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Unterwegs auf den Spuren des Lebens

Unterwegs auf den Spuren des Lebens

07.10.2016, 14:09 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Nach anstrengenden Stunden flüchte ich oft in den Buchladen in unserem Einkaufscenter, stöbere, öffne mich für andere Welten.
Entspannt setze ich mich auf eine Bank, ziehe das neue Buch aus der Tasche, blätterte darin.
Um mich herum Geschäftigkeit, eilende, schwatzende, kauende, nachdenkliche und lachende Menschen. Hier und dort stürmt einer, manchmal Gruppen auf die noch freien Bänke oder verschwindet in lockende Geschäfte. Ich atme tief durch, beginne mich zu spüren, lege das Buch auf die Tasche, einfach nur herumsitzen, beobachten, weder Gesten, Blicke noch Worte deuten müssen, um helfend einzugreifen. Einfach nur Dasein dürfen.


Eine alte Frau schleppt sich langsam heran.

Pralle Einkaufsbeutel, in der einen, den Stock in der anderen Hand, so tappt sie schweren Schrittes auf mich zu. Ausgerechnet zu mir, bitte nicht, nicht die Alte, die sich mühsam heran schiebt. Nicht wieder die Geschichte vom Leid und Last des Älterwerdens. Da bebt schon die Bank. Die Frau sitzt! Ich starre in mein Buch.

Schon nach wenigen Minuten der Erholung wendet sie sich mir zu. Helle wache Augen unter kurzem, rötlich schimmerndem Haar, etwas Wangenrouge, strahlen mich an. Lächelnd schaut sie auf das Buch: Ist das nicht schön hier? Richtig was für alte Leute. Man ist nie wirklich allein. Neulich, redet sie bedenkenlos weiter, saß ein junger Mann, dort auf ihrem Platz. Ich sitze oft hier, fügte sie schnell hinzu, als sie bemerkte, dass ich das Buch zurück legte. Hier müssen alle vorbei, fast alle, schmunzelte sie. Nein, was für ein reizender junger Mann. Wir haben viel gelacht! Sie schlug sich mit der freien Hand leicht auf den Schenkel. Dabei beugte sie sich leise kichernd vor.
Erstaunt bemerke ich eine Veränderung in ihrem Gesicht.

Sie war Journalistin

und musste aus spargründen ihren Platz räumen. Ihr Alter machte es den Verantwortlichen leichter. Doch die Rente war knapp.
Aber, so erzählte sie weiter, das machte mir nicht viel aus. Ich dachte, jetzt musst du mal schauen was noch in dir steckt. Zum Schreiben hatte ich keine Lust mehr. Dabei fiel mir ein, früher wollte ich Medizin studieren.
Sie hob den Kopf, schaute verschmitzt in die Ferne: Hat nicht ganz gereicht. Da haben sie mir Journalismus angeboten. Ist ja auch mit Menschen, lachte sie fröhlich.
Nach meiner Kündigung war ich also wieder frei. Sie atmete tief durch, lächelte vor sich hin.

Da kann man doch noch was draus machen, habe ich gedacht. Also las ich Anzeigen. Dabei fiel mir auf, dass Pflegeeinrichtungen Hilfe suchten. Ich meldete mich telefonisch auf eine Anzeige. Der Heimleiter war zurückhaltend. Ich dachte, erzähl ihm einfach deine Geschichte. Er wurde neugierig, lud mich ein.
Nun arbeite ich bereits im siebenten Jahr dort, jedes Wochenende für vier bis fünf Stunden am Tag. Sie lächelte zufrieden.

Hoppla!, ruft sie vergnügt
und greift nach ihrem Stock. Er war ihr, während des Erzählens, entglitten. Das ist ganz anders, wenn ich zu den Alten sage: Hör mal zu, komm reiß dich mal ein bisschen zusammen. Schließlich zeige ich ihnen ja, wie es trotzdem geht. Dann lachen wir miteinander und sie werden mutiger. Naja, Aufgaben brauchen wir eben alle, irgendwie. Ans Schreiben denke ich lange nicht mehr.
Aber, fügt sie nach einer Pause hinzu, Ende des Jahres ist erst einmal Schluss. Ich gehe ins Krankenhaus und lasse mir die Knie operieren. Warn doch früher nicht so störrisch.
Leicht tippt sie mit dem Stock an die Knie, so, als wolle sie diese ermahnen, sich zu erinnern.
Und dann mache ich mir eine Freude. Ich werde mich für die Strapazen im Krankenhaus belohnen. Ist ja nicht ganz einfach mit siebzig noch unters Messer. Ich werde mir einen Hosenanzug schenken und eine Dreisterne Schiffsreise machen. Dafür wird gespart.

Wissen sie, ich habe mir gedacht

auf der Schiffsreise ist mein Bett immer bei mir und wenn die anderen von Bord gehen und es mir mal nicht so gut geht, bleibe ich einfach auf dem Schiff.
Lächelnd schaute ich sie an und ergänzte: Und dann schreiben sie über ihre wunderschöne Reise, erzählen anderen davon wie ihr Leben trotz Kündigung lebenswert ist.
Meinen sie wirklich, sie schaute mich nachdenklich an. Sie seufze: Achja, ich habe immer gerne geschrieben.
Und dabei leuchten ihre blauen Augen unter dem Rothaarkurzponni, so als stände sie bereits an der Reling, umgeben vom Meer, das sich in ihnen spiegelte.
©Margarete Noack

21 Kommentare

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Danke liebe Margarethe,obwohl ich im Zeitdruck bin muß ich all diese schönen Erlebnisberichte lesen liebe Grüsse
  • 09.03.2017, 17:02 Uhr
  • 0
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Liebe Margarethe, wie schön, daß Du diese wahre Geschichte geschrieben hast, die hoffentlich vielen älteren Menschen Mut macht, wie diese wunderbar positiv handelnde, lebensfrohe alte Frau selber mehr aus ihrem Leben zu machen.

Ich erlebe es Tag für Tag, wie viel wir alten Menschen einfach durch unser Sosein den jüngeren Menschen geben können. Es macht so glücklich, ein Lächeln in das Gesicht des Anderen zu zaubern und den Wunsch "So möchte ich im Alter später auch einmal sein."
  • 19.10.2016, 11:36 Uhr
  • 1
Liebe Gisela, ich freue mich, dass du meine Geschichte gefunden hast, sie dir gefällt.
Begegnungen die mich berühren versuche ich weiterzuerzählen. Nicht immer sind sie so positiv - beides ist für mich wichtig, weil es gut ist über etwas nachzudenken.
Lächle, ich bin nu mal eine Quasselstrippe...
Hab einen guten Tag, liebe Grüße zu dir
  • 20.10.2016, 08:39 Uhr
  • 0
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Das ist eine sehr schöne Geschichte, Margarethe. Solche Begegnungen sind sehr erfüllend.
  • 16.10.2016, 22:04 Uhr
  • 1
Danke Christine, ich freue mich das sie dir gefällt
  • 17.10.2016, 08:41 Uhr
  • 0
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Hallo Margarethe ich habe deine Geschichte gern gelesen. Sie macht Mut.
  • 14.10.2016, 17:35 Uhr
  • 1
Danke Marga,
ja es war eine schöne Begegnung
  • 14.10.2016, 17:54 Uhr
  • 0
Ich knuddel Dich eben mal ganz dolle Margarethe. Lebendig gut erzählt!
  • 16.10.2016, 21:13 Uhr
  • 1
Liebe Freya,
knuddel freudig zurück und danke für dein Lob
  • 20.10.2016, 08:40 Uhr
  • 0
Schreiben zu KÖNNEN Margatethe ist ein wunderbares Talent, mit immer neuen Erfahrungen , Begegnungen. Vor allem Erweiterung des inneren Wortschatzes.
  • 20.10.2016, 12:07 Uhr
  • 0
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Danke für die Geschichte vom Leben für dassss Leben
  • 09.10.2016, 09:02 Uhr
  • 1
Ich danke dir Renate,
dass du sie gelesen hast
Ich will keine Literatin werden, nur in meinen Geschichten zum Nachdenken anregen, danke dir
  • 09.10.2016, 09:06 Uhr
  • 0
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Oh Noah, solche Frauen waren mir stets
Vorbild. Danke für diese herzerfrischende
Geschichte.
  • 08.10.2016, 06:45 Uhr
  • 1

danke dir Bele. So geht es mir noch immer. Irgendwas kann man immer dazu lernen...
  • 08.10.2016, 07:59 Uhr
  • 2
ich wünsche mir viel mehr
solche Menschen um mich herum, Margarethe
  • 08.10.2016, 08:11 Uhr
  • 1
Ja, Margarethe, ich danke dir auch. Könntest mich getroffen haben auf der Bank. Eine schöne Begegnung und gut erzählt.
  • 16.10.2016, 19:06 Uhr
  • 2
Lächle,
Ursula, das wäre schön gewesen. Aber wir mussten beide erst hierher kommen. Und das ist noch immer schön
  • 16.10.2016, 19:26 Uhr
  • 1
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Margarethe, eine ganz besondere Geschichte!
Du hast sie phantastisch geschrieben und sie macht Mut! .
  • 07.10.2016, 18:51 Uhr
  • 0
DANKE Inga
Ich habe sie tatsächlich so erlebt und musste sie aufschreiben. Sie hat auch mir Mut gemacht
  • 07.10.2016, 20:50 Uhr
  • 2
Ich habe schon vermutet, dass es eine authentische Geschichte ist. Danke, dass Du uns teilhaben lässt!
  • 07.10.2016, 22:42 Uhr
  • 0
  • 09.10.2016, 09:03 Uhr
  • 0
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