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Wir Singularität!

Wir Singularität!

16.04.2018, 13:39 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Wir alle, also jeder und jede einzelne, sind Individuen. Das klingt zunächst einmal banal im 21. Jahrhundert. Würde aber seit der freuen Neuzeit der europäischen Geschichte hart erkämpft und dieser Kampf dauerte bis ins letzte Jahrhundert hinein an. Vorher war das Regieren leichter mit der Einführung der Statistik und mit den festgelegten Normierungen, die über Jahrhunderte galten. Selbst die Kleiderordnung war halbwegs festgelegt. Man erkannte schon am Outfit, wer zum begüterten Bürgertum, gar zum Adel gehörte, und wer zu den armen Schluckern. „Was ziehe ich heute an?“, diese Frage wäre einer Dienstmagd noch im 19. Jahrhundert nicht in den Sinn gekommen, auch nicht einem Kumpel im Bergwerk, einem Fabrikarbeiter oder einem Schuljungen.

Aber gut, der begehbare Kleiderschrank kann auch heute der Ausdruck des letzten Schreis sein, zumal, wenn der männliche Part darin sich verirren sollte.

Die Wahl der Kleidung ist nur ein Ausdruck der Individualiät über Standes- und Statusgrenzen hinweg. Selbstverständlich können wir heute unseren Beruf selbst wählen, wo früher der Sohn automatisch den des Vaters übernahm, und Töchter müssen nicht mehr Hausfrau und Mutter werden, wenn sie lieber doch Verteidigungsministerin werden oder eben alles zusammen. Was im letzten Jahrhundert noch undenkbar erschien.

Längst sind wir Individuen. Aber wir sind nach neuerer soziologischer Erkenntnis nicht nur dieses, sondern auch „Singularitäten“*. Und das ist mehr als der banale Individualist, der sich seinen Stil zusammenschustert und eine Identität hier im Netz bastelt.

Singularitäten werden nämlich durch Dienstleistung gemacht. Man wünscht, dass aus Jedem etwas ganz besonderes gemacht wird. Und dazu braucht man eine Menge individueller Daten, damit auch aus diesem einen Menschen nicht nur der geschmackvolle Konsument wird, sondern eine produktive Singularität, die in der Öffentlichkeit auch vorzeigbar ist. Tageslichtauglich nennt man das heute. Nur so wird aus dem Algorithmus ein begehrenswerter Mensch, aus der Zahl ein Gesicht und aus der Statistik die schaumgebadete Venus, die kein Mann vergisst, selbst, wenn er während der Zeit der Fussball-WM über sie stolpern sollte.
Und dafür bekommen wir nun dauern Werbeangebote, die auf unser Profil genau zugeschnitten sind, Offerten, die uns als Singularität, als das Besondere und noch nie dagewesene, herausheben aus der öden Masse. Jede Castingshow bei RTL2 funktioniert so und jedes wurmstichige Dschungelcamp zum Updaten der D-Prominenz.

Übrigens: Nörgler, Besserwisser, Misanthropen gehören nicht zu den Singularitäten, außer im politischen Sinn, wo sie nur das Reservoir der Protestwähler bilden, aber ansonsten für den Markt und als Profil uninteressant, weil die als unproduktiv und unkreativ gelten. Sozusagen Individuen ohne Potential und Zukunftsaussichten.

Singularität wird man erst, indem man sich zwecks Selbstdefinition und Selbstprofilierung am besten selbst ausbeutet. Und dafür braucht man nur auf Instagram zu gehen und ein paar Bilder zu posten. Und schon ist man eine influrenzierender Singularität mit entsprechender Klickzahl und ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft.
Da kann es schon passieren wie neulich bei Youtube, dass eine mit der Waffe in der Hand mal bei der Zentrale vorstellig wird und nachfragt, warum ihre Like-Rate einbrach … und durch diese Aktion eine entsprechende Aufmerksamkeit bekam – weltweit! Auch dass gehört wohl mittlerweise zur Imagepflege seit Prinzen vor Jahrzehnten noch das Personal prügelten.

©Thomas Bernhard2018
*Zu empfehlen: Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten, Suhrkamp-Verlag, 480 Seiten.

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