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Kunst verstehen: Muse, Modell, Mutter & professionelle Malerin sein

Kunst verstehen: Muse, Modell, Mutter & professionelle Malerin sein

Volker Barth
12.05.2018, 22:00 Uhr
Beitrag von Volker Barth

Morgen ist Sonntag, ein Glückstag trotz des Datums 13. Mai 2018, denn es wird Muttertag gefeiert. Dieser Tag stammt traditionell (seit 1924) aus den Vereinigten Staaten von Amerika und hat sich in der westlichen Welt fest etabliert. Es soll aber kein „Fleurop“-Tag sein, sondern ein Ehrentag der Mutter und der Mutterschaft.

Und gerade zu diesem Tag, dem Muttertag, möchte ich kunstgeschichtlich ein ganz besonderes Motiv vorstellen. Es ist das berühmteste und somit wohl auch bekannteste Bild der impressionistischen Malerin Berthe Morisot mit dem Titel „Die Wiege“ von 1872, in Paris gemalt. Das Ölgemälde hat ein Format von 56 mal 46 Zentimeter und befindet sich im Musee d‘Orsay, Paris.

Nun zum Gemälde: Die Künstlerin porträtiert hier ihre zwei Jahre ältere Schwester Edma Moriot und ihre schlafende Tochter Blanche in einer Wiege. Die gemalte Szene strahlt Ruhe, Sanftmut und Anmut aus. In der Geborgenheit der Wiege ist Tochter Blanche umsorgt von dem sinnlichen Blick ihrer Mutter und beschützt durch den zarten Wiege-Schleier, den die rechte Hand von Edma behutsam und leicht beiseitezieht. Diese Geste erzeugt eine Distanz zwischen Baby und dem Gemälde-Betrachter - es entsteht ein verstärktes Gefühl von Intimität und schützender Liebe.

Den Kopf auf ihre Hand gestützt, betrachtet sie nachdenklich das zerbrechliche Wesen am Beginn des Lebens. Der Blick der Mutter und der angewinkelter linke Arm, der auch beim Kindes stattfindet, sowie die geschlossenen Augen des Babys bilden eine kompositorische Diagonale, die eine enge Verbindung zwischen Mutter und Kind hervorruft. Die Vorhänge und der Schleier der Wiege schafft ein „milchiges Weiß“ mit Grautönen und einem bläulichen Schimmer, das eine anheimelnde Intimität erzeugt. Die sanften Töne symbolisieren Reinheit und Unschuld.

Ein weltbekanntes Motiv

Hier „kreierte“ 1872 Berthe Morisot wohl ihr berühmteste und bekanntest Gemälde und widmete sich zum ersten Mal dem Mutter-Kind-Motiv, das sie später sehr oft und intensiv ausarbeitete.

Anlässlich der Ausstellung im Pariser Salon 1874 präsentierte Berthe Morisot „Die Wiege“. Sie ist die erste Frau in der Gruppe der Impressionisten. Das Gemälde wird aber kaum beachtet, nur einigen Kritikern fällt die Anmut und Eleganz des Bildes auf. Nachdem Berthe Morisot vergeblich versuchte, ihr Bild zu verkaufen, stellte sie es nicht mehr aus. Folglich blieb das Gemälde im Familienbesitz - der Louvre erhielt es 1930.

Die Weiterentwicklung als Künstlerin Berthe Morisot wurde nicht behinderte durch ihre Ehe, gesellschaftliche Verpflichtungen, das eigene Haus, welches sich das Ehepaar in Paris gebaut hatte. Nach der Geburt ihrer einzigen Tochter Julie hat sie sich in ihrer Malerei ständig mit ihrem Kind beschäftigt: Julie im Garten, am Klavier, beim Spielen auf der Straße, mit ihren Freundinnen. Bilder und Pastelle, die in zarten Farben den flüchtigen Augenblick festhalten und die ihr schließlich Ruhm und Anerkennung verschafft haben. Bis zuletzt hat sie an den impressionistischen Gruppenausstellungen teilgenommen.

Alle drei Schwestern erhielten Kunstunterricht - über den Bruder ist wenig bekannt, er soll zwischen 1845 und 1848 geboren worden sein. Neben Klavier-, Gesangs- und Konversations-Stunden war dieses damals ein Bestandteil der standesgemäßen Ausbildung für Töchter. Sie sollten in die Lage versetzt werden, in Gesellschaft den Gästen ein Klavierstück oder Lieder vorzutragen bzw. ihre Familie oder -szenen zu zeichnen, zu skizzieren.

Von den drei Morisot-Töchtern entwickelten lediglich die zwei jüngeren – Berthe und Edma – ein intensiveres Interesse an der Malerei. Zwischen 1857 und 1860 hielt der Zeichenlehrer und Maler Joseph Guichard seine Schülerinnen mitunter an, Meisterwerke im Louvre zu kopieren. Bei den Meisterwerk-Studien blieb es nicht aus, dass man hier auch „aktuelle Künstler“, so zum Beispiel die Maler Henri Fantin-Latour und Camille Corot, traf. Letzterer unterrichtete sie auch und machte beide sogar mit einer Reihe von Malern, die zur Schule von Barbizon zählten, bekannt.

Hatten Berthe Morisot und Edouard Manet ein „enges“ Verhältnis?

Im Jahre 1868 stellte der Maler Henri Fantin-Latour den beiden Schwestern Morisot Edouard Manet vor. Dieser, dessen Gemälde soviel Aufsehen erregt hatten, war ihnen schon bekannt. Er und seine zwei Brüder Eugene und Gustave gehörten zu gesellschaftlichen Kreisen der französischen Großbourgeoisie so auch die Familie Morisot.

Die Schwester Edma heiratete ...

Berthe Morisot schloss nach der Heirat ihrer Schwester Edma am 8. März 1869 enge feste Freundschaft mit Edouard Manet, dieser war wohl mit Suzanne Leenhoff verheiratet - eine rein platonische Angelegenheit? Eigentlich begegneten sich die beiden nur in Situationen, in denen weitere Personen anwesend waren. Um den gebotenen Anstand zu wahren, wurde Berthe Morisot meist von ihrer Mutter ins Edouard Manet Atelier begleitet.

Sehr früh war Berthe Morisot davon überzeugt, dass Edouard Manet ein besonderer und überragender Maler war. Chronologisch auffallend ist jedoch, dass sie in den ersten Jahren ihrer Freundschaft weniger malte als in den Jahren davor.

Am Beginn ihrer Bekanntschaft bat Edouard Manet Berthe Morisot ihm Modell zu sitzen - eigentlich eine ungewöhnliche Bitte. Gewöhnlich gehörten damals weibliche Modelle der Unterschicht an und standen nicht selten ihrem Auftraggeber auch sexuell zur Verfügung. Während der letzten drei Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts wurde es zunehmend "moderner", dass Künstler Freunde, Verwandte und Bekannte zum Motiv ihrer Werke wählten.

Edouard Manet hat insgesamt von Berthe Morisot elf Ölgemälde und ein Aquarell gemalt, diese Arbeiten waren aber nicht für den Kunsthandel bestimmt. Sieben davon blieben bis zum Tod Edouard Manets sein Eigentum und die restlichen Werke (nämlich vier Ölgemälde sowie das Aquarell) gelangten in den Besitz von engen Freunden oder ausgewiesenen Kunstkennern. Sein erstes Gemälde mit Berthe Morisot ist „Der Balkon“ (siehe Bildergalerie).

Etwas Biografisches:

Berthe Marie Pauline Morisot wurde am 14. Januar 1841 in Bourges (etwa die Mitte Frankreichs) geboren. Sie wuchs in einer großbürgerlichen und kunstbegeisterten Pariser Familie auf und bekam Privatunterricht im Malen und Zeichnen.

Mit Ausnahme von ganz, ganz wenigen Arbeiten vernichtete Berthe Morisot die vor ihrem dreißigsten Lebensjahr geschaffenen Arbeiten. Entgegengesetzt dazu diese Aussagen: „Mein Ehrgeiz beschränkte sich darauf, etwas von dem, was vorbeizieht, festzuhalten. Etwas! Sogar dieser Ehrgeiz ist noch maßlos“ oder „Malen ist für mich so notwendig wie Atmen“.

Möglicherweise kannten sich Eugene Manet, Bruder von Edouard Manet, und Berthe Morisot seit Ende der 1860er Jahre. Aber die Beziehung zwischen ihnen entwickelte sich hingegen erst in den 1870er Jahren. Eugene Manet war 1874 an der Organisation der ersten Gruppenausstellung der Impressionisten beteiligt und kümmerte sich insbesondere um die Hängung der Werke. Berthe Morisot zeigte in dieser Ausstellung ihre Bilder, während Edouard Manet nicht teilnahm. Und am am 22. Dezember 1874 heirateten Eugene Manet und Berthe Morisot in der Kirche Notre Dame de Grace de Passy. Den Namen "Manet" trug seine Frau nicht öffentlich, sie nannte sich als Künstlerin weiterhin Berthe Morisot. Die gemeinsame Tochter Julie wurde am 14. November 1878 in Paris geboren.

Als Berthe Morisot am 2. März 1895, 54jährig, in Paris starb, empfand jeder ihrer Freunde und Kollegen dieses als einen schrecklichen Einschnitt. Pierre-Auguste Renoir erinnerte sich: „Ich habe das Gefühl, in einer Wüste verlassen zu sein“ und Camille Pissarro schrieb an seinen Sohn: „Du kannst Dir kaum vorstellen, wie tief bewegt wir waren, dass diese herausragende Frau mit ihrem strahlenden weiblichen Talent, die der impressionistischen Bewegung so viel Ehre macht, nicht mehr ist - verschwunden wie die Bewegung selbst, und wie alle Dinge.“

Meine Texte zur Bildergalerie:

Bild 1: Berthe Morisot, Detail aus dem Ölgemälde „Die Wiege“ von 1872 und Bild 2: die Gesamtansicht des Motives.
Bild 3: Ein S/W-Foto von Berthe Marie Pauline Morisot um das Jahr 1872 - der Fotograf ist unbekannt.
Bild 4: Das Gemälde „Der Balkon“ von Edouard Manet, 1868/69, aus dem Musee d‘Orsay, Paris. Das Motiv ist dem Francisco de Goya Gemälde „Mayas auf dem Balkon (1810-1815)“ nachempfunden und neuinszeniert. Es ist sicherlich eine Anspielung auf die damalige Fassaden-Gestaltung des Pariser Stadtplaners Georges Haussmann.
Auf dem Gemälde sind vier(!) Personen dargestellt - links im Vordergrund sitzend: Berthe Morisot und ein Hund - rechts stehend: Violistin Fanny Claus und mittig hinter den Frauen: der Maler Antoine Guillemet (stellvertretend für die „Bourgeoisie“). Über die beiden Frauen wird berichtet, dass sie sich um das Vorrecht beim Modellstehen stritten, wer durfte vorne auf dem Gemälde sich positionieren? Die vierte(!) Person - Nur Umrisse sind zu erahnen - verschwindet im Dunkel des Raumes, es ist voraussichtlich ein Diener mit silbrigem Teekessel. Zu diesem Gemälde schrieb Berthe an Edma Morisot: „Ich sehe eher fremdartig als häßlich aus“ und fügte hinzu „viele Betrachter deuten das Bildnis sogar als „femme fatale“.
Bild 5: Berthe Morisots Selbstbildnis um 1885, in diesem Jahr begann sie eine außergewöhnliche Reihe von Porträts und Selbstbildnissen, auch mit Tochter Julie in Öl und Pastell. Für die Künstlerin wurde zunehmend wichtig ihre „Arbeit“ abzubrechen, sobald das Bild anfing Gestalt anzunehmen. Sie malte mit einem dünnen Pinsel, konturierte mit groben Strichen und betonte bzw. begrenzte mit weißen Rändern. Ihre „unvollendeten“ Bilder lassen den Betrachter teilhaben am persönlichen, schöpferischen Denken von Berthe Morisot (Im Sinne des Bildhauers Auguste Rodin, der Arbeitsvorgänge ebenfalls sichtbar machte).
Bild 6: Kein Mutter-Kind Bild sondern ein Vater-(Eugene Manet)-und-Tochter-(Julie) Bild im Garten von Bougival im Jahre 1881. Es ist ein typisches Bild in einer Bilderserie für die hiesige, dreijährige Entwicklungszeit von Tochter Julie. In diesem Gemälde spielt sie mit einem Spielzeugdorf (Häuschen und Bäume) und wird nicht nur vom Vater, sondern auch von ihrer malenden Mutter genauestens beobachtet, hier ist Trumpf: alles Sehen und Beobachten. .
Bild 7: "Junges Mädchen (Julie) mit Puppe von 1884, die ihr ähnelt. Julie sitzt zurückgelehnt entspannt in einem kleinen Sessel. Das Licht, das durch den Raum „flutet“ und sogar Einzelheiten auslöscht, zeigt Berthe Morisots Kühnheit und erinnert an ihre skizzenhaften Pastelle.
Bild 8: „Im Speisezimmer“ legt das Dienstmädchen für einen Augenblick ihre Hausarbeit beiseite, während der Hund um Aufmerksamkeit bettelt. Es herrscht eigentlich Ruhe, trotzdem entsteht eine „Bewegung“ von einem Raum zum anderen mit einem Blick durchs Essenszimmer aufs Nachbarhaus ... und die offenen Holzschranktüren ergänzen ein tolles kompositorisches Farbspiel.

Links:

(Berthe Morisot - Biographie)
https://www.kunst-zeiten.de/berthe-m...t-ihr-leben

(Impressionismus - Malerei)
https://de.wikipedia.org/wiki/Impres...us_(Malerei)

(Eugene Manet - Biografie)
https://de.wikipedia.org/wiki/Eug%C3%A8ne_Manet

(Julie Manet - Biografie)
https://de.wikipedia.org/wiki/Julie_Manet

(Musee d‘Orsay, Paris)
https://de.wikipedia.org/wiki/Mus%C3...%80%99Orsay


Map-Data:
Berthe Morisot „Die Wiege“ - Musee d’Orsay, 1 Rue de la Legion d‘Honneur, 75007 Paris

1 Rue de la Legion d‘Honneur, 75007 Paris auf der Karte anzeigen:
Hier klicken um Karte zu öffnen

2 Kommentare

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Danke Volker für deinen Muttertags-Beitrag, interessant auch zu sehen, wie schwer es auch begabte Künstlerinnen in dieser Zeit hatten, ernst genommen zu werden und in Ausstellungen beachtet zu werden.
  • 13.05.2018, 09:08 Uhr
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Vielen Dank, Volker, auch für diesen wieder einmal sehr lesenswerten Beitrag über das Schaffen, Leben und Umfeld einer Künstlerin, deren Bilder mir sehr gefallen.
  • 12.05.2018, 23:59 Uhr
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