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Kriegskinder

Kriegskinder

12.11.2014, 20:00 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Sie sitzt auf dem rostbraun gestrichenen Sitzbrett des Plumpsklos und streckt mir ihre beschuhten Füße entgegen. Zwischen ihren Beinen baumelt die rote Unterhose und sie kaut auf einem sehnigen und deshalb recht zähen Stück Fleisch, das sie noch seit dem Mittagsmahl im Mund bewegt.
„Magst Du jetzt mein Fleisch weiterkauen“, fragt mich Annichen und spreizt die Beinchen etwas weiter, damit ich näher an ihren Mund komme und stützt sich gleichzeitig mit den dünnen Ärmchen nach hinten ab, damit sie nicht in die Öffnung des Abortes fällt.
Ich greife mir das Fleisch mit den Lippen und verschlinge den ausgelutschten Brocken mit Heißhunger, ohne mich mit langwieriger Kauerei aufzuhalten. Mein kleiner Magen hat seit Tagen keine richtige Nahrung mehr bekommen. „Ich will mein Fleisch aber wieder, wenn Du fertig bist.“ Da hat Annichen aber Pech gehabt. Der Brocken war weg so schnell, wie ´s Würscht´l vom Kraut.

Wir leben im Sommer 1945 nach dem Kriegsende in einem kleinen niederbayerischen Dorf zwischen Donau und Bayerischen Wald.
Das Land wurde erst kürzlich von den Amis erobert und besetzt.
Für meine Mutter und mich Zweijährigen bedeutete dies, dass wir die „ Zacher´sche Villa“ ,in der wir seit Oktober 1944 wohnten, verlassen mussten und von einem (netten) „Ami Captain“ der offensichtlich mit der Wohnungszwangsbewirtschaftung im Dorf betraut war, in das „Jagdzimmer“ von Annichens Eltern eingewiesen wurden. Darüber war Anni´s Mutter nicht sehr erbaut, was sie uns auch hat spüren lassen aber ich hatte mit der um ein Jahr älteren Anni gleich enge Kinderkameradschaft geschlossen.
Anni´s Vater,so,wie auch meiner, waren noch nicht aus dem Wirren des Kriegsendes zurückgekehrt; die Frauen beklagten ihre unglückliche Situation und so verbrachte ich mit Anni die meiste Zeit gemeinsam.
Wir spielten unsere Spiele ohne jedes vorgefertigte Spielzeug.
Kinder sind aussichheraus erfinderisch – kreativ. Egal ob sie im Mangel oder im Überfluss leben.

So beobachte ich kürzlich eine kleine Prinzessin, wie sie aus einem Baum, den ich gefällt hatte und der mit seinen Ästen so dalag in bemerkenswerter Kürze ein Zwergenschloss gestaltete. Fiktiv. Sie erklärte diesen Ast zum Ankleidezimmer, den Ast zum Schlafzimmer und den anderen zum Spielzimmer. Danach fragte sie mich kritisch ab.

Annichen und ich, wir jedoch waren Kriegskinder. Unsere Väter sollten noch Monate, Jahre nicht zurückkehren.
Eine seltsames Gefühl der Spannung hatte sich von unseren Müttern auf uns übertragen.
Man nennt es den Urinstinkt?
Nicht willkürlich. Eher unbeabsichtigt hatten wir aus den Gesprächen der Frauen Fetzen aufgeschnappt, die uns erschaudern ließen.

Es war ein Schauder ohne Angst. Ein Schauder, den das Wort „Russen“ auslöste.
Auch das Wort „Amerikaner“ brach unsere Ruhe und trieb uns auf die Straße. Es war eine freudige Neugier.
„Russen“ dagegen nährte spontan unseren Fluchtinstinkt.

Dann saßen wir in der Wohnküche und meistens gab Annichen das Stichwort, die Parole, aus:
„Die Russen kommen“.
In panischer Hetze packten wir unser Fluchtauto – die Schlafcouch meiner großen Schwester.
Ein Küchenstuhl war das Führerhaus. Dahinter lud Annichen den gesamten Küchenhausrat meiner Mutter auf.
Unsere Köpfe glühten.
Anniechen ermahnte mich, zu spähen, ob ich schon Panzer erkennen könne. Ich legte die Hand über die Augen und meldete, dass sie nun kämen.

Mit einem Satz landete ich im Stuhl und Annichen musste alle Türen zuknallen.
Dann ging es ab mit Gebrumm.

Die Mutter sagte zur Schwester „Die Kinder exaltieren“, was den Abmarsch in die Betten bedeutete.

Das geschah alles im Sommer. Er war herrlich warm.

Im Oktober fiel das Thermometer und die Mutter kam ins Krankenhaus.

Ich hauste mit meiner 17jährigen Stiefschwester Bri ohne Geld, Holz und Kohlen.
Es war der berüchtigte Winter 1946/47.
Bri hatte bereits den Krieg in seiner schlimmen Spielart hautnah erlebt. Sie hatte verwundete Soldaten an der der Ostfront bei Posen gepflegt – bis die russischen T34 Panzer im Garten rassend angerollt waren.
Sie hatte mit 15 im Knast gesessen wegen Hörens feindlicher Negermusik.

Bri war nicht zimperlich.

Später erklärte sie mir, sie hätte mehrmals Sorge um mich gehabt, ich könne erfrieren, weil das Quecksilber in der Bude, in der wir Beiden hausten, unter –10 Grad gefallen war.

In der Rückschau erschien mir meine Kindheit als so, dass ich mich ihrer gerne erinnere.
Nennt man das eine schöne Kindheit? Eine glückliche?
Nun – ich hatte ja noch keine Vergleichsmöglichkeit.
Meine Welt der Ereignisse, der Erfahrungen und Erlebnisse stand ja noch bei Null.

7 Kommentare

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Wunderbarer, berührender Beitrag..
  • 20.08.2016, 11:56 Uhr
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Ein sehr eindringlicher Beitrag, der auf anschauliche Art ein Bild jener Zeit skizziert, wie es sich mit den Augen eines Kindes darstellt. Erfreulicherweise haben diese Erlebnisse offenbar keine traumatischen Spuren hinterlassen.
Was Kinder in den Kriegsregionen unserer Zeit erleben und ertragen müssen, ist sicher nicht wengier grausam. Ich fürchte, künftige Erzählungen dieser Zeitzeugen werden weniger idylliisch ausfallen.
  • 20.08.2016, 11:54 Uhr
Doch - es hat Spuren hinterlassen.

Manchmal suche ich im Traum verzweifelt nach meiner Zahnbürste, nach meinen Socken oder nach dem Parkplatz meines Autos.

Die Architektur der menschlichen Datenverarbeitung ist - vermutlich - so angelegt, dass kein Ereignis verlorengeht.

Nur wird der Zugriff auf unterschiedlichen Ebenen gewährt.

Der "gesunde" Gemütsprozess greift nur auf positive Erlebnisse zurück.

Während "schlimme Erlebnisse" verdrängt werden und nicht als idyllische Bilder abrufbar sind.

Diese Daten werden komprimiert und bilden unsere Reflexe.
---Meine ich.
  • 20.08.2016, 13:42 Uhr
So (oder anders) mag es sein - ein Thema für Psychologen.
  • 20.08.2016, 13:45 Uhr
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bewegend Dein Bericht Manfred und nachvollziehbar. Auch wenn ich nicht direkt Kriegskind bin, die Situationen, wenn Soldaten vorbeizogen, die kenne ich auch noch. Und ich erlebe es heute hier in meiner neuen Heimat Österreich immer mal wieder, dass Menschen von dieser Zeit erzählen. Hier waren ja auch die Russen Besatzungsmacht und es gab viel Angst aber auch viel Hilfe. Das wird heute noch am Stammtisch erzählt.
Besonders beeindruckt hat mich der "Russenstein" hier im Böhmerwald. Dort hat ein einfacher Soldat in russischen Worten eingekratzt, was er nicht versteht am "Krieg".
Für mich sehr beeindruckend.
  • 11.12.2014, 20:57 Uhr
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Dein Bericht hat mich berührt. Gruß Marlies
  • 13.11.2014, 15:57 Uhr
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Auch wenn ich das "Glück der späten Geburt" hatte und der Krieg meine Kindheit nicht so sehr beeinflusste: gut und anschaulich erzählt und für mich daher gut vorstellbar. Plumsklos kenne sogar ich noch. In meiner Schulzeit war das Thema 2. Weltkrieg ein absolutes Tabu (in meiner Familie auch). Von daher bin ich denn schon dankbar dafür, wenn ich von anderen Menschen etwas über diese Zeit erfahre.
  • 13.11.2014, 15:12 Uhr
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