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Ein Gesellschaftsstück

Ein Gesellschaftsstück

28.05.2013, 16:13 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Ein Gesellschaftsstück


Laufend bin ich bemüht, einen Praktikumsplatz oder auch eine Ausbildungsstelle, für meinen behinderten Sohn zu finden. So hatte ich im letzten Jahr auch die verwegene Idee, mich bei unserem hiesigen Gericht kundig zu machen, persönlich, versteht sich.
Mir war aufgefallen, dass gerade bei Gerichten, in Arbeitsämtern, auch bei Behörden oftmals behinderte Menschen leichte Tätigkeiten verrichteten. Meinem Sohn ebenfalls einen Arbeitsplatz, bzw. Praktikumsplatz an einem dieser Orte zu vermitteln, ließ mich von Hoffnung beflügelt, die Halle des Gerichts
betreten.
Die Auskunft, ein netter Herr hinter einer großen Glasscheibe, hörte mir aufmerksam zu. Neben ihm ein junger Mann, etwa Mitte zwanzig, sympathisches Aussehen, war der von mir Gesuchte, nämlich der „BEHINDERTEN-BEAUFTRAGTE“ bei Gericht.
Er informierte mich über die Zuständigkeit einer bestimmten Person, Praktikanten für einen gewissen Zeitraum aufzunehmen, und verwies mich an einen Herrn X… in der X. Etage Zi. Nr. xxx…
Also fuhr ich mit dem Aufzug nach oben, fand besagten Raum mit schon geöffneter Tür, klopfte aber trotzdem an und trat, nach einem „herein“, durch die Türöffnung und schloss dieselbe leise hinter mir. Da stand ich nun und hatte Mühe, mein Anliegen möglichst effektiv vorzutragen, denn der Herr am Schreibtisch, nicht mehr ganz jung, eher spätes Mittelalter, machte keinen sonderlich interessierten Eindruck auf mich, eher den eines gelangweilten Angestellten, der seine Stunden abzusitzen gedachte.
Meinen ganzen Mut zusammennehmend erklärte ich ihm, da ich nun einmal hier war, mein Anliegen und die Situation, in der mein Sohn und ich uns befanden. Vielleicht sei es ihm ja möglich, meinen Sohn für ein vierwöchiges Praktikum hier im Haus, zu beschäftigen. Er sei behindert, fügte ich noch hinzu. Plötzlich kam Leben in die Person. Was ich mir so denken würde! Nein, nein, das geht ganz und gar nicht, machen wir schon lange nicht mehr. Mit Behinderten, da will doch keiner was mit zu tun haben! Das haben wir schon alles durch, nein, nein!
Ganz kleine Pause, in der dieser Herr tief durchatmete, um nach abfälligen Worten zu suchen um aufs Neue zu deklarieren.
Der ganze Aufwand den man erbringen muss, der macht sich doch nicht bezahlt, und die paar Mark, die es dafür vom Amt gibt, keiner will was mit Behinderten zu tun haben!!! Er wiederholte sich nochmals, während ich vor Verlegenheit immer kleiner und leiser wurde. Musste ich mich schämen, einen behinderten Sohn zu haben?
Nach diesem, so negativen Gesprächsauswurf wollte ich nur noch die Tür hinter mir erreichen, um einen anständigen Abgang zu haben.
Mit leiser Stimme dankte ich ihm also für das Gespräch (ist doch anständig von mir, gelle) und öffnete die Tür. Beim Hinausgehen sagte ich noch freundlich: „Auf Wiedersehen.“
Ich hatte wohl auch auf ein solches gewartet, hörte dann aber nur noch das herausgequälte „ja, ja!“ Für mich war das gleichbedeutend mit „hau bloß ab, lass mich in Ruhe!“
Ich habe doch einige Zeit gebraucht, das zu verarbeiten und habe mir, speziell über diese Person und unsere Gesellschaft im Allgemeinen, meine eigenen Gedanken gemacht.

Mein Sohn hat inzwischen eine abgeschlossene Ausbildung zur Bürokraft ansoviert, im Berufsbildungswerk Neuwied, er hat den internationalen PC-Führerschein bestanden, im Jugendtastschreiben hat er Urkunden, die aussagen, er habe 232 Anschläge die Minute, und dem "Herrn" bei Gericht, dem kann er sicherlich das Wasser reichen , aber wer will das schon wissen.
Ich bin stolz auf meinen Jungen und ohne ihn käme ich mit dem Computer nicht zurecht; man kann von ihm lernen!

Danke für ´s Lesen

sagt Ingrid

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13 Kommentare

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Liebe Ingrid, vor etwa gefühlten 100 Jahren, habe ich um Gotteslohn für den Behindertsportverband eines großen Bundeslandes programmiert, Buchhaltung und Zeitungsversand usw. Durch die Buchhalterei bekam man ab und zu auch mal was im finanziellen Bereich so mit. So gab es zu der Zeit ein Landesministerium, welches Sportfördermittel vergab. In einem Jahr, ich weis nicht mehr welches, gab es einen Jahresetat für die Förderung des Behindertensportes sage und schreibe 460000 DM, darin enthalten Mittel für eine Klinik und ein Blindensportheim. Der Tennisverband erhielt im gleichen Jahr über 6 Mio DM. Muss ich noch mehr sagen? Hat sich wohl nichts geändert in der Bewertung, oder? Liebe Grüße an meine alte Heimat von Knut
  • 07.06.2013, 11:56 Uhr
Hallo Knuth,
nein, da musst Du mir nichts mehr drüber sagen. Die Gelder verbleiben irgendwo, vielleicht an undichten Stellen, wir haben noch nichts davon bemerken können.
Als mein Sohn 2002 sein erstes Jahr in dieser Werkstatt angeleitet worden ist, ich habe mal ausgerechnet, hat er für echte 100 Stunden Leistung im Monat 57,00 € erhalten, das sind nicht einmal 1,00€ die Stunde.
Mit dem Sport machen die ohnehin, was sie wollen, den lässt man einfach ausfallen, Ich könnte mehr darüber berichten, weil ich immer...immer genau hinhöre, sehe und teilhabe an dem Leben von Behinderten im Allgemeinen.
Bezgl. des Fußballsports/Träining, wöchentlich ein Nachmittag, der nicht mehr stattfindet, habe ich an höherer Stelle berichtet und um Abhilfe gebeten. Man hat mir Mut gemacht. Nun bin ich gespannt, ob etwas geändert wird.
Dir herzlichen Dank für deinen Kommentar

LG

Ingrid
  • 07.06.2013, 13:11 Uhr
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Eine Geschichte, wie sie uns das Leben so neben bei schlägt.
Wer schaut schon noch neben sich? Wir sind beherrscht von Smartphons und anderen Knallkörpern. Der Rest der nach der Schlacht am Kalten Buffet übrigbleibt, widmen wir am Fest der Liebe unseren Nächsten. Wir selber haben zu tun um all das Überflüssige umzutauschen inklusive dem bißchen Menschlichkeit. Carlos
  • 01.06.2013, 11:25 Uhr
Hallo Carlos,
danke Dir,
die Menschheit geht an allem vorbei, was lästig ist, oder nicht den Vorstellungen entspricht, keine Zeit, keine Lust, egal, bin nicht der Schecker u.s.w. wird geredet und geschlagen und nicht mehr Menschlichkeit gelebt.
Es ist tatsächlich erschreckend. Ich hoffe sehr, dass nicht alles so abgehakt wird.

LG

Ingrid
  • 07.06.2013, 13:15 Uhr
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Hallo Ingrid, ich schicke dir wieder meine Bewunderung für dein Handeln und alles, was du mit und für deinen Timo schon geschafft hast. Dass du immer noch so viel Kraft hast, ist ein Geschenk. Ich wünsche dir wirklich, dass du noch lange fit bleibst und Timo mit dir leben kann. Dem Kerl im Gericht hätte ich am liebsten ( in Gedanken)einen kräftigen Tritt in den Hintern gegeben. Aber das bringt überhaupt nichts. Diese unzufriedenen, in ihren Ansichten veralteten, intoleranten Typen, die es in jeder Behörde gibt, haben letztendlich den "längeren Arm". Und du gehst als Unterlegene mit seelischen Verletzungen aus so einer Auseinandersetzung heraus. Wochen, Monate, manchmal Jahre hat man dann mit diesen Verletzungen zu kämpfen. Ich habe es selbst erlebt,wegen Krankheit schikaniert zu werden bei einer Behörde.. Daher hast du richtig gehandelt als du einfach gegangen bist und dein lieber Timo schafft seinen Weg auch ohne diese Korinthenkacker.Manchmal muss man einfach gehen um zu gewinnen.
  • 28.05.2013, 18:51 Uhr
Liebe Hanne,

Du bist mal wieder eine ganz süsse Schimpferin, danke Dir. Aber Du hast ja recht, man muss aber immer aufpassen, dass der lange Arm dich nicht erwischt, wie Du schon richtig erkannt hast. Ich lege mich gern mit Menschen an, denen die Lüge und Betrug mir schon von weitem entgegenlachen. Ich habe ein Gespür dafür entwickelt.
Wir haben alles geschafft, was uns vorgeschwebt hat und wir sind zufrieden mit dem, was wir erreicht haben, was unser Leben ist.

Liebe Grüße

Ingrid
  • 28.05.2013, 20:03 Uhr
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liebe ingrid, fuer eine mutter ist das herzzerbrechend. unsere rolle ist doch, das beste fuer unsere kinder zu tun. wenn man dann auf so kalte menschen stoesst bei versuchen, dem "kind" zu helfen, schmerzt das herz. der verzweiflungsschrei, herunter geschluckt, bedrueckt uns innerlich. natuerlich darf man nicht die hoffnung aufgeben. da muss es doch irgendeinen ausweg geben, gerade wo dein sohn zu gleicher zeit auch grosse begabung zeigt. alle achtung, wenn er mit computern auf gutem fuss steht. darum geht es doch heutzutage. herzlicher gruss, ursula p.
  • 28.05.2013, 18:11 Uhr
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Liebe Ingrid,
wie heisst es doch so schön, bei öffentlichen Stellenausschreibungen " Behinderte, werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt ". Wünsche mir mehr, von diesen interessanten Geschichten aus dem Leben behinderter Menschen, sie geben Anlass über gesellschaftliche Vorurteile nachzudenken. Ihnen und Ihrem Sohn alles Gute. LG
  • 28.05.2013, 17:05 Uhr
Oh Peter, Du sprichst mir aus der Seele!
Nichts von diesen Versprechungen stimmt, überhaupt nichts!!!
Im Gegenteil werden Behinderte diskriminiert, sie werden nicht für voll genommen, sogar gemobbt von Vorgesetzten und , entschuldige bitte, "verarscht" , geschlagen und mehr, ich habe das reichlich erleben dürfen.
Aus diesem Grund habe ich ein Buch über meinen Sohn geschrieben, "Timo, das Charge Kind" 420 Seiten, zu haben als E-Book im "epubli Verlag", 9,99 €, als Buch von mir 12,80 €
Aber ich kann es Dir auch schenken, wenn es Dich sehr interessiert. Als richtiges Buch, damit Du was in der Hand hast. Es geht nichts über ein richtiges Buch.
Dann schreib mir unter E-Mail ria.roos @yahoo.de
Liebe Grüße

Ingrid
  • 28.05.2013, 17:26 Uhr
Vielen Dank Ingrid, das mach ich
  • 28.05.2013, 17:47 Uhr
Hallo Peter, nimm Ingrids Angebot an und lies das Buch. Ich habe es auch. Es ist wirklich beachtenswert. LG Hanne
  • 28.05.2013, 18:43 Uhr
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ingrid solche leute findest du überall und immerwieder.da hilft nur weitermachen.
  • 28.05.2013, 16:36 Uhr
Hallöchen Barbara,
da sind wir noch einmal an einem schlimmen Menschen vorbeirangiert.

Sei lieb gegrüßt

Ingrid
  • 28.05.2013, 16:56 Uhr
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