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Der Tag der Deutschen Einheit

Der Tag der Deutschen Einheit

02.10.2016, 15:34 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Meine Eltern hatten eine Bäckerei in einem Nest in der Nähe von Leipzig, Zipsendorf. Ich weiß nicht, ob wir privilegiert waren, aber als selbständiger Bäcker wusste mein Vater, was er zu tun hatte, damit es uns seinem Verständnis nach gut ging. Aber überzeugt war er wohl nicht. Am 17. Juni 1953 war er mit Freunden aus einem evangelischem Arbeitskreis in Berlin dabei - und Weihnachten 1954 hat er realisiert, was er sich vorgestellt hatte: Die Chance auf echte individuelle Freiheit einzutauschen gegen die vermeintliche Sicherheit, die er bis dahin hatte. Rübermachen in den Westen. Mit allem, was damals da dran hing. Ich weiß das aus seinem Tagebuch. Erzählt hat er nie etwas. Wenn ich dieses Tagebuch heute lese, dann weiß ich, was meinen Vater und mich auf ewig verbindet, obwohl wir nie eine besonders liebevolle Beziehung zueinander hatten: Er wusste stets und immer, was er nicht wollte. Und ihm war stets bewusst, wie viel Widerstand zu überwinden war, um dorthin zu kommen, wo dieses Wollen keine Rolle mehr spielte. Dieses Wollen und nicht Wollen war seine Freiheit, seine individuelle Freiheit bei gleichzeitiger sozialer Absicherung in einer großen Gemeinschaft, die außer in einer Demokratie nirgendwo auf der Welt verwirklicht ist.

Er war in Berlin vom 16. bis zum 19. Juni 1953 dabei, weil er hoffte, dass "die da oben" die Arbeiter und ihn verstehen würden, wenigstens zum Teil. Er hat einfach nicht einsehen wollen, dass das System nicht bereit war, überhaupt andere als die eigenen Vorstellungen zu akzeptieren. Er hat in sein Tagebuch geschrieben: "Wir waren Idioten, weil wir an etwas geglaubt haben." Sie waren und sind für mich keine Idioten. Die Menschen die am 17. Juni 1953 auf die Strasse gegangen sind, sind unsere Deutschen Helden. Spontan hatten viele schon in den Dörfern seit dem 12. Juni 1953 protestiert. SED Funktionäre hatten hier und da Prügel bezogen, Fahnen wurden verbannt ... und am 17. Juni 1953 beendeten sowjetischen Truppen allein durch ihre Präsenz den Aufstand: An Panzer und deren brutale Gefährlichkeit konnten sich die meisten noch aus den Tagen des großen Krieges erinnern.

Für mich ist deshalb der 17. Juni der Tag des deutschen Widerstandes, der Tag der Deutschen Einheit, weil es ein Tag war, an dem um Freiheit gekämpft wurde.
Der 3. Oktober war der Tag der Apfelsinen, der Bananen, der Reisefreiheit und der Tag der notwendigen Verträge, kein Tag, den man feiern muss.

Und häufig, wenn ich heute dem Teil der Bevölkerung unserer östlichen Landesgebiete zuhöre, der jammert, sich beklagt und tatsächlich auch ernsthaften Grund dafür hat, dann frage ich mich häufig: Warum habt ihr diesen Scheiß denn 40 Jahre mit gemacht? Weil ihr satt, zufrieden und feige wart. Und jetzt zahlt ihr dafür. Das ist niemandes Schuld, aber euer Schicksal. Dieses Leben ist keine Krabbelstube. Das die Jammerer den anderen auf die Nerven gehen: Damit müsst ihr leben. So wie ihr all die Jahre mit eurer Bequemlichkeit ausgekommen seid. Und ihr müsst auch damit leben, dass die Mehrzahl eurer Mitbürger sich entschieden hat, den Kampf aufzunehmen und ein demokratisches Deutschland seit 1990 mit gestalten.

Geschichte überrollt Menschen immer wieder, die sich gegen die Vorwärtsbewegung stemmen ... wer schlau ist, wählt den Weg des Mainstreams, der bietet nämlich in zahlreichen Nebenflüssen und Bächen all das, was vermeintlich und angeblich nur die bieten, die so rotzfrech und dumm obendrein behaupten, schwierige Probleme seien mit leichter Hand schnell zu lösen. Das hat noch nie so funktioniert. Das war auch noch nie eine Alternative.
Auch keine Alternative für Deutschland.

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26 Kommentare

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Den meisten Ostdeutschen hatte die Wiedervereinigung nichts genützt.
Viele sind in die Armut geraten . Die DDR ging nicht nur durch die Mißwirtschaft zugrunde, sondern die Ostdeutschen ließen sich durch die westliche AgitProp vom tollen Westen einlullen. Dies hatte auch dazu beigetragen vom Untergang der DDR. Hätten die Ossis mehr hinter dem SED-Staat gestanden und sich gegen das Politbüro gewaltsam erhoben um den Sozialismus aufzubauen, den sie nach Ende des Krieges sich erhofft hatten wäre es ein gutes Beispiel gewesen, daß der Sozialismus keine Utopie ist. Das beste Beispiel ist die Volksrepublik China.
Die kommunistische Partei hatte nach dem Ende der Sowjetunion und der DDR aus den Fehlern gelernt und sind erfolgreich einen anderen Weg gegangen. Marktwirtschaft gepaart mit sozialistische Planwirtschaft unter der Kontrolle der kommunistischen Partei. China kann sich dadurch zunehmend in der Technologie modernisieren, so daß wir dagegen in der BRD mit unserer glorifizierten Marktwirtschaft und Demokratie noch in der Steinzeit leben. Es gibt auf jeden Fall in der Volksrepublik China noch Mißstände. Zum Beispiel die starke Umweltverschmutzung. Und China ist offen für Investionen. Und dieser marktwirtschaftlich, sozialistischer Staat ist Schuldenfrei.
Inge Viet, die ehemalige RAF-Terroristin, die damals in der DDR unter- getaucht war, sollte in der Fabrik wo sie gearbeitet hatte zu ihren Kolleginnen gesagt haben, das Ende der DDR würden sie noch bereuen. Denn die Marktwirtschaft würde ihnen nicht den Wohlstand bringen, sondern eher Armut und Elend . Das sollte sich später bewahrheiten.

Übrigens, falls jemand nun meint, ich währe ein verkappter Kommunist, der irrt sich gewaltig. Ich habe bloß lediglich meinen Kommi im außermoralischem Sinne geschrieben zum Gedenken an die Wiedervereinigung. Ich bin kein Freund der Kommunisten.
  • 03.10.2016, 16:33 Uhr
  • 0
Du solltest dich als Schatzmeister bei einem Staat anheuern lassen.
Sehr gute Fachkenntnisse. Vielleicht hättest du auch die UDSSR vor der Pleite bewahrt. Hätte ja sein können, bei deinen Kenntnissen.

Cuba kannste noch versuchen, aber die schaffen das bestimmt ohne dich auch. sind eigentlich ein ganz helles Völkchen
  • 03.10.2016, 16:37 Uhr
  • 0
besser nicht, denn so dolle ist es mit seinen 'Fachkenntnissen' nicht
  • 21.10.2016, 02:30 Uhr
  • 0
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Genau!
Der 17. Juni war von 1954 bis zur deutschen Wiedervereinigung 1990 als „Tag der deutschen Einheit“ der Nationalfeiertag der Bundesrepublik Deutschland; er ist weiterhin Gedenktag.
NUR NOCH Gedenktag!

Den 03.10. hätte man auch "Bahnhofklatscher-Tag" nennen können. Schließlich werden wir - ob unserer derzeitigen Willkommenspolitik - HEUTE von den "Besorgten" so genannt; dabei wird gerne vergessen, dass wir bereits 1990 Beifall klatschten.
  • 03.10.2016, 11:29 Uhr
  • 1
Bananen-Tag wäre auch nicht schlecht. Oder Begrüßungsgeld-Tag (mit der Lotterie: Wer holt es sich mehr als 5x ab?) ....
  • 03.10.2016, 11:31 Uhr
  • 0
Mich k...t es einfach an, dass ausgerechnet die, denen "Beifall geklatscht" wurde,
meinen das Wort als Schimpfwort benutzen zu können.
Ausgerechnet die, die Angst hatten, dass sie der Zug aus Prag wieder in die DDR bringen könnte, die ihr Glück nicht fassen konnten, dass er in Dresden lediglich einen Zwischenstop einlegte (auf welchen Unzählige "aufsprangen"; man schrieb von "entern"), dass Diejenigen all das vergessen haben!
  • 03.10.2016, 12:00 Uhr
  • 2
ich bin ganz bei dir in dieser Sache, wize.life-Nutzer ... die haben das nicht vergessen, die Vollpfosten, die halten sich für was besseres !
  • 03.10.2016, 12:05 Uhr
  • 0
Ob sie sich für was Besseres halten weiß ich nicht, was ich weiß, ist, dass eine Kollegin, die 1972 - via Kofferraum - die Republik verließ, 1989 sagte: "Leute, ihr wisst nicht, was da auf uns zukommt!"

Was mich ganz besonders wütend macht:
Die im osteuropäischen Ausland lebenden Deutschen wurden 1945/46 ausgewiesen; meine Eltern (17- und 20jährig) gehörten mit ihren Familien dazu... von heute auf morgen, das Nötigste/Wichtigste auf Handwagen und (wer einen hatte) auf Pferdekarren gepackt... weg mit Euch, weg ins Ungewisse!
Ich könnte davon einen Roman, wenn es nicht schon gäbe ("Katymar" von Maria Hellenbarth),
denn nach und nach erzählten uns unsere Eltern W A S damals geschah.
Wir, mein Bruder und ich, waren Flüchtlingskinder - wobei das Wort völlig falsch ist, wir waren und sind Kinder von Vertriebenen... unsere Eltern und all die anderen wollten nicht weg, sie MUSSTEN!
Und: Sie erzogen uns zu guten (merkst Du was?) und hilfbereiten Menschen, zumal auch sie jede Menge Hilfe erfahren haben und halfen.
Den Gastarbeitern der 60er, den Ostdeutschen der 89/90ger
und wenn sie heute noch lebten, würden sie den heutigen Flüchtlingen helfen... OHNE WENN UND ABER!
  • 03.10.2016, 12:41 Uhr
  • 1
Da kann ich mich nur vertraut anlehnen und zustimme: So gehts mir und so fühle ich auch... obwohl meine Eltern und Großeltern nicht vertrieben wurden und deshalb schon nach dem Krieg großes Glück hatten -... und das auch begriffen haben.
  • 03.10.2016, 12:47 Uhr
  • 1
All das treibt meinen Blutdruck in die Höhe... aber da ich eher einen niedrigen habe, schadet es mir nicht!

Ach ja, weil's als ergänzender Abschluss wichtig ist:
Den Vertriebenen wurden nach dem Übergangslager Giessen Zimmer in den ländlichen Gebieten Hessens zugewiesen!!!
Meine Eltern heirateten dort und erhielten ein eigenes Zimmer... im gleichen Dorf, nur ein paar Straßen von ihren Eltern und Großeltern entfernt... alles war gut, was nicht gut war, wurde gut gemacht... man war bescheiden.!!!

2017 feiert das kleine Dorf in der Nähe von Friedberg sein 1250jähriges Bestehen; mein Bruder und ich sind - als dort Geborene - eingeladen, wir werden die Einladung annehmen und unser Geburtshaus "besuchen"... auch wenn wir uns daran kaum erinnern können... hat es doch "Geschichte"!
  • 03.10.2016, 13:15 Uhr
  • 1
Im Aufnahmelager Giessen waren wir auch ... 1954
  • 03.10.2016, 13:16 Uhr
  • 0
Ich nicht, damals gab es mich noch nicht
Interessant aber:
Fast wären wir uns begegnet!
  • 03.10.2016, 13:26 Uhr
  • 2
  • 03.10.2016, 13:28 Uhr
  • 0
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Ein guter Beitrag! Danke und Gruß
  • 03.10.2016, 09:18 Uhr
  • 0
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klasse geschrieben
  • 02.10.2016, 19:16 Uhr
  • 2
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Mike,
du überrascht mich
  • 02.10.2016, 17:22 Uhr
  • 1
Ach, mach dir nichts draus. Das ist eine Unart von mir.
  • 02.10.2016, 18:18 Uhr
  • 1
Aber eine interessante Unart
  • 02.10.2016, 19:23 Uhr
  • 0
  • 02.10.2016, 19:30 Uhr
  • 0
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Ein guter Beitrag, gefällt mir sehr, aber ich verstehe die Angabe „1980“ nicht. Eventuell soll es 1989 lauten. Trotzdem fehlt mir ein Hinweis auf das Schicksal der anderen Bürger des „Ostblock“, die auch ihren „17 Juni 1953“ hatten, die wesentlich weniger jammern, obwohl sie wesentlich mehr Grund dafür hätten.
  • 02.10.2016, 16:45 Uhr
  • 0
Soll 1990 heißen, danke für den Hinweis!
  • 02.10.2016, 17:00 Uhr
  • 1
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Der Beitrag spricht alles an ..Gefällt mir !
  • 02.10.2016, 16:30 Uhr
  • 1
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sehr gut Mike
  • 02.10.2016, 16:23 Uhr
  • 1
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Die sperren sich trotz der Freiheit selber ein !
Gut geschrieben !
  • 02.10.2016, 16:16 Uhr
  • 1
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Eine wirklich gute Notiz, Mike.
  • 02.10.2016, 16:00 Uhr
  • 1
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