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Bringst du deine Kamera mit?

06.08.2016, 16:34 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Liebe Freunde, Bekannte und Verwandte, ... wir müssen reden.

Ihr schreibt vielleicht gerade die Einladungen zu eurem Geburtstag, der Hochzeit, der Taufe oder dem Staatsbesuch der Queen auf eurer Gartenparty. Dann folgt einer dieser Sätze:

Bringst du deine Kamera mit?
Könntest du an dem Tag Fotos machen?
Kamera bringst du mit, ja? Kümmerst du dich um schöne Fotos?

Die Reihenfolge ist bewusst gewählt. Je nachdem, welchen Satz man nimmt, ergibt sich daraus ein Wunsch, der bei Fremden mit mindestens 500,-€ - 1000,-€ zu Buche schlägt. Pro Arbeitstag (und das ist nicht nur der Tag eures Events), plus Steuer.

Leider ergeben sich daraus auch 3 Probleme:

Ihr zahlt dieses Geld nicht
Ich will dieses Geld nicht
Ich bin dann nicht mehr euer Gast

Verstehen wir uns nicht falsch, der grundsätzliche Wunsch schmeichelt und man freut sich sehr, dass ihr meine Fotos mögt und die wichtigen Momente eurer Veranstaltung lieber von mir als vom über 3 Ecken bekannten Opa oder Onkel von der Tante eures ebenfalls eingeladenen alten Schulfreundes festhalten lassen wollt, der sowieso immer eine Kamera im Wert von mehreren 1000,-€ dabei hat, aber außer Goldfischen und Kastanien aus 17 Perspektiven beim Sonntagsspaziergang nicht besonders viel damit fotografiert.

Auch gönne ich euch, dass ihr an diesem Tag viele gute Bilder als Erinnerung haben möchtet um diesen Tag in seiner ganzen Blüte festzuhalten.

Aber es gibt da ein paar Probleme:

Ich bin nicht mehr entspannt, privat und als Gast dabei
Ich bin auf keinem eurer Bilder
Ich wäre unzufrieden und ihr am Ende auch.

Das verletzt, unter der Annahme, dass ihr euch an die schönen Momente des Tages erinnern wollt, ich aber in der Konsequenz nicht mehr dazugehöre. Das klingt erst mal egoistisch, aber ist leider so und vermutlich war euch das Selbst im ersten Moment nicht wirklich klar.

Lasse ich mich darauf ein, geht das mit dem Kompromiss einher, nicht so an eurem Tag teilzuhaben, so wie ihr es wollt, als ihr mich eingeladen habt, nämlich als Freund, bzw. als reine Privatperson. Denn ich bin dann mit der Kamera da, weil ihr gute Bilder wollt, und habe ein Auge immer im Sucher und das andere auf der Jagd nach einem guten Bild, das sich leider nicht von Selbst ankündigt. Das erfordert nicht nur einfach, alle x Minuten ein Foto zu machen, sondern auch ständig alles im Blick zu haben und das Gespür und Fachwissen
(Fotografie ist ein anerkanntes Handwerk mit viel gestalterischem und physikalischem Hintergrund) walten zu lassen, wegen dem man geschätzt wird. Das macht Spaß, aber man gehört dann nicht mehr zu den Anwesenden, ist ständig auf dem Sprung, unterbricht Gespräche (kann auch ein Segen sein) und nimmt meist auch emotional kaum am Geschehen teil. Je nachdem, was für eine Veranstaltung es ist, werde ich auch auf die lustigen Runden Schnaps mit euch verzichten oder im schlimmsten Fall wundert ihr euch, warum nach dem alkoholischen Teil des Abends plötzlich keine Bilder mehr existieren. In dem Moment arbeitet man und jeder Mensch und Moment ist ein flüchtiger Baustein für das Haus, das ihr in Auftrag gegeben habt.

Je nachdem, wie ihr mich gefragt habt, hat sich auch gezeigt, wie sehr ihr euch dessen bewusst seid. Das ist entweder geringschätzend oder beruhigenderweise nur unwissend, hat aber auch starke Auswirkungen auf die Resultate.

Nehmen wir an, es ist offenkundig geringschätzend. Dann sage ich aus Prinzip nein, soweit eigentlich klar. Vielleicht sage ich sogar komplett als Gast ab, je nach Buffet und Tagesplan. Oder ich antworte “Rechnung kommt.” aber “vergessen” das Lachen dahinter.

Ist es unwissend, dann seid ihr wiederum genervt wegen all meiner Fragen, da so ein Tag auch Planung bedarf. Ein guter Fotograf erwischt zwar aus Instinkt gute Schnappschüsse, aber ein besserer Fotograf weiß, wann er wo zu sein hat und wann was wo passiert.

Ist es unwissend geringschätzend und ich lasse uns trotzdem darauf ein, aus einem schwachen Moment oder Gefälligkeit, leidet die Qualität der Bilder, weil ich keine Lust haben auf 110 % zu laufen oder ihr auch gar nicht wisst, was ihr am Ende wollt. “Mach einfach mal” ist unter Zusammenfassung aller Punkte des Artikels bisher dann fast schon beleidigend. Am Ende ist niemand zufrieden, nicht an diesem Tag und auch nicht mit den Bildern.

Mit dem Fotografieren allein ist es dann leider auch nicht getan. Neben dem Sichten und Aussortieren der Bilder braucht es auch Bearbeitung. Dabei geht es nicht um rote Augen, Pickel und zu gelbe Zähne, sondern simple Dinge wie einheitliche Belichtung, Begradigung und hier und da eine Farbanpassung. Dass wir erfahrenen Fotografen die Bilder sonst nicht rausgeben, ist nicht eitel oder eingebildet, sondern die Konsequenz daraus, dass ihr jemanden an der Kamera wolltet, der weiß, was er macht. Und dieser Teil der Fotografie dauert oft mindestens so lange wie eure Veranstaltung selbst. Überspringen wir auf expliziten Wunsch den Punkt der Nachlese und geben wider Willen einen Packen Rohmaterial heraus, habt ihr den zwar in Besitz, aber seid zu Recht verwundert, warum die Bilder nicht aussehen wie bei allen anderen, die einen guten Fotografen vor Ort hatten. Man weiß nicht genau was, aber irgendwas fehlt den Bildern. Und sei es nur, dass die Auswahl nicht auf die besten gefiltert wurde. Plötzlich verwahrlosen Hunderte Bilder eines schönen Tages auf eurer Festplatte.

Deswegen entscheidet euch bitte vorher, ob ich lieber euer Gast sein soll und auch an allen Gesprächen, Zeremonien und schönen Momenten teilhaben könnte, oder ob ich als Fotograf erscheinen soll. Denn schlussendlich ist dies ein Vollzeitjob und nicht nur der Besitz von viel teurem Spielzeug.
Ohne emotional zu erpressen: Je nachdem, wie ihr fragt, definiert ihr insgeheim, wie ihr zu uns Fotografen steht.

Die AussageDu musst dir nicht so viel Mühe geben.” könnte ich schon aus Prinzip nicht befolgen. Dann nehmt lieber Bilder von denen, die an diesem Tag sowieso aus Spaß die ganze Zeit ihre Digitalkamera oder Handys im Halfter haben.

Mögliche Alternativen: Ich berate euch im Vorfeld, wie ihr den Tag trotzdem mit geringen Mitteln und ohne mich an der Kamera verschwinden zu lassen unvergesslich festhalten könnt, wie ihr alle Anwesenden einbindet, mitzuwirken oder worauf ihr achten solltet, wenn ihr jemanden dafür beauftragen wollt.

Denn wir Fotografen lieben euch und wollen euch helfen, aber nicht für euch arbeiten.

3 Kommentare

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Ich war Berufsfotograf....obwohl: Dieser Beruf hält dich eigentlich immer fest, und wahrscheinlich bin ich es noch heute. Obwohl meine Sehweise sicher nicht mehr die ist, die man zeitgemäß nennt : Als Voyeur, visuell, als König der Neugierigen bleibt man dennoch stets präsent.
Ich bin diesem Job stets besonders treu gewesen, nicht wie der hier beschriebene "Menschenbildner", sondern in der Welt der Welt der Still-Lifer.

Diese eher toten Gegenstände ließen sich ganz leicht zum Leben erwecken und sie konnten sich still und leise freuen, wenn sie glänzen konnten mit ihren Abbildern. Sie widersprachen auch nicht ständig wie zuletzt ein Metzgermeister, der von Fotos noch viel mehr verstehen wollte, als vom eigenem Job.

Und der Fotograf, der Menschen sehen kann, denn dass ist das Bild und nicht der Auslöser der Superkamera, ist stets ein Könner seines Faches und all sein Honorar stets wert. Den Anspruch hat nicht jeder, aber wer ihn hat, wird die Dokumentation eines großen Tages nie vergessen.

Die vielen Reproduktionen, die all die begeistern Knipser gemacht haben: Die siehst du jeden Tag und alle sind sie gleich
  • 16.10.2017, 09:54 Uhr
  • 3
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Sehr nachvollziehbar geschrieben .
Diesen Beitrag solltest du nochmal "hervorkramen" .
  • 16.10.2017, 09:41 Uhr
  • 1
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Sehr gut geschrieben!!!
  • 06.08.2016, 16:40 Uhr
  • 0
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