind der Geliebten ihres Mannes aufzuziehen. Sie hat es Ferdinand Hodler sogar ermöglicht, in der Nähe seines Kindes zu sein - dieses zeigte das liebevolle Naturell dieser Frau).

Ferdinand Hodler & „seine“ Frauen

Im Sommer 1884 lernte Ferdinand Hodler die Genfer Schneiderin Auguste Dupin kennen, sie wurde seine Lebensgefährtin und Modell für viele Porträts und Figurenkompositionen. Am 1. Oktober 1887 kam dann Sohn Hector zur Welt - aber(!) im Juni 1889 heiratete er die junge Bertha Stucki - verließ diese schon im Juli 1891. Drei Jahre später, durch die Datierung des „Bildnis Berthe Jacques, 1894“ erfolgte der erste Beweis für eine neue Freundschaft mit der Kaufmannstocher, die am 11. März 1898 dann seine zweite Ehefrau wurde. Und im Jahre 1908 lernte Ferdinand Hodler dann seine große Liebe Valentine Gode-Darel kennen.

Die damalige Krebs-Behandlung

Valentine Gode-Darel wurde im Februar und Mai 1914 in Lausanne operiert und mit Radiumstrahlen behandelt, die quälenden Schmerzen wurden mit Opiaten und Kokain bekämpft. Doch der körperliche Verfall war unaufhaltsam. Ferdinand Hodler besuchte ab Ende 1914 die nun Bettlägerige regelmäßig in Vevey, wo sie von ihrer Haushälterin umsorgt wurde. Dort starb sie, 41jährig, am 25. Januar 1915, gegen 17 Uhr.

Am Tage ihres Todes porträtierte Ferdinand Hodler Valentine nicht(!): Er malte „den Blick auf den Sonnenuntergang aus ihrem Sterbezimmer von Vevey auf den Genfer See“. Diese Geschichte stammte vom Künstler selbst und beinhaltet einen „human touch“. Jemand, der im Augenblick des Todes einem sehr Nahestehenden einen „Blick in die Ewigkeit der Natur“ malte, ist „vollmitfühlend“ und kein „Bildreporter eines Sterbeprozesses“.

Schon im Jahre 1875 fand für Ferdinand Hodler „ein Kunsterlebnis erster Klasse“ statt, im Kunstmuseum Basel begegnete er
"dem Hans Holbein d.J. Gemälde „Der Leichnam Christi im Grabe“. Die drastische Darstellung des Leichnams beeindruckte ihn tief. Von da an, ließ ihn "das Antlitz des Todes" künstlerisch nicht mehr los. Fremde Bauern, einen befreundeten Dichter, eine frühere Lebensgefährtin, die Schwiegermutter – sie alle hatte er sterbend oder tot porträtiert.

Die künstlerische Sterbebegleitung

Die krebskranke Valentine Gode-Darel dämmerte unentrinnbar dem Tod entgegen, der Maler Ferdinand Hodler saß daneben und führte präzise Protokoll. Die Bilder, die dabei entstanden, sind in der abendländischen Kunstgeschichte einzigartig und brachen ein Tabu: Niemals zuvor hat ein Künstler den Übergang vom Leben zum Tod eines Menschen so umfassend wie unerbittlich, so intim wie illusionslos dargestellt.

Zum Tode des Künstlers

Nachdem Valentine Gode-Darel am 26. Januar 1915 starb, wurde Ferdinand Hodler selbst ein kranker Mann (Lungenprobleme) und erholte sich nicht mehr, er starb am 19. Mai 1918 in Genf im Alter von 65 Jahren - und wurde kurz vorher hier zum Ehrenbürger. 1932 wurde in Bern (Hodlers Geburtsort) die vormalige Waisenhausstrasse zu Ehren Ferdinand Hodlers in Ferdinand Hodler Strasse - seit 1. Januar 1948 Hodlerstrasse umbenannt, an der sich das Kunstmuseum Bern befindet.

Ein Hinweis: Aus der Tochter Pauline wurde Pauline Valentine Magnenat-Hodler, die später sogar Malerin wurde.

Damals: Ausstellungen im Kunsthaus Zürich, Kunstverein St. Gallen, Kunstmuseum Bern und dem Museum Villa Stuck München (vom 9. April 1976 bis 2. Januar 1977) fanden unter dem Motto „Ferdinand Hodler und Valentine Gode-Darel - Ein Werkzyklus von 1908-1915 mit dem Titel „Ein Maler vor Liebe und Tod“ statt. (Die Münchner Austellung habe ich gesehen - ich war sehr(!) beeindruckt).

Links:

(Ferdinand Hodler - Biografie)
http://www.whoswho.de/bio/ferdinand-hodler.html

(Symbolismus/Jugendstil)
https://de.wikipedia.org/wiki/Symbol...dende_Kunst)

(Hodler & Frauen)
https://www.srf.ch/kultur/kunst/hodl...und-der-tod

(Kunstmuseum Basel)
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Le...ti_im_Grabe

(Fondation Beyeler)
https://www.fondationbeyeler.ch/auss...and-hodler/


Map-Data:
Dübi-Müller-Stiftung - Kunstmuseum Solothurn, Werkhofstrasse 30, CH-4500 Solothurn

2 Kommentare

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Hodler's Bilder, nicht nur "Leidensbilder", die traurig machen. Ich liebe sein Frühlingsbild von 1901, das Hoffnung macht. Danke Volker für die Besprechung des 'Passionsbildes' ...
  • 02.04.2018, 18:53 Uhr
  • 0
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Vielen Dank für deinen, wenn auch leidvollen, und ein Thema von dem man nicht gerne spricht, Beitrag.
Ostern ist für mich ein frohes Ereignis, ein Frühlingsfest - daher fällt es mir schwer deine Bilder aunzuschauen oder zu interprätieren.
Der Künstler hatte ein schweres Leben, ist geprägt vom Leid - und das findet sich in seinen Bildern wieder.
  • 02.04.2018, 12:53 Uhr
  • 1
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