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Schreibwerkstatt

30.07.2016, 23:33 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Das war mein schönster Tanz

Musikempfehlung beim Lesen: Bernd Spier

Der Tanz war ein Traum, vom Anfang bis zum Ende. Das Leben spielt mit uns in Träumen und Gott sei Dank weiß man am Ende nicht, ob ein Traum mittendrin gut ist oder schlecht und wohin er geführt hätte, wenn man aufgewacht und alles Realität geworden wäre.

Ein Traum beginnt in der Regel mit den eigenen Wünschen. Davon hatten wir, Siegfried, Norbert und ich ausreichend. Die Wünsche füllten unsere Fantasien und diktierten unsere Gespräche. Es war einfach Zeit, befanden wir, einen Tanzkurs zu besuchen und die Mädchen zu erobern. Man ist nur einmal neunzehn im Leben, und trotzdem fiel uns die Entscheidung nicht leicht. Jeder von uns hatte ein Vorstellung über die Schüchternheit des anderen und maß daran die eigene. Selbstverständlich würden wir im Tanzkurs zusammen halten und uns die Mädels trotz großspuriger Reden nicht gegenseitig ausspannen. Und jeder von uns wusste, dass vor den Ausspannen das Einspannen kam, die eigentliche Bewährungsprobe. Da hatte Norbert, der Lustige von uns Dreien, einen Vorteil, aber zumindest ich fand ihn äußerlich nicht so attraktiv, dass die Mädchen auf ihn fliegen würden. Siegfried, mein Schulfreund, war der Zurückhaltendste. Allein schon sein Hörgerät war Grund genug, am Erfolg seiner Vorstellungen zu zweifeln. So direkt äußerten wir das natürlich nicht, dafür waren wir durch die gemeinsam verbrachte Zeit zu freundschaftlich miteinander verbunden und auch zu anständig erzogen.
Wir schrieben uns bei der Tanzschule ein, von der es hieß, dass sie dieje-nige welche sei - jung und flott. Das war ein Punkt in unseren Gesprächen, mit denen wir uns auf die bevorstehende Herausforderung vorbereiteten, dass wir den besten Mädels nur an der ersten Adresse in der Stadt begegnen würden. Ganz hinten in unserem Kopf existierte darüber hinaus noch die Vor-stellung, dass die Tanzschule eine der entscheidenden Institutionen war, in denen man die Frau fürs Leben finden konnte. Wir waren ganz schön nervös.
Siegfried war der Schwachpunkt in unserem Ensemble. Solange noch jeder mit jeder übungshalber tanzte und ohne Rücksicht auf Körpergröße und Aussehen, tauschten wir nur den üblichen Tratsch aus, wann man sich gegenseitig auf die Füße getreten hatte oder zu den Merkmalen, die den Tanzpartner mehr oder weniger attraktiv erscheinen ließen. Der Mittelball in der Tanzschule war die erste Hürde. Wir mussten uns um eine feste Tanzpartnerin bemühen.
Sabine war blond und vorzeigbar, aber nicht der steile Zahn, der mir die absolute und uneingeschränkte Erfüllung unserer Ansprüche und Vorstellungen eingebracht hätte, so relativ wir sie auch für uns persönlich auslegen mochten. Sabine verabschiedete sich konsequent nach dem Schluss der Tanzstunde von mir, obwohl die zwei Kilometer bis zu ihrer Wohnung kein Hin-dernis gewesen wären. Nach dem Mittelball machte ich Nägel mit Köpfen und buchte sie als Abschlusspartnerin. Damit hatte ich das Gruppensoll erfüllt, während Siegfried aufgab.

Mit dem Abschlussball wurden wir von der Tanzschule in die Gesellschaft entlassen, in der wir uns Dank der Ratschläge aus dem Knigge zukünftig zurechtfinden würden. An diesem Abend waren wir selbst und die Eltern die Gesellschaft und der große Saal des Stadtgartens das Parkett. Sabine strahlte und ich mit ihr, wir bestellten die Kalte Ente gemäß der fürsorglichen Empfehlung der Tanzschule für die noch schmalen Geldbeutel und absolvierten unsere Pflichttänze.
Sabines Kleid brachte mich ziemlich aus der Fassung. Konventioneller Schnitt, tailliert, mit einem schmalen Schal als Saum des Halsausschnittes von Schulter zu Schulter, kein Dekolleté. Wenn ich neben ihr saß und sie sich im Gespräch zu mir neigte, fiel der Schal nach vorne und ich hatte die beiden Halbkugeln im Blickfeld, wie sie sich voneinander trennten und nach unten wölbten, ein vordergründig züchtiges Kleid voll Erotik, die mich in meinem Empfinden brandmarkte als jemand, der jede Gelegenheit nutzt, um in diese entblößten Formen zu schauen; zum Tanz bitten, aufstehen und höflich ihren Stuhl bewegen - zwei Sekunden Brüste. Ich war dann beim Tanzen sehr anschmiegsam. Auch diese Berührungen gehörten zu dem bisher kaum für möglich Gehaltenen: Legitimierte Lust; Lust, der wir uns danach wieder entsagen sollten.

Der Traum endete, weil ich ihn nicht zu Ende zu träumen wagte und nicht etwa, weil Sabine kein nettes Mädchen war. Ich brachte sie nach dem Abschlussball nach Hause, wir sprachen über den schönsten Tanz und ich fühlte in der Erinnerung den sanften Druck ihrer Brüste

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1 Kommentar

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Lang, lang ist`s her aber gut erinnert und geschrieben.
  • 31.07.2016, 10:10 Uhr
  • 0
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