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Meisterwerk

Meisterwerk

10.06.2016, 17:25 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Am 21.12.1800 öffnet sich die Deelentür des kleinen Fachwerkhauses. Friedrich Frentrup bleibt einen Moment stehen und schaut auf den frisch gefallenen Schnee. Langsam wird es draußen hell. Er ist schon vor zwei Stunden aufgestanden. Die Tiere, ein Pferd, vier Kühe, zwei Schweine, Hühner und Gänse hat er schon versorgt. Der 25 jährige junge Mann ist glücklich. Er könnte die ganze Welt umarmen. Gestern war sein Hochzeitstag und heute fängt ein neues Leben an. Wie schön seine Amalie ausgesehen hatte in ihrem dunkelblauen Hochzeitskleid, das ihre Schwester genäht hatte. Die langen, blonden Haare waren zu einem Zopf geflochten und wie eine Krone um den Kopf gelegt. Bruno, sein alter Ackergaul zog den selbstgefertigten Schlitten zehn Kilometer bis zur Kirche in Schötmar. Dort hatten sie sich ewige Treue geschworen und der Pfarrer segnete den Bund.
Die Hochzeitstafel in der Deele war von den Frauen mit Tannengrün und Kerzen festlich geschmückt worden. Der Verwandschaft schmeckte Mutters Gänsebraten so gut, dass sie schon befürchtete nicht genug zu haben. Bevor es dunkel wurde verabschiedeten sich alle. Nicht jeder besaß eine Kutsche, aber jeder musste zu Hause angekommen, zuerst sein Vieh versorgen.

Es gibt einen weiteren Grund warum Friedrich so zufrieden ist. Sein Pate, Heinrich Kersting setzte sich gestern zu ihm und sagte: „Fritz du hast jetzt drei Jahre das Schreiner und Zimmermanns-Handwerk erlernt und bist fünf Jahre als Wandergeselle durchs Land gezogen. Seit zwei Jahren arbeitest du selbständig. Ich habe einen Auftrag für dich. Unser Haus wird zu klein. Jetzt sind noch die Zwillinge geboren und damit sind es sieben Kinder. Die Kleinen schlafen noch bei uns, aber es wird einfach zu eng im Haus. Was meinst du, traust du es dir zu für uns ein größeres Fachwerkhaus zu bauen und die Bauleitung zu übernehmen?“ Natürlich hatte er versichert, sein Bestes zu geben. Dieser Auftrag war die Chance seines Lebens. Er würde bekannt werden und seinem großen Ziel ein gutes Stück näher kommen. Friedrich träumte nämlich von einem eigenen Haus. Sein derzeitiges Heim gehörte zum Meierhof. Sie arbeiteten viele Stunden auf den Feldern des Gutes für das Wohnrecht.
Amalie hatte sich mit ihm gefreut und gesagt: „Kersting ist ein sparsamer Lipper, der baut nicht, wenn er die Taler dafür nicht im Sparstrumpf unter dem Bett liegen hat.

Lächelnd und voller Lebensmut betrat er das Haus. Amalie und seine Mutter waren fleißig. Alles war aufgeräumt und sauber. Die junge Frau schaute ihn von der Seite an. Ob er sie küssen oder umarmen würde? Nein, so etwas gehörte sich nicht, da konnte sie lange warten. Er war immer so ernst und erwachsen. Fünf Jahre hatte sie auf ihn gewartet. Andere Bewerber hatte es schon gegeben. Zusammen konnten sie voran kommen. Später vielleicht ein eigenes Haus besitzen. Arbeit und Kinder waren ihre Zukunft. Nur keine Spinnereien, rief sie sich zur Ordnung.

Schon am Nachmittag fertigte Friedrich eine Skizze für ein Fachwerk-Bauernhaus an. Erfahrung hatte er reichlich in den vergangenen Jahren gesammelt. War er doch durch Holstein, Meklenburg, dem Sauerland und Bayern gewandert und hatte überall als Zimmermann – Geselle gearbeitet.
Für ein Fachwerkhaus braucht man ein Menge gute Eichenbalken. Es dauerte einige Monate bis er die Einkaufsverhandlungen geführt hatte. Im Frühling 1802 lagerten sie alle auf dem Hof des Großbauern Kersting.
Der Gutsbesitzer Meier zum Felde hatte ihm erlaubt, auf seinem Grundstück eine Scheune zu bauen, die Friedrich nun als Tischlerwerkstatt nutzte. Von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang arbeitete er hart. Sechs Tage jede Woche, am Sonntag besuchten sie regelmäßig die Kirche in Schötmar.
Zwei Gesellen wurden eingestellt und reisende Wandergesellen blieben für einige Wochen. Alle wurden von Amalie mit Nahrung versorgt. Einmal im Monat besuchte Friedrich seinen Paten und bat um einen Vorschuss. Zögernd erhielt er dann 50 oder 100 Goldtaler.

Anfang Juli wurde Richtfest gefeiert und im November war das Haus fertig. Die Gesellen wurden entlassen. Jetzt musste das Haus austrocknen. Einziehen würde die Familie Kersting erst im Frühjahr. Sie waren alle begeistert von ihrem neuen Zuhause. Es war doppelt so groß wie der alte Kotten, in dem der Altbauer mit seiner Frau wohnen bleiben würde.
Durch das große Deelentor konnte ein beladenes Fuhrwerk gefahren werden. An beiden Seiten befanden sich die Ställe. Pferde, Rinder, Schweine und Federvieh verbreiteten zwar einen herben Geruch, aber sie wärmten auch. Die Wohnräume und die große Küche befanden sich im hinteren Bereich.
Jetzt fehlte nur noch der Torbogen. Er war sehr wichtig für das Ansehen der Familie. Die lippische Rose, das Wappen des Fürstenhauses Lippe durfte nicht fehlen. Ein Bibelspruch, die Namen des Hausherren und seiner Frau und als letztes der Name des Erbauers. Sorgsam schnitzte Friedrich einen Buchstaben nach dem anderen in das harte Holz. Stolz fügte er am Ende seinen eigenen Namen hinzu.

Dieses Fachwerkhaus war sein Meisterwerk. Sein handwerkliches Können wurde im gesamten Kreis bewundert und trug ihm den Titel „Amtszimmermann“ ein. Andere Aufträge folgten.

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Zweihundert Jahre später stand sein Ur,Ur,Ur,Ur – Enkel staunend vor dem alten Bauernhaus und las die Inschrift. Wilhelm Walter war schon fünf Jahre im Ruhestand. Er beschäftigte sich hobbymäßig mit Ahnenforschung Dieser Ahnherr winkte ihm über die Jahre hinweg aus dem Jenseits zu.
Wilhelm hatte während seines Lebens viele Schlösser und alte Burgen besichtigt. Bei den Führungen wurde von den Besitzern und Erbauern gesprochen. Wie alle Touristen hörte er gut zu, staunte und – vergaß die Namen schon beim Verlassen des Gebäudes.

Nun war sein Interesse geweckt. An jedem alten Fachwerkhaus las er die Inschriften auf den Torbögen. Schnell die Kamera gezückt und schon war der nächste Torbogen im Kasten. Tatsächlich fand er noch sechzehn, auf denen als Erbauer Fr. Frentrup angegeben wurde. Einige stammten dann aber von seinem Ur,Ur,Ur – Opa, der natürlich auch Friedrich hieß.

Bei den Recherchen im Detmolder Staatsarchiv ermittelte Wilhelm auch, dass Amalie ihrem Friedrich neun Kinder schenkte. Vier davon starben im ersten Lebensjahr. Aber das ist eine andere Geschichte.

c Marga Koch

9 Kommentare

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Liebe Marga,
wieder eine wunderbare, geschichtsträchtige Geschichte von Dir.
Während ich sie las, sah ich vor meinem geistigen Auge das Haus entstehen, sah die Menschen in ihren Trachten, wie sie fleissig arbeiteten. Das waren noch wahre Meisterwerke, echte Handwerkskunst! Gerne hätte ich weiter gelesen und wäre noch ein bisschen in der Vergangenheit verweilt. Ich freue mich schon auf Deine nächste Geschichte!
  • 03.07.2016, 00:16 Uhr
  • 0
Danke Inga, schön dass du wieder da bist. Die Juli Geschichte ist schon fast fertig. Ich muss nur nocht ein bißchen daran feilen. Liebe Grüße.
  • 03.07.2016, 21:48 Uhr
  • 1
Liebe Marga, ich bin nur ein paar Tage hier, muss wieder runter und mich um einiges kümmern. Hab´s Dir ja geschrieben. Da ich jedoch jetzt auch in meinem Ferienhäuschen Internet habe, kann ich ab sofort auch von Ungarn aus den Kontakt halten. Darüber bin ich sehr froh.
Ich bin schon sehr auf Deine Juli-Geschichte gespannt, Du Fleißige! Liebe Grüße
Inga
  • 03.07.2016, 22:08 Uhr
  • 0
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Hallo,liebe Marga.
Herzlichen Dank das ich deine schöne und spannende Geschichte lesen durfte. Du bist darin eine wahre Künstlerin und hast damit deinen eigenes Meisterstück kreiert. Ich habe mich so gefreut, als ich die Geschichte gelesen hatte, denn als meine liebe Mama noch sehr viel jünger war, musste sie auch sehr viel zu Hause in ihrem Elternhaus arbeiten.
Meine Großeltern hatten ein Bauernhaus und meine Mama musste ihnen sehr oft mit den Pferden,usw. Helfen. Das ist jetzt übrigens auch unser Elternhaus, wo ich wohne und es ist über 200 Jahre alt, hat also viel erlebt.Ein Teil ist schon einmal abgebrannt und wieder angebaut worden. Noch einmal ganz lieben Dank für deine spannende Geschichte, die mich an Mama erfrischenden Geschichten aus ihrer Kindheit erinnerten. Alles Liebe und ich wünsche dir viel Glück und ein sonniges und zufriedenes Wochenende mit deinen Lieben. LISA!
  • 24.06.2016, 07:57 Uhr
  • 0
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Liebe Marga, eine interessante Geschichte, die du uns über dieses Bauwerk erzählt hast. Schön eingebunden in die Geschichte einer Familie und die Zeit in der sie gelebt hat, was deine Erzählung sehr lebendig macht.
Das Meisterwerk zu schildern ist dir gut gelungen.
Ein schönes Sommerwochenende u. lieben Gruß von Ursula
  • 23.06.2016, 21:55 Uhr
  • 0
Danke Ursula, ein Lob wärmt von innen. Bisher war ja wenig Echo und ich dachte schon: ist wohl nicht so gelungen.
Aber ein wenig ist auch von den Vorfahren meines Mannes in der Geschichte und unsere Tochter fand es gut und meinte:
"Ahnenforschung mal etwas anders."
Ich wünsche Dir auch ein schönes Wochenende.
  • 24.06.2016, 10:41 Uhr
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Schade, dass die Geschichte schon zu Ende ist! Man möchte immer weiterlesen...
  • 11.06.2016, 07:58 Uhr
  • 0
Danke Christine, der Versuchung wäre ich auch bald erlegen. Besonders zu Amalie wäre mir noch viel eingefallen. Darum auch der Nachsatz mit den 9 Kindern. Keine Erfindung sondern im Archiv ermittelt.
  • 11.06.2016, 10:39 Uhr
  • 1
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Ein Kapitel ! Kapitel in der Zeitgeschichte. Gute Kurzfassung.
Marga, Du bist schon eine Meisterin im Schreiben.
Danke für Deinen Beitrag.
  • 10.06.2016, 19:45 Uhr
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