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Was ist wichtig?

Was ist wichtig?

21.09.2016, 18:35 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Sie kennen das sicher! Es ist oftmals der erste Moment einer Begegnung, der über Sympathie oder Abneigung entscheidet. Um diesen ersten Eindruck zu korrigieren bedarf es mitunter sehr viel Zeit und oft bleibt er auch für immer. Als ich dem kleinen Herrn M. zum ersten Mal begegnete, konnte ich einfach nicht umhin, ihn sofort zu mögen. Ein wenig übergewichtig, ein leichter Silberblick und ziemlich krumme Beine, aber rundum ansehnlich und gepflegt.


Seit dieser ersten Begegnung sind nun schon fast zwei Jahre ins Land gegangen und Herr M. hat sich verändert. Ich allerdings auch, denn die Zeit tut mit uns allen was sie gewöhnlich tut, sie lässt uns altern. Der kleine Herr M. hat zum Beispiel an Gewicht verloren, fast könnte man sagen, er ist dürre geworden. Das macht seine, nach Art eines Cowboys gekrümmten Beine noch augenfälliger und lässt erkennen, dass sein Gang, dem Alter entsprechend, schon etwas staksig geworden ist. Er pflegt sich nach wie vor sorgfältig, aber die fehlende Gelenkigkeit macht sich auch darin bemerkbar. Eines hat er jedoch unerschütterlich beibehalten, seine Pünktlichkeit. Man könnte immer noch seine Uhr nach ihm stellen, denn auch wenn er mittlerweile sehr viel schläft, zu den Mahlzeiten stellt er sich nach wie vor auf die Minute genau ein und wird durchaus auch schon mal ungehalten, wenn das Essen nicht augenblicklich bereitsteht.

Wir sind schon gleich zu Anfang unserer Bekanntschaft, die sich zu einer tiefen Freundschaft entwickelt hat, dazu übergegangen uns zu duzen. Herr M., eigentlich heißt er Momo, ist das ohnehin egal, er ist nämlich stocktaub. Das bedeutet allerdings nicht, dass er sich nicht weiterhin lautstark zu äußern versteht. An manchen Tagen, bleibt er jedoch merkwürdig stumm. Dann steht er erwartungsvoll vor seinem Fressnapf und schaut mich – je nach Uhrzeit – fragend oder vorwurfsvoll an. Jede Äußerung scheint ihm dann zuviel zu sein. Sein Blick sagt auch so deutlich, was er meint: ‚Nach all der Zeit, solltest du langsam wissen, worauf es im Leben ankommt und ein pünktlich gefüllter Fressnapf gehört dazu!‘

Nach dem Fressen stakst Herr M. entweder in den Garten um hie und da an ein paar Gräsern zu zupfen – von der Zeit, als Wühlmäuse vor ihm zittern mussten, träumt er nur noch selten – oder am frühen Morgen, zum Beispiel, geht er langsam und würdevoll zurück ins Schlafzimmer, um es sich auf den Beinen meiner Frau, die gern ihren ersten Kaffee im Bett genießt, gemütlich zu machen. Sekundenschnell schläft er dann wieder ein, nicht ohne jedoch seine innere Uhr auf die nächste Mahlzeit einzustellen.

Ich hab ihn ins Herz geschlossen, unseren kleinen schwarz/weißen Kater Momo und mir graut vor dem Tag, an dem er einmal nicht mehr bei uns sein wird. Unsere kleinen Unterhaltungen am frühen Morgen, wenn ich am Küchentisch meinen ersten Kaffee genieße, die möchte ich einfach nicht mehr missen. Unterhaltung, werden Sie vielleicht etwas irritiert fragen, der Kater ist doch taub? Nun, ich gebe zu, dass ausschließlich ich es bin, der erzählt und Fragen stellt, aber das bedeutet nicht, dass er mir nicht antworten würde. Wenn er seinen Kopf für einen Moment aus dem Fressnapf hebt und mir einen seiner unbeschreiblich tiefen Blicke zuwirft, dann lese ich darin alle Antworten auf die bedeutenden Fragen des Lebens. Vertrauen, Zuneigung – ich nenne es Liebe – und ein gut gefüllter Magen, lösen letztlich fast alle Probleme, die im Leben auftauchen können.

Manchmal, das weiß der kleine Herr M. auch ganz genau, braucht man zusätzlich noch etwas Geduld, aber das ist in seinem Alter kein Problem. Wir haben in den zurückliegenden Jahren unseres Lebens warten gelernt, Kater Momo und auch ich. Manchmal wartet man einfach geduldig darauf, dass ein Ärgernis vorüber geht und manchmal wartet man auf seine Chance, um zu bekommen, was man gerne möchte. Im Umgang mit unserem Hund Chopin konnte ich beobachten, wie gut Momo das beherrscht. Der Hund will spielen? Soll er doch, denkt sich der kleine Herr M., und schaut den Hund mit vollkommen ausdrucksloser Miene so lange an, bis diesem entweder von Ms Silberblick schwindlig wird, oder er begreift, dass sein Ansinnen nicht auf Gegenliebe stößt. Wenn es zu lange währt, holt M. auch schon mal aus, um dem aufdringlichen Hund „paff, paff“ links und rechts eine Ohrfeige zu verpassen und gut ist‘s. Schon oft habe ich mit einem Seufzen und einem stillen Lächeln gedacht, wie schön es doch wäre, wenn ich die Dinge so direkt, einfach und geordnet handhaben könnte.

Während ich diese Zeilen schreibe, stakst M. gerade auf leisen Sohlen an mir vorbei. Er war im Garten und strebt nun zu seinem Lieblingskissen auf der breiten Fensterbank. Im Vorbeigehen schaut er mich kurz an und ich könnte schwören, dass Mitleid in seinem Blick lag. Auf seinem Kissen angekommen streckt und reckt er sich noch einmal ausgiebig und bevor er seine Augen zu einem ausgiebigen Schläfchen schließt, wirft er mir noch einmal einen Blick zu, mit dem er mir zu sagen scheint, das Leben könnte so schön sein, wenn du dich mehr auf die wichtigen Dinge besinnen würdest. Danke, kleiner Herr M.! Ich denke, ich werde mich jetzt auch ein wenig hinlegen.

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4 Kommentare

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Prima geschrieben, danke. Ich habe 2 Katzen, und der Kater ist schon 16. Ich hoffe, er bleibt noch lange bei mir....
  • 25.09.2016, 18:34 Uhr
  • 1
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Ich sage auch: dankeschön!
  • 24.09.2016, 18:41 Uhr
  • 1
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Sehr schön
  • 21.09.2016, 20:52 Uhr
  • 1
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Einfach wundervoll, danke Gert. Hast mir ein Laecheln geschenkt.
  • 21.09.2016, 20:11 Uhr
  • 2
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