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Kunst verstehen: Lyonel Feininger schuf seine „prismatische“ Bildstrukturen

Kunst verstehen: Lyonel Feininger schuf seine „prismatische“ Bildstrukturen

Volker Barth
14.07.2018, 20:00 Uhr
Beitrag von Volker Barth

In New York (am kommenden Dienstag vor 147 Jahren - am 17. Juli 1871) wurde Lyonel Feininger geboren und wuchsen hier auf. Als Sechszehnjähriger (1887) gings dann nach Deutschland und auf Wunsch seines Vaters, der Geiger war, sollte er hier ein Violinenstudium beginnen. Stattdessen wollte Lyonel Feininger aber bildender Künstler werden und begann mit Zeichenunterricht in Hamburg - gefolgt vom Studium an der Königlichen Akademie in Berlin. Er war zeichnerisch begabt und erhielt schon während seiner Ausbildung Aufträge von humoristischen Blättern. Das Zeichnen betrachtete er „als Seele der Kunst“ und schon mit 22 Jahren beschritt er seinen Lebensunterhalt als freier Illustrator.

Karikaturen & Comic

Lyonel Feininger war lange als kommerzieller Karikaturist für diverse deutsche, französische und US-amerikanische Zeitungen und Zeitschriften tätig. Seine Arbeiten unterzog er harten selbstkritischen Prüfungen und entwickelte einen sehr markanten Malstil. Er schloss mit der Chicago Sunday Tribune einen Vertrag über zwei Comic-Serien „The Kin-der-Kids“ (Bildergalerie 2) und „Wee Willie Winkie’s World“ ab (die heute zu den Comic-Klassiker zählen).

Im Juli 1906 reiste Lyonel Feininger nach Paris und lernte Robert Delaunay (wichtig für seinen Kunststil) und Henri Matisse kennen. 1909 wurde er Mitglied der Berliner Secession und 1911 wurden sechs Feininger-Gemälde im Pariser „Salon des Artistes Independants“ („Salon der unabhängigen Künstler“) ausgestellt. Erste Berührungen mit dem Kubismus kamen zustande. Ein Jahr später, 1912, lernte er Maler die Künstlergruppe „Die Brücke“ kennen und schuf seine ersten architektonischen Kompositionen.

„Kirchen“Bilder zwischen 1906 und 1937

Inzwischen weltberühmt geworden sind Lyonel Feiningers Bilder, die immer wieder bei Arbeits- und Studienaufenthalte entstanden, von Kirchen und Dorfkernen des Weimarer Umlandes in Thüringen. Die Bilder tragen meist den jeweiligen Ortsnamen (z.B.: Gelmeroda, Possendorf, Mellingen, Gaberndorf usw.) und sind nummeriert.

Kennenlernen von Walter Gropius

Im November 1918 lernte Lyonel Feininger Walter Gropius, Architekt und Gründer „des Staatlichen Bauhauses“, kennen und wurde 1919 von ihm als erstes Mitglied des Bauhaus-Lehrkörpers (Leiter der grafischen Werkstatt des Bauhauses in Weimar) berufen. Mitte August zog er mit Familie nach Weimar. (Dem ganzheitlichen Anspruch des Bauhauses folgend, widmete er sich 1921 auch der Musik und komponierte seine erste Fuge).

„Die Kathedrale des Sozialismus“

oder die „Kathedrale“ (Bildgalerie 3) von Lyonel Feininger, ein Holzschnitt von 1919, ist das Titelblatt (Entwurf und Umsetzung) für das erste Manifest und Programm des Staatlichen Bauhauses in Weimar.

Die Gründung dieser Institution war inspiriert von romantischen Reminiszenzen an die mittelalterlichen Bruderschaften der Dombauhütten-Leuten und von messianischen Reformideen. Im ersten Gründungsmanifest sprach Bauhausdirektor Walter Gropius vom „Bau der Zukunft“, „der alles in einer Gestalt sein wird: Architektur und Plastik und Malerei“. Dieses Gesamtkunstwerk, („Kathedrale des Sozialismus“) sollte, so Walter Gropius, „aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen ... als kristallenes Sinnbild eines neuen Glaubens“.

„Die Blaue Vier“ ...

auch genannt „Die Vier“ oder „Freie Gruppe der Blauen Vier“, ist eine 1924 gegründete Gruppe von den vier etablierten Künstlern, den am Bauhaus tätigen Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Paul Klee und Alexej von Jawlensky. Diese Vier hatten bereits vor dem Ersten Weltkrieg gemeinsam bei der expressionistischen Gruppe „Der Blaue Reiter“ mitgewirkt, daher der Wortzusatz „blau“. Die Initiative zur Gründung der Gruppe: stammte nicht von den Künstlern selbst, sondern von einer in New York tätigen und aus Russland stammenden Kunsthändlerin Emmy Galka Scheyer.

Bauhaus-Umzüge Weimar-Dessau-Berlin

Lyonel Feininger leitete - eine seiner produktivsten Phasen - die Druckerei der „Schule Bauhaus“. Infolge von Eingaben der thüringischen Handwerkerschaft und des deutsch-völkischen Blocks im Thüringer Landtag wurde das Bauhaus in Weimar 1925 geschlossen und wurde 1926 in Dessau "neugegründet". Im Juli 1926 zog dann Lyonel Feininger mit Familie nach Dessau und ließ sich aber auf eigenen Wunsch von sämtlichen Lehrverpflichtungen entbinden - blieb auf Drängen Walter Gropius (bis 1932) aber „Meister“. Von 1930 an leitete der Architekt Ludwig Mies van der Rohe das Bauhaus in Dessau. Die NSDAP setzte 1932 dann hier die Schließung des staatlichen Bauhauses durch. Die Leitung versuchte das Bauhaus durch Umzug nach Berlin als "private Einrichtung" fortzuführen, aber schon ein Jahr später (1933) wurde das Staatliche Bauhaus von den Nationalsozialisten durch Repressalien wie Hausdurchsuchungen und Verhaftung von Studenten endgültig zur Selbstauflösung gezwungen.

Während der Jahre 1930/31 arbeitete Lyonel Feininger auf Einladung der Stadt Halle (Saale) an insgesamt elf expressionistischen Stadtansichten der Stadt, insbesondere die Ansichten der Marktkirche und des Roten Turmes wurden sehr berühmt.

Die NS-Zeit

In der Zeit des Nationalsozialismuses galten Lyonel Feiningers Werke als „Entartete Kunst“. Die Nationalsozialisten entfernten 378 Arbeiten des Künstlers aus öffentlichen Sammlungen und in der Schmäh-Ausstellung „Entartete Kunst“ in München verhöhnte man zwölf Arbeiten. Am 11. Juni 1937 verließ Lyonel Feininger und seine Frau das nationalsozialistische Deutschland nach USA und lebte in New York als freier Maler bis zu seinem Tode am 13. Januar 1956.

Und es gab noch den „Fall Feininger“

Als im Jahre 1984 neunundvierzig Gemälde aus der damaligen DDR in die Vereinigten Staaten von Amerika per Schiff überführt wurden, sorgte dieses für viel internationale Kunst-Presse. Das Geschehen: Bei der Flucht aus Deutschland Juni 1937 musste Lyonel Feininger 64 Ölgemälde, Grafiken und Möbel zurücklassen, die er einem Freund übergab. Es war Dr. Hermann Klumpp, 1902 in Quedlinburg geboren und gestorben 1987, ein promovierter Jurist, Bauhaus-Absolvent 1932, Architekt und Kunstsammler.

Nach dem Machtgewinn der Nazis benötigte die Familie Feininger Hilfe, eine erste Kunst-Sendung brachte Dr. Hermann Klumpp noch 1938 auf den Seeweg. Wie schon berichtet galt Lyonel Feiningers Kunst ab 1937 als „entartet“, folglich ließ Dr. Hermann Klumpp die restlichen (Feininger/Quedlinburg) Werke - um sie vor dem NS-Zugriff zu schützen - notariell als sein Eigentum (1939) deklarieren, dieses akzeptierte Lyonel Feininger! Doch es geschahen Fehler - ohne eindeutige Verfügungen wie: Was ist treuhänderisches Gut, welcher Teil „Besitz“ oder welcher „Eigentum“?

Im Jahre 1970 (nach dem Tod der Mutter) klagen die Feininger-Söhne T. Lux, Andreas und Laurence „ihr“ Eigentum ein - nicht Lyonel und Julia Feininger! Man kämpfte um die in Quedlinburg verbliebenen Bilder einen juristischen Kampf von Amerika aus - gegen einen Freund der Eltern, der in Notzeiten ein sehr zuverlässiger Helfer war! Eigentlich war es kein „Fall Feininger“ sondern ein „Fall Klumpp“.

1972 kamen die Klumpp/Feininger Werke dann in „Sicherheitsverwahrung“ und zwei Jahre später begann in Halle der Prozess, der 1976 so endete: Die Gemälde sind Feininger-Eigentum! - Aber: Es bedeutete nicht die Herausgabe der Werke, denn die damalige DDR entdeckte ein „nationales“ Interesse.

Die DDR wurde verklagt

Die Feininger-Anwälte klagten gegen die DDR und die Sache wurde „politbüroreif“. 1984 reisten dann 49 Feininger-Gemälde aus: Hermann Klumpp, der 1986 mit der Schenkung seiner Grafik-Sammlung die Quedlinburger Feininger-Galerie begründete, hatte verloren: gerecht?.(Literatur-Hinweis: Petra Werner: Der Fall Feininger, Koehler & Amelang Verlag Leipzig, 2006, mit Abb., 256 Seiten, 24,90 Euro, ISBN 978-3-7338-0341-4)

Zur Bildergalerie

Aufmacher und Bild 1: Das von Lyonel Feininger im Jahre 1912 gemalte Ölgemälde besitzt die National Gallery of Art, Washington.
Bild 2: Lyonel Feiningers Comic „The Kin-der-Kids“ der Chicago Sunday Tribune vom 29. April 1906.
Bild 3: Lyonel Feiningers: Das Titelblatt „Kathedrale“ für das Manifest und Programm des Staatlichen Bauhauses, April 1919.
Bild 4: Das Lyonel Feininger Gemälde „Marine-Blau“ von 1924 befindet sich im Munson-Williams-Proctor Institut, Utica NY.
Bild 5: Im Museum Folkwang zu Essen kann man das Lyonel Gemälde „Gelmerode IX.“ von 1926 bewundern.
Bild 6: Lyonel Feiningers „Marktkirche in Halle zur Abendstunde“ von 1930 hängt heute in der Pinakothek der Moderne, München.
Bild 7: Lyonel Feiningers "Ostchor des Domes zu Halle“, 1931, gehört der Kunsthalle Hamburg.
Bild 8: Der Sohn Andreas Feininger fotografierte im Jahre 1928 seinen Vater Lyonel Feininger.

Links:

(Lyonel Feininger - Biografie)
http://www.whoswho.de/bio/lyonel-feininger.html

(Staatliches Bauhaus)
https://de.wikipedia.org/wiki/Bauhaus

(Kubismus)
https://www.kunst-zeiten.de/Kubismus-Allgemein

(Die Blauen Vier)
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Blaue_Vier

(Radweg)
https://de.wikipedia.org/wiki/Feininger-Radweg


Map-Data:
Lyonel-Feininger-Galerie - Stiftung Moritzburg - Schlossberg 11, 06484 Quedlinburg

Schlossberg 11, 06484 Quedlinburg auf der Karte anzeigen:
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4 Kommentare

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Die Feininger's waren eine begabte künstlerische Jüdische Familie und man sieht unter anderem auch an dieser Lebensgeschichte, wie übel die Nazis Künstlern mitgespielt haben ...danke Volker für deine ausführliche Lebensbeschreibung eines ganz grossen Künstlers.
  • 19.07.2018, 09:30 Uhr
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Danke für Deinen interessanten Artikel!
  • 17.07.2018, 15:09 Uhr
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danke Volker, für deine sehr guten Beschreibungen des Malers und seiner Werke, freue mich immer auf deine Beiträge.
  • 17.07.2018, 12:02 Uhr
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"Das Zeichnen betrachtet er als 'Seele der Kunst'". Dieser Satz sagt sehr viel über seinen Stil aus, denn es sind die Striche, die seine Gemälde charakterisieren, nicht die Farbe oder andere Stilmittel.
Dieser Hinweis hilft dem Laien, seine Gemälde zu identifizieren, von anderen abzugrenzen.
Danke, Volker, für die Mühe, die Du Dir machst, uns die Individualität eines Malers nahe zu bringen.
  • 15.07.2018, 09:22 Uhr
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