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Ein Aprilscherz ?

Ein Aprilscherz ?

04.04.2018, 17:50 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Ein Aprilscherz ?

Venedig im Sonnenschein. Kommissario Brunetti sitzt mit seiner Frau auf dem Balkon und schaut in sein Rotweinglas. Wieder ist ein komplizierter Fall gelöst worden. Es folgt der Nachspann des Filmes. Frank schaltet die Fernbedienung des kleinen Fernsehapparates aus und kehrt in die Gegenwart zurück. Vier Wände, ein schmales Bett, auf einem Holzbrett an der Wand stehen sechs, schon oft gelesene, Bücher. So sieht seine Zelle im Gefängnis aus. Eine gute Seele schenkte ihm vor einem Jahr das gebrauchte Fernsehgerät. Es ist sein einziger Luxus. Seit acht Jahren ist der 50 - Jährige schon eingesperrt. An normalen Tagen darf er wenigstens in der Schreinerwerkstatt arbeiten. Dort wird er abgelenkt und muss nicht immerzu über sein Schicksal grübeln. „Heute ist Karfreitag“, stellte er am Morgen mit einem Blick auf den Kalender fest. An die folgenden Osterfeiertage mag er gar nicht denken. Besuch kommt schon lange nicht mehr. Ein öder, langweiliger Tag folgt dem Nächsten. Er nimmt sich vor, den Gottesdienst zu besuchen, obwohl er weiß, dass er eine Antwort auf seine Fragen nicht bekommen wird. „Warum Gott, warum glaubt mir Niemand. Was habe ich verbrochen, dass die ehrbaren Bürger vor mir beschützt werden müssen?“

Eine Szene, des gerade gesehenen Filmes geht ihm nicht aus dem Sinn. Nachdem der Kommissar feststellte, dass sie einer falschen Fährte gefolgt waren, suchte er den zu Unrecht verfolgten Verdächtigen auf und sagte zu diesem: „Sie sind frei, wir haben uns geirrt – entschuldigen sie bitte.“
So etwas gibt es bestimmt nur im Film.
Nun, eine Stunde wird das Licht noch brennen. Frank überlegt kurz, dann nimmt er ein weißes, leeres Blatt Papier und einen Kugelschreiber. Nach fünf stummen Jahren schreit er es noch einmal:
„Warum?“, nur dies eine Wort steht auf dem Papier. Ob die Adresse noch stimmt, die er auf den Briefumschlag schreibt, er weiß es nicht.

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Eine andere Stadt, ein anderes Leben. Die Osterfeiertage sind vorüber. Pfarrer Mutmann steht auf der Kanzel der evangelischen Kirche einer Kleinstadt. Der Predigttext des heutigen Sonntags ist das neunte Gebot: „Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ Jahrelange Erfahrung ermöglicht es ihm, seine Gedanken über dieses Thema vorzutragen und gleichzeitig die Gemeindemitglieder im Auge zu behalten. Immer wieder kehren seine Blicke zu der jungen, ernsten Frau zurück. Sie sitzt bei dem Ehepaar Roth, die im Ort eine Gärtnerei betreiben. „Wer ist die Fremde, schon wieder holt sie ein Taschentuch hervor. Weint sie?“
Der Gottesdienst ist vorbei. Der Pastor steht an der Kirchentür und reicht jedem die Hand. „Herr Roth haben sie Besuch?“ fragt er den Gärtnermeister. Dieser antwortet: „Melanie ist die Tochter unserer Nichte. Sie hat ihre Floristinnen - Lehre beendet und arbeitet jetzt bei uns. Sie wohnt über der Gärtnerei. Dort lebte bis Weihnachten meine Mutter, die jetzt zu meiner Schwester gezogen ist. Hier bei uns, muss die Großstädterin sich noch einleben.“ An die junge Frau gewandt, fügt er hinzu: „Melanie, du kannst doch so schön singen, vielleicht möchtest du im Kirchenchor eintreten?“ Die junge Frau hebt nicht den Kopf. Sie murmelt verlegen: „Nein, nein, das kann ich nicht.“ Meister Roth zuckt mit den Schultern: „Wir werden sehen“, sagt er mit verschmitzten Lächeln.

Am Nachmittag staunt Elfriede Mutmann über ihren Mann als er sagt: „Die Blumenkästen könnten wir in diesem Frühjahr von der Gärtnerei Roth bepflanzen lassen.“ „Ach das mache selbst“, antwortet sie. „Ich habe meine Gründe dafür.“ „Ja dann“, lächelnd greift Elfriede nach dem Telefonbuch, sucht die Nummer der Gärtnerei hervor und gibt ihre Bestellung auf.

Schon am nächsten Tag fährt Melanie Hollmann mit dem Bulli der Gärtnerei vor das Pfarrhaus. Sie trägt einen grünen Arbeiter-Overall. Die schwarzen Haare sind kurz geschnitten, so dass Elfriede sie erst für einen Jungen hält. Sie runzelt die Stirn und überlegt: „Hat ihr Mann Hubert nicht von einer Nichte der Roths gesprochen? Zwei braune Augen schauen sie an: „Ich bin Melanie Beckmann und möchte ihre Balkonkästen für den Frühling bepflanzen.“ Elisabeth ist mindestens einen Kopf größer als das junge Mädchen. Bevor sie fragen kann, sagt Melanie: „Sie dürfen mich gerne duzen, Frau Mutmann, ich werde diesen Sommer 20 Jahre alt, bin es aber gewohnt, jünger eingeschätzt zu werden. Ach, da stehen ja die Kästen, Blumen und Erde sind noch im Wagen. Mit schnellen energischen Schritten holt sie Beides und beginnt mit der Arbeit. Nach einer Stunde sind alle Balkonkästen mit roten Geranien bepflanzt und schon vor den Fenstern angebracht worden.

„Elfriede, bitte sie doch zum Tee ins Haus und dann möchte ich mich noch eine Weile mit ihr allein unterhalten.“ Elfriede kennt ihren Mann, sie weiß, dass er immer ein offenes Ohr für seine Mitmenschen hat. Melanie merkt schnell, dass dieses alte Ehepaar es gut mit ihr meint. Sie wirkt längst nicht mehr so verkrampft als Elfriede sich um einen anderen Besucher kümmern muss. Freundlich schaut der Pfarrer sie an und fragt behutsam: „Melanie, haben sie Sorgen, kann ich ihnen helfen? Manchmal hilft es einem schon, wenn man mit einem Außenstehenden darüber reden kann.“ Seine freundliche Ansprache erreicht das Herz der jungen Frau. Sie fasst Vertrauen zu dem gütigen alten Herrn und holt einen Brief aus ihrer Jackentasche, schluchzend wirft sie diesen auf den Tisch. „Meine Mutter hat ihn mir nachgeschickt. Fünf Jahre hörten wir nichts mehr von diesem Frank. In den hintersten Winkel meines Verstandes habe ich ihn verschoben.“
„Warum – wer ist denn dieser Frank?“ sagt der alte Mann, nachdem er einen Blick auf das Papier geworfen hat.

Leise beginnt Melanie zu erzählen: „Vor acht Jahren, ich war 12, mein kleiner Bruder 10 Jahre alt, wohnten wir in Berlin. Unsere Eltern lebten nicht mehr zusammen und wollten sich scheiden lassen. Papa fehlte uns Kindern sehr. Dann lernte unsere Mutter Frank Sahm kennen. Manchmal übernachtete er bei uns und saß beim Frühstück auf Papa's Stuhl. Wir Kinder wollten ihn nicht, da konnte er sich noch so viel Mühe geben.

Ende März kam mir dann die Idee mit dem „bösen“ Aprilscherz. Am 31. März arbeitete Mutter abends als Kellnerin in einem Restaurant. Als sie müde und gestresst nach Hause kam, bezichtigte ich Frank, mit theatralischem Geschrei, mich belästigt zu haben. „Als ich duschte, kam Frank ins Bad und wollte mich nackt fotografieren.“ Merkwürdig, sie glaubte mir sofort, weil Frank zu der Zeit alles fotografierte was ihm vor die Linse kam.“ Bäume, Tiere, sogar Käfer und Insekten und immer wieder unsere Mutter.“ Seine neue Kamera lag stets griffbereit in seiner Nähe.
Eine lange Pause entstand: „Bitte glauben sie mir, Herr Mutmann, ich wollte am nächsten Tag, dem 1. April, dann rufen April – April und war so dumm zu denken, dass wir gemeinsam darüber lachen könnten.“
Sofort musste er unsere Wohnung verlassen. Mutter warf seine wenigen Sachen selbst in einen alten Rucksack. Natürlich stritt er alles ab und fragte immer wieder: „Warum Melanie?“

Am nächsten Tag, im Gegensatz zu mir, sah meine Mutter verheult und unausgeschlafen aus, geschah das Schrecklichste unseres Lebens. Zwei Polizeibeamte standen vor unserer Haustür. „Kennen sie Frank Sahm, was ist er für ein Mensch?“
Stumm hörte ich zu, wie meine Mutter ihren Freund beschimpfte und seinen guten Ruf mit wenigen Worten zerstörte.
Später erfuhren wir, dass Frank am Morgen beim Joggen ein totes Mädchen aus dem Wannsee gezogen hatte. Er muss noch versucht haben sie wiederzubeleben, als der nächste Jogger vorbei kam. Der rief die Polizei und bezichtigte Frank des Mordes an dem Kind.
Zusammen mit Mutters Aussage, war die Vorverurteilung perfekt. Die Polizei stellte die Ermittlungen ein. Der Strafverteidiger lachte, als ich von einem Aprilscherz sprach und meinte nur: „Du willst dich wohl interessant machen. Nein, dich werde ich nicht bei Gericht aussagen lassen.“
Jetzt denke ich, dass er noch jung war und sich nicht mit einem pubertierenden Teenager blamieren wollte.

Meine Mutter sprach nie wieder von Frank. Wir durften ihn auch nicht mehr erwähnen. Erst zwei Jahre später las ich in einer Zeitung, dass er zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt worden war, seine Schuld aber nie zugegeben hatte.“

Lange sprach keiner mehr ein Wort. Pastor Mutmann legte seinen Arm um das weinende Mädchen. „Liebe Melanie, ich muss erst mal darüber schlafen. Dann werde ich Erkundigungen einziehen und versuchen dir, deiner Mutter und dem armen Mann zu helfen. Versprechen kann ich dir nichts. Eins weiß ich aber jetzt schon – es ist gut, dass du darüber gesprochen hast.

copyright: M.Koch

7 Kommentare

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Man liest ja oft, dass gerade schwarze Amerikaner nur auf Grund ihrer Hautfarbe vorverurteilt werden. Das kann nahtlos auch bei dieser Geschichte gelten, wo ein Kind den ungeliebten Freund ihrer Mutter anschwärzt. Oder, wenn pauschal Flüchtlinge für jede Vergewaltigung verantwortlich gemacht werden.
Deshalb begrüße ich diese Geschichte, die Niedertracht und Egoismus des Menschen so drastisch beschreibt.
  • 05.04.2018, 19:34 Uhr
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Die Geschichte, sie könnte sich tatsächlich so ereignet haben. Für einen Aprilscherz ist sie zu grausam, das war dem jungen Mädchen leider nicht bewusst.
  • 05.04.2018, 09:57 Uhr
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Marga gute Geschichte - eindringlich geschrieben
  • 04.04.2018, 21:58 Uhr
Danke Helge, ich freue mich, dass sie dir gefallen hat.
  • 05.04.2018, 10:28 Uhr
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Hallo Marga, hast du doch wieder einmal einen Krimi gelesen u. dich inspirieren lassen?
Deine Geschichte regt auf jeden Fall zum nachdenken an. Wie schnell sind wir oft mit Vorverurteilungen auf Grund von Pressemitteilungen, obwohl wir keine Ahnung von den tatsächlichen Geschehnissen haben. Ich denke auch die Medien sollten sich besser mehr zurückhalten u. abwarten, bis alles geklärt ist. In letzter Zeit gibt es genügend Beispiele dafür wie schädlich verfrühte Berichterstattung sein kann.
Es ist dir wieder gut gelungen ein aktuelles Thema mit deiner Geschichte anzusprechen.
Liebe Grüße - Ursula -
  • 04.04.2018, 21:56 Uhr
Liebe Ursula, ich wollte damit sagen wie schnell etwas falsch verstanden wird. So hatte Melanie sich ihren Aprilscherz gar nicht vorgestellt. Schlechtigkeiten werden eben immer eher geglaubt als gute Nachrichten.
In diesem Fall ist es gut, dass die Akteure meiner Fantasie entsprungen sind.
Liebe Grüße
  • 05.04.2018, 10:41 Uhr
Wie du siehst hat deine Fantasie, die meinige gleich noch in eine weitere Richtung gelenkt u. das ist doch gut.
  • 05.04.2018, 12:32 Uhr
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