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Immer im Mai

05.05.2016, 18:30 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Sie erlebten das Kriegsende in einem kleinen Dorf in Niederbayern. Staunend standen die beiden Flüchtlingskinder, Ingrid und Dorit, am Hofeingang. Die Mutter hatte sie herausgeputzt, weiße Schleifen in die Zöpfe gebunden, sie sollten den Soldaten auf den Panzern zuwinken, die sich dröhnend durch die lange Straße wälzten. Überall flatterten weiße Betttücher aus den Fenstern, die Kirchenglocken läuteten, Otzing ergab sich kampflos dem Feind.

„Jetzt wird der Krieg bald zu Ende sein,“ sagte die Mutter, die vom Fenster aus alles mitverfolgt hatte. Man hatte ihnen, den Flüchtlingen aus Westpreußen, ein Zimmer bei einem Bauern angeboten. Während die beiden Mädchen täglich in dieselbe Klasse in der Schule gingen, ging die Mutter von Haus zu Haus, um Brot zu erbetteln oder gegen einen Ring einzutauschen. Gehungert hatten sie noch nicht.

Am 8. Mai ging der Krieg offiziell zu Ende, man feierte ihn wie einen hohen Festtag. Auf dem Hof gackerten die Hühner um die Wette, die Hunde bellten, Kinder tanzten auf der Straße vor dem Haus, und die Mutter bekam einen kleinen Streuselkuchen geschenkt, aus dem Ameisen herauspurzelten, die auch etwas vom Frieden abhaben wollten.

Für die Stadtkinder bot Otzing durchaus viele neue Erfahrungen. Da war zunächst einmal die Sprache, die sie nicht verstanden. In Bromberg, ihrer Heimatstadt, hatte man nur Hochdeutsch und Polnisch gesprochen. Mit dem bayrischen Dialekt hatte man schon seine Probleme. Dorit sagte, sie bräuchte einen Dolmetscher, und Ingrid brachte in der Schule, schüchtern wie sie war, kein Wort hervor. Nach dem Unterricht behielt die Lehrerin sie noch eine Weile da, um sie zu ehrbaren Katholiken umzuerziehen, was ihr nicht gelang. Sauprreißen eben ...

Aber es gab auch interessante und ganz neue Erfahrungen auf dem Bauernhof. Sie durften die Hühner füttern und Eier suchen, beim Melken zuschauen, und in der riesigen Scheune gab es eine Schaukel, mit der man 10 Meter hoch in die Luft fliegen konnte , um dann in das weiche Heu hinunter zu springen.
Oft landete 'Schorsch', der eigentlich Georg hieß, neben Ingrid im Heu, und da das verdächtig häufig passierte, durfte der Bub nicht mehr mit ihnen schaukeln. Unvorstellbar, was daraus vielleicht hätte werden können, wenn ihre Mutter nicht eines Tages auf die Idee gekommen wäre, Otzing zu verlassen. Ihr Bruder hatte in einem kleinen Dorf in Niedersachsen Zuflucht mit seiner Familie gefunden, und sie wollte in seiner Nähe sein.

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So kamen sie im Mai 1946 nach Jerxheim-Bahnhof. Das eigentliche Dorf lag 2 km entfernt hinter einer Hügelkette, und dieser Ortsteil bestand nur aus ein paar Häusern und eben einem Bahnhof.
Nach dem bekannten penetranten Begrüßungsritual – die Flüchtlinge mussten desinfiziert werden - wartete man in einer Baracke zwei Wochen lang auf eine Wohnung. Glücklicherweise gab es hier keine Sprachbarriere, und die neuen Familienkontakte erleichterten das Einleben

Sie bekamen eineinhalb Zimmer, ohne Küche, ohne Bad, aber es gab einen großen Hof, wo man Hühner, Kaninchen und ein Schwein halten und schlachten konnte.
Vormittags fuhren sie mit dem Zug zu fünft nach Schöningen, der nächsten Kleinstadt, wo es ein 'Gymnasium für Jungen' gab, das seine Tore jetzt nach dem Krieg auch für Mädchen geöffnet hatte.
Es blieb nicht aus, dass Johannes sich in Dorit verliebte. Nicht Hals über Kopf, nein, aber sie machten oft die Schularbeiten zusammen, und Zeichnen war nicht gerade seine Stärke. Dorit liebte es dagegen, in Biologie Pflanzen zu bestimmen und akribische Zeichnungen der Blätter anzufertigen.
Johannes revanchierte sich auf seine Weise. Er wusste, wo es Erdbeerfelder gab und wann man da am besten etwas stiebitzen konnte, und wenn es regnete, versteckten sie sich zwischen den Reihen und steckten sich wechselseitig die nassen schimmernden Früchte in den Mund.

Und einmal – im Mai – gingen sie zusammen in den kleinen Wald, der ganz in der Nähe auf einem Berghügel lag. Da gab es unter den Bäumen blaue Matten von Veilchen, die betörend dufteten und zum Hineinfallen einluden, da rauschten die Bäume so wichtigtuerisch, als hätten sie sich tausend Geheimnisse zu erzählen, da sangen die Vögel, es krächzte und kuckuckte und zwitscherte, eine Symphonie aus Klängen, Farben und Düften empfing sie.
Und als Dorit neben Johannes lag auf dem samtweichen Veilchenbett und er scheu nach ihrer Hand tastete, sah sie, dass drei grazile Elfen in wehenden weißen Gewändern um sie herumtanzten, und in der Mitte ein kleiner Zwerg mit roter Pudelmütze.
Johannes sah sie nicht, er schaute zum Himmel hinauf,
der gerade noch zwischen den Wipfeln der hohen Laubbäume zu sehen war.
Dann sahen sie sich an
und waren sich so nah wie nie zuvor - sein Vater und ihre Mutter waren Geschwister - so nah und doch so – fremd. Hatte der Krieg und die Flucht sein müssen, damit sie sich begegnen konnten? Noch wussten sie nicht, dass sich ihnen in diesem Augenblick das große Geheimnis des Lebens offenbaren wollte, sie spürten nur die Süße des Augenblicks.
Es war die erste Ahnung von Liebe, die ihre Seele durchzog und erschütterte.

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Im Herbst, als der Wald sich rotbunt verkleidete, wanderte Johannes mit seiner Familie nach Amerika aus. Und Dorit weinte, jeden Abend vor dem Schlafengehen. Sie weinte auch im Biologieunterricht, und nur wenn der Lehrer sie zu trösten versuchte: „Wir bestimmen doch nur Pflanzen, Dorit … “, lächelte sie tapfer.

Immer im Mai – wenn die Veilchen blühen - überfällt Dorit die Erinnerung an jenen kostbaren Augenblick im Wald, jene süße Erfahrung der ersten großen Liebe, die vom Krieg herbeigeführt an den Wirren der Nachkriegsjahre zerbrach.

© Edith ST

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